VonJennifer Lanzingerschließen
Mehr als 220.000 Menschen verloren durch die Tsunami-Katastrophe 2004 ihr Leben. 20 Jahre später rückt das Thema erneut in den Fokus, zahlreiche Länder gedenken der Opfer.
Jakarta/Indonesien – Als die Erde am 26. Dezember 2004 vor der Westküste von Nord-Sumatra im Indischen Ozean bebte, ahnte zunächst niemand, was für eine Naturkatastrophe kurz darauf auf die Küsten mehrerer Anrainerstaaten zurollen sollte. Was bleibt, sind schier unfassbare Zahlen: Mehr als 220.000 Menschen kommen durch den Tsunami ums Leben, die meisten in der Provinz Aceh auf der indonesischen Insel Sumatra. Mehr als 500 Deutsche finden im Urlaub den Tod. Zwei Menschen aus Deutschland verloren damals ihre ganze Familie. Mittlerweile sind die beiden ein Paar und haben eine gemeinsame Tochter.
Tsunami-Katastrophe 2004: Erdstöße waren drittstärkstes jemals gemessene Beben
Mit einer Stärke von 9,1 waren die gewaltigen unterseeischen Erdstöße das drittstärkste jemals gemessene Beben. Zahlreiche Länder meldeten unzählige Tote. Das verheerende: Frühwarnsysteme gibt es damals noch nicht, der Begriff „Tsunami“ ist den meisten unbekannt. Fast zwei Stunden nach den Erdstößen erreichte die Flutwelle auch die Küste von Khao Lak in Thailand.
20 Jahre nach der Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean: Die Bilder der damaligen Zerstörung




20 Jahre nach dem verheerenden Tsunami-Unglück im Indischen Ozean wird am Zweiten Weihnachtstag in Indonesien, Sri Lanka, Thailand und anderen betroffenen Ländern der unzähligen Todesopfer gedacht. Bereits Anfang Dezember veröffentlichte die Streaming-Plattform RTL Plus eine Dokumentation über das Unglück. Darin zu Wort kommt der Mann, der das drohende Unglück vermutlich als Erstes registriert hatte.
Experte entdeckte relativ früh seismische Aktivitäten
Dr. Stuart Weinstein ist Geophysiker und arbeitete zur damaligen Zeit im Pacific Tsunami Warning Center auf Hawaii. Wie Weinstein in der Dokumentation „Tsunami 2004“ erklärt, wurden ihm bei seiner damaligen Tätigkeit seismische Aktivitäten auf der ganzen Welt angezeigt. Am damaligen zweiten Weihnachtsfeiertag habe er „ziemlich kräftige seismische Signale“ entdeckt. Innerhalb weniger Minuten sei dann auch ein Alarm losgegangen. „In dem Moment denkt man nicht darüber nach, was die Folgen sein könnten“, erklärt Weinstein in der Doku weiter. Stattdessen habe er versucht, die Erdstöße zu lokalisieren.
Nur wenige Minuten später sei es ihm gemeinsam mit Kollegen gelungen, die Erdstöße zu lokalisieren. Nach einer ersten Schätzung gingen Weinstein und seine Kollegen davon aus, es mit einem Erdbeben der Stärke 8,1 zu tun zu haben. Bereits damals habe Weinstein die Befürchtung gehabt, dass dieses Erdbeben verheerende Folgen haben könnte. „Leider hatten wir damals keine Messgeräte in dieser Region, also konnten wir nicht sicher sein.“
Tsunami-Katastrophe 2004: Bis zu 30 Meter hohe Flutwellen türmten sich auf
Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen konnte: Ausgelöst wurde der Tsunami durch eine schwere Erschütterung im Sundagraben vor der indonesischen Küste, wo sich die Indische Kontinentalplatte unter die kleinere Burma-Platte schiebt. Dabei baut sich eine gewaltige Spannung auf, die sich ruckartig löste: Der Meeresgrund riss auf einer Länge von 1200 Kilometern auf und setzte so viel Energie frei wie 13.000 der Atombomben, die 1945 die japanische Stadt Hiroshima zerstört hatten. Im Indischen Ozean türmten sich bis zu 30 Meter hohe Flutwellen auf.
Weinstein habe dann versucht, Kollegen in Indonesien zu erreichen. „Wir hatten ihre Telefonnummer, wir haben ihnen auch ein Fax geschickt. Aber es kam keine Antwort.“ Dann habe der Experte aus Hawaii Kollegen in Australien kontaktiert. Doch auch diese hätten bereits vergeblich versucht, die Kollegen in Indonesien vor einem möglichen Tsunami zu warnen.
