Nahost-Konflikt

Historiker Tom Segev zum Krieg in Israel: „Muss sofort enden“

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Gaza sehe aus wie Dresden nach der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg, sagt Tom Segev. Ein Palästinenser versucht, den Brand im Haus zu löschen.
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Historiker Tom Segev über den tödlichen Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, die zweite Nakba und seine Erwartung an den Besuch von US-Außenminister Blinken.

Herr Segev, vor drei Monaten hat die Hamas bei einem Massaker mehr als 1000 Israelis getötet. Einen Tag danach führten wir ein Gespräch über den Angriff und seine möglichen Folgen. Wie geht es Ihnen, Ihrer Familie und Ihren Freunden heute?

Den meisten von uns geht es persönlich gut. Wir alle kennen Menschen, denen es nicht gut geht, entweder weil sie Angehörige oder Kinder verloren haben und weil die ganze Atmosphäre hier in Israel sehr angespannt ist. Meine Enkelkinder leben in einer Stadt 40 Kilometer von Gaza entfernt. Sie hören sehr oft die Sirenen, wenn der Raketenalarm losgeht. Das hat nicht nur eine persönliche Bedeutung für die Kinder, sondern bedeutet auch, dass die Hamas drei Monate nach Ausbruch des Krieges immer noch in der Lage ist, Raketen auf Israel zu feuern. Das ist sehr beängstigend und beunruhigt und besorgt uns.

Wie erleben Sie das persönlich?

Vor zwei Wochen habe ich mit meinen Enkelkindern draußen Basketball gespielt. Genauer: Sie spielten und ich war der Zuschauer. Plötzlich ertönte die Sirene und kurz darauf hörten wir einen gewaltigen Knall. Ich zog den kleinen Jungen, viereinhalb Jahre alt, zur Seite und warf mich auf ihn, um ihn zu schützen. So lagen wir da. Nach den Vorschriften muss man zehn Minuten warten. Ich hatte keine Angst, die Raketen schlagen in 90 Prozent der Fälle nicht ein. Aber der Junge hat am ganzen Körper gezittert. Das war sehr schlimm für ihn. Ich versuchte, ihn zu ermutigen und fragte ihn, was ihm mehr Angst mache, die Raketen oder der Käfer, der neben uns herumkrabbelte. Er sagte, es seien die Raketen. Ich erzählte ihm, dass sein Vater, also mein Sohn, eine Rolle bei der Entwicklung der Arrow-Raketen zum Schutz gespielt hatte. Er ist Ingenieur. Der Junge sagte, ja, das wisse er, aber das helfe ihm jetzt nicht. Natürlich ist das alles nichts im Vergleich zu dem, was anderen Menschen in Israel widerfahren ist.

Krieg in Israel: Historiker Tom Segev sieht nur langsam fortschreitenden Krieg

Wie ist deren Situation?

Es gibt 100.000 Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten. Sie lebten im Norden und Süden zu nahe an der Grenze zum Gazastreifen und sind nun in Hotels oder Notunterkünften untergebracht. Drei Monate sind eine lange Zeit. Sie können nicht arbeiten, die Kinder können nicht zur Schule gehen. Das hat Auswirkungen auf die Stimmung. Es wirkt sich auch auf meine persönlichen Gefühle aus. Der Krieg schreitet nicht so schnell voran wie erwartet.

Inwiefern?

Die Geiseln sind immer noch nicht freigelassen, die Hamas nicht vernichtet worden. Immer mehr Ex-Generäle sagen uns jetzt im Fernsehen, dass die Hamas nicht zerstört werden kann. Aber vor drei Monaten wurde uns etwas anderes versprochen. Die Situation in Gaza ist absolut schrecklich. Die Katastrophe in Gaza ist die schlimmste, die die Palästinenser seit 1948 erlebt haben. Es ist eigentlich eine zweite Nakba, eine zweite Vertreibung. Die meisten Israelis interessieren sich nicht dafür. Auch in den Medien wird kaum darüber berichtet. Aber die Welt sieht die Bilder aus Gaza. Niemand weiß, was als nächstes passieren wird. Es ist eine schlimme Situation.

Israelische Soldaten im Gazastreifen.

„Überrascht, wie stark die Hamas ist“: Historiker Segev kommentiert Massaker der Militanten

Sie haben den 7. Oktober als das Nine-Eleven Israels bezeichnet und eine noch größere Spaltung der Gesellschaft befürchtet, ist das eingetreten?

