„Schwerfälliges Kriegstier“

Russland schickt schwerstes Artillerie-Geschütz der Welt in die Ukraine – es endet im Desaster

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Russland vertraut an der Ukraine-Front auch auf den größten Mörser der Welt. Dieser hilft der Armee Wladimir Putins aber offenbar nicht wirklich weiter.

Saporischschja/Bachmut – Veranschaulicht dieses wuchtige Gefährt im Ukraine-Krieg ein Stück weit Ratlosigkeit? Auf den ersten Blick ist der Mörser „2S4 Tjulpan“ (28,2 Tonnen) ein mächtiges Artillerie-Geschütz. Auf den zweiten Blick ist die selbstfahrende Haubitze dagegen hochgradig schwerfällig und somit ein leichtes Ziel.

Ukraine-Krieg: Russische Armee setzt auf völlig veraltete Mörser „2S4 Tjulpan“

Während Moskau-Machthaber Wladimir Putin bei einer Niederlage in der Ukraine ein anderes Land im Kaukasus ins Visier nehmen könnte und die russische Armee auf dem ukrainischen Schlachtfeld bei Bachmut in Bedrängnis gerät, setzen die Truppen des Kreml offenbar zunehmend auf völlig veraltetes Kriegsgerät. Was sie (noch) angreifbarer macht.

Ein Beispiel ist beschriebener Mörser. Bei Twitter kursieren offenbar von pro-ukrainischen Bloggern in Umlauf gebrachte Videos, wie die Mörser angeblich reihenweise von der ukrainischen Artillerie mit hochpräzisen Schlägen ausgeschaltet werden.

Wuchtig, aber auch schwerfällig: Ein Mörser 2S4 Tjulpan der russischen Armee wird in der Ukraine in Position gebracht.

Denn: Obwohl die „Tulpe“, so die russische Übersetzung, als derzeit größter aktiver Mörser der Welt gilt, hat sie markante Schwachstellen. Die den Besatzungen zum Verhängnis werden, während laut Berechnungen des US-amerikanischen Nachrichtenmagazins Newsweek einzig seit Anfang Mai in der Ukraine 31.000 russische Soldaten getötet oder verwundet wurden.

„2S4 Tjulpan“ in der Ukraine: Riesen-Mörser der russischen Armee hat viele Schwachstellen

Die erste Schwachstelle der „2S4 Tjulpan“, die bei der sowjetischen Armee ab 1971 in Dienst gestellt wurde, ist die Besatzung selbst. Denn: Laut dem amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes benötigt die „Tulpe“ neun Soldaten, um überhaupt einsatzfähig zu sein. Der Grund: Die verwendeten (Splitter-)Granaten haben zwar einen großen Durchmesser von 240 Millimetern und damit eine entsprechende Durchschlagskraft. Aber: Sie sind sehr schwer und müssen von mehreren Männern unter größter Vorsicht in das Mörserrohr geschoben werden.

Einzig der Ladevorgang samt dem Abfeuern ist die wahrscheinlich größte Schwachstelle. Das Prozedere kann laut Forbes auch mal 25 Minuten beanspruchen. Die Bodenplatte der Kanone wird dabei hydraulisch auf den Boden abgesenkt. Dann schwenkt die Kanone in der Rohrwiege in die Waagerechte, damit die Granate auf dem Dach des Gefährts schließlich reingeschoben werden kann. Die Soldaten, die das verrichten, sind zu diesem Zeitpunkt ohne jeden Schutz. Bildlich gesprochen liegen sie für feindlichen Beschuss quasi auf dem Silbertablett. Erst dann schwenkt die Kanone zurück, um in der Schräge feuern zu können.

Mit den passenden Granaten ist zudem ein zielgenauer Beschuss feindlicher Stellungen nicht möglich, weswegen die beschriebene Splitter-Munition verwendet wird. Ferner soll die Reichweite der „Tulpe“ bei (gerade mal) maximal 20 Kilometern liegen. Sie ist damit den der Ukraine vom Westen gelieferten Artillerie-Systemen eindeutig unterlegen.

„2S4 Tjulpan“ der Russen: Mit Himars-Raketen und Panzerhaubitze 2000 gut zu bekämpfen

Ein bei Twitter kursierendes Video soll beweisen – die Angaben lassen sich nicht unabhängig verifizieren – wie eine „2S4 Tjulpan“ durch eine Himars-Rakete zerstört wird. Die Mehrfachraketenwerfer aus amerikanischer Produktion, die die Streitkräfte Kiews mittlerweile in hoher Zahl besitzen, haben eine Reichweite von bis zu 80 Kilometern – mit einer extrem hohen Trefferwahrscheinlichkeit. Fatal: „Die Tulpe“ ist fast acht Meter lang und 3,25 Meter breit – es gibt wohl kniffligere Ziele.

Noch ein Vergleich: Die deutsche Panzerhaubitze 2000, von der die Ukraine mehr als ein Dutzend Stück erhielt, hat eine Reichweite von bis zu 56 Kilometern. Auch sie ermöglicht hochpräzise Treffer. Die „Tulpe“ kann also gar nicht so weit schießen, ehe sie schon in Reichweite feindlicher Geschütze gerät. Auch das gezogene amerikanische Artilleriegeschütz M777, von dem die Ukraine laut Analyseplattform „Oryx“ mehr als 100 Stück haben soll, kann zwischen 24 und 40 Kilometern Entfernung Ziele bekämpfen. Ein weiteres Video bei Twitter soll den Abschuss einer „Tulpe“ mit der 155mm-Munition eben jener M777-Haubitze belegen.

Noch ein Nachteil für die Armee Russlands: Laut Forbes werden Artilleriegefechte in der Regel nach dem Prinzip „Shoot and Scoot“ durchgeführt. Heißt: Ein Geschütz feuert mehrere Schüsse hintereinander ab, um schnellstmöglich seine Position zu verändern, um nicht selbst unter Beschuss feindlicher Batterien zu geraten.

Ukraine-Krieg: „2S4 Tjulpan“ bringt viele Nachteile für russische Armee mit sich

Schnellstmöglich ist bei der „Tulpe“ aber gar nicht möglich. Denn: Zuerst muss die Kanone wieder hydraulisch auf dem Dach platziert werden, weil das Gefährt ansonsten gar nicht fahren kann. Und im Gelände hat die „2S4 Tjulpan“ angeblich nur eine Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h. Per Drohnen kann der Mörser in Ruhe lokalisiert werden. Die ukrainischen Streitkräfte können somit dieses Waffensystem der russischen Armee unschädlich machen. (pm)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Stanislav Krasilnikov

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