Experten befürchteten bereits früh eine mögliche Riesen-Katastrophe
Spätere Zahlen verdeutlichen die Gefahr, in der Indonesien bereits zu diesem Zeitpunkt geschwebt haben muss. Nach Angaben der internationalen Katastrophendatenbank EM-DAT gab es insgesamt 226.408 Tote. 165.708 Menschen starben demnach allein in Indonesien, die überwiegende Mehrheit davon in der Provinz Aceh im Norden Sumatras, wo die Flutwellen besonders hoch waren.
Währenddessen zeigten Messgeräte von Weinstein neue Werte an: nun seien der Experte und seine Kollegen von einer Erdbeben-Stärke von 8.5 ausgegangen. In diesem Moment sei Weinstein der Gedanke gekommen, ob der Tsunami möglicherweise seinen Weg durch den gesamten Indischen Ozean finden würde. Doch wie in der Dokumentation verdeutlicht wird, konnten die Experten zwar das Unglück durch die Messgeräte befürchten. Doch ob ein Tsunami dann tatsächlich über die Gebiete rollte, wussten die Experten nicht.
So habe Weinstein angefangen, im Interne“t nach Neuigkeiten zu suchen. Dort sei der Experte dann auf eine Meldung über die Welle in Thailand gestoßen: „Da war dann klar, dass eindeutig mehr als Sumatra betroffen war.“ Und tatsächlich: Vom Zentrum des Bebens breitete sich der Tsunami mit einer Geschwindigkeit von bis zu 800 Stundenkilometern im ganzen Indischen Ozean aus und erreichte nach rund zwei Stunden auch Sri Lanka, Indien und Thailand.
Tsunami fordert unzählige Menschenleben: Hunderte Deutsche unter den Opfern
Laut EM-DAT kamen in Sri Lanka mehr als 35.000 Menschen ums Leben, in Indien 16.389 und in Thailand 8345. In Thailand waren unter den Todesopfern auch zahlreiche Touristen im Weihnachtsurlaub, darunter 534 Deutsche. Auch auf den Malediven gab es mehr als 100 Tote sowie jeweils einige Dutzend in Malaysia und Myanmar. Ausläufer des Tsunamis erreichten sogar die Küste Ostafrikas: Allein in Somalia wurden fast 300 Todesopfer verzeichnet.
Wenige Stunden später sei die Stärke des Erdbebens dann auf 8,9 hochgestuft worden. Laut Weinstein ein sicheres Zeichen dafür, dass der Tsunami den gesamten Indischen Ozean überrollt haben muss. Doch was genau der Tsunami tatsächlich anrichtete, ahnten Weinstein und seine Kollegen zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht.
Experte erfährt erst nach Stunden vom Ausmaß der Tsunami-Katastrophe
„Es war einfach hart, alles daran. Wir waren frustriert, dass wir nicht mehr tun konnten und wir waren frustriert, weil wir nicht an die nötigen Informationen kamen“, verdeutlicht Weinstein. Mit der Zeit seien dann die ersten geschätzten Todeszahlen gemeldet worden. „Es war einfach nur erschütternd.“ Später am Abend sei er nach Hause gegangen und habe sich flach auf den Boden gelegt. „Oh mein Gott, was ist da passiert? In diesem Moment wurde mir das ungeheure Ausmaß der Situation bewusst“, so der Experte weiter. „Ich glaube, wir haben alles getan, was wir konnten. Als Wissenschaftler und als Menschen. Aber es hat leider nicht gereicht“, so Weinstein 20 Jahre nach der Katastrophe.
Verbesserung der Frühwarnsysteme
Die Opferzahl war auch deshalb so hoch, weil die Katastrophe die meisten Menschen völlig unvorbereitet traf: Im Indonesischen Ozean gab es damals noch kein Tsunami-Frühwarnsystem. Die Flutwellen überrollten die Küsten ohne Vorwarnung: Urlauber und Einheimische hatten daher nicht genug Zeit, um Schutz zu suchen – viele verstanden zunächst auch gar nicht, was passierte.
Nach der Katastrophe wurde auch für den Indonesischen Ozean ein Frühwarnsystem aufgebaut, wie es etwa im Pazifik schon seit Jahren existierte. Die Warnsysteme stützen sich auf 1400 Messstationen weltweit und verschicken bei Erdbeben und Tsunamis automatisch erstellte Warnungen an die Behörden und die Menschen in den betroffenen Küstenregionen. Erst vor wenigen Wochen bebte vor der Küste Kaliforniens die Erde. Experten gaben auch hier umgehend eine Tsunami-Warnung heraus.
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