Das war kein guter Vergleich meinerseits. Ich habe das spontan gesagt, Sie und ich haben am Tag nach dem Hamas-Anschlag miteinander gesprochen. Genau wie Nine-Eleven und der Jom-Kippur-Krieg war der Angriff der Hamas am 7. Oktober eine Überraschung. Daher zog ich den Vergleich. Ich war 2001 als Journalist in den USA, der Angriff stand mir daher als erstes vor Augen.

Wie ordnen Sie es jetzt ein?

Ich bin überrascht, wie stark die Hamas tatsächlich ist. Die Leute sagten, sie sei eine terroristische Organisation, die zerstört werden könne. Aber in Wirklichkeit ist sie eine unglaublich starke militärische Organisation. Die Tunnel sind eine ganze Stadt, sie sind Hunderte von Kilometern lang. Jeden Tag entdeckt man einen neuen, und der israelische Militärsprecher verkündet das, als wäre es ein Sieg. Aber das ist weit entfernt von dem, was Netanjahu zu Beginn des Krieges verkündet hat, nämlich die Vernichtung der Hamas. Davon kann aber keine Rede sein. Die Frage ist, was aus dem Gazastreifen werden soll, wenn dort zwei Millionen Menschen vertrieben werden, das sind mehr als doppelt so viele wie im Jahr 1948.

Wie ist das Massaker der Hamas aus heutiger Sicht einzuordnen?

Für Israel ist es der schlimmste Krieg seit 1948. Der 7. Oktober war der schrecklichste Tag seit der Gründung des Staates Israel, noch nie sind so viele Israelis an einem Tag getötet worden. Noch nie zuvor wurden so viele israelische Städte von arabischen Armeen erobert. Für beide Seiten, Israelis und Palästinenser, ist es das Schlimmste, was ihnen je widerfahren ist. In der israelischen Gesellschaft ist das Schicksal der Geiseln wichtiger als der Krieg gegen die Hamas. Es gibt einen Unterschied: Wenn es nach der Gesellschaft geht, sollte der Krieg der Befreiung der Geiseln dienen, aber wenn man sich die Regierung Netanjahu anschaut, scheint sie die Befreiung der Geiseln aufgegeben zu haben. Sie sehen sie vermutlich bereits als Kriegsopfer an. Die Gesellschaft wird von Tag zu Tag ungeduldiger. Die Kritik an Netanjahu wächst. Die Umfragen zeigen, dass seine Popularität noch nie so gering war wie jetzt. Das liegt jedoch nicht daran, dass er einen Krieg führt, sondern daran, dass der Krieg nicht so erfolgreich ist, wie er es versprochen hat. Es gibt auch wirtschaftliche Auswirkungen. Es ist eine schlechte Zeit.

„Befreiung der Geiseln ist Priorität“: Segev will sofortiges Ende des Krieges in Israel

Netanjahu hat sich verschätzt?

Netanjahu erinnert mich ein wenig an Putin. Auch er dachte, er könne die Ukraine schnell besiegen. Netanjahu hat das wahrscheinlich auch gedacht. Jetzt stellt sich heraus, dass die Hamas nicht so geschwächt ist, dass sie Zugeständnisse machen muss. Das ist erstaunlich. Die Hamas verhandelt und der Hamas-Führer Sinwar sitzt da wie ein Staatsoberhaupt, das ist unglaublich. Für mich persönlich hat die Befreiung der Geiseln oberste Priorität. Das habe ich schon kurz nach dem 7. Oktober gesagt: Nicht der Krieg ist wichtig, sondern die Befreiung der Geiseln.

Welche Konsequenzen sollte Israel also ziehen?

Ich bin der Meinung, dass Israel den Krieg sofort beenden sollte. Mit sofort meine ich schon morgen. Manche sprechen davon, dass der Krieg noch Monate, vielleicht sogar ein Jahr dauern könnte. Natürlich muss eine Menge getan werden, um den Menschen in Gaza zu helfen. In Israel sagt man, dass Gaza jetzt wie Dresden nach dem Zweiten Weltkrieg aussieht. Im Fernsehen läuft gerade eine Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg, das hat sicher etwas damit zu tun. Gaza ist einfach zerstört, es ist ein Trümmerhaufen, jeden Tag mehr und mehr. Wenn man eine Schule in Gaza bombardiert, findet man manchmal einen Tunnel mit Raketen. Die Forderung nach einem Ende des Krieges hat nichts mit Sympathie für die Hamas zu tun. Sie ist eine heuchlerische Organisation.

