Apokalyptische Prognose

Forschende in großer Sorge: Bis 2050 könnten mehrere Großstädte an der US-Küste verschwunden sein

+
Insgesamt 32 Küstenstädte - darunter auch New York und Miami - müssen mit regelmäßigen verheerenden Überflutungen rechnen.
  • schließen

Eine aktuelle Studie zeichnet ein apokalyptisches Bild: Bis 2050 könnten elf Großstädte an der US-Küste unter Wassermassen verschwunden sein. Grund ist eine unheilige Allianz.

Washington – New York, New Orleans, Miami, Los Angeles: Rund 30 Prozent der Menschen in den USA leben an den Küsten des Atlantik, des Golf von Mexiko und des Pazifik, Tendenz steigend. Dies könnte sich schon sehr bald deutlich ändern. Forscher:innen haben nun eine Studie im renommierten Journal „Nature“ veröffentlicht, die damit rechnet, dass bis ins Jahr 2050 elf Großstädte an der US-Küste verschwunden sein könnten. Insgesamt 32 Küstenstädte – darunter auch New York und Miami – müssen mit regelmäßigen verheerenden Überflutungen rechnen. Mit ihrem Bericht appellieren sie an die US-Politik, jetzt die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, legen aber auch dar, warum ein gesellschaftlich-strukturelles Problem das Land sehenden Auges in eine Katastrophe führen wird.

