VonArno Widmannschließen
Am 9. November 1923 siegt die Weimarer Republik – eine Szene.
Conferencier: Unmöglich, von all den Putschversuchen von rechts, von links zu sprechen, von der rheinischen, von der pfälzischen Republik und den anderen erfolglosen Separationsbewegungen, die den Oktober 1923 erschütterten. Kein Wort jetzt über die Ruhrbesetzung und auch nicht über die Inflation. Ein Kilo Brot kostete im November 1923 fünf Milliarden Mark. Aber verzeihen Sie, ohne diesen einen Putschversuch, den vom 9. November, geht es nicht. Er begann mit einem Pistolenschuss am 8. November im Bürgerbräukeller im Münchner Stadtteil Haidhausen. Der machte, das zeigen wir ihnen jetzt, nicht – wie Hitler vorhatte – der Republik, sondern den bewaffneten Attacken auf sie ein Ende.
Während dieser Sätze wird auf der leeren Bühne ein Rednerpult aufgestellt. Ganz kurz ist alles dunkel. Als es hell wird, sieht man am Rednerpult Gustav Ritter von Kahr, den Mann, der sich stets schützend vor die NSDAP und Adolf Hitler gestellt hatte.
Gustav Ritter von Kahr: Meine Herren, meine Rede trägt den Titel „Vom Volk zur Nation“. Heute ist der 8. November. Der Tag liegt also zwischen dem 7. November 1918, dem Beginn der sogenannten Münchner Räterepublik und dem 9. November 1918, dem Tag der Berliner Novemberrevolution. Der 8. November 1923 soll in die Geschichte eingehen, als der Tag, an dem die Deutschen wieder zu einer Nation wurden. Wir wenden uns gegen den Marxismus und seinen Versuch, sich die Welt zu unterwerfen. Sie kennen mich. Ich war Ministerpräsident Bayerns und seit September bin ich bayerischer Generalstaatskommissar, ausgestattet mit diktatorischen Vollmachten. Dem preußischen Marxismus, nichts anderes ist die Sozialdemokratie, muss ein Ende gemacht werden. Ich habe mich stets vor die national gesinnten Parteien und Verbände gestellt. Bayern und wir alle haben sehr von dieser Art Diktatur profitiert. Ich denke: Diesen Weg sollte ganz Deutschland gehen. In der Aufgabe der Schaffung eines neuen Menschen liegt die sittliche Berechtigung der Diktatur, denn sie bietet die einzige Möglichkeit, die Grundlage für ein neues Geschlecht freier Deutscher zu schaffen...
Die Flügeltür wird aufgestoßen, ein schweres Maschinengewehr wird auf die Menge gerichtet. Hitler stürzt in den Saal in der einen Hand eine Pistole, in der anderen einen Bierkrug. Er zerschmettert ihn auf dem Boden.
Hitler: Soeben ist die nationale Revolution ausgebrochen.
Hitler nickt seinem Adjudanten zu. Der zieht seine Pistole und schießt auf die Decke des Lokals.
Hitler: Der Saal ist von 600 Schwerbewaffneten umstellt. Reichswehr und Landespolizei rücken bereits heran. Gemeinsam vereint unter der Hakenkreuzfahne. Die bayerische Regierung ist abgesetzt, eine provisorische Reichsregierung wird gebildet. Meine Herren (Hitler wendet sich an Landeskommandant Lossow, Landespolizeichef Seißer und Generalstaatskommissar Kahr, dessen Veranstaltung er gerade sprengt) , ich fordere Sie auf, mit mir in ein Nebenzimmer zu gehen. Ich garantiere für Ihre Sicherheit.
9. November - Schicksalstag der Deutschen
Freiheit, Repression und Völkerfrühling. Der 9. November gilt als Schicksalstag der Deutschen. Auf diesen Tag fallen das Scheitern der Revolution 1848, die Ausrufung der Republik 1918, der Hitler-Putsch 1923, die Reichspogromnacht 1938 und der Fall der Berliner Mauer 1989.. Lesen Sie dazu unser Online-Dossier.
Die vier gehen ab. Das Pult wird abgeräumt, ein Tisch auf die Bühne gestellt. Vier Stühle. Wir sind im Nebenzimmer.
Hitler: Niemand verlässt das Zimmer ohne meine Erlaubnis. Meine Herren, Sie sind die ersten, die verstehen, warum ich so handeln muss, wie ich es gerade tue. Ich muss vollendete Tatsachen schaffen, damit Sie mein Angebot annehmen können. Die Reichsführung übernehme ich, das Kommando über die nationale Armee Ludendorff, Lossow wird Reichswehrminister, Seißer Reichspolizeiminister. Kahr wird Landesverweser in Bayern. Meine Herren, ich weiß, dass ihnen dieser Schritt schwer fällt (er fuchtelt mit seiner Pistole) , aber jeder muss den Platz einnehmen, auf den er gestellt wird. Tut er das nicht, so hat er keine Daseinsberechtigung.
