Interview

„Kim Jong-uns Schwester ist eine nukleare Despotin – und die mächtigste Frau der Welt“

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Kim Yo-jong im Jahr 2019: nicht nur die mächtigste Frau Nordkorea, sondern der ganzen Welt?
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„Eine Diktatorin, die den Finger auf dem Atomknopf hat“: Im Interview erklärt ein Nordkorea-Experte, welche Gefahr von Kim Yo-jong ausgeht, der Schwester von Diktator Kim Jong-un.

München – Ihren ersten öffentlichen Auftritt bestritt sie mit Tränen in den Augen, bei den Trauerfeierlichkeiten für Nordkoreas verstorbenen Diktator Kim Jong-il. Wer die junge Frau war, die da im Dezember 2011 weinend neben Kims Sohn und Nachfolger Kim Jong-un stand, wusste damals niemand. Erst Jahre später war klar: Es handelte sich um Kim Yo-jong, Kim Jong-uns Schwester und engste Vertraute. Heute ist Kim Yo-jong die Nummer zwei in Nordkorea – und noch immer ein Geheimnis. Lee Sung-yoon, der an der Tufts University nahe Boston lehrt, hat versucht, diese rätselhafte Frau zu entschlüsseln. Sein Buch „The Sister“ ist Mitte Juni auf Englisch erschienen. Eine deutsche Übersetzung soll im kommenden Frühjahr folgen.

Herr Lee, in Ihrem Buch bezeichnen Sie Kim Yo-jong als „mächtigste Frau Nordkoreas“. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?
Kim Yo-jong ist nicht nur die mächtigste Frau im heutigen Nordkorea, sondern die mächtigste Frau in der gesamten koreanischen Geschichte. Und ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass Kim Yo-jong heute die mächtigste Frau der Welt ist.
Wieso?
Kim Yo-jong ist die erste nukleare Despotin der Welt. Eine Diktatorin, die den Finger auf dem Atomknopf hat. Sie hat mehrfach damit gedroht, die nordkoreanischen Atomstreitkräfte auf Südkorea loszulassen und das Land vollständig zu zerstören, falls Südkorea auch nur eine einzige Kugel nach Nordkorea abfeuert. Sie betont regelmäßig, dass sie die Macht hat, all dies zu tun, und zwar aufgrund der Autorität, die ihr vom Genossen Vorsitzenden – ihrem Bruder –, von der Partei und vom Staat verliehen wurde.
Lee Sung-yoon ist Autor des Buchs „The Sister“ über die Schwester von Nordkoreas Diktator Kim Jong-un. Er ist Professor für Koreanistik an der renommierten Tufts University im US-Bundesstaat Massachusetts.

„Nordkorea ist eine tickende Zeitbombe“

Wie ernst muss man solche Drohungen nehmen?
Nordkorea ist eine tickende Zeitbombe. Es ist eine absolute, mittelalterliche Monarchie. Die Regierung ist gegenüber anderen Institutionen wie dem Parlament, der Öffentlichkeit oder der Justiz nicht wirklich rechenschaftspflichtig. In Nordkorea gibt es keine Gewaltenteilung, keine Kontrolle. Selbst Xi Jinping, der chinesische Präsident, muss es bis zu einem gewissen Grad seinen Genossen in der Kommunistischen Partei recht machen. Kim Yo-jong hingegen hat echte Macht, sie ist nicht nur eine Galionsfigur mit einem hübschen Gesicht.
Aber trifft nicht letztendlich ihr Bruder Kim Jong-un alle wichtigen Entscheidungen?
Ich weiß nicht, welche Befugnisse Kim Jong-un an seine Schwester delegiert hat, aber ich will Ihnen ein Beispiel nennen für Kim Yo-jongs Macht. Im Juni 2020 gab sie eine schriftliche Erklärung ab, in der sie damit drohte, ein von Südkorea finanziertes Verbindungsbüro in die Luft zu sprengen, ein vierstöckiges Gebäude, das sich in Nordkorea befindet. Und nur drei Tage später ließ sie das Gebäude am helllichten Tag tatsächlich in die Luft jagen, live übertragen vom Staatsfernsehen. Es war ein theatralisches Schauspiel. Kim Yo-jong hat der Welt damit bewiesen, dass sie nicht nur leere Drohungen ausstößt.
Ist Kim Yo-jong nur deshalb so mächtig, weil sie die Schwester von Kim Jong-un ist?
Nein. Sie ist es auch dank ihres Talentes und ihres Ehrgeizes. Ihr Vater, Kim Jong-Il, der von 1994 bis 2011 an der Macht war, pflegte seinem japanischen Sushi-Koch zu sagen, dass seine Tochter sehr fähig sei. Und dass er sie, wenn sie kein Mädchen, sondern ein Junge wäre, zu seiner Nachfolgerin ernennen würde. Kim Yo-jong ist sehr scharfsinnig, sehr klug. Sie ist weltgewandt. Leute, die sie getroffen haben, sagen, dass sie sehr kosmopolitisch ist, sehr gut über die Außenwelt Bescheid weiß. Und anders als ihr Bruder spricht sie Englisch.
Wie ist das Verhältnis zwischen den beiden Geschwistern?
Ich habe mir Tausende von Stunden nordkoreanischer Videoaufnahmen angesehen. Wenn die beiden zusammen sind, Blicke austauschen und sich anlächeln, dann merkt man, dass sie sich wirklich mögen. Sie vertrauen sich gegenseitig und auch ihrem älteren Bruder Kim Jong-chol. Die drei wurden von Ko Yong-hi zur Welt gebracht, die 2004 in Paris an Brustkrebs starb. Ko war nur die Geliebte und nicht die offizielle Ehefrau von Kim Jong-il, weswegen sie von Staatsgründer Kim Il-sung nie anerkannt wurde.

