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Die Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen Rammstein-Sänger Till Lindemann gehen über die Metal-Band hinaus. Patriarchale Strukturen durchdringen die gesamte Musik-Branche.
Frankfurt – Sexuelle Übergriffe mit System: Das sind die Vorwürfe gegen Rammstein-Sänger Till Lindemann. Laut Recherchen der Süddeutschen Zeitung und des NDR sollen ihm bei Konzerten junge Frauen zugeführt worden sein. Die dann sexuell bedrängt worden sein sollen.
Nach zahlreichen Medienberichten über die Vorwürfe postete die Band am Freitag ein zweites Statement auf Instagram. „Die Vorwürfe haben uns alle sehr getroffen und wir nehmen sie außerordentlich ernst“, heißt es unter anderem. Rammstein bitten ihre Fans außerdem, die mutmaßlichen Betroffenen nicht vorzuverurteilen. „Sie haben ein Recht auf ihre Sicht der Dinge“, steht da. Abgerundet wird der Post mit dem Satz: „Wir, die Band, haben aber auch ein Recht – nämlich ebenfalls nicht vorverurteilt zu werden.“ Von einer möglichen Aufarbeitung der Vorwürfe ist nichts zu lesen.
In dem, was Rammstein hier als „Vorverurteilung“ bezeichnen, sehen andere die Notwendigkeit, die Betroffenen ernst zu nehmen und ihnen Gehör zu schenken. Eine Entwicklung, die noch relativ neu ist und dazu dienen kann, endlich in der Musikbranche aufzuräumen. Oder es zumindest zu versuchen. Denn die Vorwürfe gegen Lindemann sind nur das jüngste Symptom eines systemischen Problems in der Musikbranche.
Vorwürfe gegen Rammstein-Frontmann Till Lindemann: It’s the patriarchy, dumbass
Machtmissbrauch geschieht überall, wo Aufmerksamkeit, Status und eben Macht eine Rolle spielen. Dadurch entstehen klassische patriarchale Strukturen. In der Musik führen diese nicht nur zu Fehlverhalten. Letzteres wird sogar aktiv belohnt und von den Akteur:innen am Leben erhalten. Das Groupie-Leben wird bis heute absichtlich romantisiert, weswegen viele der Frauen sich der Gefahr, der sie auf Rammstein-Partys laut der SZ-Recherche ausgesetzt waren, gar nicht bewusst gewesen sein sollen.
Das sorgt auch dafür, dass noch immer Anschuldigungen, die sich sogar bewahrheiten, kaum Konsequenzen für Täter:innen nach sich ziehen. Man wünscht sich beinahe, dass die von Konservativen und anderen Rechten propagierte „Cancel Culture“ keine kulturkämpferische Einbildung ist.
David Bowie, Mick Jagger oder jüngst Marilyn Manson. Sie alle feiern trotz teils nachgewiesener Beziehungen zu Minderjährigen oder anderer Vorwürfe bis heute Erfolge. Auch posthum. Zumindest R. Kelly zeigt, dass es manchmal doch Konsequenzen gibt. Im vergangenen Jahr wurde der US-Rapper zu 30 Jahren Haft wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger verurteilt. Die Vorwürfe gegen ihn gab es allerdings schon seit den 90ern.
Vorwürfe gegen Rammstein-Sänger: Till Lindemann fantasiert über Vergewaltigungen
Sicherlich sind die Vorwürfe bei einer Band wie Rammstein weniger überraschend. So fantasiert Lindemann in seinen Texten schon mal über Vergewaltigungen, auch wenn er sich dabei hinter einem lyrischen Ich versteckt. „Ich schlafe gerne mit dir, wenn du schläfst“, schreibt er in einem seiner Gedichte, und weiter: „Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas) / Kannst dich gar nicht mehr bewegen / Und du schläfst / Es ist ein Segen“. Die Zeilen sind zwar von der Kunstfreiheit gedeckt. Dass Kritiker:innen sich aber regelmäßig mit wütenden Rammstein-Fans konfrontiert sahen, ist ebenfalls ein Merkmal der Machtstrukturen, von denen Stars profitieren.
