VonBedrettin Bölükbasischließen
Der syrische Diktator Baschar al-Assad ist gestürzt. Besonders eine Person sticht jetzt hervor: Der Rebellenchef Abu Mohammed al-Dscholani.
Damaskus – Bereits ein Tag nach der Einnahme von Damaskus durch die Rebellen und dem Sturz des Regimes von Baschar al-Assad erschien er in der Hauptstadt: Abu Mohammed al-Dscholani, mit bürgerlichem Namen Ahmed Hussain al-Schara. In Damaskus angekommen warf er sich für einen Moment auf den Boden, die Knien und Hände auf dem Boden, genauso wie seine Stirn – eine islamische Geste, um Gott zu danken. Seine Ankunft in der Großen Umayyaden-Moschee von Damaskus wurde von der Bevölkerung mit einer großen Feier begleitet.
| Abu Mohammed al-Dscholani | |
|---|---|
| Geboren | 1982 |
| Herkunft | Riad, Saudi-Arabien |
| Zugehörige Organisationen | Al-Quaida (2003 bis 2016), Haiʾat Tahrir asch-Scham (2017 bis heute), Syrian Salvation Government (2017 bis heute) |
Denn al-Dscholani, der charismatische Chef der Rebellengruppe Haiat Tahrir al-Scham (HTS), gilt als der Mann, der den Diktator nach 13 Jahren in die Flucht und sein Regime in die Knie zwang. Die HTS war die treibende Kraft hinter der Großoffensive, die mit der Eroberung von Aleppo startete und letztlich mit dem Sturz des Regimes in Syrien endete. Er war zwar nicht der einzige bedeutende Kommandeur der Rebellen in diesem Kampf, doch er war ohne Zweifel der bedeutendste. Ohne seine HTS hätten die Rebellen ihre Hochburg Idlib nicht halten und das Regime nicht stürzen können.
Rebellenführer al-Dscholani: Der Mann, der Assad stürzte
Al-Dscholani wurde im Jahr 1982 in Riad, der Hauptstadt von Saudi-Arabien, geboren. Seine Eltern stammen ursprünglich aus den Golan-Höhen. Nach der israelischen Besetzung dieses Gebietes mussten sie allerdings auswandern und kehrten schließlich im Jahr 1989 nach Syrien zurück und lebten fortan nahe der Hauptstadt Damaskus. Über seine Zeit dort ist nur wenig bekannt.
Als die USA 2003 im Irak einmarschierten, trat er dort der Al-Qaida bei, um Widerstand zu leisten. Eigenen Angaben zufolge dachte er schon Anfang der 2000er, also mit 18–19 Jahren, darüber nach, wie er „meine Nation verteidigen“ könne. Im Jahr 2006 wurde er schließlich von US-Truppen verhaftet und verbrachte fünf Jahre in militärischen Gefängnissen. Während er dort war, wurde im Irak unter Schirmherrschaft der Al-Qaida die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) gegründet.
Als al-Dscholani schließlich 2011 freikam, koordinierte er seine Handlungen mit dem IS-Anführer Abubakr al-Baghdadi und wurde von ihm nach Syrien geschickt. Dort gründete er gerade rechtzeitig zu Beginn des syrischen Bürgerkrieges die Al-Nusra-Front, den syrischen Arm der Al-Qaida. Vor allem in der Oppositionshochburg Idlib wurde er und die Al-Nusra immer prominenter und gewann an Einfluss.
Al-Dscholani als neuer Anführer in Syrien: Er will eine auf Institutionen basierende Regierung gründen
Dann kam es zur Spaltung mit dem IS: Al-Baghdadi, der Terrorchef im Irak, gab bekannt, seine Organisation spalte sich von der Al-Qaida und werde fortan auch in Syrien tätig werden. Die Terrororganisation nannte sich in Linie mit dieser neuen Struktur in „Islamischer Staat vom Irak und der Levante“ (ISIL) um. Doch al-Dscholani widersprach dem und blieb der Al-Qaida loyal. In einem Interview im Jahr 2014 zeigte sich der Al-Nusra-Chef sehr strikt: Syrien müsse unter der islamischen Interpretation seiner Gruppierung regiert werden, sagte er. Minderheiten wie Christen und Alewiten hätten hingegen kein Platz in dieser Ordnung, so al-Dscholani.
Als die Großstadt Aleppo im Jahr 2016 an das Assad-Regime fiel, strömten Tausende bewaffnete Kämpfer nach Idlib: Dort hatte al-Dscholani die neue Organisation Jabhet Fateh al-Scham gegründet. Mit der Ankunft neuer Gruppen in Idlib gab er bekannt, dass er sich von der Al-Qaida vollkommen trenne und mehrere syrische Gruppen zusammenschließe. Dies mündete schließlich in der Gründung der HTS. Das Ziel: Die Beseitigung des Regimes in Syrien und Milizen des Iran sowie die Einkehr islamischen Rechts.
