VonCarolin Gehrmannschließen
Das 9-Euro-Ticket war der verkehrspolitische Erfolg des Sommers. Für den Herbst will Verkehrsminister Wissing über eine günstige Alternative reden.
Berlin – Zu Beginn von vielen gefürchtet, von den meisten heiß ersehnt – am Ende wurde es trotz des anfänglichen Ansturms, der die Bahnen teils an ihre Kapazitätsgrenzen und darüber hinaus brachte, ein gefeierter Erfolg: Das 9-Euro-Ticket aus dem Entlastungspaket 2022 erfreut sich bei Verbraucherinnen und Verbrauchern großer Beliebtheit. Die Debatte über einen Nachfolger läuft seit Wochen. Nun könnte Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) neuen Schwung in die Diskussion bringen: Er will über ein Nachfolgemodell reden.
9-Euro-Ticket 2022: Alle Wege führen nach Sylt oder der „Sommer der 90 Tage“
Kassel, Sylt oder ganz spontan in dreizehn Stunden von Heilbronn nach Berlin – kein Ziel schien zu weit, kein Weg zu lang, wie sich jetzt, zur Halbzeit des neuen 9-Euro-Tickets zeigt. Ab September soll jedoch wieder Schluss sein mit der günstigen Freiheit. Ende August läuft die Regelung zur preiswerten Monatskarte aus, was nicht nur viele Menschen im Land bedauern. Von vielen Seiten wird daher bereits ein Nachfolgemodell für das 9-Euro-Ticket gefordert. Bereits am Montag, den 18.07.2022, überraschte Verkehrsminister Volker Wissing (FDP), der eine Fortführung des 9-Euro-Tickets noch Ende Juni abgewürgt hatte, indem er sich doch offen für Gespräche über eine mögliche Nachfolge zeigte.
Zuletzt hatte sich Wissing noch davon gesprochen, die gesammelten Erfahrungen mit dem Ticket zunächst nur auswerten zu wollen. Gegenüber der Funke Mediengruppe zeigte er sich durchaus willens, in diese Richtung aktiv werden zu wollen. „Wir werden (...) auch eigene Modelle durchrechnen und mit den Ländern beraten.“ Man müsse genau schauen, zu welchem Preis man ein solches Ticket deutschlandweit anbieten könne, so der Minister. Die Kostenfrage ist dabei tatsächlich keine kleine: Für das 9-Euro-Ticket zahlt der Bund 2,5 Milliarden Euro an die Länder.
9-Euro-Ticket: Wissing wird konkret – Zum Jahreswechsel könnte ein Nachfolger vorliegen
Gegenüber der Deutschen Presseagentur wurde Wissing sogar noch konkreter: Ein Nachfolgeangebot für das 9-Euro-Ticket hält er für Ende des Jahres oder Anfang 2023 für möglich, betont jedoch auch, wie wichtig eine genaue Auswertung der Daten aus dem aktuellen Angebot ist, von denen er erwartet, dass sie Anfang November vorliegen können. Dabei gehe es ihm vor allem darum, eine Nachfolgelösung zu schaffen, die sowohl finanzierbar ist als auch den Nutzungsansprüchen der Menschen entspricht.
Nachfolge vom 9-Euro-Ticket: Vorschläge zu 365-Euro-Ticket und 29-Euro-Ticket auf dem Tisch
Vonseiten der Politik, aber auch von Verbraucher- und Verkehrsverbänden gab es schon viele konstruktive Vorschläge, wie man den Menschen auch über August hinaus die kostengünstige und einfache Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs ermöglichen könnte – und das auch ohne 9-Euro-Ticket. Ein erster Lösungsvorschlag kam von den Linken, die mit dem 365-Euro-Ticket das ganzjährige Fahren mit Bussen und Bahnen schon für einen Euro am Tag anbieten wollen. Dem Linken-Verkehrspolitiker Bernd Riexinger zufolge sei dies „machbar und finanzierbar, also vollkommen realistisch“, wie er gegenüber kreiszeitung.de erklärte.
Unterstützung von ungewohnter Seite kommt von der CSU. „Mein Vorschlag wäre ein 365-Euro-Jahresticket für den gesamten öffentlichen Personennahverkehr in ganz Deutschland“, sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder der Bild am Sonntag bezüglich eines Nachfolgers zum 9-Euro-Ticket.
