Konflikt

Russland-Expertin Sabine Fischer: „Putin war von Anfang an aggressiv, chauvinistisch und sexistisch“

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Der russische Präsident Wladimir Putin rückt im Ukraine-Krieg nicht von seinen Maximalforderungen ab.
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Osteuropa-Expertin Sabine Fischer über Friedensverhandlungen, die ukrainische Offensive und warum Russland sich im Inneren fundamental ändern muss.

Frau Fischer, die Offensive der Ukraine auf russischem Gebiet scheint bisher erfolgreich zu sein. Steckt dahinter vor allem ein psychologisches Moment als Therapie für die eigene Bevölkerung nach dem Motto: Seht her, wir schaffen das?
Zu zeigen, dass die Ukraine in der Lage ist, wieder die Offensive zu ergreifen und sogar auf russisches Territorium vorzurücken, ist sehr wichtig für die ukrainische Bevölkerung. Mit dieser Offensive hat die Ukraine schnell die Informationshoheit gewonnen, Russland ist in die Defensive geraten. Der Vorstoß ist auch ein Teil der Kommunikation mit den Unterstützern im Westen, mit denen Kiew schon seit längerem über den Einsatz westlicher Waffen gegen russisches Territorium diskutiert. Da hat die Ukraine ihre Position nochmal sehr deutlich gemacht.
Besteht das Risiko einer Eskalation?
Natürlich wird man von russischer Seite aus weiterhin versuchen, das propagandistisch auszuschlachten, gerade wenn deutsche Panzer auf russischem Boden stehen. Man wird an den Zweiten Weltkrieg erinnern und sich als Kämpfer gegen den Faschismus aufspielen. Es hat in diesem Krieg immer wieder Eskalationsphasen gegeben, aber eine nukleare Eskalation halte ich weiter für sehr unwahrscheinlich. Auch Russland hat schon mehrfach den Weg der Eskalation gesucht, ohne diese Option auch nur in Erwägung zu ziehen. Man kann das bei einer Atommacht nie ganz ausschließen, aber es ist sehr unwahrscheinlich. Russland fehlt seit geraumer Zeit die Fähigkeit zur Offensive. Das hat man nördlich von Charkiw gesehen. Was bislang eskaliert ist, ist der Luftkrieg Russlands gegen die zivile Infrastruktur in der Ukraine.

Ukraine-Krieg war auch bei den Wahlen in Thüringen und Sachsen ein Thema

Auch bei den Wahlen in Ostdeutschland war und ist der Krieg im Osten ein Thema. Es müsse endlich verhandelt werden, so Wagenknecht und Kretschmer unisono. Gibt es eine Chance, jetzt erfolgreich Friedensgespräche zu beginnen?
Zunächst einmal wird immer so getan, als hätte es nie Verhandlungen gegeben, doch das ist Unsinn. Es hat Verhandlungen nach Ausbruch des Krieges gegeben, auch heute noch sprechen beide Seiten über Gefangenenaustausch, Kriegsgefangene werden regelmäßig ausgetauscht, es gibt diese offenen Kanäle also noch. Schwieriger ist es mit den verschleppten Kindern, da ist die russische Seite sehr undurchlässig. Was falsch ist, ist die Dichotomisierung von Krieg und Diplomatie, also entweder versucht man, einen Konflikt mit militärischen Mitteln zu lösen oder mit diplomatischen Mitteln. Verhandlungen bzw. der Möglichkeitsraum für Verhandlungen sind immer mitbestimmt durch die Kriegssituation, durch das militärische Gleichgewicht oder Ungleichgewicht zwischen den Kriegsparteien.
Das heißt konkret?
Zu Beginn des Krieges gab es einen Möglichkeitsraum zugunsten Russlands, wegen des Überraschungseffekts und weil es noch keine internationale Unterstützung für die Ukraine gab. Das hat sich geändert. Putin rückt nicht von seinen Maximalforderungen ab, die Ukraine kann diese Maximalforderungen nicht akzeptieren, ohne ihre eigene Existenz zu gefährden. Die Positionen sind also unvereinbar. Beide Seiten versuchen weiterhin, mit militärischen Mitteln die eigene Position auch im Hinblick auf zukünftige Verhandlungen zu verbessern. Das ist im Übrigen ein weiteres Ziel des Vorstoßes ins Kursker Gebiet. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, und das unterschlagen Äußerungen wie die vom BSW und anderen, dass die Ukraine extrem gefährdet ist, wenn sie aus einer militärisch schwachen Position in Verhandlungen mit Russland eintritt. Nach all den bisher gescheiterten Versuchen sind die Voraussetzungen für Verhandlungen denkbar schlecht. Wenn es uns um den Erhalt eines souveränen ukrainischen Staates geht, dann setzt das eine Stärkung der Ukraine in militärischer Hinsicht voraus – auch im Hinblick auf künftige Verhandlungen.