11 Bilder zeigen, wie Kinder auf der ganzen Welt vor der Klimakatastrophe fliehen müssen

Ein Kind schützt sich mit einem Plastikstuhl vor dem starken Regen in Bilwi (Nicaragua). Es steht an der Stelle, an der einst sein Haus stand, nachdem es durch die starken Winde, Wellen und Regenfälle des Hurrikans Iota Mitte November 2020 zerstört worden war.
Ein Junge schützt sich mit einem Plastikstuhl vor dem starken Regen in Bilwi (Nicaragua). Er steht an der Stelle, an der einst sein Haus stand. Es wurde durch die starken Winde, Wellen und Regenfälle des Hurrikans Iota Mitte November 2020 zerstört, weshalb UNICEF vor Ort Hilfe leistete. © UNICEF/UN0372375/Ocon/AFP-Services
Die neunjährige Jennifer und Manuel Moreno von UNICEF fahren in einem Boot dorthin, wo sich früher die Schule des Mädchens befand. Auch in Guatemala wurden 2020 vom Hurrikan Eta und Iota 387.960 Häuser beschädigt. In 317 Notunterkünften kamen die Menschen damals unter.
Die neunjährige Jennifer und Manuel Moreno von UNICEF fahren in einem Boot dorthin, wo sich früher die Schule des Mädchens befand. In Guatemala wurden 2020 vom Hurrikan Eta und Iota 387.960 Häuser beschädigt. In 317 Notunterkünften kamen die Menschen damals unter. © UNICEF/UN0377672/Billy/AFP-Services
Am 24. Mai 2022 trägt die 10-jährige Hibo Wasser in einem Kanister zu ihrem provisorischen Haus im Binnenvertriebenenlager Kaharey in Dollow (Somalia). „Wir haben unser Haus in Guriel verlassen und sind zehn Tage lang gelaufen, um das Lager Kaharey zu erreichen“, sagt sie. Nach drei aufeinanderfolgenden Regenfällen sind 29,1 Millionen Menschen in Somalia, Äthiopien und Kenia im Jahr 2022 auf dringende humanitäre Hilfe angewiesen, die UNICEF bereitstellt.
Am 24. Mai 2022 trägt die 10-jährige Hibo Wasser in einem Kanister zu ihrem provisorischen Haus im Binnenvertriebenenlager Kaharey in Dollow (Somalia). „Wir haben unser Haus in Guriel verlassen und sind zehn Tage lang gelaufen, um das Lager Kaharey zu erreichen“, sagt sie. Nach drei aufeinanderfolgenden Regenfällen sind 29,1 Millionen Menschen in Somalia, Äthiopien und Kenia im Jahr 2022 auf dringende humanitäre Hilfe angewiesen, die UNICEF bereitstellt. © UNICEF/UN0644298/Fazel
Am 27. Februar 2023 gehen drei Jungen an überfluteten Feldern in Bentiu, Unity State im Südsudan, vorbei. Schwere Regenfälle und ausgedehnte Überschwemmungen haben Tausende von Menschen in dieser Region gezwungen, aus ihren Häusern zu fliehen. Die vertriebenen Gemeinschaften leben in provisorischen Siedlungen auf begrenzten Flecken höher gelegenen Landes oder in Gebieten, die von Schlammdämmen umgeben sind, wo der Platz und die Ressourcen knapp sind. Laut UNICEF herrscht dort die schlimmste humanitäre Krise seit der Unabhängigkeit des Südsudans im Jahr 2011.
Am 27. Februar 2023 gehen drei Jungen an überfluteten Feldern in Bentiu, Unity State im Südsudan, vorbei. Schwere Regenfälle und ausgedehnte Überschwemmungen haben Tausende von Menschen in dieser Region gezwungen, aus ihren Häusern zu fliehen. Die vertriebenen Gemeinschaften leben in provisorischen Siedlungen auf begrenzten Flecken höher gelegenen Landes oder in Gebieten, die von Schlammdämmen umgeben sind, wo der Platz und die Ressourcen knapp sind. Laut UNICEF herrscht dort die schlimmste humanitäre Krise seit der Unabhängigkeit des Südsudans im Jahr 2011. © UNICEF/UN0836941/Naftalin
Am 25. September 2021 holen eine Frau und ein Kind Wasser zum Trinken direkt aus dem Fluss in Canal im Südsudan. Das Land leidet zunehmend unter den Folgen des Klimawandels. Nach drei Jahren schwerer Überschwemmungen in Folge sind mehr als zwei Drittel der von den Überschwemmungen betroffenen Bezirke von Unterernährung betroffen, weshalb UNICEF vor Ort war.
Am 25. September 2021 holen eine Frau und ein Kind Wasser zum Trinken direkt aus dem Fluss in Canal im Südsudan. Das Land leidet zunehmend unter den Folgen des Klimawandels. Nach drei Jahren schwerer Überschwemmungen in Folge sind mehr als zwei Drittel der von den Überschwemmungen betroffenen Bezirke von Unterernährung betroffen, weshalb UNICEF vor Ort war. © © UNICEF/UN0547992/Grarup
