- VonBettina Menzelschließen
Eine Studie aus China findet Anzeichen, die Alzheimer bis zu 18 Jahre vor dem Ausbruch nachwiesen. Damit ließe sich die Krankheit künftig eindämmen.
Peking – Alzheimer ist eine Erkrankung des Nervensystems und in Deutschland eine der häufigsten Formen von Demenz. Rund 1,2 Millionen Menschen sind hierzulande an Alzheimer erkrankt. Doch es ist kein unausweichliches Schicksal: Rund 40 Prozent der Fälle können verhindert oder verzögert werden, heißt es im Welt-Alzheimerbericht des Jahres 2023. Je früher die Krankheit erkannt wird, desto besser. Eine wissenschaftliche Studie aus China konnte nun biologische Merkmale identifizieren, die den Schlüssel für die Vorhersage einer Alzheimer-Erkrankung liefern.
Studie identifiziert wichtige Biomarker: Vorhersage einer Alzheimer-Erkrankung möglich
Das Forschungsteam aus China führte eine Analyse sogenannter Biomarker durch. Dabei handelt es sich um biologische Merkmale, die objektiv messbar sind – beispielsweise Moleküle, Hormone oder Gene – und unabhängig von klinischen Symptomen auftreten. Als Frühindikatoren für Alzheimer gelten jene Biomarker, die im Liquor, also der Körperflüssigkeit im zentralen Nervensystem – dem Gehirn und Rückenmark – zu finden sind. Die Forschenden zogen für ihre Untersuchung Daten der China Cognition and Aging Study, kurz Coast, heran. Diese chinaweite Kohortenstudie lief von 2000 bis 2020. Die in die Untersuchung aufgenommenen Menschen waren zu Beginn zwischen 45 und 56 Jahre alt und hatten keine kognitiven Beschwerden.
Für ihre Alzheimer-Studie verglichen die chinesischen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen die Daten von 648 Coast-Teilnehmenden, die im Laufe des 20-jährigen Forschungszeitraums eine Alzheimer-Erkrankung entwickelten, mit den Daten von ebenfalls 648 Menschen, die kognitiv gesund blieben. Zum Vergleich zogen die Forschenden unter anderem Daten der Liquor-Biomarker der Probanden heran. Die Spiegel der Beta-Amyloid-Proteine im Liquor waren demnach die ersten Merkmale, die abwichen. Veränderungen bei diesen Biomarkern waren bereits 18 Jahre vor der Alzheimer-Diagnose nachweisbar.
Auch mit weiteren biologischen Merkmalen, die als Hauptauslöser von Alzheimer gelten, konnten die Forschenden die Krankheit schon Jahre vor dem Ausbruch diagnostizieren. Die spezifischen Biomarker waren bereits vor der Untersuchung im Zusammenhang mit Alzheimer bekannt, die Besonderheit der chinesischen Studie war ihr langer Zeithorizont.
Über die Studie
Die Studie „Biomarker Changes during 20 Years Preceding Alzheimer’s Disease“ der Autoren Jianping Jia, Yuye Ning, Meilin Chen et al. der Capital Medical University in Peking wurde am 22. Februar 2024 in der medizinischen Fachzeitschrift The New England Journal of Medicine veröffentlicht.
Studie: Biomarker ermöglichen Prävention und Therapie lange vor dem Ausbruch von Alzheimer
Die Untersuchung zeichnete damit den zeitlichen Ablauf biologischer Veränderungen bei einer Alzheimer-Erkrankung nach. Diese Erkenntnisse eröffnen Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit, Maßnahmen zur Risikominderung, Prävention und Therapie einzuleiten – viele Jahre, bevor die Erkrankung wirklich ausbricht. Die Krankheit lasse sich damit verhindern oder zumindest verzögern. Die Forschenden konnten auch genetische Risiken nachweisen: Alzheimer-Patientinnen und -Patienten sind mit größerer Wahrscheinlichkeit (37,2 Prozent im Vergleich zu 20,4 Prozent in der Kontrollgruppe) Tragende des Risiko-Gens Apolipoprotein E, kurz Apoe4. Dieses ist am Fettstoffwechsel, etwa dem Cholesterintransport, beteiligt.
Doch neben den Genen spielen auch die eigenen Lebensentscheidungen eine Rolle. Die Forschung zeige zunehmend, dass „Demenz verzögert oder sogar verhindert werden kann, wenn wir unsere Lebensgewohnheiten wie Bewegung, Ernährung und soziale Kontakte gezielt ändern“, betonte die Professorin für Primärversorgung an der Universität Newcastle, Dame Louise Robinson, im vergangenen Jahr im Welt-Alzheimerbericht. „Außerdem ist es nie zu spät, einen Hörverlust zu korrigieren“, so die Expertin weiter. Mit diesem Hinweis spielte sie auf eine weitere wichtige Studie an: Eine internationale Forschungsgruppe erkannte Hörverlust als eines der zwölf wichtigsten Risikofaktoren für eine Alzheimer-Erkrankung. Das Fazit: Ein Hörgerät sollte genauso selbstverständlich sein wie eine Brille.