Welchen Einfluss die US-Wahl auf den Ukraine-Krieg hat

Welche Rolle spielt der Wahlkampf in den USA? Verändert er den Krieg?
Es ist richtig, dass Putin und sein Regime auf die Trump-Karte setzen, aber anders als 2016. Damals hoffte man in Moskau, mit Trump die großen Deals machen zu können, zum Beispiel das „Ukraine-Problem“ im russischen Sinne zu lösen, die westlichen Sanktionsregime aus der Welt zu schaffen. Das ist nicht gelungen und hat in der politischen Elite Moskaus zu extremer Frustration geführt. Jetzt bedeutet die Trump-Karte vor allem, dass mit Trump das Chaos in der amerikanischen Demokratie noch größer wird. Es geht um die Selbstzerfleischung der westlichen Demokratien. Und da spielen die USA eine ganz zentrale Rolle, auch wegen ihrer Strahlkraft in den Westen hinein. Wenn die USA im Chaos versinken, weckt das in Russland große Hoffnungen, dass perspektivisch die Unterstützung des Westens für die Ukraine aufhört und man diesen Krieg gewinnen kann. Das ist eine andere Trump-Karte als 2016.

Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern

Wladimir Putin ist seit dem 24. Februar 2022 auch Kriegsherr – auch wenn in Russland nach offizieller Lesart nur von einer militärischen „Spezialoperation“ in der Ukraine gesprochen wird.
Am 24. Februar 2022 befahl Wladimir Putin den Angriff russischer Truppen auf die Ukraine. Setdem ist er nicht nur Präsident Russlands, sondern Kriegsherr – auch wenn in Russland der Ukraine-Krieg nach offizieller Lesart nur eine militärische „Spezialoperation“ genannt wird. © Mikhail Klimentyev/Imago
Wladmir Putin mit Flottenchef Kurojedow
Von 1975 bis 1982 war der am 7. Oktober 1952 geborene Putin KGB-Offizier, von 1984 bis 1985 besuchte er die KGB-Hochschule in Moskau. Ab 1985 war er in der DDR tätig, hauptsächlich in Dresden. Danach ging es wieder zurück nach St. Petersburg. Vom 25. Juli 1998 bis August 1999 war Putin Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB. In dieser Eigenschaft traf er sich im November 1998 mit Flottenchef Wladmir Kurojedow (rechts). © Stringer/dpa
So sah Wladimir Putin im Alter von 40 Jahren aus, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm.
Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Wladimir Putin im Jahr 1992 im Alter von 40 Jahren, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm. Zwei Jahre später wurde er von einem der Vizebürgermeister zum ersten Vizebürgermeister der Stadt ernannt. Sein politischer Aufstieg nahm Formen an. © Russian Look/IMAGO
Dieses Foto zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahr 1994 in seinem Büro. Damals war er 42 Jahre alt und Vizebürgermeister von St. Petersburg.
In seinem ersten Jahr als erster Vizebürgermeister der Stadt St. Petersburg im Jahr 1994 wurde Wladimir Putin in seinem Büro fotografiert. Damals war er 42 Jahre alt. Von körperlichen Beschwerden aus dieser Zeit ist nichts bekannt. Putin war zudem bereits seit seiner Jugend sportlich und ging unter anderem dem Kampfsport Judo nach, in dem er sich einen Schwarzen Gurt verdiente. © Russian Look/IMAGO
Drei Jahre später enstand dieses Foto von Wladimir Putin zusammen mit Anatoly Sobchak, ehemaliger Bürgermeister von St. Petersburg.
Dieses Foto entstand drei Jahre später, 1997, und zeigt Wladimir Putin – damals 45 Jahre alt – zusammen mit Anatoly Sobchak, dem ehemaligen Bürgermeister von St. Petersburg. © Russian Look/IMAGO
Wladimir Putin mit Boris Jelzin im Kreml.
Im Jahr 1999 übernahm Putin zum ersten Mal das Amt des Ministerpräsidenten – mit Option auf die Nachfolge von Präsident Boris Jelzin (links). Als Jelzin am 31. Dezember 1999 sein Amt niederlegte, übernahm Putin kommissarisch auch die Amtsgeschäfte des Präsidenten. Im Mai 2000 wurde Putin dann regulär zum Präsidenten Russlands gewählt. © dpa
