„Allmachtsfantasien, Rachegelüste, Inkompetenz“: Was ein „entfesselter“ Donald Trump noch anrichten könnte
VonLisa Gilz
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Trump steht unter Druck. Der US-Präsident tue aktuell alles, um von innenpolitischen Problemen abzulenken, sagt Politologe und Autor Stephan Bierling.
Der korrupteste Präsident in der Geschichte der USA – so beschreibt der Politologe Stephan Bierling Donald Trump in dessen zweiter Amtszeit. Im Interview mit unserer Redaktion spricht der Autor der Bücher „Die Unvereinigten Staaten“ und „America First“ über einen entfesselten Präsidenten, der von Krise zu Krise hüpft, Milliarden abzockt und keine roten Linien kennt. Zwischen Midterm-Druck und Atomwaffen-Diplomatie stellt sich auch die Frage, ob die USA 2029 noch eine Demokratie sein werden.
Politikwissenschaftler Stephan Bierling spricht als Trump- und USA-Experte unter anderem am kommenden Wochenende auf der SiKo in München. (Archivbild 2025)
Herr Bierling: Wie würden sie Trumps zweite Amtszeit in drei Worten zusammenfassen?
Allmachtsfantasien, Rachegelüste, Inkompetenz.
Kritik an Trump: „Um wirkliche Lösungen geht es ihm nie, nur um die Show und die Schlagzeilen.“
Wie unterscheidet er sich damit vom Präsidenten Trump 1.0?
Wir erleben einen entfesselten Donald Trump. Er ist noch entschlossener, radikaler und skrupelloser. Und es gibt keine Erwachsenen mehr in seiner Regierung, die seine Impulse einhegen.
Was ist denn kurz- und mittelfristig wichtiger: Eine Einigung mit dem Iran oder eine Lösung für die eskalierende innenpolitische Situation finden?
Das hängt miteinander zusammen. Trump ist ein Meister der Ablenkung. Wenn es in der Innenpolitik schlecht läuft wie seit Monaten, wendet er sich der Außenpolitik zu. Und dort hüpft er von Krise zu Krise, die er zum Teil selber angerichtet hat. Von Venezuela nach Grönland und dann gleich weiter zum Iran. Um wirkliche Lösungen geht es ihm nie, nur um die Show und die Schlagzeilen.
Schlecht, und das ist nicht einmal Trumps Schuld. Russland hat eine neue Überschallrakete, die Kinschal, entwickelt, die es nicht in einen neuen New-Start-Vertrag einbeziehen will. Und China rüstet massiv mit Atomwaffen auf und lehnt alle vertraglichen Beschränkungen ab.
Im November stehen die Midterms an – Trump steht unter Druck. Global hat er aus seiner Sicht Siege eingefahren. Es scheint ihm aber deutlich schwerer zu fallen, „Deals” mit der US-Bevölkerung zu machen. Was können wir in den nächsten Monaten erwarten?
Na ja, bis auf den Waffenstillstand im Gazakrieg und die Festnahme Maduros in Venezuela ist Trump international nichts gelungen. Putin führt ihn an der Nase herum, Xi hat ihm seine Grenzen aufgezeigt, mit seinen Zöllen treibt er selbst Verbündete näher an den Rivalen China. Aber er versucht, das für sein heimisches Publikum schönzureden. In der Innenpolitik fällt ihm das schwerer. Die Inflation bleibt hoch, neue Jobs gibt es kaum, das Verbrauchervertrauen liegt am Boden, Wahlen wie im vergangenen November in Virginia und New Jersey gehen krachend verloren. Dazu kommen die breite Empörung über die Epstein-Akten und die Brutalität der Einwanderungsbehörde ICE. Trump dürfte also versuchen, durch außenpolitische Aktivität davon abzulenken. Vielleicht kommt Grönland wieder aufs Tapet oder es passiert etwas mit dem Iran.
Trump kommerzialisiert seine Präsidentschaft: „Das nennt man auf Deutsch: Schmiergeld.
Und wenn Siege ausbleiben, liegt dann bereits der Vorwurf bereit, dass die Wahl manipuliert wurde?
Oh ja, die Lüge von gestohlenen Wahlen gehört mittlerweile zum Vaterunser der MAGA-Anhänger. Dabei ist es Trump, der Wahlen zu manipulieren versucht, etwa indem er seine Republikaner anweist, in den Bundesstaaten die Wahlkreise neu zuzuschneiden, Briefwahlen zu verhindern oder in demokratischen Städten weniger Wahllokale zu öffnen. Im schlimmsten Fall könnte er seine ICE-Truppen im nächsten November nutzen, um Bürger bei der Stimmabgabe einzuschüchtern oder Wahlurnen zu beschlagnahmen.
Trump ist nicht nur Präsident. Er ist eine eigene Marke, die er seit seiner ersten Präsidentschaft noch weiter ausgebaut hat. Wie schätzen Sie seine Entscheidung ein, seine politische Position zu kommerzialisieren?
Trump ist der korrupteste Präsident in der Geschichte der USA, und die werden heuer 250 Jahre alt. Seine Familie und er haben allein im ersten Amtsjahr vier Milliarden Dollar abgezockt, hat das Magazin The New Yorker gerade berechnet. Das Mittel: dubiose Deals bei Krypto-Währungen, aber auch Klagen gegen Unternehmen wie ABC News oder hochbezahlte Nichtstuer-Jobs für seine Söhne. Und Amazon-Chef Bezos hat Trumps Frau Melania 40 Millionen für die Rechte bezahlt, einen lobhudelnden Film über sie zu machen. Das nennt man auf Deutsch „Schmiergeld“. So, jetzt kann mich Trump gern verklagen. Aber ich habe eine gute Rechtsschutzversicherung.
Ist das typisch Trump, der Businessmann? Es ist schließlich schwer vorstellbar, dass andere westliche Präsidenten oder etwa Kanzler Friedrich Merz mit einer Kommerzialisierung ihrer Persona lange im Amt bleiben würden.
Das mit dem Businessman ist ein Mythos, den Trump selbst geschaffen hat. Er war immer ein Vermarkter und Verkäufer seiner Selbst, und dieses Geschäftsmodell beherrscht er perfekt. Da ist er einmalig. Jeder andere amerikanische Präsident und sicherlich auch jeder deutsche Kanzler könnten das politisch nicht überleben.
Apropos Überleben. Trump sagt immer wieder, dass er doch 2028 nochmal antreten würde, wenn er könnte. Sein Pressestab deklariert das gerne als Witz. Andere sehen darin eine Drohung. Wie ordnen Sie die Aussage ein?
Trump macht keine Witze, dazu ist er von seiner Persönlichkeit her nicht fähig. Er testet vielmehr, ob er damit durchkommen könnte. Aber die Verfassung verbietet eine dritte Amtszeit, und selbst die wichtigsten Politiker seiner Partei schließen das aus. Wenn er am 20. Januar 2029 um 12.01 Uhr noch im Präsidentenbüro sitzt, sind die USA eine Diktatur geworden.
Zieht Trump irgendwo mal eine Grenze und sagt: Bis hierhin und nicht weiter?
Nein, Trump kennt keine roten Linien. Er hat neulich gesagt, seine einzigen Grenzen seien seine Moral und sein Intellekt. Na, dann Prost Mahlzeit! Es ist Aufgabe seiner Partei, des Kongresses, der Gerichte und letztlich der Wähler, ihm Einhalt zu gebieten.