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Die Lehren aus Auschwitz sind wichtiger denn je. Wie gehen junge Leute damit um? Unser Reporter hat Schülerinnen und Schüler begleitet. Von Florian Weber.
Am Abend, als die Gruppe im Gemeinschaftsraum im dritten Stock ihrer Unterkunft in Oswiecim in einem Stuhlkreis zusammensitzt, ist es still. So still wie eigentlich nie, wenn zwanzig Schüler und Schülerinnen zusammensitzen. Niemand unterbricht. Alle hören bis zum Schluss zu, bis nach mehr als einer Stunde alle gesagt haben, was sie sagen wollten. Zum Tag, zum Erlebten.
„Ich bin froh, dass ich da heute nicht alleine durchmusste, sondern Menschen bei mir hatte, denen ich vertraue“, sagt eine Schülerin.
„Für mich haben Wörter wie Grausamkeit heute noch mal ein ganz anderes Ausmaß bekommen. Ich hab das erste Mal gespürt, was solche Wörter bedeuten können“, sagt eine andere.
„Ich hab mich ein bisschen wie ein Eindringling gefühlt. Es hat sich angefühlt wie Sightseeing, als wäre man in einer Burg oder so. Das war irgendwie ein komisches Gefühl“, sagt eine dritte. Die Schüler und Schülerinnen sind 16 bis 18 Jahre alt und gehen auf das Humboldt-Gymnasium in Bad Homburg (Hessen). Wer genau in der abendlichen Runde was sagt, soll nicht in der Zeitung stehen. Die Runde soll ein vertraulicher Ort sein. Deswegen nur die Aussagen, keine Namen.
KZ Auschwitz
In Oswiecim (deutsch: Auschwitz) befand sich das größte nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager. Mindestens 1,3 Millionen Menschen wurden nach Auschwitz deportiert. Von ihnen wurden rund 900 000 sofort nach ihrer Ankunft erschossen oder in den Gaskammern ermordet. Etwa 200 000 weitere Häftlinge starben an Hunger und Krankheiten oder wurden nach kurzer Zeit in die Gaskammern geschickt.
Im Mai 1940 wurde das Konzentrationslager (KZ) in einem Vorort der Stadt Auschwitz in Ostoberschlesien im von den Deutschen besetzten Polen errichtet, zunächst für politische Gefangene aus Polen. Nachdem die NS-Führung im Jahr 1941 die Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden beschlossen hatte, wurde Auschwitz zum zentralen Ort für den Massenmord bestimmt.
Gaskammern wurden im Lager Brzezinka (Birkenau) errichtet, drei Kilometer vom Stammlager Auschwitz entfernt. In mehreren Außenlagern mussten die Zwangsarbeiter von Unternehmen hausen.
Am 27. Januar 1945 wurden die Überlebenden im KZ Auschwitz durch Truppen der sowjetischen Roten Armee befreit. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich nach Angaben der Claims Conference noch etwa 7000 kranke und erschöpfte Häftlinge im Stammlager und seinen Nebenlagern. Vorher hatte die nationalsozialistische SS („Schutzstaffel“), die die Konzentrationslager betrieb, Zehntausende Häftlinge auf „Todesmärsche“ geschickt.
Im Jahr 1963 begann der erste Auschwitz-Prozess in Frankfurt gegen 21 SS-Männer und einen Funktionshäftling, die zum Personal des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz gehört hatten. Der Prozess war wesentlich vom hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer in Gang gesetzt worden.
Die Frankfurter Rundschau hatte einen Anteil daran, dass der Prozess möglich wurde. FR-Korrespondent Thomas Gnielka erhielt von einem Überlebenden Erschießungslisten aus Auschwitz mit den Namen und Daten der Mörder. Gnielka reichte die Dokumente an Bauer weiter.