Im Jahr 2000 wurde Putin zum ersten Mal Präsident der Russichen Föderation. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder in Berlin.
Im Jahr 2000 wurde Wladimir Putin erstmals zum Präsidenten der Russischen Föderation gewählt. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Berlin. Die Beiden sollte im weiteren Verlauf eine innige Freundschaft verbinden, die auch über Schröders politische Karriere hinaus Bestand hatte. © Thomas Imo/IMAGO
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen.
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen. © Mikhail Metzel/Imago
Am 7. Mai 2000 legte Putin seinen Amtseid ab.
Am 7. Mai 2000 legte Putin unter den Augen von Boris Jelzin seinen Amtseid ab. Mit einer Ausnahme einer Zeit als Regierungschef von 2008 bis 2012 hat Putin seither das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation inne.  © Imago
Wladimir Putin und Bill Clinton bei der Unterzeichnung eines Vertrages in New York.
Im September 2000 führte Putin der Weg in die USA. Bill Clinton (rechts) war der erste US-Präsident, mit dem er es in den kommenden Jahren zu tun bekam. in seiner Mit dem damals noch amtierenden US-Präsidenten B © Imago
Mit einer Umarmung begrüßen sich Gerhard Schröder und Wladmir Putin im Foyer des Taschenbergpalais in Dresden.
Als Russlands Präsident reiste Putin im September 2001 zu einem dreitägigen Staatsbesuch nach Deutschland. Im Foyer des Taschenbergpalais in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden begrüßte ihn auch der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (links). Die beiden verstanden sich offensichtlich schon damals ausnehmend gut. Die Freundschaft hat auch heute noch Bestand. © Jan-Peter Kasper/dpa
Der schwarze Labrador von Wladimir Putin läuft beim Treffen seines Herrchens mit Angela Merkel durchs Zimmer.
Putin spielt gerne psychologische Spielchen – so auch 2007 mit Kanzlerin Angela Merkel. Bei ihrem Treffen in Sotschi am Schwarzen Meer ließ Putin während einer gemeinsamen Pressekonferenz eine Labradorhündin ohne Leine herumlaufen. Merkel, einst in ihrer Jugend von einem Hund gebissen worden, fühlte sich sichtlich unwohl.  © Dmitry Astakhov/dpa
George Bush und Wladimir Putin spazieren auf dem Gelände von Putins Sommerresidenz Bocharov Ruchei.
George W. Bush (rechts) war der zweite US-Präsident, mit dem es Putin zu tun bekam. Im April 2008 trafen sich beiden Staatschefs auf dem Gelände von Putins Sommerresidenz Bocharov Ruchei. © Imago
Wladimir Putin neuer russischer Regierungschef.
Am 7. Mai 2008 löste Dmitri Medwedew nach zwei Amtszeiten Putin im Amt des russischen Präsidenten ab. Einen Tag danach wählte die Duma Putin auf Vorschlag des neuen Präsidenten zum neuen Regierungschef. Putin blieb auch in dieser Position der starke Mann. © dpa
Im Jahr 2009 ließ sich Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend zur Demonstration von Macht fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt.
Im Jahr 2009 ließ sich Wladimir Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt. Mit solchen Fotos pflegte Putin sein Macho-Image. Er wollte er laut Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ Wirkung in der russischen Bevölkerung erzielen und auch international demonstrieren, dass er ein starker Gegner ist. © epa Alexey Druzhinyn
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben.
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben. Das gilt für Reiten wie offenbar auch fürs Angeln. © Aleksey Nikolskyi/Imago
