Kunstausstellung

Streit über Antisemitismus: Quo vadis, Documenta?

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Sie war noch nie so umstritten wie heute: die Weltkunstschau Documenta.

Ein Neuanfang der Weltkunstschau in Kassel benötigt eine klare Distanzierung von Antisemitismus und die Berücksichtigung konträrer Ansichten. Von Leonhard Emmerling und Wolf Iro.

Nun also eine weitere Initiative in dieser an offenen Briefen und Petitionen nicht armen Zeit: #standwithdocumenta fordert von Claudia Roth, dass die in Verruf geratene Kunstschau nicht durch „politische Einflüsse beschränkt werde“. Ohne explizit Bezug darauf zu nehmen, steht diese Forderung dennoch in Zusammenhang mit der (Selbst)auflösung der Findungskommission. Was war geschehen?

Kurz nach dem Terrorangriff der Hamas hatte Bracha Lichtenberg Ettinger als Kommissionsmitglied um eine Pause im Prozess gebeten. Als dieser Bitte nicht stattgegeben wurde, erklärte sie ihren Rücktritt. Im November legte auch Ranjit Hoskoté seine Mitgliedschaft nieder. Er reagierte dabei auf eine Recherche der „SZ“, die seine Unterzeichnung einer Petition des BDS India von 2019 zutage gefördert hatte. Die Paneldiskussion, gegen die Hoskoté und weitere indische Künstler mit jener Petition protestiert hatten, war von einer obskuren India-Israeli Friendship Association und dem israelischen Generalkonsulat organisiert worden. Ihr Thema: ein Vergleich zwischen Herzl und dem Begründer des Hindunationalismus, Savarkar.

Letzterer hatte in den 20er Jahren postuliert, dass nur wer Indien als Gottheit verehre, sich als wahrer Inder bezeichnen dürfe. Da die Anhänger:innen monotheistischer Religionen hierzu nicht bereit waren, degradierte diese Ideologie insbesondere die große Zahl der Muslim:innen de facto zu Bürger:innen zweiter Klasse. Sie sollten sich dem Hinduismus unterwerfen, oder aber es drohe ihnen, so Savarkar 1938, das gleiche Schicksal, welches die Nazis den Juden bereiteten. Es ergab sich also die bizarre Situation, dass auf einem vom israelischen Konsulat in Indien (mit)organisierten Panel ein Nazi-Apologet durch die Verknüpfung mit dem Vater des Zionismus nobilitiert werden sollte.

Diskussion um BDS hat sich von eigentlicher Causa gelöst

Ein indischer Intellektueller in der deutschen Diskursmaschine Dieser Missbrauch der Herzl’schen Vision war der „SZ“-Journalistin keine Zeile wert. Sie urteilte aus deutscher Perspektive. Für Hoskoté hingegen stand die indische Realität im Vordergrund. Dass er kaum etwas mit dem BDS zu tun hatte, wurde nicht erst mit seiner Rücktrittserklärung deutlich, gehörte der Findungskommission doch auch die Israelin Lichtenberg Ettinger an. Kein BDS-Sympathisant dieser Welt, nähme er die Bewegung ernst, ließe sich hierauf ein, denn eine solche Konstellation widerspricht dem Kernprinzip des BDS – dem Boykott alles Israelischen. Die Vorwürfe der BDS-Nähe Hoskotés sind daher ein weiterer Beleg, in welchem Maße sich die Diskussion um BDS von ihrer eigentlichen Causa gelöst hat.

