VonMichael Hesseschließen
Die großen Tech-Unternehmen sammeln Berge von Daten über Milliarden Menschen. Ihr Ziel: Sie wollen uns kontrollieren und unser Handeln automatisieren.
Sie wollten eine bessere Welt. „Don’t be evil“, sei nicht böse, lautete über viele Jahre das inoffizielle Motto von Google. Das habe der Belegschaft über lange Zeit eine klare Leitlinie gegeben, schreiben Kenner der Geschichte von Google. Beim Börsengang von Google erklärten die Gründer Larry Page und Sergei Brin noch, sie seien sogar bereit, auf Gewinne zu verzichten, um das Böse zu vermeiden. Still und heimlich wurde das Motto 2018 ersetzt. Nun sollte sich die Mitarbeiterschaft an dem Satz „Do the right things“ orientieren. Aus dem kleinen Start-up ist mittlerweile ein gigantisches und milliardenschweres Tech-Unternehmen geworden, dem von der Europäischen Kommission Milliarden-Strafen aufgebrummt wurden, weil es eben nicht die richtigen Dinge getan hat – und zu oft böse gewesen ist. Google sammelt und sammelt Daten, es ist zu einem gigantischen Monopol geworden.
In kaum einem Buch wird so eindringlich vor den Gefahren durch Google, Facebook oder Microsoft gewarnt wie in Shoshana Zuboffs „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“. Zuboff beschreibt, wie Google und Facebook die Gesellschaft überrumpelt haben: Öffentliche Daten wurden stillschweigend in ein Wirtschaftsgut verwandelt, und seither sammeln diese Unternehmen in einem unfassbaren Tempo alles, was sie über uns finden können. Doch sie wollen nicht nur einfach Wissen anhäufen – ihr Ziel ist es, unser Verhalten zu automatisieren, wie Zuboff warnt. Sie wollen Kontrolle.
Die Gefahren, die durch den Überwachungskapitalismus gegeben sind, wurden unterschätzt. Lange Zeit glaubten viele, dass die freie Wirtschaft weniger bedrohlich sei als staatliche Überwachung, wenn es um das Anhäufen höchstpersönlicher Daten geht.
Zuckerberg-Kniefall vor Trump
Doch nach dem Kniefall von Mark Zuckerberg vor dem rechtspopulistischen Politiker Donald Trump und dem Eintreten von Elon Musk für rechtsextreme Parteien auch in Europa dämmert es immer mehr Entscheidungsträgern, welch toxischer Mix da gerade im Entstehen begriffen ist.
Mark Zuckerberg bezeichnet die Standards, die Facebook noch von einer „Kloake“ wie „X“ unterschieden hatten, nun plötzlich als „Zensur“. Diese werde er auf seinen Plattformen Facebook und Instagram drastisch reduzieren. Am Wochenende legte er nach. Man habe sogar Posts über Nebenwirkungen von Impfungen während der Pandemie löschen müssen. Noch-Präsident Joe Biden nannte die Entscheidung von Meta „beschämend“. Der Staat Brasilien setzte Facebook eine Frist, sich zu erklären. Zuckerberg sprach von einem „kulturellen Wendepunkt“. Kritiker sehen darin nichts anderes als eine Einladung zur Verbreitung von Hass und Desinformation.
Facebook, der größte Publisher der Welt, veröffentlicht zwar selbst keine Inhalte, aber er steuert diese über seine Algorithmen und somit die Inhalte, die mehr als drei Milliarden Nutzer und Nutzerinnen weltweit auf der Plattform zu sehen bekommen. Rechte und rechtsextreme Inhalte erhielten laut Studien bereits vor Jahren eine deutlich höhere Sichtbarkeit. Zuboff spricht von einer neuen Ära der Lügen, die durch den Überwachungskapitalismus eingeleitet wird. Diese Lügen können ihrer Meinung nach ausreichen, um Demokratien zum Einsturz zu bringen und Diktaturen lange Zeit zu stützen.
Gigantische Gefahr für die Freiheit der Menschen
Es ist eine neue Art des Kapitalismus, die uns in eine neue politische Ära katapultieren könnte. Nach Zuboff basiert dieser Kapitalismus, auf der heimlichen Extraktion von Verhaltensdaten, die mithilfe künstlicher Intelligenz ausgewertet werden. Menschliche Erfahrungen werden zu Rohdaten, aus denen Unternehmen Profit schlagen. Die Operationen dieser Unternehmen seien geheim und kaum zu entschlüsseln. Das sei eine gigantische Gefahr für die Freiheit der Menschen. Dieser Überwachungskapitalismus baue auf historischen Wissensasymmetrien auf: „Überwachungskapitalisten wissen alles über uns. Wir hingegen wissen kaum, was sie über uns wissen oder wie sie dieses Wissen nutzen.“
Die Enthüllungen von Edward Snowden haben bereits vor mehr als einem Jahrzehnt verdeutlicht, welche Macht die Kombination aus staatlicher Überwachung und Technologie darstellen kann. Snowden deckte die weltweiten Spähprogramme des US-Geheimdienstes NSA auf – seitdem lebt er im russischen Exil. Die NSA überwacht Millionen Menschen weltweit: Telefongespräche, Internetnutzung und Standortdaten werden nach wie vor ohne Wissen der Betroffenen aufgezeichnet. Snowdens Enthüllungen lösten eine Welle der Empörung aus – doch viele der von ihm aufgedeckten Praktiken bestehen bis heute und kaum jemanden interessiert es besonders.
Aber auch die sich in privater Hand befindlichen Tech-Giganten haben bereits großen Schaden angerichtet. Der israelische Historiker und Intellektuelle Yuval Noah Harari beschreibt sie in seinem Buch „Nexus“: wie sie 2017 zur Gewalt gegen die muslimischen Rohingya in Myanmar beitrugen, indem sie Hass und Wut gezielt verstärkten. Harari fordert deshalb: „Tech-Unternehmen müssen für die Handlungen ihrer Algorithmen haften.“
Zuckerberg, Musk und andere haben Trump früher massiv kritisiert
Ein wirksamer politischer Wille sei entscheidend, um solche Unternehmen zu regulieren. Besonders die Europäische Union habe das Potenzial, strenge Regeln für Künstliche Intelligenz und Algorithmen durchzusetzen. Harari warnt jedoch, dass dies in den USA unter Donald Trump kaum zu erwarten sei. Und auch in Deutschland wachsen die Zweifel, ob man die Macht dieser Riesen noch einhegen kann. Die großen Tech-Konzerne hätten eine „unglaubliche Meinungsmacht“, sagte im ZDF Martin Andree, Professor für Medienwissenschaft an der Uni Köln. Viele von ihnen seien „Team Trump“. Sich mit ihnen anzulegen, bedeute, den Konflikt mit dem US-Präsidenten zu suchen. Zuckerberg, Musk und andere hatten Trump in dessen erster Präsidentschaft noch massiv kritisiert. Doch offenbar zeigte Biden nicht genug Aufmerksamkeit für das Silicon Valley, weshalb sie nun zu Trump überlaufen.
„Don’t be evil“, sei nicht böse: Die einstigen Utopien der Silicon-Valley-Gründer, die Welt durch Technologie besser zu machen, haben sich ins Gegenteil verkehrt. „Utopien sind ein Blankoscheck, grauenhafte Dinge zu tun. Eine perfekte Zukunft wird genutzt, um eine grausame Gegenwart zu rechtfertigen“, warnt Harari. Noch könne man etwas tun, viel Zeit bleibe nicht mehr.