Putin und Obama stoßen miteinander an.
Am 7. Mai 2012 wurde Putin erneut zum Präsidenten gewählt. Sein Verhältnis zu US-Präsident Barack Obama war von Distanz geprägt. Das war auch im September 2015 bei einer Veranstaltung der Vereinten Nationen in New York der Fall.  © Amanda Voisard/dpa
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause.
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause. © Alexei Nikolsky/Imago
Putin trifft Trump beim Apec-Gipfel in Vietnam.
Als Donald Trump die US-Wahl 2016 gegen Hillary Clinton gewann, hatte Russland wohl seine Hände mit im Spiel. Putin hatte sicher seinen Grund. Mit Donald Trump kam er jedenfalls gut zurecht. Im November 2017 begrüßten sie sich Familienfoto im Rahmen des Gipfeltreffens der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) in Da Nang (Vietnam) herzlich.  © Mikhail Klimentyev/dpa
Der chinesische Präsident Xi Jinping (r) und der russische Präsident Wladimir Putin (l) geben sich am 04.07.2017 im Kreml in Moskau (Russland) bei einem Gespräch die Hände
Unter Putin sind sich Russland und China zuletzt immer nähergekommen. Ein wichtiger Termin war der 4. Juli 2017, als der chinesische Präsident Xi Jiping im Kreml in Moskau zu Besuch war. Damals wurden mehrere Verträge und Wirtschaftsabkommen unterzeichnet. © Sergei Ilnitsky/dpa
Wladimir Putin und Olaf Scholz am Tisch im Kreml.
So pflegt Putin inzwischen seine Gäste zu empfangen – vor allem die aus dem Westen. Am 15. Februar 2022 reiste Kanzler Olaf Scholz nach Moskau. Damals hatte der Ukraine-Krieg noch nicht begonnen. Putin ließ sich von Scholz aber nicht beeindrucken. © Kremlin Pool/Imago
Wladimir Putin im Kreml.
Putin forcierte in seiner dritten Amtszeit die kriegerischen Auseinandersetzungen. Seit dem 21. März 2014 betrachtet Russland die Krim als Teil des eigenen Staatsgebiets, seit September 2015 unterstützt die russische Luftwaffe im Militäreinsatz in Syrien den syrischen Präsidenten Assad im dortigen Bürgerkrieg.  © Sergei Ilnitsky/dpa
Wladimir Putin (links) und Joe Biden schütteln sich bei ihrem Treffen in der „Villa la Grange“ die Hand.
Anlässlich der Genfer Gipfelkonferenz traf sich Putin am 16. Juni 2021 mit US-Präsident Joe Biden zu einem Gespräch. Schon damals waren die russischen Truppenaufmärsche an der Grenze zur Ukraine ein Thema. © Denis Balibouse/dpa
Wladimir Putin lacht
Genutzt hat das Gipfelgespräch wenig. Am 24. Februar 2022 begann mit dem Einmarsch der russischen Truppen ins Nachbarland der Ukraine-Krieg. Putin wusste es wohl schon in Genf.  © Denis Balibouse/dpa
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen.
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen. © Alexei Nikolsky/Imago
Alle sind gespannt, ob sich etwas in der US-Ukraine-Politik ändert, wenn Kamala Harris gewinnen sollte.
Man kann davon ausgehen, dass es mit Kamala Harris eine starke außenpolitische Kontinuität in der Ukrainepolitik geben wird. Das hat sie unter anderem auf der Konferenz in der Schweiz, dem Bürgenstock-Gipfel, zum Ausdruck gebracht. Dennoch wird Washington weiterhin von seinen europäischen Verbündeten erwarten, dass sie sich militärisch stärker engagieren. Die USA werden sich mehr auf Asien konzentrieren – das ist ein sehr lange existierender Trend, der sich schon in den frühen Obama-Jahren abzeichnete. Aber auch mit Trump wird es Kontinuitäten geben, was vertraglich vereinbart ist an Unterstützung für die Ukraine, was Sanktionen betrifft, wird auch er nicht sofort unterbrechen können. Außerdem ist Trump sprunghaft. Man kann nicht vorhersagen, was er als nächstes tun wird – das gilt auch für seine Ukraine- und Russlandpolitik.