Zur Person

Tom Segev, 1945 als Sohn eines aus Deutschland eingewanderten Paars in Jerusalem geboren, zählt zu den herausragenden Publizisten Israels. Der promovierte Historiker hat zahlreiche Monografien vorgelegt, die sich mit der Geschichte Israels und Palästinas befassen. Hierzu zählen unter anderem: „Die siebte Million“, „Ben Gurion“, „Es war einmal Palästina“.

„Jerusalem Ecke Berlin“ heißt sein auf Deutsch erschienenes Erinnerungsbuch, a d. Hebr. v. Ruth Achlama. Siedler Verlag, München 2022, 416 Seiten, 32 Euro. Foto: Imago Images

Was meinen Sie genau?

Wenn der Hamas-Chef ein anständiger Mensch wäre, wäre er schon längst aus seinem Loch gekrochen und hätte sich ergeben, um sein Volk zu retten. Aber er kümmert sich nicht um die Menschen, sondern nur um die Ideologie. Wenn ich Palästinenser wäre, wäre ich grenzenlos wütend auf diese Hamas-Führung, die dieses Unglück über ihr Volk gebracht hat. Ich würde wahrscheinlich nicht mehr lange leben, wenn ich diese Meinung als Palästinenser äußern würde. Aber ich sitze in Israel.

Konflikt zwischen Israel und Gaza: „Das sind schreckliche Phänomene“

Sie haben viel über die Geschichte des Konflikts geschrieben.

Ich habe diesen Konflikt mein ganzes Leben lang miterlebt. Mein Vater ist 1948 im Krieg gefallen. Seitdem habe ich mit diesem Konflikt gelebt. Ich habe keine Ahnung, was jetzt in Gaza passieren muss.

Sie hatten eine schwache Hoffnung, dass die Katastrophe ein gutes Ende nehmen könnte.

Ja, das haben wir gedacht. Ich weiß es nicht. Der Unterschied zu früher ist, dass Israel etwas für den Frieden zu geben hatte. Der Sinai hatte keinen sentimentalen Wert für die israelische Identität. Er war nicht Teil von Palästina. Es gibt Kreise in Israel, die bereits von der Notwendigkeit sprechen, den Gazastreifen wieder mit Israelis zu besiedeln. Es gibt Leute, die offen darüber sprechen, die palästinensische Bevölkerung ins Exil zu schicken, irgendwo zwischen Ägypten und Südamerika. Sie sprechen offen über die Notwendigkeit, die Bevölkerung von dort zu vertreiben. Das sind schreckliche Phänomene, über die man früher vielleicht hinter vorgehaltener Hand geflüstert hätte. Heute sprechen Regierungsvertreter ganz offen über solche Dinge.

Wie wirken solche Vertreibungsfantasien israelischer Minister auf Sie angesichts der jüdischen Geschichte, die selbst zahlreiche schmerzhafte Vertreibungen kennt?

Ich ziehe diese Vergleiche nicht. Dann kommt schnell der Vergleich mit dem Holocaust. In Israel gab es nach dem 7. Oktober eine Debatte über den Vergleich mit dem Holocaust, und die staatliche Behörde für die Erinnerung an den Holocaust, Yad Vashem, erklärte, dass ein solcher Vergleich nicht gezogen werden könne. Aber ich verstehe, dass man beim Anblick eines Haufens verbrannter Babys an den Holocaust denkt. Ich selbst ziehe keine solchen Vergleiche, weder mit der Apartheid noch mit dem Kolonialismus. Das sind alles Ausdrücke, die ihren historischen Kontext haben. Es ist schon schlimm genug, in so kurzer Zeit über zwei Millionen Flüchtlinge in Gaza zu haben, auch ohne historische Vergleiche. Man kann den Vergleich auch anders ziehen.

Historiker Tom Segev über das Leiden der Palästinenser: „Es ist ein Volk, das sehr leidet“

Was meinen Sie?