Ein Kind in Libemuket (Äthiopien): Klimawandel und Dürre bedrohen in der SNNP-Region dort laut UNICEF die Ernten und den Viehbestand und bringen die örtliche Bevölkerung an den Rand ihrer Existenz.
Ein Kind in Libemuket (Äthiopien): Klimawandel und Dürre bedrohen in der SNNP-Region dort laut UNICEF die Ernten und den Viehbestand und bringen die örtliche Bevölkerung an den Rand ihrer Existenz. © UNICEF/UNI417897/Pouget
Junge Mädchen holen Wasser in der Nähe eines verseuchten Teichs in Allah Abad, Jampur, Süd-Punjab, Pakistan. Schon vor der Monsunzeit im letzten Jahr galt nur etwas mehr als ein Drittel des Wassers in Pakistan als sicher für den Konsum. Die historischen Überschwemmungen beschädigten die meisten Wassersysteme in den betroffenen Gebieten und zwangen mehr als 5,4 Millionen Menschen dazu, sich ausschließlich auf verunreinigtes Wasser aus Teichen und Brunnen zu verlassen. Kinder leiden unter dieser Last durch den Klimawandel laut UNICEF am meisten.
Junge Mädchen holen Wasser in der Nähe eines verseuchten Teichs in Allah Abad, Jampur, Süd-Punjab, Pakistan. Schon vor der Monsunzeit im letzten Jahr galt nur etwas mehr als ein Drittel des Wassers in Pakistan als sicher für den Konsum. Die historischen Überschwemmungen beschädigten die meisten Wassersysteme in den betroffenen Gebieten und zwangen mehr als 5,4 Millionen Menschen dazu, sich ausschließlich auf verunreinigtes Wasser aus Teichen und Brunnen zu verlassen. Kinder leiden unter dieser Last durch den Klimawandel laut UNICEF am meisten. © UNICEF/UN0847828/Haro
„Wir saßen wochenlang zu Hause fest. Der Regen wollte nicht aufhören“, sagt der 13-jährige Sanjay aus Pakistan, wenn er an die Überschwemmungen vom Sommer 2022 zurückdenkt. „Es fühlte sich an wie ein Gefängnis“, sagt er aus dem von UNICEF unterstützten „Children‘s Safe Space“.
„Wir saßen wochenlang zu Hause fest. Der Regen wollte nicht aufhören“, sagt der 13-jährige Sanjay aus Pakistan, wenn er an die Überschwemmungen vom Sommer 2022 zurückdenkt. „Es fühlte sich an wie ein Gefängnis“, sagt er aus dem von UNICEF unterstützten „Children‘s Safe Space“. © UNICEF/UN0847796/Haro
Der achtjährige „Impoy“ Prince Jhay Mark Timonio sitzt in den Trümmern der zerstörten Häuser in Purok, die eine sechs Fuß hohe Flutwelle des Taifuns Odette am 16. Dezember 2021 auf den Philippinen angerichtet hat. UNICEF half nach der Katastrophe dort, rund 845.000 Kindern Hilfe zukommen zu lassen.
Der achtjährige „Impoy“ Prince Jhay Mark Timonio sitzt in den Trümmern der zerstörten Häuser in Purok, die eine sechs Fuß hohe Flutwelle des Taifuns Odette am 16. Dezember 2021 auf den Philippinen angerichtet hat. UNICEF half nach der Katastrophe dort, rund 845.000 Kindern Hilfe zukommen zu lassen. © UNICEF/UN0570020/Hogsholt
Jungs nach dem schweren Tropensturm Nalgae (Paeng)auf den Philippinen am 30. Oktober 2022. Das Foto wurde von Amador Catacutan, Immunisierungsbeauftragter bei UNICEF, aufgenommen.
Jungs nach dem schweren Tropensturm Nalgae (Paeng)auf den Philippinen am 30. Oktober 2022. Das Foto wurde von Amador Catacutan, Immunisierungsbeauftragter bei UNICEF, aufgenommen. © UNICEF/UN0726582/Catacutan
Super-Taifun Noru (lokaler Name Karding) ist der elfte tropische Wirbelsturm, der die Philippinen im Jahr 2022 getroffen hat. Der siebenjährige Carlo Taguyam ist eines der betroffenen Kinder und erzählt UNICEF, die damals Hilfsgüter bereitstellten, von seiner Flucht.
Super-Taifun Noru (lokaler Name Karding) ist der elfte tropische Wirbelsturm, der die Philippinen im Jahr 2022 getroffen hat. Der siebenjährige Carlo Taguyam ist eines der betroffenen Kinder und erzählt UNICEF, die damals Hilfsgüter bereitstellten, von seiner Flucht. © © UNICEF/UN0710512/Dimatatac