Seit 1996 ist der 27. Januar der offizielle Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog hatte ihn proklamiert und gemahnt: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“ pit
Es ist Dienstag, seit zwei Tagen hängt der Nebel tief über Oswiecim, wo heute nur noch eine einzige Jüdin wohnt. Die Gruppe muss früh los. Die Tour durch die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau soll um 9 Uhr beginnen. Der Fußweg von der Unterkunft dauert 17 Minuten und führt an einer zugigen Straße entlang. An einigen Stellen sind die Bürgersteige vereist. Wiesen sind mit Schnee bedeckt. Rechts plätschert die Sola, einer von zwei Flüssen der Stadt. Links versperrt eine Mauer mit Stacheldraht den Blick aufs ehemalige Lager. Es ist eine beklemmende Mischung aus Natur-Idylle und grauer Bedrückung. Dann endet die Mauer.
Die Gruppe geht weiter, Wohnhäuser tauchen auf der linken Straßenseite auf. Im Garten des ersten Hauses, bei dem manche Grashalme die Mauer des Lagers berühren, sägt ein Mann mit Zigarette im Mundwinkel Bretter. Hier ist kein Schild angebracht und auch sonst kein Hinweis, aber diese Kleinstadtvilla mit der Hausnummer 88 ist das Haus, in dem von Mai 1940 bis Dezember 1943 Lagerkommandant Rudolf Höß mit seiner Frau und den fünf Kindern gewohnt hat. Er war einer der Köpfe des Massenmords. Seine Kinder beschrieben ihn auch nach dem Krieg noch als liebenden Familienvater. Von den Schülern und Schülerinnen nimmt das Haus kaum jemand wahr.
Weg von der zugigen Straße, vorbei an einer Reklame für das örtliche Fast-Food-Restaurant, biegt die Gruppe auf einen Parkplatz ab. Madeleine Rohe, 28, und Philipp Kütemeier, 31, rufen die Gruppe vor dem Eingang zur Gedenkstätte zusammen. Die Lehrerin und der Lehrer begleiten die Gruppe.
Frau Rohe war vor fünf Jahren schon mal hier. Herr Kütemeier vor 14 Jahren. Die Besuche, sagen sie, seien für sie so prägend gewesen, dass sie ihren Schülern und Schülerinnen ebenfalls die Chance geben wollten, hierherzukommen.
Also haben die beiden eine AG gegründet, Förderungen eingesammelt („und festgestellt, dass es kaum Förderungen gibt“) und an einigen Freitagen von 13:40 bis 18 Uhr Themen rund um den Holocaust mit der Gruppe behandelt. Zeitzeugenberichte, Dokumentationsfilme, Todeszahlen. „Wir haben monatelang auf diesen Tag hingearbeitet“, sagt Herr Kütemeier.
Jugendliche in Auschwitz: „Die Stimmung ist komisch“
Der Platz vor der Gedenkstätte ist ein geschäftiger Ort. 2024 haben mehr als 1,8 Millionen Menschen die Gedenkstätte besucht, fast viermal so viel wie noch vor 30 Jahren. Es wurde angebaut. Hier ein großes Restaurant, da moderne Toilettenhäuschen, vor denen sich eine lange Schlange bildet. Daneben ein Mann, der sich einen Schokoriegel aus einem Snackautomaten zieht. Überhaupt stehen hier überall Snackautomaten. Dazu ein stabiler Lärmpegel, in der Gruppe geht es aber recht still zu.
„Die Stimmung ist komisch. Gestern waren alle gut gelaunt, fröhlich und laut. Heute ist das nicht mehr so“, sagt Aaron. Andere unterhalten sich über die Anreise mit dem Nachtzug von Frankfurt aus. 16 Stunden, das Licht im Zug sei über Nacht an geblieben. Erholsamen Schlaf habe kaum jemand gefunden.
Eine mittelalte Frau stellt sich vor: „Ich heiße Lucyna Filip.“ Sie ist eine von mehr als 340 Guides, die Touren durch die Gedenkstätte anbieten. Auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Polnisch. Lucyna spricht heute Deutsch, obwohl es nicht ihre Muttersprache ist.