Wie kann ein Volk, das seit zweitausend Jahren auf die Rückkehr in sein Land hoffte, etwa annehmen, dass die Palästinenser anders wären und nicht auch bis ans Ende der Zeit zurückkehren wollten. Das wollen sie auch. Die Nakba von 1948 verfolgt uns nun schon seit 75 Jahren. Wer weiß, wie lange uns die aktuelle Nakba verfolgen wird. Die Palästinenser sind die Waisenkinder des Nahen Ostens, die von niemandem unterstützt werden. Zwischen 1948 und 1967 lebten sie in Flüchtlingslagern und niemand holte sie heraus. Das Problem wurde von den arabischen Staaten ungelöst gelassen. Dann fragt man sich, warum die ganze Welt zugelassen hat, dass wir die Palästinenser seit Jahrzehnten unterdrücken und ihnen ihre Rechte nehmen. Als Ägypten Frieden mit Israel schloss, ließ es die Palästinenser in Gaza im Stich. Das Gleiche gilt für Jordanien, das mit Israel Frieden schloss und die Palästinenser im Westjordanland im Stich ließ. Es ist ein Volk, das sehr leidet.

Wie erleben Sie die internationale Debatte über Israel und die Palästinenser, sei es in den USA oder in Europa? Spiegelt sie die Situation wider?

Es gibt intelligente und weniger intelligente Debatten. In Deutschland hat die Debatte seit vielen Jahren nur noch wenig mit Israel und den Palästinensern zu tun. Israel und die Palästinenser sind Lego-Bausteine, aus denen deutsche Professorenschaft ihre Thesen über die Grundwerte Deutschlands und der deutschen Gesellschaft bauen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschen in Deutschland wirklich in dem Maße an den Ereignissen in Israel oder Gaza interessiert sind, wie es die Debatten widerspiegeln. Ich werde immer wieder gefragt, ob die Deutschen Israel kritisieren dürfen. Ich sage: Ja, das dürfen sie, genauso wie sie es gegenüber ihrem eigenen Land tun würden. Echte Antisemiten brauchen Israel nicht als Vorwand für ihre Kritik. Sie sind Antisemiten, Punkt.

Wird Israel allein gelassen?

Seit dem 7. Oktober gibt es eine große Unterstützung für Israel. In den USA gibt es große Demonstrationen für Israel. Die Medien stellen sich auf die Seite derjenigen, die das Schlimmste erleiden, das waren die Palästinenser, am 7. Oktober waren es die Israelis, jetzt sind es die Menschen in Gaza. Das ist auch richtig. In meinen Büchern habe ich geschrieben, dass wir Israelis einen Anteil an der Tragödie der Palästinenser im Jahr 1948 haben, wohlgemerkt, einen Anteil. Es ist unsere Verantwortung, aber nicht unsere Schuld. Aber jetzt ist es anders. Jetzt tragen wir die Schuld an der Katastrophe in Gaza. Das wird uns verfolgen, jahrelang. Aber das wird auch der Fall sein, wenn wir es vorziehen, einen Tunnel zu zerstören, anstatt die Geiseln zu befreien.

Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern 

Vor 60. Gründungstag von Israel
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen entschied 1947 über die Teilung Palästinas in zwei Staaten, einen jüdischen und einen arabischen. Im Teilungsplan wurde auch festgelegt, dass die Briten ihr Mandat für Palästina bis August 1948 niederlegen. Großbritannien hatte nach dem Ersten Weltkrieg das Gebiet besetzt und war 1922 offiziell mit dem Mandat über Palästina beauftragt worden. Am 14. Mai 1948 wurde auf Grundlage des UN-Beschlusses der jüdische Staat gegründet. © dpa
Proklamation des Staates Israel
Nach der Unterzeichnung der Proklamationsurkunde am 14. Mai 1948 im Stadtmuseum von Tel Aviv hält eine nicht identifizierte Person das Schriftstück mit den Unterschriften in die Höhe. Links ist David Ben Gurion zu sehen, der erste Ministerpräsident Israels. © dpa
Israelischer Unabhängigkeitskrieg
Ein historisches Datum für den Staat Israel. Doch die arabischen Staaten Libanon, Syrien, Jordanien, Ägypten und Irak erkannten die Gründung nicht an und überschritten nur einen Tag später mit ihren Armeen die Grenzen. So begann der Palästina-Krieg, der im Januar 1949 mit dem Sieg Israels endete. Das Foto zeigt israelische Mitglieder der paramilitärischen Organisation Haganah im August 1948.  © AFP
Operation Yoav
Die israelische Armee konnte während des Krieges 40 Prozent des Gebiets erobern, das eigentlich laut dem ursprünglichen UN-Plan zur Teilung für die arabische Bevölkerung vorgesehen war. So wurde auch der westliche Teil von Jerusalem von Israel besetzt.  © Imago
Waffenstillstand Israel Palästina 1949
Die Vereinten Nationen vermittelten zwischen Israel und Ägypten, und so kam es zwischen den beiden Ländern am 24. Februar 1949 zu einem Waffenstillstandsvertrag. Andere arabische Kriegsgegner folgten mit Waffenstillständen bis Juli 1949. Laut Schätzungen starben bei dem Krieg, den die arabischen Länder gestartet hatten, mehr als 6000 Israelis und 6000 Araber.  © ACME Newspictures/afp
Arafat. Geschichte des Krieges in Israel
Jassir Arafat gründete 1959 die Fatah, eine Partei in den palästinensischen Autonomiegebieten. Laut ihrer Verfassung war ihr Ziel, auch mit terroristischen Mitteln die Israelis aus Palästina zu vertreiben und Jerusalem als Hauptstadt zu installieren. Ebenfalls als Ziel rief die Fatah die „Ausrottung der ökonomischen, politischen, militärischen und kulturellen Existenz des Zionismus“ aus.  © PPO/afp
Arafat
1993 erkannte die Fatah mit ihrem Vorsitzenden Jassir Arafat das Existenzrecht Israels im Osloer-Friedensprozess an, und wollte den Terror als Waffe nicht mehr nutzen. Allerdings gab es immer wieder Bombenattentate in Israel. 2011 suchte Arafat den Schulterschluss mit der Hamas. Gemeinsam planten sie, eine Übergangsregierung zu bilden, was bis heute nicht umgesetzt wurde. Innerhalb der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ist die Fatah die stärkste Fraktion. © Aleksander Nordahl/Imago
1974 Arafat vor UN
Im Oktober 1974 erkannte die Vollversammlung der Vereinten Nationen die PLO als Befreiungsbewegung an. Daraufhin wurde Arafat als Vertreter eingeladen. Am 13. November 1974 eröffnete Arafat die Debatte in der Vollversammlung. Er beendete die Rede mit dem Satz: „Ich bin mit einem Olivenzweig in der einen und dem Gewehr des Revolutionärs in der anderen Hand hierhergekommen. Lasst nicht zu, dass der grüne Zweig aus meiner Hand fällt!“ © dpa
Kampfflugzeug im Sechs-Tage Krieg
Vom 5. Juni bis 10. Juni 1967 fand der Sechstagekrieg zwischen Israel auf der einen und Ägypten, Jordanien und Syrien auf der anderen Seite statt. Auslöser war die ägyptische Blockade der Seestraße von Tiran für die Israelis, die so abgeschnitten waren. Außerdem hatte der ägyptische Präsident den Abzug der Blauhelme erzwungen, die die nördliche Grenze Israels sicherten. Als Drohung schickte Ägypten dann 1000 Panzer und 100.000 Soldaten an die Grenzen zu Israel. Als Reaktion auf die Bedrohung flogen die Israelis einen Präventiv-Schlag. Auf dem Foto sieht man ein ägyptisches Kampfflugzeug. Während des Krieges konnte Israel die Kontrolle über den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, das Westjordanland und Ostjerusalem erlangen. Weil Israel seine Angreifer besiegen konnte, machte der Staat am 19. Juni 1967, neun Tage nach seinem Sieg, Ägypten und Syrien ein Friedensangebot. Darin enthalten die Aufforderung, Israel als Staat anzuerkennen. © AP/dpa
Arabisch-israelischer Krieg
Am 6. Oktober 1973, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, startete eine arabische Militärkoalition unter Führung Ägyptens und Syriens einen Überraschungsangriff, gleichzeitig auf die Sinai-Halbinsel und die Golanhöhen. Nach anfänglichem Erfolg der arabischen Kriegsparteien gelang es Israel, sich zu behaupten. Erst mit dem Friedensvertrag sechs Jahre später am 26. März 1979, normalisierten sich die Beziehungen zwischen Ägypten und Israel. Ägypten war der erste arabische Staat, der das Existenzrecht Israels anerkannte. © afp
Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten, Jimmy Carter schüttelt dem ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat die Hand.
Das Friedensabkommen vom 26. März. 1979 war ein wichtiger Meilenstein. US-Präsident Jimmy Carter gratulierte damals dem ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat und dem israelischen Premierminister Menachem Begin vor dem Weißen Haus. Nach den Camp-David-Verhandlungen unterzeichneten sie den Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern dort. © Consolidated News Pictures/afp
Beschuss im Libanonkrieg
1982 begann mit dem Libanonkrieg der erste große israelisch-arabische Konflikt, der von Israel gestartet wurde. Die Kriegsparteien waren die israelische Armee und verbündete Milizen auf der einen, die PLO und Syrien auf der anderen Seite. Israel besetzte im Rahmen des Krieges zwischen 1982 und 1985 den Süden Libanons. Später richtete Israel daraufhin dort eine „Sicherheitszone“ ein, die aber Angriffe der Hisbollah aus dem Libanon auf nordisraelische Städte nicht verhindern konnte. Am 25. Mai 2000 zog die israelische Armee aus dem Südlibanon ab.  © Dominique Faget/afp