Wie Russland über den Ukraine-Krieg hinaus agieren wird

Wo steht der russische Staat heute, wie wird er über den Ukraine-Konflikt hinaus agieren? Die baltischen und skandinavischen Staaten fühlen sich bedroht, ist das Paranoia oder ist es begründete Furcht?
Das hängt sehr davon ab, wie der Krieg in der Ukraine ausgeht. Ich würde auf jeden Fall davon ausgehen, dass die imperialistische Aggressionspolitik weitergeht, wenn das russische Regime bestehen bleibt. Das gefährdet auch die osteuropäischen EU- und Nato-Staaten, und das gefährdet die Nato insgesamt. Wir sehen bereits, wie Russland nicht nur einen hybriden Krieg gegen die Ukraine führt, sondern auch versucht, westliche Demokratien durch Cyberangriffe, Desinformation, verdeckte Operationen in liberalen Demokratien, Kontakte zu rechtspopulistischen Parteien und Strömungen anzugreifen. Das ist eine ganze Palette von Bedrohungen und aggressiven Handlungen. Ich würde nicht davon ausgehen, dass ein Sieg Russlands gegen die Ukraine unmittelbar zu einem konventionellen militärischen Angriff auf das nächste Land führen würde, aber ich würde es auch nicht ausschließen. Die Situation ist volatil. Aber die hybriden Aktionen werden weitergehen und sich ausweiten. Das Putin-Regime wird extrem aggressiv bleiben. Diese Aggression wird zunehmend die Nachbarstaaten treffen.
Von Anfang an aggressiv, chauvinistisch und sexistisch: Wladimir Putin, hier zu seiner Zeit in Sankt Petersburg im Jahr 1999.
Putin erscheint als dreister Täuscher aus Sicht des Westens. Seit wann ist Putin nationalistisch, chauvinistisch, nationalistisch?
Den Zug hat es immer gegeben. Wenn man an die ganz frühen Putin-Jahre zurückdenkt, sieht man, wie aggressiv, wie chauvinistisch, wie sexistisch er war. Es gab auch Anfang der 2000er-Jahre mit dem zweiten Tschetschenien-Krieg, dem autoritären Kurs gegenüber unabhängigen Medien zum Beispiel, seinem Vorgehen gegen Oligarchen wie Chodorkowski, aggressive Tendenzen bei Putin. Das hat sich alles schon angedeutet. Damals gab es aber gleichzeitig noch Bemühungen um halbwegs funktionierende Beziehungen zu westlichen Staaten, es gab Opposition, Zivilgesellschaft, sie hatten Räume, in denen sie aktiv sein konnten. Der Trend hin zum Autoritarismus, zu Diktatur und Imperialismus wurde erst 2011, 2012 endgültig dominant und unumkehrbar. Damals wurden die Dumawahlen und die Präsidentschaftswahlen gefälscht, mit denen Putin in den Kreml zurückkehrte. Daraufhin kam es zu Massenprotesten, die das Regime niederschlug. Von da an waren Autokratisierung und eine zunehmend aggressive Außenpolitik die dominierenden Tendenzen der Politik Putins. Besonders deutlich wurde das, als Russland 2014 zum ersten Mal die Ukraine überfiel, die Krim annektierte und den Krieg im Donbass begann – zehn Jahre vor der vollumfänglichen Invasion in die Ukraine im Jahr 2022.