Die Gruppe folgt Lucyna und muss durch eine Sicherheitskontrolle wie am Flughafen. Handys und Kameras müssen in abgegriffene blaue Wannen, die Schüler und Schülerinnen durch einen Körperscanner. Nichts piept. Alle dürfen weiter. Treppe runter. Die Gruppe sammelt sich wieder. Alle bekommen einen dünnen Kopfhörer, damit auf dem Gelände nicht geschrien werden muss. „Alle auf Kanal 21 schalten“, ertönt Lucynas Stimme aus den Kopfhörern derer, bei denen Kanal 21 schon voreingestellt war. Ein schweres Metalltor öffnet sich. Vom warmen Infocenter geht es hinaus in den kalten südpolnischen Winter. Es sind minus drei Grad Celsius. Es geht los.
Ein langer Gang führt zurück ans Tageslicht. Graue, leicht schräg nach oben laufende Wände engen den Weg links und rechts ein. Aus kleinen, in der Wand eingelassenen Lautsprechern schallen Namen:
Arthur Mendel.
David Weintraub.
Fritz Aal.
Es sind die Namen derjenigen, die im Tötungslager ihr Leben gelassen haben. „Das hört sich ein bisschen an wie die Namensliste in der Schule“, sagt Deniz.
Oben angekommen, betritt die Gruppe den vereisten Boden des Lagers und blickt auf eine weite Wiese und hohe Birken. Die Gruppe biegt links hinter einem unscheinbaren Verwaltungsgebäude ab. Der Schriftzug über dem Eingangstor des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz I wird sichtbar: „Arbeit macht frei.“
Die Ruhe in Auschwitz ist Teil der Beklemmung
Und plötzlich ist alles so nah. Dieser Schriftzug, der auf dem Kopf stehende Buchstabe B, den der ehemalige Auschwitz-Häftling und Kunstschlosser Jan Liwacz aus Protest umdrehte, nachdem er den Auftrag von der SS erhalten hatte, diesen Schriftzug für das Lager anzufertigen, in dem er selbst eingesperrt war und später ermordet wurde. Die Augen der Schülerinnen und Schüler weiten und die Gesichtszüge leeren sich. Die Gespräche enden. Es ist der Moment, über den eine Schülerin am Ende des Tages sagen wird, dass sie gemerkt habe, dass es nur die Zeit ist, die sie und ihre Mitschüler:innen von den Gefangenen trennt.
Das Lager ist, obwohl sich zahlreiche geführte Gruppen durch die breiten Gassen des ehemaligen Kasernengeländes bewegen, ein stiller Ort. Die Ruhe ist Teil der Beklemmung, die die meisten Besucherinnen und Besucher hier empfinden. Auf der einen Seite haben die Deutschen hier Menschen erschossen, gefoltert, erniedrigt, vergast. Lucyna deutet nach rechts auf einen Platz und sagt, dass dort früher Menschen gehängt wurden. Auf der anderen Seite sind mittlerweile in manchen der früheren Kasernengebäude moderne Toiletten und leuchtende Notausgangsschilder. Und Leute – nicht die Schüler und Schülerinnen – stellen sich vor den verrosteten Stacheldraht und posieren für Fotos, die sie später auf Instagram hochladen werden.
Wie umgehen mit dieser Gleichzeitigkeit des Grauens und dessen so sichtbarem Auszug? Eine der Schülerinnen wird später sagen: „Als ich durch diesen Ort gegangen bin und trotzdem so lockere Konversationen hatte, habe ich mich gefragt, ob es richtig ist, dass wir uns trotzdem das Recht herausnehmen, einfach dort hinzugehen.“
Die meisten der Schüler und Schülerinnen gehen durch das Lager, als wären sie allein. Sie sprechen kaum. Die Vergangenheit – sie kommt ihnen nah durch Lucynas Stimme in den Kopfhörern, durch die Fotos der kahlgeschorenen Gefangenen und durch die Nahaufnahmen von Kindergesichtern während der Selektion.
