VonMichael Hesseschließen
Der renommierte Philosoph hat eine Stellungnahme zum Krieg zwischen Israel und der Hamas veröffentlicht und dafür auch Kritik erhalten.
Frankfurt – Nun hat sich auch Deutschlands bekanntester Philosoph in die Debatte über die Nahost-Krise eingeschaltet. Jürgen Habermas gilt seit Jahrzehnten als eine moralische Instanz hierzulande und in aller Welt. Die Berühmtheit des Philosophen ist ein eigenes Markenzeichen von Habermas. Aber auch seine moralphilosophischen Konzeptionen wie das Argument vom herrschaftsfreien Diskurs haben ihm viel Anerkennung eingebracht.
Habermas mischt sich seit vielen Jahrzehnten in zahlreiche öffentliche Debatten ein und hat sich stets eindeutig positioniert. Darunter fällt etwa die Debatte über die Frage der Eugenik im Zuge der biomedizinischen Fortschritte, die er äußerst kritisch gesehen hat. Der jetzige Beitrag von Habermas, er trägt den Titel „Grundsätze der Solidarität. Eine Stellungnahme“, ist in deutscher und englischer Sprache auf der Homepage des Forschungszentrums für Normative Ordnungen der Goethe-Universität Frankfurt zu finden.
Habermas veröffentlicht Stellungnahme zum Krieg zwischen Israel und Hamas
In dieser „Stellungnahme“ betont der Philosoph und Soziologe, „dass bei all den widerstreitenden Sichtweisen, die geäußert werden, einige Grundsätze festzuhalten sind, die nicht bestritten werden können“. Diese liegen, so der 94 Jahre alte Denker, „der recht verstandenen Solidarität mit Israel und Jüdinnen und Juden in Deutschland zugrunde“.
In dem Text, der neben ihm noch von der Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff und dem Sozialphilosophen und Habermas-Schüler Rainer Forst sowie dem Juristen Klaus Günther, einem früheren Habermas-Mitarbeiter, unterschrieben ist, werden vor allem jene kritisiert, die das Vorgehen des israelischen Militärs mit einem Genozid vergleichen. Hierzu zählen etwa US-Philosophinnen wie Judith Butler oder Nancy Fraser, aber auch viele Unterstützerinnen und Unterstützer der Klimaprotest-Bewegung „Fridays for Future“ wie Greta Thunberg.
Die Stellungnahme aus Starnberg, dem Wohnort von Habermas, ist äußerst knapp gehalten, der Text besteht aus kaum mehr als 400 Wörtern und hat eher den Charakter einer Klarstellung, wofür man steht. Habermas hält die militärische Reaktion Israels für „prinzipiell gerechtfertigt“. Allerdings müsse Israel auf die Verhältnismäßigkeit seiner Reaktion Acht haben, zivile Opfer möglichst vermeiden und den Grundsatz des Denkers Immanuel Kant berücksichtigen, den Krieg mit der Aussicht auf einen künftigen Frieden zu führen.
Sorge um „Maßstäbe der Beurteilung“ – Habermas-Stellungnahme erntet auch Kritik
„Bei aller Sorge um das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung“ habe man die Sorge, dass die „Maßstäbe der Beurteilung“ in Deutschland verrutschten - womit vor allem der Genozid-Vorwurf gegenüber Israel gemeint ist. Einen solchen hatte zuletzt in einem Interview mit dem Spiegel der Holocaust-Forscher und Genozid-Experte Omer Bartov in der schlechtestmöglichen Entwicklung in Nahost befürchtet. Habermas, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, findet es „unerträglich, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland wieder Drohungen ausgesetzt sind und vor physischer Gewalt auf der Straße Angst haben müssen“.
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert




Die Reaktionen auf die Position von Jürgen Habermas ließ nicht lange auf sich warten. Neben Anerkennung für die Stellungnahme gab es auch Kritik. So fragte unter anderem der Wirtschaftstheoretiker Adam Tooze, warum Habermas die Palästinenser, die unter dem Konflikt am meisten litten, kaum erwähnt habe. Die Autorinnen und Autoren hätten es noch nicht einmal für nötig befunden, die Besatzung völkerrechtlich anerkannten palästinensischen Territoriums durch Israel auch nur zu erwähnen.