Was Deutschland im Vorfeld des Ukraine-Kriegs hätte tun können

Deutschland wird daran erinnert, dass es stark mit Osteuropa verbunden ist. Es hat sich stark engagiert. Hätte man im Vorfeld etwas anders machen können, um die Dinge in eine andere Richtung zu lenken?
Ja, das hätte man. Die deutsche Politik gegenüber Russland hat sich seit 2014 verändert. Nach der Annexion der Krim und dem Beginn des Krieges im Donbass hat sich Deutschland für Sanktionen eingesetzt. Da ist viel passiert. Gleichzeitig gab es auf politischer und gesellschaftlicher Ebene weiter viele Akteure, die sich für Dialog mit Russland, für die Einbindung Russlands in die europäische Sicherheitsarchitektur ausgesprochen haben, trotz der imperialistischen Positionen Moskaus, trotz der zunehmenden autokratischen Tendenzen, trotz der Repressionen gegen Opposition und unabhängige Zivilgesellschaft. So hat man an Projekten festgehalten, die damals schon nicht mehr zeitgemäß waren oder nie hätten gestartet werden dürfen. North Stream 2 steht hier ganz oben auf der Liste. Damit hat man Russland freie Bahn gegeben, seine aggressive Politik nach innen und außen fortzusetzen. Auch das Verhältnis zu Verbündeten wie Polen und anderen Verbündeten, die zunehmend kritisch auf die deutsche Politik schauten, wurde stark belastet. Man hat sich blind gemacht für die Realität der russischen Politik im In- und Ausland.
Dafür musste man bezahlen. Die starke Migration im Jahr 2015 soll ja auch durch die massiven russischen Bombardements in Syrien mitverursacht worden sein. Seitdem versucht Putin, diese Karte immer wieder auszuspielen. Die Ergebnisse lassen sich an den Wahlen hier ablesen.
Es wurde von vielen Seiten behauptet, Russland habe eine starke Fluchtbewegung provoziert, um Deutschland und andere Demokratien unter Druck zu setzen. Vielleicht haben wir irgendwann Zugang zu Dokumenten, die das bestätigen oder widerlegen. Die Intervention in Syrien 2015 hatte viele Gründe, es ging um den Erhalt der russischen Position im Nahen Osten, um das Überleben des Assad-Regimes. Richtig ist, dass die Flüchtlingskrise von der russischen Propaganda und den Desinformationsmedien in Deutschland massiv ausgenutzt wurde. Russland hat die Auswirkungen seiner Intervention in Syrien sehr gezielt genutzt.
Historiker wie Timothy Snyder vergleichen die Entwicklung des Ukraine-Krieges mit der Zeit des Nationalsozialismus: Wir befinden uns im Jahr 1939 und können den „Hitler“ Putin noch stoppen. Was halten Sie von solchen Analogien?
Ich finde die Analogie wichtig. Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass es Parallelen gibt. Wir haben es heute mit einem Putin-Regime zu tun, das faschistische und totalitäre Tendenzen aufweist. Das muss deutlich gesagt werden, um das Ausmaß der Bedrohung klar zu machen. Gleichzeitig leben wir in einem anderen internationalen System als damals, wir haben andere politisch-gesellschaftliche Verhältnisse, der Informationsraum ist ein anderer. Und vor allem, anders als in den 1930er-Jahren leben wir in einer Welt, in der es Atomwaffen gibt. Das ist ein großer Unterschied.

Zur Person

Sabine Fischer, geboren 1969, hat bereits während ihres Studiums in Sankt Petersburg gelebt. Heute ist sie Politikwissenschaftlerin und Senior Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, wo sie Teil der Forschungsgruppe Osteuropa und Eurasien ist und in dieser Funktion die Bundesregierung zu ihrem Kernthema berät. Von 2019 bis 2021 lebte und arbeitete sie in Moskau, zurzeit ist sie in Kiew, das zahlreiche russische Raketen-Angriffe erlebt.

Die chauvinistische Bedrohung. Russlands Kriege und Europas Antworten. Ullstein 2024. 288 S., 24,99 Euro.