Es wäre aber ein Irrtum zu glauben, dass sich Machtmissbrauch, Sexismus und Übergriffe nur auf große Stars oder einschlägige Szenen begrenzen. Dass diese Strukturen nur bei Stadien füllenden Rockbands oder bei sexistischen Metal-Gruppen präsent seien. Genauso gibt es solche Fälle und Strukturen auch in kleineren Subgenres oder in sich als gesellschaftlich progressiv präsentierenden Szenen.
Patriarchale Strukturen in der Musik-Branche: Zum Glück ist der Punk tot
So ist beispielsweise der Punk gesellschaftlich nie so fortgeschritten gewesen wie propagiert und deshalb auch zum Glück tot. 1978 hat das Label „Virgin Records“ dem damaligen „Sex Pistols“-Bassisten Sid Vicious die Kaution gestellt, nachdem er als Hauptverdächtiger für den Mord an seiner Freundin Nancy Spungen verhaftet wurde. Am Tag darauf starb er an einer Überdosis Heroin; er nahm sich wohl das Leben.
Auch in Nischen wie den Metalcore- oder Hardcore-Szenen, die insgesamt als links und feministisch gelten, gibt es alle paar Wochen Vorwürfe gegen Bands. Im vergangenen Jahr hat es auch mal eine Frau getroffen. Booka Nile, die Keyboarderin der australischen Metalcore-Band „Make Them Suffer“, musste die Band verlassen, als ihr infolge einer früheren Affäre sexuelle Nötigung vorgeworfen wurde.
Trotz Vorwürfe: Viele Fans halten zu Rammstein-Sänger Till Lindemann
Viele Fans halten momentan zu Lindemann; es gelte ja die Unschuldsvermutung. Und ja, selbstverständlich gilt sie auch für ihn. Das spricht ihn aber nicht von den Vorwürfen frei. Selbst wenn es zum Prozess kommen sollte und er freigesprochen werden würde: Freispruch bedeutet nicht gleich Unschuld.
Oft werden die mutmaßlichen Täter:innen aus Mangel an Beweisen freigesprochen. So auch die Metalcore-Band „Bring Me the Horizon“. 2007 sollen die Mitglieder einen weiblichen Fan belästigt haben. Als sie Annäherungsversuche des Sängers Oliver Sykes abgelehnt haben soll, soll dieser auf sie uriniert und ein anderer aus der Band eine Glasflasche an ihren Kopf geworfen haben, woraufhin sie verletzt worden sei. Trotz Zeugenaussagen wurde der Fall aus Mangel an Beweisen eingestellt. Sexuelle Übergriffe sind oft nur schwer zu beweisen.
Die ältesten Vorfälle aus den Rammstein-Recherchen sollen sich 2019 abgespielt haben. Dass mutmaßlich Betroffene sich oft erst zu Wort melden, wenn eine Person es vormacht, wie die Irin Shelby L. in der vergangenen Woche, zeigt, was für einen Druck diese Strukturen aufbauen können. Immerhin: Laut Medienberichten wird es bei den Münchener Rammstein-Konzerten in den kommenden Tagen wohl keine „Row-Zero“ geben. So wird der Bereich direkt an der Bühne bezeichnet, aus dem junge Frauen laut Vorwürfen für die Backstage-Partys auserwählt würden. Die Strukturen wird das aber sicher nicht auflösen können. (Baha Kirlidokme)
Sexuelle Übergriffe sind in der Kulturszene keine Seltenheit. Vorsitzende der Vertrauensstelle Themis, Eva Hubert, spricht über die schwierige Gegenwehr und Gesetzeslücken in der Branche.
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