„Kim Yo-jong hat noch eine Rechnung mit der Geschichte offen“

Was hat das mit den Kindern gemacht?
Ich denke, dass sie noch eine Rechnung mit der Geschichte offen haben. Als sie klein waren, fühlten sie sich ausgegrenzt, obwohl sie mit den luxuriösesten Spielsachen und den besten Lebensmitteln der Welt versorgt wurden. Sie wurden in jungen Jahren in die Schweiz geschickt und lebten dort zusammen. In diesen prägenden Teenagerjahren haben Kim Yo-jong und Kim Jong-un zueinander gefunden. Für mich ist sie nicht eine unterwürfige Sekretärin ihres Bruders. Ich sehe sie eher als eine fürsorgliche Frau, eine Art Mutterfigur. Sie will sich um ihren älteren Bruder kümmern.
Sagt sie ihm offen ihrer Meinung?
Im nordkoreanischen System gilt es als Ketzerei, sich offen gegen den Obersten Führer zu stellen. Aber Kim Yo-jong scheint gewisse Freiheiten zu haben. Wenn ihr Bruder auf offiziellen Veranstaltungen spricht, stehen alle anderen hohen Beamten steif und stramm daneben. Sie kritzeln in ihr kleines Notizbuch, während Kim Jong-un mit großen Gesten spricht. Kim Yo-jong hingegen läuft hin und her, verschwindet aus dem Bild, kommt zurück und wirkt vollkommen sorglos. Manchmal pfeift sie sogar vor sich hin! Diese Art von Verhalten kann niemals toleriert werden, es sei denn, Sie sind die Schwester des Obersten Führers.
Nordkorea hat allerdings nie offiziell bestätigt, dass sie überhaupt die Schwester von Kim Jong-un ist.
Das stimmt, aber jeder weiß es. Es ist eben die nordkoreanische Art, die Nummer zwei im Staat oder den möglichen Nachfolger des Herrschers nicht in den Mittelpunkt zu stellen. Als Kim Jong-il, der Vater der beiden, 1974 intern als Nachfolger von Staatsgründer Kim Il-sung bestimmt wurde, hatte er die gleiche, scheinbar unbedeutende Position inne wie heute Kim Yo-jong: Er war stellvertretender Direktor der Abteilung für Propaganda und Agitation. Im Kommunismus ist die Erbfolge der Macht – vom Vater auf den Sohn oder die Tochter – eigentlich Ketzerei. Denn der Kommunismus wendet sich ja gegen Aristokratie und Monarchie. Nordkorea als einzige kommunistische Erbdynastie ist ein Widerspruch an sich!

„Wir neigen dazu, Nordkorea zu unterschätzen“

Ist Kim Yo-jong also eine mögliche Nachfolgerin ihres Bruders, von dem ja immer wieder behauptet wird, er sei bei schlechter Gesundheit?
So genau weiß das natürlich niemand. Aber wenn Kim Jong-un heute sterben würde, dann gäbe es schlichtweg keinen anderen geeigneten Kandidaten als Kim Yo-jong. Der ältere Bruder der beiden hat kein Interesse an Politik, und Kim Jong-uns Kinder sind noch zu jung.
Ihren ersten großen Auftritt hatte Kim Yo-jong 2018, bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Südkorea. Da hat sie bereits sehr staatsmännisch gewirkt.
Das war das erste Mal seit dem Korea-Krieg, dass ein Mitglied der Kim-Familie den Süden besucht hat. Über Nacht wurde Kim Yo-jong zum medialen Superstar. Dabei wirkte sie damals sehr arrogant. Sie hatte das Kinn stets leicht nach oben gerichtet, selbst als sie mit dem südkoreanischen Präsidenten sprach. Diese aufrechte Haltung und das Selbstvertrauen, das sie ausstrahlt, sind das Ergebnis eines jahrelangen Trainings. Alle Prinzen und Prinzessinnen durchlaufen eine Ausbildung, und die Kims sind da keine Ausnahme.
Damals gab es Hoffnung auf eine Entspannung zwischen Nordkorea und dem Westen, Donald Trump und Kim Jong-un trafen wenig später sogar erstmals zusammen. Heute hetzt Kim Yo-jong wieder öffentlich gegen Südkorea und die USA. Was ist passiert?
Wir neigen dazu, Nordkorea zu unterschätzen. Das Kim-Regime ist nicht verrückt. Nordkorea ist sehr berechnend und sehr manipulativ, sie wissen, wann sie eskalieren können und wann sie ein nettes Lächeln aufsetzen und zu Gesprächen aufrufen müssen. Und sie sehen, was ihnen das bringt: Durch diese Zyklen von Provokationen und Friedensbemühungen hat Nordkorea seit Anfang der 1990er-Jahre 20 Milliarden US-Dollar in Form von Bargeld, Lebensmitteln, Treibstoff und anderen Gütern erhalten. Wenn man sich also die Bilanz ansieht, hat Nordkorea heute Dutzende von Atomwaffen und Hilfe im Wert von über viele Milliarden Dollar. Und was ist mit der anderen Seite, den USA? Die haben nichts, außer einem nuklearen Nordkorea.

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