Soldaten und Kinder bei der Intifada 1987
Am 8. Dezember 1987 brach im Westjordanland und im Gazastreifen ein gewaltsamer Aufstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung aus. Diesen Aufstand nennt man Intifada. Auf dem Foto ist zu sehen, wie israelische Soldaten Kinder anweisen, das Gebiet zu verlassen, als Hunderte von Demonstranten Steine und Flaschen schleudern.  © Esaias Baitel/afp
Hamas-Kundgebung im Gaza-Streifen
Die PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation), die ihre Zentrale in Tunis hatte, wollte einen eigenen palästinensischen Staat ausrufen, hatte aber keine Kontrolle über die entsprechenden Gebiete. Im Zuge dessen kam es zu einem Gewaltausbruch, der erst 1991 abnahm. 1993 wurde schließlich mit dem Osloer Abkommen die erste Intifada beendet. © Ali Ali/dpa
Der PLO-Führer Yasser Arafat und der israelischen Premierminister Yitzahk Rabin schütteln sich 1993 die Hände.
Nach Jahrzehnten von Gewalt und Konflikten unterschrieben am 13. September 1993 Israels Außenminister Shimon Peres und Mahmoud Abbas, Verhandlungsführer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), unter Aufsicht der russischen und amerikanischen Außenminister die „Osloer Verträge“. Das Foto des Händedrucks zwischen Palästinenservertreter Jassir Arafat und dem israelischen Ministerpräsident Yitzhak Rabin und US-Präsident Bill Clinton wurde weltberühmt. © J. David Ake/afp
Yasir Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin erhalten den Friedensnobelpreis
Nach der Unterzeichnung der Osloer Verträge bekamen Jassir Arafat, Schimon Peres und Yitzhak Rabin den Friedensnobelpreis für 1994. Hier die Preisträger zusammen mit ihrer Medaille und ihrem Diplom im Osloer Rathaus. Die Friedensverträge wurden damals als wichtiger Startpunkt für Frieden in der Region gesehen. © Aleksander Nordahl/Imago
Bill Clinton, König Hussein und Rabin bei der Friedenssitzung
1994 folgten Friedensverhandlungen zwischen Jordanien und Israel 1994 im Weißen Haus. Auf dem Foto ist zu sehen, wie der jordanische König Hussein und der israelische Premierminister Yitzahk Rabin bei der Friedenssitzung sich die Hände schütteln. © Imago/ ZUMA Press
Sarg von Yitzhak Rabin, Geschichte des Kriegs in Israel
Mit der Hoffnung auf Frieden in der Region wurde der Hass von israelischen Extremisten größer. Diese wollten Abkommen mit den arabischen Staaten und der PLO nicht akzeptieren. So wurde Yitzhak Rabin zur Zielscheibe und wurde 1995 im Anschluss an eine große Friedenskundgebung in Tel Aviv von einem rechtsextremen Juden ermordet. Das Foto zeigt den Sarg des Premierministers in Jerusalem bei seiner Beerdigung.  © Jim Hollander/dpa
Junge schießt mit Katapult bei der zweiten Intifada, Geschichte des Krieges in Israel
Obwohl es in den 1990er Jahren mit den Osloer Verträgen große Hoffnung auf Frieden gab, hatte sich die Situation nach der Ermordung von Yitzhak Rabin massiv aufgeheizt. 2000 kam es zur zweiten Intifada, dem gewaltvollen Aufstand der Palästinenser mit Straßenschlachten. Die zweite Intifada dauerte bis 2005. © Imago/UPI Photo
Israelische Soldaten 2006, Geschichte des Krieges in Israel
2006 kam es wieder zwischen Israel und dem Libanon zum Krieg. Die Auseinandersetzung wird auch 33-Tage-Krieg oder zweiter Libanon-Krieg genannt, weil sie nach gut einem Monat am 14. August 2006 mit einem Waffenstillstand endete. Das Foto zeigt einen israelischen Soldaten im Libanon-Krieg im Jahr 2006. Eine israelische Artillerieeinheit hatte soeben an der libanesisch-israelischen Grenze in den Libanon gefeuert. Fast 10.000 israelische Soldaten kämpften in der Nähe von etwa einem Dutzend Dörfern im Südlibanon gegen Hisbollah-Kämpfer.  © Menahem Kahana/afp
Israelisches Militär feuert auf Ziele im Libanon
Auslöser des Libanon-Kriegs waren anhaltende Konflikte zwischen der Terrororganisation Hisbollah und der israelischen Armee. Um die Angriffe zu stoppen, bombardierte die israelische Luftwaffe die Miliz aus der Luft und verhängte eine Seeblockade. Die Hisbollah antwortete mit Raketenbeschuss auf den Norden Israels. Später schickte Israel auch Bodentruppen in den Süden von Libanon.  © Atef Safadi/dpa
Angriff im Süden von Beirut
Die libanesische Regierung verurteilte die Angriffe der Hisbollah und forderte internationale Friedenstruppen, um den Konflikt zu beenden. Am 14. August 2006 stimmten schließlich nach einer UN-Resolution die Konfliktparteien einem Waffenstillstand zu. Sowohl die Hisbollah als auch Israel sahen sich als Sieger.  © Wael Hamzeh/dpa
Krieg in Israel
2014 startete die israelische Armee (IDF) mit der Operation Protective Edge am 8. Juli eine Militäroperation, weil die Hamas aus dem Gazastreifen immer wieder Israel beschoss. Ab dem 26. Juli 2014 folgte eine unbefristete Waffenruhe, die kanpp neun jahre währte.  © Abir Sultan/dpa
Jahrestag der Angriffe auf Israel am 7. Oktober
Am 7. Oktober 2023 startete die Hamas einen Überraschungsangriff auf Israel mit Raketenbeschuss und Bodeninfiltrationen aus dem Gazastreifen, was zu schweren Verlusten und der Entführung zahlreicher Geiseln führte. Hier ist eine Gesamtansicht der zerstörten Polizeistation in Sderot nach den Angriffen der Hamas-Terroristen zu sehen.  © Ilia Yefimovich/dpa
Jahrestag der Angriffe auf Israel am 7. Oktober
Bei dem Überfall der Hamas und anderer extremistischer Gruppierungen auf Israel wurden rund 1200 Menschen getötet und mehr als 250 Israelis als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Seitdem wurden laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen Zehntausende Menschen getötet, darunter auch viele Frauen und Minderjährige. © Ilia Yefimovich/dpa

