„Erreger, den man im Auge behalten sollte“

Virologe Drosten warnt vor nächstem Virus – „Ein Fehler, nur auf Corona zu gucken“

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Lange führte die Corona-Pandemie zu Einschränkungen. Inzwischen sind diese ausgesetzt. Christian Drosten behält auch ein anderes Virus im Auge.

Frankfurt – Es ist der erste Corona-Herbst ohne verpflichtende Schutzregeln. Auflagen zu Masken, Tests und Quarantäne gibt es nicht mehr. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zufolge braucht es derzeit keine Kontaktbeschränkungen. Empfohlen werden vom Minister und dem Robert Koch-Institut (RKI) aber dennoch Auffrischungsimpfungen für über 60-Jährige und Menschen mit Vorerkrankungen sowie das freiwillige Tragen einer Maske.

Virologe Drosten über Corona-Virus: „Pandemie ist beendet“

Für Virologe und Institutsdirektor der Berliner Charité, Christian Drosten, steht in diesem Jahr fest: „Diese Prognosen werden immer schwieriger.“ Das erklärte er gegenüber der Zeit. Inzwischen gebe es ein „sehr vielfältiges Virus und eine ebenso vielfältige Immunität“. Zwar geht der Virologe davon aus, dass der Schutz, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, nachgelassen hat. Die Immunität vor einem schweren Verlauf sei in Deutschland allerdings sehr stabil.

Immunsystem stärken und so Grippe bis Corona vorbeugen – acht einfache Regeln

Frau hält Glas Wasser in der Hand.
Wer ausreichend trinkt, hält die Schleimhäute in Mund und Rachen feucht. Das ist wichtig, weil diese die erste Schutzbarriere des Körpers gegen Viren und Bakterien darstellen. Trocknen die Schleimhäute aus, können Viren leichter andocken und sich einen Weg in den Körper bahnen. Auch das Lutschen von Bonbons hilft dabei, die Schleimhäute feucht zu halten.  © Tanya Yatsenko/Imago
Korb voll mit Gemüse und Obst
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse sorgt dafür, dass dem Körper wichtige Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente zugeführt werden. Es wird vermutet, dass ein Zusammenhang zwischen einem gesunden Darm und einem gesunden Immunsystem besteht, denn ein Großteil der Antikörper produzierenden Zellen befinden sich im Darm, informiert das Portal München Klinik, der Gesundheitsversorger der Stadt München. © Oleksandr Latkun/Imago
Frau krault im Schwimmbad
Auch Bewegung macht uns weniger anfällig für Krankheitserreger. Mitverantwortlich ist die antientzündliche Wirkung von Sport und Bewegung auf unseren Körper. Davon profitiert auch unser Immunsystem, so Professor Karten Krüger von der Justus-Liebig-Universität in Giessen im Interview mit der Krankenkasse BKK Provita. Sein Forschungsgebiet: Die Wirkung von Bewegung auf unser Immunsystem. Ihm zufolge wird man seltener krank und übersteht eine Erkrankung besser, wenn man sich regelmäßig bewegt, gut schläft, sich ausgewogen ernährt und ein gutes Stressmanagement pflegt.  © Imago
Hand, die Weinglas und Zigarette hält
Inhaltsstoffe in Zigarettenrauch und Alkohol blockieren die körpereigene Abwehr und machen uns so anfälliger für Krankheiten. Nach einer durchzechten Nacht kann das Immunsystem Studien zufolge sogar bis zu 24 Stunden lang nicht wie gewohnt arbeiten, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Auch Rauchen fördert wie Alkohol Entzündungsprozesse im Körper, was eine erhöhte Anfälligkeit für Atemwegsinfekte zur Folge haben kann. Zudem trocknet Zigarettenrauch die Schleimhäute aus, was deren Abwehrkraft abschwächt.  © macondo/Imago
Frau öffnet das Fenster zum Lüften
Vor allem im Herbst und im Winter sollten Sie regelmäßig lüften. Denn trockene Heizungsluft trocknet die Schleimhäute in Mund und Nase aus. Diese stellen die erste Barriere für Viren und Bakterien dar. Im ausgetrockneten Zustand sind die Schleimhäute weniger widerstandsfähig. © Roman Möbius/Imago
Wanderweg im Bergischen Land nahe der Müngstener Brücke
Bewegung an der frischen Luft stärkt unsere Atemwege. Auch das Immunsystem profitiert, weil über die Haut durch Kontakt mit Sonnenlicht Vitamin D produziert wird. „Es ist wissenschaftlich unstrittig, dass eine ausreichende Vitamin D-Versorgung zur normalen Funktion des Immunsystems beiträgt. Auch zeigen Studien, dass Menschen mit einer unzureichenden Vitamin D-Versorgung ein erhöhtes Risiko für akute Atemwegsinfekte aufweisen und von der Gabe von Vitamin D-Präparaten profitieren können“, heißt es in einem Bericht des Bundesinstituts für Risikobewertung.  © Olaf Döring/Imago
Gestresste Frau im Büro
Stress ist ein wahrer Immunkiller. Durch die Ausschüttung von Stresshormonen verlieren die Immunzellen die Fähigkeit, sich zu vermehren, um Krankheitserreger abzutöten. Auch die Menge an Antikörpern in unserem Speichel verringert sich, so eine Information des Universitätsspitals Zürich.  © Joseffson/Imago
Frau schaltet den Wecker aus
Ausreichend Schlaf zählt zu den Grundpfeilern eines intakten Immunsystems. Wissenschaftler der Universität Tübingen und der Universität Lübeck konnten dem ärztlichen Journal zufolge zeigen, dass bereits nach drei Stunden ohne Schlaf die Funktion der T-Zellen beeinträchtigt war. „T-Zellen zirkulieren ständig im Blutkreislauf und suchen nach Erregern. Die Adhäsion (Anmerkung der Redaktion: bedeutet so viel wie „Haftkraft“) an andere Zellen erlaubt ihnen dabei, im Körper zu wandern und beispielsweise an infizierte Zellen anzudocken, um sie anschließend zu beseitigen“, sagt Erstautor Stoyan Dimitrov.  © Oleksandr Latkun/Imago