Wie die Lage im Nahen Osten den Ukraine-Krieg beeinflusst

Der Krieg im Nahen Osten polarisiert ähnlich wie der Krieg in der Ukraine. Wie beeinflusst dieser Konflikt den in der Ukraine?
Er hat den Krieg in der Ukraine von Anfang an sehr massiv beeinflusst. Es ist auch etwas, womit man nicht gerechnet hat, der Terrorangriff der Hamas auf Israel mit 1200 Toten und jetzt der Krieg Israels in Gaza, der viele Tote fordert. Mit dem Beginn des Gaza-Krieges ist die Aufmerksamkeit für den Krieg in der Ukraine massiv zurückgegangen. Das war ein großes Problem für das Land, das sich gerade in der zweiten Gegenoffensive befand, die nicht gut lief. Das hat sich seitdem wieder etwas ausgeglichen. Aber der Gaza-Krieg hat die internationale Gemeinschaft stärker polarisiert als je zuvor. Das hat Auswirkungen auf den globalen Kontext des russischen Krieges gegen die Ukraine.
Inwiefern?
Die Ukraine bemüht sich, über ihre sogenannte Friedensformel Kontakte und Unterstützung auch zu Staaten des sogenannten Globalen Südens, Asiens, Afrikas, Lateinamerikas zu erhalten und auszubauen. Dies ist seit dem 7. Oktober und dem Beginn des Gaza-Krieges deutlich schwieriger geworden. Viele dieser Staaten identifizieren sich mit der palästinensischen Sache, während die Ukraine mit den USA, dem Westen und auch mit Israel assoziiert wird. Das verschärft die Spaltung. Russland hat nach dem 7. Oktober zunächst geschwiegen, es gab keine Beileidsbekundungen für Israel. Dann hat es sehr schnell propalästinensische Positionen bezogen und den Nahostkrieg propagandistisch ausgeschlachtet, um seine Beziehungen zu Staaten in Afrika, Lateinamerika und Asien zu vertiefen. Auf dieser Ebene hatte der Nahostkrieg erhebliche Auswirkungen und erschwert die diplomatischen Bemühungen der Ukraine erheblich.

Welche Folgen eine Eskalation im Nahen Osten auf den Ukraine-Krieg hätte

Welche Folgen hätte ein eskalierender Krieg im Nahen Osten?
Alles würde sich verschärfen. Es könnte zu einem Wettstreit zwischen Israel und der Ukraine um westliche Waffen kommen. Die Polarisierung der internationalen Gemeinschaft würde sich auch noch einmal extrem verschärfen, mit negativen Folgen für die Ukraine und ihre Unterstützer. Ich halte das für sehr gefährlich.
Wie kann man trotz des Konflikts mit der Ukraine einen Austausch mit Russland entwickeln?
Die engen Beziehungen, die früher zwischen Deutschland und der EU einerseits und Russland andererseits existierten, sind seit 2014 immer weiter zurückgefahren worden. Es gab zweimal im Jahr Gipfeltreffen mit Russland, Dialogformate, Arbeitsgruppen. All das ist seit 2014 erodiert und seit 2022 unmöglich geworden. Aber es gibt weiterhin Kontakte, die Botschaften arbeiten, die Seiten interagieren auch im Rahmen der Vereinten Nationen oder der OSZE. Das ist alles extrem belastet, kompliziert und schwergängig. Ohne einen für die Ukraine positiven Ausgang des Krieges, ohne eine substanzielle Veränderung der russischen Politik, sehe ich wenig Möglichkeiten für eine positive Entwicklung der Beziehungen zu Russland. Eine Einbindung Russlands in die europäische Sicherheitsstruktur halte ich unter den gegebenen Bedingungen für unmöglich. Ein Regime mit totalitären und faschistischen Tendenzen passt nicht in die europäische Sicherheitsstruktur. Vielmehr muss es eingedämmt und abgeschreckt werden, es muss daran gehindert werden, seine aggressive Politik fortzusetzen. Im besten Fall ist nach einem Ende des Krieges gegen die Ukraine eine Art geordnete Konfrontation denkbar. Ein Ende der Konfrontation setzt voraus, dass Russland sich im Inneren fundamental verändert. Ich schließe das nicht aus, aber für sehr wahrscheinlich halte ich es auf absehbare Zeit auch nicht.

Interview: Michael Hesse

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