Infektionen nehmen stark zu

Atemwegserkrankungen in Deutschland: Welchen Einfluss hat Corona auf eine mögliche neue Rekordwelle?

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Atemwegsinfekte nehmen momentan zu. Erste Höchstwerte wurden bereits überschritten. Am stärksten geht das Coronavirus um – doch auch andere Erreger sind im Kommen.

Frankfurt – Sobald es draußen kühler wird, haben Krankheitserreger leichteres Spiel. Fast überall wird daher derzeit auch gehustet und geschnieft. Atemwegserkrankungen sind in Deutschland wieder auf dem Vormarsch – Tendenz steigend. Das ist statistisch belegt: 7.500 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner zählte das Robert-Koch-Institut (RKI) in der Woche vom 30. Oktober bis 5. November.

Im Vergleich zur Vorwoche, die mit 8.500 Erkrankten einen neuen Rekordwert für diese Kalenderwoche erreichte, ist das zwar ein leichter Rückgang. Dennoch wurde ein neuer Spitzenwert erreicht – und das sehr früh in der laufenden Erkältungssaison.

Atemwegsinfekte nehmen zu – Vor allem Corona verbreitet sich wieder verstärkt

Nach Schätzungen des RKI waren in der vergangenen Woche rund 6,2 Millionen Menschen in Deutschland an einem Atemwegsinfekt erkrankt. Der frühe Anstieg der Erkrankungswelle ist bemerkenswert. Die Gründe dafür sind bislang noch unklar. „Die ersten kalten Wochen im Herbst sorgen erfahrungsgemäß immer für einen deutlichen Anstieg der Infekt-Fälle in unseren Praxen“, erklärt Markus Beier, Bundesvorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, der Deutschen Presseagentur (dpa).

Fest steht allerdings: Das Coronavirus hat die herkömmlichen Rhino- oder Erkältungsviren überholt. Seit Juli steigt die Zahl der nachgewiesenen Sars-CoV-2-Infektionen kontinuierlich an; und damit schon seit den warmen Sommertagen. Nun haben sie sich an die Spitze gesetzt.

Die Erkrankungen mit Atemwegserregern nehmen derzeit wieder stark zu.

Laut dem aktuellen Wochenbericht des RKI wurden in den 66 Proben mit Virusnachweis, die im Rahmen der Sentinel Surveillance des RKI eingesandt wurden, 32 Fälle von Sars-CoV-2 nachgewiesen (rund 49 Prozent). In 26 Fällen (39 Prozent) ging die Erkrankung auf einfache Rhinoviren zurück, die einen gewöhnlichen Schnupfen verursachen. Bei der Sentinel-Überwachung senden beteiligte Arztpraxen Proben von Patientinnen und Patienten mit Atemwegsinfekten ein. Das Robert-Koch-Institut bestimmt dann die genaue Art der jeweiligen Viren.

Zahl der Atemwegsinfekte steigt zwar, bisher aber nur wenige Grippefälle

Dabei zeigte sich außerdem: Die Grippewelle hat noch nicht begonnen. Influenzaviren, die eine „echte“ Grippe auslösen können, spielen noch keine maßgebliche Rolle am Krankheitsgeschehen. In den Proben, die in den aktuellen Wochenbericht eingeflossen sind, wurde nur ein Fall nachgewiesen. Seit Anfang Oktober wurden erst etwa 900 bestätigte Fälle im Bericht erfasst. Das ist nur ein Zehntel des Wertes aus dem Vorjahr.

2022 hatte bereits Ende Oktober eine heftige Grippewelle um sich gegriffen, was ungewöhnlich früh gewesen war. Fachleute hatten dies darauf zurückgeführt, dass es wegen der Corona-Pandemie zu einem gewissen Nachholeffekt bei anderen Atemwegserkrankungen gekommen war. Dadurch wurden bei den Grippefällen schon im Dezember neue Rekordwerte erreicht. Normalerweise erreicht die Grippesaison ihren Höhepunkt im Januar.

In der aktuellen Krankheitswelle spielen RSV und Grippe noch keine große Rolle

Da im letzten Herbst auch das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) zeitgleich für eine schwere Infektionswelle gesorgt hatte, waren viele Kliniken und Arztpraxen an ihre Grenzen gekommen. Vor allem auf den Kinderstationen war die Lage teils sehr angespannt gewesen.

Ein solches Szenario zeichnet sich derzeit nicht ab. Denn Infektionen mit RSV wurden bisher ebenfalls nur vereinzelt nachgewiesen. Eine Prognose für die weitere Saison ist laut RKI schwierig, da es unter anderem davon abhänge, ob und wann Erreger wie das RSV oder Grippeviren ansteigen. Auch bleibt abzuwarten, wie sich die aktuell zirkulierenden Varianten des Coronavirus verhalten – also, ob sie bleiben oder ob sie von neuen verdrängt werden.

Aktuelle Coronavarianten „Egis“ und „Pirola“ für den größten Anteil der Atemwegsinfekte verantwortlich

Aktuell dominiert dem RKI zufolge die Variante EG.5 oder „Egis“, ihr Anteil bei den nachgewiesenen Corona-Infektionen beträgt knapp 43 Prozent. Die derzeit ebenfalls unter Beobachtung stehende Variante „Pirola“ (BA.2.86) sorgt für etwa 7 Prozent der Erkrankungen. Die Situation in den Krankenhäusern ist dem RKI-Bericht zufolge gut zu bewältigen und bleibt konstant. Derzeit rechne man nicht mit einer Überlastung der Intensivstationen durch schwere akute Atemwegsinfekte.

In den meisten Altersgruppen ist die Zahl an schweren Infekten, die einen Krankenhausaufenthalt erfordern, momentan niedrig. Auffällig ist jedoch: Vor allem Schulkinder im Alter von fünf bis 14 Jahren erkranken zurzeit vermehrt schwer und müssen im Krankenhaus behandelt werden. Diese Entwicklung bleibt zu beobachten.

Rubriklistenbild: © Philipp Nemenz/IMAGO

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