Anzeichen richtig deuten

Habe ich eine Depression? Arzt erklärt Symptome: Bei diesen Warnzeichen sollten Betroffene handeln

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Bin ich nur müde oder ist das schon eine Depression? Die Krankheit ist trügerisch. Oft wird sie als stressige Phase auf der Arbeit abgetan. Es folgt eine Abwärtsspirale.

Frankfurt – Lustlos ist jeder und jede mal, mies gelaunt auch. Besonders im Herbst und Winter, wenn es früh dunkel wird und das Wetter über Tage hinweg grau-in-grau ist, kann schon mal der Antrieb fehlen. Aber ist man deshalb schon depressiv? Laut Dr. Ulrich Hegerl von der Deutschen Depressionshilfe nicht. Einen natürlichen Winterblues sollte man aber nicht mit einer Depression verwechseln. Oftmals würden die Anzeichen falsch gedeutet und eine ernsthafte Krankheit unterschätzt.

Depressions-Zahlen steigen in Deutschland – Laut Experte kein schlechtes Zeichen

Jüngste Zahlen der Krankenkasse AOK zeigen: Depressions-Diagnosen haben in Deutschland erneut zugenommen. Seit fünf Jahren steigt die Zahl der Betroffenen kontinuierlich an. Rund 9,5 Millionen Menschen leiden daran – ein Höchstwert. Frauen deutlich häufiger als Männer. Für die Studienleitung besteht auch ein Zusammenhang zwischen dem Anstieg und der Pandemie. Eine andere Studie stellte auch vermehrt depressive Verstimmungen nach Corona-Infektionen fest.

Irgendwie habe ich heute keine Lust und schon gar nicht auf andere Leute. Ist das jetzt schon eine Depression? Das kann auch ganz normal sein. Dr. Ulrich Hegerl verrät, bei welchen Symptomen Menschen dringend Hilfe suchen sollten. (Symbolfoto)

„Einsamkeit ist ein Risikofaktor für das Entstehen einer Depression, und besonders Menschen in hohem Alter waren in Pandemiezeiten häufig allein und isoliert“, heißt es im Gesundheitsatlas Deutschland der AOK. Laut Hegerl wird Einsamkeit als Ursache für eine Depression aber überschätzt. In einem Exklusiv-Interview mit der Welt betont er, dass Einsamkeit häufig eine Folge einer Depression sei, seltener ein Auslöser. Oftmals fühlen sich Betroffene lustlos und müde, ziehen sich daher zurück.

Dass mittlerweile mehr Menschen depressiv sind, glaubt der Mediziner nicht. Stattdessen erklärten sich die steigenden Zahlen damit, dass sich mehr Betroffene Hilfe suchen. Und die Depression häufiger erkannt würde. Das generelle Bewusstsein für mentale Erkrankungen ist größer, Stigma dagegen längst nicht mehr so groß, wie früher. „Damit steigt auch die Zahl der Behandlungen“, so der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention Hegerl.

„Depression sucht sich etwas“: Arzt warnt davor, falsche Zusammenhänge zu aufzustellen

Und dennoch würden viele Menschen die Warnzeichen nicht richtig deuten. Stattdessen würde die Ursache in einem anderen Zusammenhang gesucht. „Oft wird vorschnell der Arbeitsstress als Ursache der Depression angesehen“, sagt Hegerl in dem Gespräch mit der Welt. Allerdings sei Belastung ebenfalls eine häufige Konsequenz aus der Depression. „So leiden alle depressiv Erkrankte, seien sie arbeitstätig, arbeitslos oder Rentner, unter dem Gefühl der völligen Überforderung und Erschöpfung.“

Steckt hinter der Erschöpfung die Depression und nicht die Arbeit, würde ein Jobwechsel nur kurzfristige Abhilfe verschaffen – und sich die Beschwerden dann erneut melden. Ein Teufelskreis beginnt. Meist würde die neue Krankheitsphase dann sogar noch schlimmer werden. „Die Depression sucht sich etwas Negatives, wie Rückenschmerzen oder eine nicht gut laufende Partnerschaft, vergrößert dieses und rückt es ins Zentrum des Erlebens. Dies führt oft zu falschen Kausalzuordnungen“, so der Experte.

„Depression reduziert die Lebenserwartung um zehn Jahre“ – Das sind die Anzeichen

Dabei brauche es dringend die richtige Diagnose, um eine Depression auch bekämpfen zu können. Anders als etwa das Burnout ist Depression eine eigenständige und anerkannte Krankheit. Eben auch eine Hirnerkrankung, erklärt Hegerl. Genaue Ursachen sind bis heute unklar – einen möglichen Ansatz fand die Forschung in bestimmten Hirnstrukturen.

Nach Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation liegt eine Depression vor, wenn mindestens fünf Symptome, darunter mindestens ein Hauptsymptom vorliegen. Und zwar als Dauerzustand. Die WHO bemisst es als Zeitraum über zwei Wochen. Medizinischen Rat sollte eingeholt werden, wenn folgende Symptome in beschriebener Art vorliegen:

  • Gedrückte, depressive Stimmung (Hauptsymptom)
  • Interessen- oder Freudlosigkeit (Hauptsymptom)
  • Hoffnungslosigkeit in Bezug auf die Zukunft
  • Erschöpfung
  • Schlafstörungen
  • Konzentrationsstörungen
  • Schuldgefühle und vermindertes Selbstwertgefühl
  • Veränderter Appetit mit Folge von Gewichtszu- und abnahme
  • Innere Unruhe

Quelle: Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention

Je nach Intensität der Symptome und der damit verbundenen Einschränkung wird zwischen einer leichten, mittelgradigen und schweren Depression unterschieden, schreibt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Selbst eine leichte Depression ist eine schwere Erkrankung und braucht deshalb Behandlung, stellt Hegerl klar. „Die Erkrankung Depression reduziert die Lebenserwartung im Schnitt um zehn Jahre.“

Verständnis von Angehörigen ist wichtig für Heilung von Depression

Zurückgezogen im dunklen, stillen Kämmerchen und unfähig auch mal zu lachen. Das ist ein gängiges Bild von Depressiven in den Köpfen vieler Menschen. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention betont aber, dass sich die Krankheit ganz individuell äußern kann. Und auch in Wellen auftreten.

Hier können Sie sich Hilfe holen

Sollte ein Verdacht auf Depression bestehen, sollte der Hausarzt oder die Hausärztin aufgesucht und offen und ehrlich über die Beschwerden gesprochen werden. Informationen gibt es auch über das deutschlandweite Info-Telefon Depression 0800 33 44 5 33 (kostenfrei) oder auf www.deutsche-depressionshilfe.de. Die Deutsche Depressionshilfe hat zudem einen Schnelltest konzipiert, die einen Gang zum Arzt/zur Ärztin nicht ersetzt.

Daher rät Vorstandsvorsitzende Hegerl Angehörigen zur Aufklärung über die Krankheit. In Phasen könnten selbst die scheinbar einfachsten Dinge schwer depressive Menschen überfordern. Selbst morgens aus dem Bett zu steigen – was nach einem Klischee klingt, ist laut Experte für Betroffene nicht selten der Alltag. „Wenn Angehörige das nicht wissen, können sie mit Ärger und Frust reagieren“ – und eine ohnehin schon aussichtslose Lage für Erkrankte verschlimmern. Doch: „Es ist auch wichtig zu verstehen, dass keiner Schuld an der Erkrankung hat und man als Angehöriger für die Heilung nicht zuständig ist“. (rku)

Rubriklistenbild: © Antonio Guillem/Imago

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