TV-Kritik

„Kim Yo-jong – Nordkoreas heimliche Herrscherin“: Diktatorensprösslinge in Disneyland

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Nordkoreas Herrscher und seine Schwester: die Kim-Dynastie in dritter Generation.
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Der französische Asienexperte Pierre Haski kommt in seinem Filmporträt „Kim Yo-jong – Nordkoreas heimliche Herrscherin“ der „roten Prinzessin“ aus dem Kim-Clan erstaunlich nahe.

Frankfurt – Martialische Gesten, Geschwisterliebe, Brudermord – nein, nicht „Game of Thrones“, vielmehr Momente aus der jüngeren Geschichte Nordkoreas. In der traditionell männlich bestimmten Machtstruktur des autoritär regierten Staates, der sich selbst kommunistisch nennt, ist in den letzten Jahren Schritt um Schritt eine Frau in eine Machtposition aufgestiegen: Kim Yo-jong, die Schwester des amtierenden Staatschefs Kim Jong-un.

Die Geschwister sind Enkel des von der Sowjetunion installierten ersten Regierungschefs Nordkoreas, Kim Il-sung. Der war Partisan im Kampf gegen die Japaner gewesen und in der Sowjetunion ausgebildet worden. Mit ihm begann der Personenkult um die Familie Kim, die Nordkorea seither ununterbrochen im Stil einer Monarchie beherrscht.

Seine Legitimation bezieht der Clan aus einer angeblichen Blutlinie zum heiligen Berg Paektu, auch „Berg der Revolution“ genannt. So entstand der Mythos von der „heiligen Familie“, die beauftragt sei, Südkorea aus der „Kolonialherrschaft“ der USA zu „befreien“.

Symbolpolitik mit Knalleffekt in Nordkorea – Kim Yo-jong als Beispiel

Traditionsbewusst stellt der heutige „große Führer“ Kim Jong-un Kampfmotive aus der Zeit seines Großvaters in der Realität nach, reitet durch den Schnee, sitzt fröhlich am Lagerfeuer. Teil des manipulativen Ikonismus und der Symbolpolitik, die der nordkoreanische Führungsapparat perfekt beherrscht, und die wesentlichen Stützen seiner Macht darstellen. Ein Beispiel ist die von Kim Yo-jong veranlasste Sprengung des 2018 in einer Phase der Entspannung grenznah eingerichteten innerkoreanischen Verbindungsbüros.

Die mächtigste Frau Nordkoreas: Kim Yo-jong.

Nachdem sich die Beziehungen zu Südkorea und den USA wieder verschärft hatten, wurde das Hochhaus kurzerhand umgelegt, der Vorgang gefilmt und im Ausland verbreitet. Eine monströse, explosive, fast kindisch-trotzige Geste, typisch für Nordkorea, das zur Machtdemonstration laufend teure Raketen vergeudet, während die Bevölkerung darbt.

Präzise kalkuliert sind auch die öffentlichen Auftritte Kim Yo-jongs. Sie war schon für ihren Vater politisch tätig, im Hintergrund, ohne Preisgabe der Verwandtschaftsverhältnisse. Das änderte sich mit dem Tod Kim Jong-ils und der Machtübernahme ihres Bruders Kim Jong-un.

Kim Yo-jong – von der „roten Prinzessin“ zur „grauen Eminenz“?

In seinem Filmporträt „Kim Yo-jong – Nordkoreas heimliche Herrscherin“ (Produktion: Hikari) zeichnet der frühere China-Korrespondent Pierre Haski den bisherigen Weg der heute Dreiunddreißigjährigen nach. Keine leichte Aufgabe, wenn die zu porträtierende Person stets mit undurchsichtiger Miene ein ausgeklügeltes Image inszeniert und in einem vollends abgeschotteten Land lebt, in dem keine freie Meinungsäußerung möglich und der gesamte öffentliche Bereich der Regimepropaganda unterworfen ist.

Unter den gegebenen Umständen kommt Haski Kim Yo-jong erstaunlich nahe, spricht mit Zeitzeugen, Wissenschaftlern, kann sogar ermitteln, dass die Kim-Geschwister als Kinder einige Jahre in der Schweiz lebten, mit dem aparten Detail, dass sie gemeinsam Disneyland besuchten.

Kim Yo-jong ist in Nordkorea immer präsenter auszumachen

Über die biografische Darstellung hinaus gelingt Haski eine beiläufige Analyse des nordkoreanischen Machtsystems, beginnend mit der Phase nach dem Zweiten Weltkrieg, den Koreakrieg einschließend, bis hin zum Handschlag zwischen dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump und Kim Jong-un. Aufmerksam studiert der Autor offizielle und inoffizielle Bilder der Regierungsclique, analysiert Gesten, Blicke, Interaktionen. Anfangs unscheinbar am Rande, fast unterwürfig, mit der Zeit immer präsenter ist dort Kim Yo-jong auszumachen.

Ausländische Gesprächspartner hielten sie meist für eine Assistentin des „Obersten Führers“ Nordkoreas. Das änderte sich spätestens mit den Olympischen Winterspielen von 2018, als sie, nach außen hin an zweiter Position der nordkoreanischen Delegation stehend, entscheidende politische Gespräche führte und als „rote Prinzessin“ hofiert wurde.

„Kim Yo-jong – Nordkoreas heimliche Herrscherin“

Montag, 11.3. 2024, 18:00 Uhr, ZDFinfo und in der ZDF-Mediathek (Video verfügbar bis 31.8.2024)

Betrachtet Kim Jong-un seine Schwester Kim Yo-jong als Verbündete oder als unliebsame Konkurrenz?

Mittlerweile hält sie martialische Reden vor hunderten von Parteiführern, erntet tosenden Beifall. Ihr Bruder allerdings blickt eher mürrisch drein, während sie überschwänglich seine Tapferkeit und Stärke rühmt.

Die Geschichte Nordkoreas ist im Fluss, ein Fazit demnach nicht möglich. Betrachtet Kim Jong-un seine Schwester als Verbündete oder vielleicht eines Tages als unliebsame Konkurrenz? Kim Jong-un schreckt vor politischen Morden nicht zurück, auch Verwandte, ein Halbbruder, ein Onkel, sind gegen sein Todesurteil nicht gefeit. Wenn denn er es ist, der die Fäden in der Hand hält. Und nicht etwa jemand ganz anderes. (Harald Keller)

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