Historiker Tom Segev hofft auf Ende des Israel-Krieges: „Muss zu Ende gehen“

Viele beschuldigen Israel der ethnischen Säuberung, wie der Holocaust-Forscher Omar Bartov, und manche halten sogar einen Völkermord für möglich. Wie sehen Sie das?

Ethnische Säuberung ist kein zutreffender Begriff. Ich habe Omar Bartov, mit dem ich befreundet bin, dasselbe gesagt: Warum beschreibst du es nicht so, wie es ist, es ist schlimm genug.

Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs gegen die Einschränkung seiner Rechte gegenüber dem Parlament hat den liberalen Israelis Hoffnung gegeben. Ihnen auch?

Ich glaube, dass die erste Offensive der sogenannten Justizreform gescheitert ist. Sie haben verloren, weil sie nicht genügend politische Maßnahmen ergriffen haben.

Die deutsche Außenministerin Baerbock reiste nach Israel, um die Regierung Netanjahu zur Mäßigung aufzufordern. Auch US-Außenminister Blinken hat sich angesagt. Was erhoffen Sie sich von den Besuchen?

Ich hoffe, dass die Amerikaner uns klar machen, dass der Krieg nicht weitergehen kann, dass er zu Ende gehen muss. Und dass die Geiseln dann freigelassen werden können. Vielleicht leben sie dann gar nicht mehr. Der Krieg muss zu Ende gehen. Er hat nichts Gutes gebracht.

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