Die US-Philosophin Judith Butler wertet die Gräuel der Hamas als „Akt des bewaffneten Widerstands“ und erntet eine Welle der Kritik.
Gaza – Der Angriff der Hamas auf israelische Zivilisten und Zivilistinnen am 7. Oktober 2023 hat die Menschen in Israel bis heute in einen Ausnahmezustand versetzt. Die Taten der Hamas waren grausam und richteten sich vor allem gegen wehrlose Menschen. Die israelische Reaktion auf diesen Angriff der Hamas hat mittlerweile über 30 000 Menschenleben auf palästinensischer Seite gefordert, zwei Drittel davon Frauen und Kinder, zwei Millionen Menschen wurden vertrieben.
Die Debatte darüber, ob die Hamas-Gräuel in einem Kontext der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern gesehen werden müssen oder nicht, wurde von Beginn an geführt, sie erhitzt auch weiterhin die Gemüter.
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Die Philosophin Judith Butler hatte in einem FR-Interview bereits gesagt: „Historisch zu verstehen, warum es zu dieser Gewalt kam, ist nicht gleichbedeutend mit der Billigung von Gewalt.“ Wenn man nur daran interessiert sei, zu klären, wer für die Anschläge am 7. Oktober verantwortlich sei, „dann beginnen wir die Geschichte an diesem Tag. Wenn wir aber verstehen wollen, wie es zu diesen Anschlägen kam, dann müssen wir viel früher mit der historischen Erklärung beginnen“. Sie verwies dabei auf die jahrzentelange Besatzung palästinensischer Gebiete durch Israel. Butler ist bei ihrer Position geblieben. Im Rahmen einer Veranstaltung unter dem Titel „Gegen Antisemitismus, seine Instrumentalisierung und für den revolutionären Frieden in Palästina“ hat sie kürzlich erneut Stellung zu dem Hamas-Angriff bezogen. Die ursprünglich im Dezember im Cirque électrique de la Porte des Lilas in Paris geplante Veranstaltung war abgesagt worden. „Meine Vorträge wurden wegen Drohungen gegen mich verschoben. Sie werden neu angesetzt.“, teilte Judith Butler der „Frankfurter Rundschau“ mit.
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Butler war wegen ihrer Haltung zu den Ereignissen bereits mehrfach in die Kritik geraten. Die Äußerungen der Wissenschaftlerin sind im sozialen Netzwerk „X“ (vormals Twitter) zu finden, allerdings nur ausschnitthaft. Darauf zu sehen: Im Pariser Vorort Pantin erklärt die jüdische US-Philosophin dem Publikum, dass der von der Hamas am 7. Oktober verübte Angriff ein „Aufstand“ gewesen sei. Die an der US-Universität Berkeley lehrende Pionierin der Gender-Studies sagte weiter, die Attacke der Hamas sei weder „ein terroristischer Angriff“ noch „ein antisemitischer Angriff“ gewesen, sondern „ein Akt des bewaffneten Widerstands“.
„Wir können unterschiedliche Positionen zur Hamas als politischer Organisation haben“, sagte sie auf Englisch, „und auch zum bewaffneten Widerstand. Aber ich denke, es ist ehrlicher und historisch korrekter, zu sagen, dass der Aufstand vom 7. Oktober ein Akt des bewaffneten Widerstands war. Es war kein Terroranschlag, es war kein antisemitischer Angriff: Es war ein Angriff auf die Israelis. Und Sie wissen, dass mir dieser Angriff nicht gefallen hat, das habe ich öffentlich gesagt. (...) Allerdings wäre ich wirklich dumm, wenn ich beschließen würde, dass die einzige Gewalt in dieser Region gegen das israelische Volk gerichtet ist.“
Butler betonte mehrfach, dass sie diesen Angriff auf Israelis „nicht gemocht“ habe, das sei von ihr öffentlich wiederholt geäußert worden. Butler: „Es war quälend für mich, es war schrecklich.“ Butler betonte, dass es nicht nur Gewalt gegen Israel gegeben habe. Seit Jahrzehnten erlitten die Palästinenser Gewalt durch die israelische Seite. Der 7. Oktober sei daher als ein Aufstand aus einer Position der Unterdrückung heraus gegen einen gewalttätigen Staatsapparat zu verstehen.
„Blick in den Abgrund“
Sie machte im weiteren Verlauf ihrer Ausführungen den Antisemitismus, den auch sie immer wieder erfahre, dafür verantwortlich, dass Jüdinnen und Juden davon abgehalten würden, den „Genozid“, wie Butler es bezeichnete, den Israel begehe, zu kritisieren.
Die Reaktionen in den sozialen Medien waren besonders in Deutschland heftig. Der Politikwissenschaftler Carlo Masala retweetete den Ausschnitt und schrieb: „So kaputt die Frau“. „Man sieht in einen Abgrund“, kommentierte der Kolumnist Jan Fleischhauer. Andere hingegen verteidigten Butler, sie sei eben eine Philosophin. Es gehe ihr darum, den Disput über die Legitimität der Mittel zu eröffnen. (Michel Hesse)