VonDirk Walterschließen
München 1923: Die Nazis liefern sich ein Gefecht mit der Polizei, es gibt Tote und Verletzte. Doch selbst nach dem misslungenen Putsch können Hitlers Anhänger mit Unterstützung rechnen.
Vor 100 Jahren, am 8./9. November 1923 versetzte der Hitlerputsch München in Angst und Schrecken. Für Stunden schien die Stadt paralysiert. Abgesandte des Bund Oberland verhaften jüdische Mitmenschen und verschleppen sie in den Bürgerbräukeller. Besonders aktiv sind zwei junge Männer: Mit einem gekaperten Auto – es gehörte einem Bankdirektor – klapperte der 21-jährige Student Theodor Roth mit dem erst 18-jährigen Kaufmann Walter von Weizenbeck, verschiedene Adressen ab – auf der Suche nach jüdischen Personen, die sie verhaften und als Geiseln in den Bürgerbräukeller bringen wollten.
Die Fahrt führte sie quer durch München zu verschiedenen Verdächtigen – so zum Schriftsteller Karl Landauer und zum Autor Robert Hallgarten, Vater des berühmtem Historikers George W. F. Hallgarten. In der Ludwigstraße nahmen die beiden Moritz Wallach mit. Dieser war zusammen mit seinem Bruder Julius Inhaber eines bekannten Trachtengeschäfts.
Alle Gefangenen lieferten Roth und Weizenbeck im Bürgerbräukeller, dem Hauptquartier der Putschisten, ab. Ein Zwischenstopp wurde zuvor noch bei den „jüdischen Tandlern“ (O-Ton im Polizeiprotokoll) eingelegt, die etwas außerhalb in der Dachauer Straße ansässig waren. Hier kam es auch zu Denunziationen des herbeigeeilten Straßenpublikums, das die illegalen Festnahmen durch gezielte Hinweise noch unterstützte. Erst um die Mittagszeit konnten die beiden Möchtegern-Polizisten von der Landespolizei angehalten und verhaftet werden.
Es gab noch weitere Verhaftungsaktionen in den hektischen Putschstunden. Unter anderem drang eine nationalsozialistisch gesinnte Menschenmenge, die sich nach Eintreffen der Putschnachricht in der Neuhauserstraße zusammengerottet hatte, in der Nußbaumstraße in die Privatwohnung des SPD-Landesvorsitzenden Erhard Auer ein, um ihn mitzunehmen – Auer war aber klugerweise schon untergetaucht.
Besonders bemerkenswert sind Verhaftungen im Münchner Rathaus am Marienplatz. Dort war nach der Putschnachricht der Älstestenrat des Stadtrats zusammengetrommelt worden, der nun von Nationalsozialisten überfallen wurde. Acht Stadträte von SPD, USPD und KPD, darunter auch Münchens erster Bürgermeister Eduard Schmid (1861-1933) von der SPD, wurden vom „Stoßtrupp Hitler“ unter Befehl ihres Anführers Julius Schaub verhaftet.
Schmid gab später zu Protokoll, sie seien „brutal von den Stühlen gerissen, zur Seite gestellt und dem Stadtrat (Albert) Nußbaum ein Schlag auf den Schädel“ versetzt worden.
Auch wenn die Gefangenen nach Niederschlagung des Putsches befreit werden konnten: Diese wilden Verhaftungsaktionen zeigten, was passieren würde, wenn man Rechtsradikale frei gewähren ließ und sie sich polizeiliche Befugnisse anmaßten. Für einige Stunden gab es in München eine Vorwegnahme der Machtübernahme von 1933. Wer genau hinsah (wie etwa Lion Feuchtwanger), konnte sehr wohl wissen, dass antisemitische Drohungen nicht nur so dahingesagt wurden – sondern dass es Hitler und seinen Anhängern ernst war.
Als Roth und Weizenbeck ihre Verhaftungen durchführten, war der Putsch indes eigentlich schon zusammengebrochen – was folgte, waren letzte Zuckungen eines wahnwitzigen Unterfangens. Im Hauptquartier der Putschisten waren die eintreffenden Nachrichten im Laufe des 9. November nur mehr niederschmetternd – weder die Landespolizei noch die Reichswehr in ihren Kasernen waren zum Mitmachen zu bewegen.
Es soll letztlich der Weltkriegs-General Ludendorff gewesen sein, der sich dann am Vormittag des 9. November entschloss, alles auf eine Karte zu setzen, und einen Marsch vom Bürgerbräukeller in Richtung Innenstadt zu unternehmen. Was genau Ludendorff damit beabsichtigte, ist nicht klar. Er mag dabei den 8. November 1918 vor Augen gehabt haben, als Kurt Eisner und seine Anhänger von der Theresienwiese aus zu den Kasernen gezogen waren und so die Revolution in einem Überraschungs-Coup in Gang gesetzt hatten. Hitler nannte diese Parallele beim Putsch-Prozess 1924.
Wohin konkret die Putschisten aber am 9. November 1923 losziehen sollten, wussten selbst ihre Anführer nicht so genau. Sollte es darum gehen, die Machtzentren in München zu besetzten? Die Polizei? Den Hauptbahnhof? Oder war das Ziel gar Berlin? Das Feindbild „Berlin“ war damals weit verbreitet. „Es heißt für uns nicht: Los von Berlin“, soll zum Beispiel der stellvertretende Generalstaatskommissar Hubert Friedrich Karl von und zu Aufseß gesagt haben. „Es heißt für uns: Auf nach Berlin. Wir sind seit zwei Monaten von Berlin in unerhörter Weise belogen worden.“ In Berlin, soll er hinzugefügt haben, sei alles „verebert“ (eine Anspielung auf Reichspräsident Ebert, SPD) und „versaut“.