In derselben Zeit schien sich al-Dscholani allmählich von transnationalen Ambitionen wie etwa die Gründung eines Kalifats, das alle islamischen Länder einschließt, zu distanzieren und auch moderater zu werden. Stattdessen betonte er den nationalen, syrischen Charakter der HTS und das Hauptziel, Syrien vor Assad zu retten. Er distanzierte sich immer wieder von der Brutalität der IS-Terrormiliz und plädierte für einen pragmatischeren Ansatz im „Dschihad“ – im Islam der Kampf für Gottes Willen. Die HTS gründete in Idlib die „Nationale Befreiungsregierung“ und nahm allmählich einen staatlichen Charakter ein.
HTS als Abspaltung vom IS und der Al-Qaida: Al-Dscholani zeigt sich moderat
In Idlib nahm die HTS auch den IS ins Visier und steckte gefangene IS-Mitglieder in sogenannte „Deradikalisierungsprogramme“. Die Al-Qaida warf al-Dscholani „Verrat“ vor, was zu Abspaltungen von der HTS führte. So wurde in Idlib die Hurras al-Din gegründet – der neue Arm der Al-Qaida in Syrien. Doch die HTS ging gegen die Al-Qaida-Gruppe vor und vernichtete sie.
Al-Dscholani bemühte sich um Einigkeit in Idlib und versuchte, die Teilung in einzelne Rebellengruppen zu verhindern. So schaffte er es zugleich, den internen Kampf der Rebellen in Idlib zu unterbinden und die HTS als eine dominante, politisch tragbare Kraft zu etablieren. Die Regierung, die er in Idlib gründete, leitete die Idlib-Provinz erfolgreich und stellte ein Kabinett mit Premierminister und Ministern auf. Gleichzeitig gab es aber auch religiöse Räte, die sich am islamischen Recht, der Scharia, orientierten.
Die Transformation von al-Dscholani in einen moderaten Anführer zeigte sich auch äußerlich. Seine Garderobe wurde zunehmend westlicher, er kürzte sogar seinen Bart. Im Islam gilt das Tragen eines Barts als „sunnah“, also eine Handlung, die auch von Prophet Muhammad praktiziert wurde. Al-Dscholani trat immer wieder öffentlich auf, engagierte sich mit der Öffentlichkeit und leitete Hilfskampagnen persönlich, wie etwa nach dem schweren Erdbeben im Jahr 2023. Indem er sich auf Rekonstruktion und politische Stabilität fokussierte, wollte er zeigen: Die HTS ist nicht nur eine bedeutende militärische Kraft, sondern kann auch politisch einwandfrei aktiv werden.
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HTS-Regierung in Idlib bald in ganz Syrien
Al-Dscholani schreckte im Zuge seiner moderaten Haltung auch nicht vor Reformen zurück. In Idlib gab es immer wieder Demonstrationen gegen die HTS und ihre Regierung. Sie wurden beschuldigt, wie das Assad-Regime vorzugehen, Kritiker zu unterdrücken und autoritär zu sein. HTS-Sicherheitskräfte wurden als „Schabbiha“ beschimpft – ein Begriff, der eigentlich für Geheimdienstmitarbeiter des Assad-Regimes verwendet wird.
Im Laufe des Jahres 2024 setzte die HTS daher einige Reformen um. Eine umstrittene Sicherheitstruppe, der Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen wurden, wurde aufgelöst. Zugleich wurde eine „Abteilung für Beschwerden“ eingeführt. Dort konnte sich die Bevölkerung melden und Kritikpunkte an der HTS und ihrer Regierung offen äußern. Hardliner unter den islamistischen Gruppen in Idlib warfen HTS immer wieder vor, nicht strikt genug vorzugehen. Ein Festival in einem Einkaufszentrum sowie ähnliche Veranstaltungen in Idlib wurden von diesen Gruppierungen scharf kritisiert. Solche Vorfälle zeigen die schwierige Aufgabe, vor der die HTS steht: Die gleichzeitige Befriedung von Hardlinern, um eine Spaltung zu verhindern, und der Bevölkerung.
Die HTS und al-Dscholani geben sich in Syrien moderat
Nach der Übernahme von Damaskus versprach die HTS, religiösen und ethnischen Minderheiten, sie würden ebenfalls geschützt werden. Der iranische Außenminister und weitere iranische Beamte teilten mit, die sunnitische HTS habe dem Iran eine Botschaft überreicht. Darin werde versichert, dass man heiligen Stätte der Schiiten wie etwa in Damaskus keinen Schaden zufügen oder zerstören, sondern ebenfalls beschützen werde. Die HTS hatte im Laufe der Offensive gegen Aleppo auch eine an Kurden gerichtete Mitteilung veröffentlicht. Auch ihnen wurde versichert, dass man sie ebenso wie das restliche syrische Volk schützen werde. Beim Einmarsch in Damaskus veröffentlichten der Opposition nahestehende Kanäle immer wieder Appelle an ihre Kämpfer, der Bevölkerung nicht zu schaden und sie gut zu behandeln.
In Damaskus setzt al-Dscholani seinen moderaten Kurs fort. Er traf sich mit ehemaligen Regime-Ministern, um eine friedliche Übergabe der Macht zu arrangieren. Er will eigenen Angaben zufolge eine auf Institutionen basierende Regierung gründen und Syrien von der „willkürlichen“ Herrschaft nur einer Person retten. (bb)
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