VonMarcus Giebelschließen
Nasa-Satelliten liefern verblüffende Bilder aus der Sahara. Dank intensiver Regenfälle blüht die Wüste auf und ausgetrocknete Seen sind wieder wasserführend.
Washington – Den weltumspannenden Satelliten der US-Weltraumbehörde Nasa entgeht so gut wie nichts. Schon gar keine großflächigen Veränderungen. Manchmal offenbaren die Luftbilder auch höchst überraschende Entwicklungen auf dem Erdball. Bei den Aufnahmen der Sahara-Wüste von Mitte September mussten die Experten wohl zweimal hinschauen und sich womöglich dennoch die Augen reiben, um den Bildern zu trauen.
Denn die eigentlich karge und trockene Region, die zuweilen jahrelang kaum Niederschlag abbekommt, hatte sich infolge heftiger Regenfälle erheblich gewandelt. Das Nasa Earth Observatory überschreibt ihren Bericht zu den Satellitenbildern als „Sintflut für die Sahara“.
Sahara wird grün: Heftige Regenfälle lassen Seen volllaufen - Unwetter fordert auch Menschenleben
Ein außertropischer Wirbelsturm sorgte demnach am 7. und 8. September im Nordwesten der größten Trockenwüste der Erde dafür, dass weite, baumlose Teile von Marokko, Algerien und Tunesien überschwemmt wurden. In Marokko sollen auch einzelne Dörfer von dem Unwetter heimgesucht worden sein, Straßen wurden demnach beschädigt und die Strom- sowie Wasserversorgung unterbrochen. Von mehr als 20 Todesopfern in Marokko und Algerien war die Rede, darunter auch Touristen aus Kanada und Peru.
Satellitenbilder vom 10. September zeigen tatsächlich an mehreren Stellen ein tiefes Blau. Hierbei handelt es sich um Seen, etwa im marokkanischen Iriqui-Nationalpark. „Es ist faszinierend, dass sich aufgrund dieses Ereignisses normalerweise trockene Seen in der Sahara füllen“, zitiert die Nasa Moshe Armon, Dozent am Institut für Geowissenschaften an der Hebräischen Universität Jerusalem.
Viel Regen in der Sahara: Außertropischer Wirbelsturm bringt heftige Niederschläge für Wüste
In einem helleren Blauton werden längere Streifen von Hochwasser angezeigt. Die deutlichen Farbgebungen werden demnach möglich durch ein Instrument namens MODIS, was für „Moderate Resolution Imaging Spectroradiometer“ – also ein Bildgebungs-Radiospektrometer mittlerer Auflösung – steht.
So erscheinen vom Wasser bedeckte Bereiche dunkel- und hellblau, wobei der genaue Farbton durch die Wassertiefe und die Menge an Schwebstoffen beeinflusst wird. Die Vegetation wird grün dargestellt.
Armon erklärt: „Während in dieser Region jeden Sommer ein gewisses Maß an Niederschlag fällt, ist das einzigartige in diesem Jahr die Beteiligung eines außertropischen Wirbelsturms.“ Dieser bildete sich über dem Atlantik, zog südwärts und brachte Feuchtigkeit aus Äquatorialafrika in die nördliche Sahara.
Starkregen in der Sahara: Niederschläge lassen durchschnittliche Jahresmenge binnen kurzem erreichen
Die Niederschlagsmengen sollen teilweise mehr als 200 Millimeter betragen haben. Das ist in etwa die durchschnittliche Jahresmenge. Die Messungen entstammen den IMERG-Daten der Nasa, wobei die Abkürzung für „Integrated Multi-Satellite Retrievals for GPM“ steht. Es handelt sich also um die Daten diverser Satelliten. Nötig sei diese Methode, weil es in der Region an bodengestützten Instrumenten zur Niederschlagsmessung mangelt.
Armon und seine Kollegen sollen bei ihren Untersuchungen von Hunderten von Starkniederschlagsereignissen in dem Gebiet zwischen 2000 und 2021 lediglich sechs frühere Fälle entdeckt haben, in denen Sebkha el Melah – ein See in Algerien – wieder mit Wasser gefüllt wurde. 30 Prozent von mehr als 38.000 Starkniederschlagsereignissen in der Sahara fanden demnach im Sommer statt, allerdings standen nur wenige davon im Zusammenhang mit einem außertropischen Wirbelsturm.
Niederschläge in Sahara: Südliches Gebiet der Wüste seit Monaten von Stürmen heimgesucht
Bei ABC News ordneten zwei Experten das grüne Phänomen in der Sahara ein. So erklärte Sylwia Trzaska, eine Klimavariabilitätsforscherin an der Columbia Climate School, bei den nun sprießenden Pflanzen handele es sich auch um Sträucher und Bäume in tiefer gelegenen Gebieten wie Flussbetten. Wie Peter de Menocal, Präsident und Direktor der Woods Hole Oceanographic Institution betonte, wenn ausgetrocknete Regionen Afrikas starkem Regen ausgesetzt werden, reagiere die Flora fast sofort darauf. So nutzen die Pflanzen die kurze Zeit, in der sie viel Feuchtigkeit abbekommen.
Laut de Menocal ist ein gewisses Maß an Niederschlag aufgrund der westafrikanischen Monsunzeit jeden Sommer normal. Ungewöhnlich sei jedoch, dass die Intertropische Konvergenzzone – ein langgezogenes Tiefdruckgebiet nahe dem Äquator – bis in den Norden der Sahara reicht. Seit Mitte Juli beschert sie der südlichen Sahara immer wieder Stürme. Mehr als 1000 Tote sollen zu beklagen sein, Hunderttausende wurden vertrieben. Besonders betroffen sind der Tschad, Nigeria, Mali und der Niger.
Klimawandel und viel Regen: Experte schaut auf die Temperaturen in den Meeren
Für de Menocal sind die starken Regenfälle und die Verschiebung des Regengürtels Folgen der Rekord-Meerestemperaturen im Atlantik. Experten gingen bereits zu Jahresbeginn in einer Studie davon aus, dass sich der Regengürtel wegen des Klimawandels weiter nach Norden verschieben könnte. Allerdings meint de Menocal, ziehen andere Meere mit den Temperaturen des Atlantik gleich, könnte sich der Regengürtel sogar südlich des Äquators verschieben.
Werden die heftigen Regenfälle in weiten Teilen der Sahara also durchaus gern gesehen, sind sie andernorts deutlich zu viel des Nassen. Und stellen damit eine echte Gefahr für die Menschen in der Region dar. (mg)
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