Die Petition selbst ist abstoßend und in vielen Aspekten kontrafaktisch (wenngleich keineswegs so „klar antisemitisch“, wie „SZ“ und Claudia Roth sie einstuften). Wenig beachtet wurde zudem die Tatsache, dass es eine Indian-Israeli Friendship Association war, die den kruden Originalvergleich suggerierte. Und wären Hoskotés Kritiker:innen konsequent, müssten sie im Grunde auch die israelischen Teilnehmer der Veranstaltung, den Publizisten Gadi Taub und den Generalkonsul, zur Rechenschaft ziehen. Wie aber äußerte sich der Beschuldigte selbst? Hoskotés Rücktrittserklärung ist eindeutig. Er distanziert sich vom BDS. Auch seine Verurteilung des Hamas-Terrors ist unmissverständlich. Wenn er die zivilen Opfer der israelischen Luftschläge beklagt, so tut er dies aus einer humanistischen Haltung heraus: „Jetzt ist es mehr denn je notwendig, die Gemeinschaften Israels und Palästinas zusammenzubringen und eine Solidarität der Trauer zu schaffen.“ Spricht so ein militanter Israel-Hasser? Wohl kaum. Was aber motivierte Hoskoté zur Unterzeichnung des Briefs? Auch hier ist sein Statement klar: „Ich habe diese Petition unterschrieben, weil die Veranstaltung eine Gleichsetzung von Herzl und Savarkar vorsah und eine Allianz zwischen Hindunationalismus und Zionismus salonfähig machen wollte.“

Das Ende der Geschichte? Hoskotés Demission folgte der Rückzug der verbliebenen Kommissionsmitglieder, die in ihrer Begründung ein „emotionales und intellektuelles Klima der Simplifizierung einer komplexen Wirklichkeit und daraus resultierende Restriktionen“ beklagten. Was sie jedoch unterließen: die Vorwürfe gegen ihren indischen Kollegen zu diskutieren. Ihr Rückzug war also im Grunde auch ein Verzicht darauf, die Rolle des öffentlichen Intellektuellen anzunehmen. Und so ist dieser Kollaps der Vorbereitungen der nächsten Documenta nicht nur ein Kollaps der Ambitionen, die Kurator:innen hegen, seit Harald Szeemann sich 1972 zum Großerklärer der Welt nominierte und seine documenta 5 ersann. Es ist auch ein Scheitern des Kuratorengewerbes in Bezug auf die von seinen Vertreter:innen reklamierte Rolle als public intellectual und Expert:innen für transnationale Solidarität. Fast könnte man meinen: die Geschichte, die mit Arnold Bodes Gründung 1955 ihren Anfang nahm, findet nun ihr Ende.

Documenta: Die Welt blickte auf Kassel

Die Weltkunstausstellung und die Welt Über den Skandal der documenta 15 kam ein Aspekt völlig zu kurz: die kraftvolle und darum auch unbequeme Gegenwart des Anderen, also der nicht-westlichen, nicht-marktkompatiblen, marginalen Kunstformen. Statt der Inklusion dieses Anderen erlebte man seine selbstbewusste Präsenz. Nicht Kassel blickte auf die Welt, sondern die Welt blickte auf Kassel. In dieser Perspektivumkehr erscheint der Fokus auf die antisemitischen Kunstwerke gegenüber den anderen Themen zwar als unabdingbare Sensibilität, in seiner Ausschließlichkeit indes auch als parteiisch, waren in der Vergangenheit antisemitische Arbeiten doch häufig sogar in stärkerem Maße präsent. Kritisiert wurde dies indes erst im Fall der documenta 15. Das untermauert eine Tendenz, Antisemitismus hierzulande im Wesentlichen als ein importiertes Problem anzusehen.

Der notwendige Neuanfang der Documenta muss darin liegen, sich von Antisemitismus klar zu distanzieren und ihm den Raum zu verwehren – angesichts der Vielzahl problematischer Haltungen in der Kunstszene keine geringe Aufgabe. Er muss aber auch darin bestehen, dem Anspruch einer Weltkunstschau gerecht zu werden. Die Welt mit ihrer Fülle von Perspektiven muss in einem direkten Sinne zur Sprache kommen, denn „Sprechen begründet ein Subjekt“ (L. Martín Alcoff). Man muss der Welt das Recht einräumen, die Documenta selbst zu perspektivieren. Perspektivieren, wohlgemerkt, heißt nicht Relativieren. Es geht um die Feststellung verschiedener Wahrnehmungen. 1943 wurden in West-Bengalen 1,5 bis 4 Millionen Menschen von Churchill wissentlich dem Hungerstod ausgeliefert. Infolgedessen betrachten Inder:innen die Rolle Großbritanniens im Zweiten Weltkrieg anders als Europäer:innen. Die Akzeptanz solcher „gegenläufiger Gedächtnisse“ (D. Diner) gehört zu einem Blick auf die Welt, der in der Lage ist, Widersprüche auszuhalten.