Klimawandel wird für katastrophale Überschwemmungen an den US-Küsten sorgen

New Orleans, 29. August, 2005: Hurrikane Katrina erreicht die US-Golfküste und bringt Zerstörung ungeahnten Ausmaßes mit sich. Die sechs Meter hohe Bugwelle, die der Sturm vor sich herschiebt, überflutet 80 Prozent des Stadtgebietes von New Orleans, eine Million Menschen aus der Metropole und den umliegenden Küstenorten fliehen in Richtung Norden, 1500 Menschen verlieren ihr Leben. „New Orleans ist wie eine Badewanne ohne Abfluss“, sagte Stephen Nelson, Professor für Geologie an der Tulane University in New Orleans damals gegenüber CNN. Und noch heute, 17 Jahre später, gibt es Regionen in den Bundesstaaten Louisiana und Mississippi, die sich noch immer nicht von der Naturkatastrophe erholt haben. Die Infrastruktur ist teilweise immer noch stark beschädigt.

Düstere Prognose: US-Küsten werden bis 2050 mit heftigen Überschwemmungen rechnen müssen

Atlantikküste773 bis 951 Quadratkilometer Flutüberschwemmungen
Golfküste528 bis 826 Quadratkilometer Flutüberschwemmungen
Pazifikküste20 bis 40 Quadratkilometer Flutüberschwemmungen

Der Sturm Katrina und seine Folgen sind für das Forscher:innenteam eine Blaupause dessen, was immer wieder bis ins Jahr 2050 an der US-Küste zu erwarten ist. Ursache für solch apokalyptische Szenarien sehen die Forscher:innen in zwei Parametern, die ungünstig aufeinander einwirken: Zum einen gilt es als sicher, dass der Meeresspiegel entlang der US-Küsten bis 2050 um 0,25 bis 0,3 Meter ansteigen wird. Zum anderen kommt noch ein Phänomen hinzu, dem weithin recht wenig Beachtung geschenkt wird: der sogenannten Landsenkung.

Elf Küstenstädte in den USA drohen durch den Klimawandel bis 2050 zu verschwinden

In der aktuellen Studie kombinierten die Forscher:innen nun die Prognose der vertikalen Landbewegung (das Heben und Senken von Land) mit dem Anstieg des Meeresspiegels. Das Ergebnis ist, dass elf Küstenstädte akut gefährdet sind, von Fluten überrollt zu werden. Besonders betroffen ist die Golfküste mit ihren Mega-Städten New Orleans und Miami. Dort rechnet die Studie mit einem Überschwemmungsgebiet von rund 826 Quadratkilometern.

Die US-Politik, so eine Konklusion der Studie, mache viel zu wenig, um der drohenden Katastrophe entgegenzuwirken. Von zehn Städten an der US-Küste, die in dieser Studie untersucht wurden (mit Ausnahme von Miami), verfügen nur drei über Deichsysteme. Es braucht laut den Forscher:innen Hochwasserschutzsysteme, Dämme und Strategien, die Menschen vor den Fluten zu schützen – bisher sind die politischen Ambitionen diesbezüglich eher gering. Und das kommt möglicherweise nicht von ungefähr.

Ausgerechnet eine der strukturschwachen Regionen der USA, die Golfküste, ist den Folgen des Klimawandels und den drohenden Überschwemmungen nahezu schutzlos ausgeliefert. Dort leben vor allem Minderheitsgruppen: Personen, die sich als Schwarze identifizieren und Hispanoamerikaner:innen. In den besonders gefährdeten Gebieten machen Schwarze US-Bürger:innen über 60 Prozent der Bevölkerung aus. Marginalisierte und einkommensschwache Bevölkerungsgruppen haben laut diverser, wissenschaftlicher Studien, die auch die aktuelle Studie anführt, große Schwierigkeiten, sich den bestehenden Gefahren anzupassen und sich von Naturkatastrophen wieder zu erholen. Wiederaufbauhilfen kommen nicht an, Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit bleiben gleichbleibend hoch. Der Klimawandel potenziere die Ungleichheit, kommt auch die Hochwasserstudie zum Schluss.

US-Wahlen in diesem Jahr: Prognose für den Kampf gegen Klimawandel ist schlecht

Dieses Jahr wählen die USA einen neuen Präsidenten. Präsident Joe Biden hat das Thema Klimawandel zu einem zentralen Wahlkampfthema gemacht. Die Republikaner nehmen es nur bedingt ernst. Der Präsidentschaftskandidat der Republikaner, Donald Trump, glaubt nicht an Kipppunkte und weitreichende Veränderungen durch den Klimawandel. Er hat bereits angekündigt, alles wieder rückgängig zu machen, was Präsident Biden in seiner Amtszeit zum Thema Klimaschutz auf den Weg bringen wird. Trumps Umfragewerte sind derzeit hoch. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass die Studie und die damit verbundene Warnung ungehört verhallt.

Kommentare