365-Euro-Ticket als Alternative zum 9-Euro-Ticket: Linke und CSU dafür, Kritik von den Landkreisen
Die Landkreise sehen ein 365-Euro-Ticket als Alternative zum 9-Euro-Ticket aber grundlegend anders. „Von Vorschlägen zur Verlängerung des 9-Euro-Tickets und auch von Nachfolgemodellen wie einem 365-Euro-Jahresticket halte ich nichts“, sagte Landkreistagspräsident Reinhard Sager der Funke Mediengruppe. „Damit ist viel staatliches Geld verbrannt worden, das wirkungsvoller hätte in Taktung und Ausstattung investiert werden können.“
Nachfolger vom 9-Euro-Ticket: Bundesweite Tickets für 29 Euro und 69 Euro im Gespräch? 0-Euro-Ticket in Hannover
Geht es nach den Verbraucherzentralen, wäre ein Ticket für 29 Euro eine gute Alternative zum 9-Euro-Ticket, um das unkomplizierte Reisen im Nahverkehr auch weiterhin zu ermöglichen. Angesichts der momentanen Gaskrise und Energiekrise in Deutschland sei dies für viele eine wirkungsvolle Entlastung, so die Chefin des Bundesverbands (vzbv), Jutta Gurkmann, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
Ein teurerer Vorschlag kommt hingegen vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), der sich am vergangenen Donnerstag für ein dauerhaftes 69-Euro-Ticket ausgesprochen hatte. Die Fahrkarte soll bundesweit für den ÖPNV gelten. Wohingegen es in Hannover in Niedersachsen mit dem „0-Euro-Ticket“ ab 2023 voraussichtlich vollkommen kostenfrei auf Schiene oder Straße gehen soll – zumindest für Arbeitnehmer.
Zustimmung für einen Nachfolger des 9-Euro-Tickets: Städtebund sieht großes Interesse
Generelles Wohlwollen für eine bundesweit einheitliche und kostengünstige Regelung in jeglicher Form kommt auch vom Städte- und Gemeindebund. „Die Bürgerinnen und Bürger haben ein hohes Interesse, ohne Tarifdschungel Busse und Bahnen in ganz Deutschland nutzen zu können. Das zeigen auch die Erfahrungen des 9-Euro-Tickets“, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der Funke Mediengruppe. „Auch das Beispiel Österreich zeigt, dass ein 365-Euro-Ticket auf hohe Akzeptanz stößt.“
Die Vorschläge haben alle verschiedene Vor- und Nachteile. Sie zeigen jedoch alle ganz deutlich: Die Ampel ist bei der Schaffung ihres angekündigten Klimatickets, das den Nahverkehr dauerhaft günstig machen soll, gefordert.
Nach dem 9-Euro-Ticket: Ein nahtloser Übergang raus aus dem Tarifdschungel hin zum Klimaticket wird es wohl nicht. Wissing sieht mögliche Lösung erst für den Winter.
Der Weg hin zu einer möglichen Lösung ist also noch lang – der September hingegen schon ganz nah. Dazwischen liegt auch noch die Sommerpause des Bundestages. Ein schneller Nachfolger des 9-Euro-Tickets ist also unwahrscheinlich, eine nahtlose Übergangslösung wohl nicht in Sicht. Immerhin: Mit dem vom Minister in Aussicht gestellten ÖPNV-Ticket zum Jahreswechsel hin hat man jetzt zumindest schon einmal einen Grund, um sich auf den Winter zu freuen.
Wissing zeigte sich im Gespräch mit der dpa nämlich zuversichtlich, was den veranschlagten Termin angeht – sofern Bund und Länder sich schnell einigen. „Wir haben ja gesehen, dass wir innerhalb weniger Wochen einen Vorschlag auf den Tisch legen und ein digitales Ticket anbieten konnten. Insofern bin ich optimistisch, dass es auch dieses Mal schnell gehen kann.“ Was für eine Art Ticket es werden könnte, verriet er hingegen noch nicht. Darüber hinaus kündigte er an, Ordnung in den Tarifdschungel bringen zu wollen. Auch sei ein wichtiges Ziel zu überprüfen, wo die Taktungen im Verkehrsnetz eventuell angepasst werden müssen.