Wer in der globalisierten Welt eine „Weltkunstausstellung“ realisieren will, dem kann diese Welt nicht mehr bloßer Gegenstand kuratorischen Bemühens sein. Ihre Bewohner:innen sind selbstbewusste Akteur:innen auf der Bühne, auf die man sie eingeladen hat. Dem Divergenten einen Platz zu gewähren, stellt daher die einzige Möglichkeit dar, über seine Legitimität oder Illegitimität zu urteilen, denn darüber kann einzig im Diskurs entschieden werden. Dies aber setzt voraus, dass das Divergente dort zunächst einmal erscheint. Wem hingegen Multidirektionalität des Erinnerns und multiperspektivische Reflexion zuwider sind, der braucht keine Documenta zu veranstalten. Es genügt dann Anselm Kiefer.

Paranoia und Larmoyanz Zweifellos trägt auch die deutsche Medien- und Kulturgesellschaft Verantwortung für das Scheitern. Es ist ihr nicht gelungen, multiperspektivische Kategorien in die eigene Praxis zu integrieren. Zwar ließ der BDS-Beschluss des Bundestags eine diffuse „Hermeneutik des Verdachts“ (A. Assmann) entstehen. Und dieses Klima der Paranoia zu beklagen, ist gerechtfertigt. Hieraus allerdings den Schluss zu ziehen, in Deutschland sei keinerlei Diskurs der Nonkonformität mehr möglich, ist unredlich. Schließlich verdanken alle nun zurückgetretenen Mitglieder der Documenta-Findungskommission ihre Karrieren dem Ausweis gesellschaftlich wertgeschätzten kritischen Denkens. Dessen Ernsthaftigkeit zeigt sich jedoch gerade dann, wenn es schwierig wird. Insofern passt dieser Rückzug (der eigentlich eine Diskursverweigerung ist) zur allgemeinen Agonie der Linken. Sie vermochte nach 1989 keine neue Gegen-Utopie zu entwickeln und täuschte sich stattdessen mit einer Mischung aus eilfertigem Anti-Universalismus und der Autosuggestion intellektueller Überlegenheit über ihre schwindende Akzeptanz hinweg.

Für die deutsche (Außen-)Kulturpolitik ist der Umgang mit anderen Perspektiven eine Herausforderung. Sollen Dialog und Austausch weiterhin handlungsleitend sein, darf man nicht unilateral die Regeln des Diskurses definieren. Das eigene Wertegefüge muss der Befragung geöffnet werden. Diese Öffnung ist nicht gleichbedeutend mit seiner Preisgabe. Die Tatsache anzuerkennen, dass der Holocaust für Partner nicht dieselbe Rolle spielen mag wie für einen selbst, bedeutet nicht, seine Singularität zu leugnen. Es bedeutet vielmehr, die Lehren aus der deutschen Vergangenheit zu einem Humanismus zu universalisieren, der Antisemitismus wie Rassismus gleichermaßen konsequent bekämpft.

Leonhard Emmerling ist Kunsthistoriker, Autor und Kurator. Seine letzten Publikationen sind „Idioten. Eine Kulturgeschichte des Homo Nullus“ (2022) und „Erlösungsmaschinen. Moraldiskurse in der Kunst“ (2020).

Wolf Iro , Kulturmanager, arbeitete fünf Jahre in Israel und veröffentlichte den Essay „Nach Israel kommen“.

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