Hitler verlässt den Raum. Die drei bleiben unter Aufsicht zurück, dürfen nicht miteinander reden. Ludendorff redet auf sie ein. Man hört nicht, was er sagt. Man hört nicht, was sie sagen. Es ist eine Pantomime, ein kleiner Tanz: ein jovial lächelnder General und die ehrfürchtig vor ihm um Haltung ringenden Offiziere. Die Bühnenarbeiter räumen Tisch und Stühle weg. Wir sind wieder im großen Saal.
Kahr: In des Vaterlandes höchster Not übernehme ich die Leitung der Staatsgeschäfte als Statthalter der Monarchie. Der Monarchie, die heute vor fünf Jahren so schmählich zerschlagen wurde. Ich tue dies schweren Herzens und, wie ich hoffe, zum Segen unserer bayerischen Heimat und unseres lieben deutschen Vaterlandes.
Conferencier: Hitler war so dumm, Kahr, Lossow und Seißer unbeaufsichtigt nach Hause gehen zu lassen. Die drei fühlten sich von Hitler, dem Chef einer völlig unbedeutenden Splittergruppe, öffentlich gedemütigt. Damit fanden sie sich nicht ab.
Der 9. November sollte ihr Tag werden. Auf keinen Fall der einer von Hitler angeführten Revolution. Noch in derselben Nacht organisierten sie eine Übermacht ihnen treu ergebener Verbände von Polizei und Militär gegen Hitlers und Ludendorffs für den nächsten Tag angesetzten „Marsch auf die Feldherrnhalle“.
Hitlers Putschversuch scheiterte innerhalb weniger Stunden. Die NSDAP wurde verboten, Hitler kam ins Gefängnis. Beides nur kurz. Aber die Republik überlebte. Gerettet wurde sie von einer großen Koalition, die der Vertreter des Großkapitals, Reichskanzler Gustav Stresemann, mit dem Reichspräsidenten und Sozialdemokraten Friedrich Ebert geschlossen hatte. Gerettet wurde die Republik auch vom Streit der Reaktionäre, also vom Auftritt Hitlers im Bürgerbräukeller und von von Seeckt, der niemanden außer sich selbst putschen lassen wollte. Aber: niemals den Dawes-Plan vergessen.
Am 16. August 1924 tritt er in Kraft. Die Höhe der deutschen Reparationszahlungen wird der deutschen Wirtschaftskraft angepasst. Der US-Politiker und Banker Charles G. Dawes bekommt 1925 den Friedensnobelpreis und wird Vizepräsident der USA. Sie hören gerade seine Komposition „It’s all in the game“, gesungen von Van Morrison.
1924 sind die Jahre der politischen Morde vorbei. Im Dezember des Jahres wird dem Massenmörder Fritz Haarmann, dessen sexuell motivierte Schlachtungen junger Männer die frühen Jahre der Weimarer Republik begleiteten, der Prozess gemacht. Ein Schlager entstand, in dem – so ließe er sich ein klein wenig pervers lesen – die Republik ihr Überleben satirisch feierte: „Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, / mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir. / Aus den Augen macht er Sülze, / aus dem Hintern macht er Speck, / aus den Därmen macht er Würste / und den Rest, den schmeißt er weg.“
Der Haarmann-Song ist die Parodie des Refrains eines Liedes aus Walter Kollos Operette „Marietta“, die am 23. Dezember 1923 im Berliner Metropol-Theater uraufgeführt wurde. Der Text geht so: „Warte, warte nur ein Weilchen, / Bald kommt auch das Glück zu dir! / Mit den ersten blauen Veilchen / Klopft es leis‘ an deine Tür. / Warte, warte nur ein Weilchen, / Bald kommt auch das Glück zu dir, / Bringt vom Himmel dir ein Teilchen / Und klopft dann an deine Tür!“
Wir sind heute interaktiv. Das heißt, Sie müssen auch etwas tun: Hören Sie sich auf Youtube Peter Alexanders Version von Walter Kollos Musik an und singen Sie den Haarmann-Song so, als hätte ihn Peter Alexander gesungen.
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- Hitler-Putsch 1923, Teil 1: 24 Stunden, in denen die Republik wankte. Vor 100 Jahren wollte sich Hitler in München an die Macht putschen. Der Versuch war dilettantisch – und doch voller Gefahren für Juden und Jüdinnen.
- Hitler-Putsch 1923, Teil 2: Hitlers willige Helfer. München 1923. Nach dem Start des Putschs ziehen rechtsradikale Milizen mit Unterstützung von Polizisten durch die Innenstadt. Es zeigt sich allerdings, dass die Nazis vieles nicht bedacht haben.
- Hitler-Putsch 1923, Teil 3: Und sie kamen davon... München 1923: Die Nazis liefern sich ein Gefecht mit der Polizei, es gibt Tote und Verletzte. Doch selbst nach dem misslungenen Putsch können Hitlers Anhänger mit Unterstützung rechnen.
