- VonBettina Menzelschließen
Kurz nach dem Start des Konkurrenten Threads gibt Elon Musk ein neues Twitter-Beteiligungsmodell bekannt, von dem offenbar vor allem rechte Influencer profitieren.
Update vom 9. August, 15.02 Uhr: Ehemalige Twitter-Mitarbeiter:innen hatten bei der Einführung des neuen Influencer-Programms von Twitter (neuer Name: X) gegenüber der Washington Post von einem „PR-Gag“ gesprochen. Im vergangenen Monat hatte die Plattform an eine handverlesene Gruppe an - meist rechten - Influencern Zahlungen geleistet, kurz darauf wurden die Auszahlungen aber auf unbestimmte Zeit eingestellt. Am Samstag gab X-CEO Elon Musk höchstpersönlich bekannt, das Interesse der Influencer an der Umsatzbeteiligung habe „unsere Erwartungen bei weitem übertroffen, sodass die Bearbeitung noch ein paar Tage dauern wird“. In gewohnter Manier kündigte er zudem großspurig in Kürze „bedeutende Auszahlungen“ an. Auch der Twitter-Support sprach von verzögerten Zahlungen.
Elon Musk rudert bei Auszahlungen zurück: X hat noch weitere unbezahlte Rechnungen
Branchenkenner zeigten sich wenig überrascht von dieser Ankündigung. Denn das Unternehmen blickt auf eine Reihe ausstehender Zahlungen zurück, darunter auch Mieten für die Nutzung von Gebäuden in London und San Francisco oder nicht bezahlte Gehälter von ehemaligen Twitter-Mitarbeitern in Afrika. Insgesamt seien Klagen über unbezahlte Rechnungen im Gesamtwert von 14 Millionen US-Dollar eingereicht worden, hieß es Recherchen des Wall Street Journals zufolge.
Der Technologieexperte Casey Newton von Platformer schlug im Zuge der jüngsten Entwicklungen sogar vor, die Art und Weise, wie Medien über Elon Musks Äußerungen berichten, grundlegend zu ändern. Musk dehne die Wahrheit so lange, bis sich auflöse, so der Experte. Spätestens seit der Firmenchef über Tesla gelogen habe und behauptet habe, dass die Finanzierung für die Privatisierung des Elektroautobauers gesichert sei, sollten alle Äußerungen des Milliardärs mit einer gesunden Portion Skepsis versehen werden, so Newton.
Elon Musk kündigt an, Influencer anhand von angezeigten Werbeanzeigen auszuzahlen
Erstmeldung vom 24, Juli: San Francisco – Seitdem Elon Musk den Kurznachrichtendienst Twitter im vergangenen Oktober übernahm, halbierten sich die Werbeeinnahmen auf der Plattform, wie der Tech-Milliardär jüngst selbst einräumte. Dabei sind Anzeigenerlöse traditionell die zentrale Geldquelle des Dienstes. Nun kündigte Twitter an, erstmals Werbeeinnahmen mit Content-Ersteller:innen teilen zu wollen – davon profitieren vor allem prominente rechtsextreme Influencer:innen, wie die Washington Post berichtete.
Neues Influencer-Programm auf Twitter: Auch Frauenfeind Andrew Tate verdient kräftig mit
Wer genau Teil des neuen Influencer-Programms werden kann, war zunächst unklar. In einem Blogbeitrag gab Twitter bekannt, dass die Teilnahmemöglichkeit auf Berechnungen basiere, in die unter anderem die Anzahl der Antworten auf Beiträge sowie monatliche Impressionen von Tweets einfließen würden – mindestens 15 Millionen innerhalb der vergangenen drei Monate. Dem widersprach Twitter-Chef Musk am Freitag jedoch höchstpersönlich. Auf seiner Plattform schrieb er, dass die Auszahlungen an die Influencer:innen nicht an öffentliche Impressionen gebunden seien. „Entscheidend ist, wie viele Werbeanzeigen anderen verifizierten Nutzern gezeigt wurden“, so Musk.
It’s not exactly per impression. What matters is how many ads were shown to other verified users.
— Elon Musk (@elonmusk) July 14, 2023
Only verified users count, as it is otherwise trivial to game the system with bots.
Ein Großteil jener, die an der neuen Twitter-Regel verdienen, zählen offenbar zum rechten Spektrum, darunter auch der umstrittene Brite Andrew Tate. Der 36-Jährige wurde zusammen mit seinem Bruder in Rumänien unter anderem wegen Vorwürfen des Menschenhandels, Vergewaltigung und Bildung einer organisierten kriminellen Vereinigung angeklagt. In seinen Videos verbreitet Tate teilweise frauenfeindliche und bisweilen gewalttätige Lebensweisheiten. Eigenen Angaben zufolge spülte die neue Twitter-Beteiligung ihm bislang 20.000 US-Dollar in die Kassen. Auch die rechtspopulistischen Journalist:innen Ian Miles Cheong, Benny Johnson und Ashley St. Clair gaben an, bereits bis zu fünfstellige Beträge verdient zu haben.
Nicht alle rechtspopulistischen Influencer dürfen ins neue Twitter-Programm – das sorgt für Ärger
Das Programm ist vorerst nur für Abonnent:innen von Twitter Blue sowie in Ländern verfügbar, in denen es die Zahlungsplattform Stripe gibt. Neue Bewerbungen sind derzeit offenbar nicht möglich. Ehemalige Twitter-Mitarbeiter:innen sehen die Einführung kritisch und sprachen gegenüber der Washington Post von einem „PR-Gag“. Ein früherer Manager der Kurznachrichtenplattform bezeichnete unter Vorgabe der Anonymität die von Twitter verwendete angebliche Metrik als komplett erfunden. „Es fühlt sich wirklich so an, als würden sie willkürlich Schecks an Leute ausstellen, die sie mögen, was keine nachhaltige Strategie für Kreative ist.“
Offenbar äußerten sich auch einige Rechtskonservative im privaten Rahmen recht aufgebracht darüber, dass sie nicht Teil des Programms seien, wie die konservative Influencerin Krist Ruby laut Washington Post verriet. „Ich denke, dass es einige konservative Content-Creator gibt, die unglücklich sind“, so Ruby. Die Nutzungsbedingungen würden nicht „gleichmäßig angewendet.“ Öffentlich würden sich die Betroffenen dazu nicht äußern wollen, um sich nicht „dem Zorn von Elon auszusetzen“ und dem, was passiere, „wenn man ihn kritisiert“. Ruby selbst zeigte sich ganz offen unzufrieden. „Die Leute haben bezahlt, um mich zu abonnieren, und Twitter hat 100 Prozent des Geldes behalten. Bis heute habe ich null Dollar für die bezahlten Abonnenten erhalten, die ich auf dieser Plattform hatte“, schrieb sie auf Twitter.
Auch politisch neutrale Nutzer der Plattform übten Kritik, etwa Matt Navarra von Geekout. „Es ist ziemlich lahm, dass ich keine Auszahlung erhalte“, so Navarra, der die Beschreibung in seiner Biografie daraufhin auf „unbezahlter Twitter Creator“ änderte. Die Ankündigung des neuen Influencer-Programms kam kurz nach dem erfolgreichen Start des Twitter-Konkurrenten Threads von Mark Zuckerbergs Meta-Konzern. Mit über 100 Millionen Anmeldungen in weniger als einer Woche wurde Threads zur bislang am schnellsten wachsenden App aller Zeiten.