„Die Pandemie ist beendet“, bilanzierte Drosten. Allerdings nicht, „weil das Virus weg ist, sondern weil die Immunität da ist.“ Durch die Impfung und Infektion mit Sars-CoV-2 sei Covid für viele „jetzt wie eine Erkältung oder manchmal wie eine Grippe.“ Auch die neue Corona-Variante Pirola bereite dem Charité-Chef keine Sorgen. Hinweise auf schwere Krankheitsverläufe gebe es nicht: „Ich kann vorerst Entwarnung geben.“

„Ein Fehler, nur auf Corona zu gucken“ – Virologe erwartet „starke Infektionssaison“

Nicht nur Corona haben Expertinnen und Experten in diesem Herbst und Winter im Blick. Ulf Dittmer, Chefvirologe der Universitätsklinik Essen, erwartet „wieder eine relativ starke Infektionssaison“. Der Experte verdeutlicht: „Es wäre eindeutig ein Fehler, nur auf Corona zu gucken.“ Auch Virologin Monika Redlberger-Fritz von der Med-Uni in Wien warnte zuletzt vor einer „Viruswelle“.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin.

Dittmar empfiehlt eine Influenza-Impfung für weite Teile der Bevölkerung. Die Ständige Impfkommission (STIKO) rät zu einer Grippe-Impfung unter anderem für Menschen über 60 Jahren, Schwangere, Menschen mit Vorerkrankungen oder medizinisches Personal. „Egal, über welches Virus wir reden, ein Mund-Nasen-Schutz hilft gegen alle Nasen-Rachen-Viren gleichzeitig“, betonte Dittmar.

Drosten behält Mers-Virus im Blick: Welche Symptome auftreten können

Auch Drostens Aufmerksamkeit gilt anderen Infektionskrankheiten, etwa dem Mers-Virus (Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus). „Ein größerer Teil unserer Forschungsarbeit gilt aber nach wie vor dem Mers-Virus“, sagte er gegenüber der Zeit. Der Erreger Mers-CoV befällt Dromedare und ist vor allem auf der Arabischen Halbinsel zu finden, informierte das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung. Ausbrüche und Übertragungen von Mensch zu Mensch gibt es überwiegend in Krankenhäusern, diese finden aber bisher nicht unkontrolliert statt. Die Infektionskrankheit kann bei gesunden Menschen nahezu unbemerkt verlaufen, aber auch ein schwerer Verlauf mit einer hohen Sterblichkeit ist möglich.

  • Diese Symptome können laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei der Infektionskrankheit auftreten:
  • Fieber
  • Husten
  • Atemnot
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • In schweren Fällen: Atemversagen 

Schwere Verläufe treten laut WHO vor allem bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem, Diabetes sowie einer chronischen Lungen- oder Nierenerkrankung auf. Erstmals wurde Mers im April 2012 nachgewiesen. Bislang wurden der WHO 2.400 laborbestätigte Fälle gemeldet, davon mehr als 800 Todesfälle. Ein Impfstoff oder eine spezifische Behandlung seien aktuell noch nicht verfügbar.

„In Deutschland besteht derzeit kein erhöhtes Risiko für die Ansteckung“, entwarnte das Zentrum. „Das Virus hat die Barriere einer kontinuierlichen Mensch-zu-Mensch-Übertragung noch nicht genommen. Im Moment laufen die Infektionsketten sich immer wieder tot. Wenn sie das nicht mehr tun, haben wir eine Pandemie“, erklärte Drosten gegenüber der Wochenzeitung. Von heute auf morgen passiere das allerdings nicht, dafür seien die Evolutionsvorgänge zu komplex. Dennoch hält der Virologe fest: „Zusammen mit der Vogelgrippe H5N1 sehe ich Mers als einen Erreger, den man im Auge behalten sollte.“ (kas/dpa)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa/imago/Montage

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