Die Führung dauert mehrere Stunden und geht trotzdem rasch vorüber. Steht man zu lange in einem Raum, vermischt sich Lucynas Stimme mit der eines anderen Guides, der die nächste Gruppe durch die Backsteinbauten führt. Es gibt Momente, da wünscht man sich, man hätte mehr Zeit. Und es gibt Momente, die sind so beklemmend, dass man so schnell wie möglich entfliehen möchte.
In Block vier, in der oberen Etage, hinter einer Glasscheibe, türmt sich ein Haufen leerer Büchsen Zyklon B auf. Das Gas, das die Nazis für ihren Massenmord verwendet haben. Als die Gruppe noch vor der Glasscheibe steht, sagt Lucyna: „Im nächsten Raum bitte keine Fotos.“ Die ersten Schülerinnen gehen um die Ecke. Ihr Blick wandert auf eine kleinere Vitrine auf der rechten Seite. Mehrere Zöpfe aus Menschenhaar liegen da. Dann, als sich einige Schülerinnen umdrehen, fließen Tränen. In einer zweiten, riesigen, sich über die komplette Wand eines Raumes erstreckenden Vitrine liegen so viele Menschenhaare, dass sie im ersten Moment gar nicht als solche zu erkennen sind. „Zwei Tonnen“, sagt Lucyna. Bei der Befreiung des Lagers fanden die Alliierten sieben Tonnen Menschenhaar. Die Nazis stellten damit Textilien und Garn her.
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Am Abend nach der Führung werden die meisten Schüler und Schülerinnen diesen Raum als den Ort bezeichnen, der sie am meisten beschäftigt hat. Eine Schülerin wird sagen: „Was mich an den Haaren stört, ist, dass man den Opfern auch noch ihre Menschlichkeit nimmt, einfach weil man es kann. Ich hab das Gefühl, wenn man den Opfern die Wertsachen nimmt, stört mich das nicht, aber jemandem die Haare abzuscheren, einfach weil man kann, fühlt sich so entmenschlichend an. So wie ein Haufen Zeugs.“
Im nächsten Gebäude, Block fünf, stehen Hunderte Koffer, die gestapelt hinter einer Glasscheibe liegen, ein Berg Schuhe und Tausende ineinander verworrener Brillengestelle.
Danach: Pause vor Block 18. Die Schüler und Schülerinnen sitzen auf einer Treppe unweit des Blocks, in dem der Mediziner Josef Mengele Zwillinge zusammennähen ließ und versuchte, die Augenfarben von Kindern infektiös zu verändern. Das Leid, mit dem die Gruppe hier konfrontiert ist, lässt sich gar nicht abbilden.
Die Schülerinnen und Schüler gehen noch durch Block 11. Der Todesblock, in dem die Nazis 1941 erstmals Zyklon B getestet und damit 600 sowjetische Kriegsgefangene vergast haben. Vorbei an der Todeswand, wo mehr als 20 000 „unerwünschte“ Häftlinge erschossen wurden. Dann durch die einzige Gaskammer in Auschwitz 1, vorbei an den Öfen, in denen die Leichen anschließend verbrannt wurden. Das Haus von Rudolf Höß ist von hier aus zu sehen. Und dann, am Nachmittag, gehen die Schüler und Schülerinnen noch über das Gelände von Auschwitz II, das weniger erhalten, aber mehr als zehnmal so groß ist wie Auschwitz 1.
Das Unbegreifliche, der Schrecken – es kommt hier so nah, dass man sich durchaus fragen kann, wie sinnvoll es überhaupt ist, sich all jenes hautnah anzuschauen. Am Abend, als die Schülerinnen und Schüler im Stuhlkreis zusammensitzen, finden sie ihre Antworten darauf. „Damit wir das alles nicht vergessen“, sagt ein Schüler. Eine Schülerin sagt: „Ich bin ein Stück dankbarer rausgegangen, als ich reingegangen bin. Ich finde, man nimmt sein eigenes Leben danach anders wahr.“