Kurz nach 12 Uhr ging es los. In 16er-Reihen, vielleicht 2000 Mann stark, führte der Zug der Putschisten bis in die Münchner Innenstadt. am Odeonsplatz in der Stadtmitte kam es dann zum blutigen Aufeinandertreffen der Polizei mit den Putschisten.
Der Landespolizei-Führer Michael von Godin gab später zu Protokoll, was passierte: „Meine Leute arbeiteten mit Kolben und Gummiknüppeln. Ich persönlich hatte zu meiner Verteidigung (…) einen Karabiner genommen, parierte damit zwei mir vorgehaltene Bajonette und rannte die Betreffenden mit quer vorgehaltenem Karabiner über den Haufen. Plötzlich gab ein Hitlermann, der einen Schritt halblinks vor mir stand, einen Pistolenschuß auf meinen Kopf ab. Der Schuß ging an meinem Kopf vorbei und tötete einen hinter mir stehenden Wachtmeister meiner Stationsverstärkung. Wie sich später herausstellte, den Unterwachtmeister Hollweg Nikolaus.“
13 Putschisten und vier Polizisten starben, neben Hollweg auch die Landespolizisten Rudolf Schraut, Friedrich Fink und Max Schoberth, zudem ein Oberkellner Karl Kuhn als Unbeteiligter. Er wurde später zu den getöteten Nationalsozialisten hinzuaddiert. Zwei weitere Tote aufseiten der Putschisten gab es beim Scharmützel um die Befreiung des Wehrkreiskommandos.
9. November - Schicksalstag der Deutschen
Freiheit, Repression und Völkerfrühling. Der 9. November gilt als Schicksalstag der Deutschen. Auf diesen Tag fallen das Scheitern der Revolution 1848, die Ausrufung der Republik 1918, der Hitler-Putsch 1923, die Reichspogromnacht 1938 und der Fall der Berliner Mauer 1989.. Lesen Sie dazu unser Online-Dossier.
Einige Tote und Schwerverletzte waren schlicht die Fahnenträger des Zuges, weil sie vorne in der 1. Reihe marschierten. Ein Beispiel ist Felix Allfarth, Kaufmann bei Siemens, ein junges und unbedeutendes NSDAP-Mitglied, von dem die Putsch-Führung nicht einmal den korrekten Namen angeben konnte, wie eine von ihnen aufgegebene Todesanzeige in der „Münchener Zeitung“ zeigt. Hinter den Fahnenträgern in der zweiten Reihe marschierte dann aber die Parteiprominenz mit Hitler und Ludendorff. Hier gab es hohe Verluste – bekanntlich aber nicht Hitler –, und es ist erstaunlich, dass die Nazi-Partei das bei ihrem Wiederaufstieg in den 1920er Jahren so einfach wegstecken konnte.
Während Hitler von dem sterbenden Max-Erwin von Scheubner-Richter zu Boden gerissen wurde und sich lediglich den Arm auskugelte, erlitt Hermann Göring eine schwere Schussverletzung, die er nur mit Glück überlebte. Er flüchtete nach Österreich, selbst die Nationalsozialisten hielten ihn in den ersten Tagen für tot, wie eine Todesanzeige in der „Münchener Zeitung“ zeigt.
Hitler flüchtete in die Villa des Nazi-Sympathisanten Ernst Hanfstaengl in Uffing am Staffelsee, wo er am 11. November aufgespürt und verhaftet wurde. Das Haus gibt es noch, es steht derzeit leer. Eine andere Symbolfigur, Ludendorff, blieb unverletzt – und ungeschoren. Nicht einmal eine Untersuchungshaft wollte die bayerische Justiz gegen ihn verhängen.
Unter den Toten war aber neben dem 2. Vorsitzenden der NSDAP, Oskar Körner, auch Theodor von der Pfordten, ein Richter am Bayerischen Obersten Landesgericht. Pfordten trug in seiner Jacke eine Art nationalsozialistische Verfassung. Die Paragrafen zeigen, wie radikal die Putschisten gegen Juden vorgehen wollten. So hieß es:
– „Jüdische Beamte sind bis auf Weiteres vom Dienst enthoben.“
– „Das gesamte bewegliche und unbewegliche Vermögen der in Deutschland aufhältlichen Angehörigen des jüdischen Volkstums ist beschlagnahmt“.
– „Alle parlamentarischen Körperschaften … sind aufgelöst. Wer … weiterhin teilnimmt und wer zur Teilnahme auffordert, wird mit dem Tode bestraft.“
Ein besonders trauriges Kapitel ist die juristische Aufarbeitung des Hitlerputsches. Hitler selbst wurde von einem krass rechts stehenden Richter Georg Neidhardt lediglich zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt – unter Zubilligung einer Bewährungsstrafe (da er schon einmal in Haft gesessen hatte, ein schwerer Rechtsverstoß). Die anderen Angeklagten kamen noch milder davon, Ludendorff ganz straffrei!
Skandalös war das Verfahren gegen sechs Mitglieder des Bund Oberland, die Juden als Geiseln genommen hatten: Am 27. September 1924 lehnte das Amtsgericht München den Strafbefehl wegen Amtsanmaßung, Freiheitsberaubung und Nötigung ab. Es könne nicht widerlegt werden, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Geiselnahmen der Meinung gewesen seien, sie handelten im Auftrag der rechtmäßigen Regierung. Dass der Antisemitismus der Putschisten rasch in Vergessenheit geriet – und von vielen Historikerinnen und Historikern bis heute kaum erwähnt wird – liegt auch an dieser fehlenden juristischen Aufarbeitung.
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