Rechtsextremismus

Pläne für „Remigration“ in der AfD: Wen Björn Höcke vertreiben will

  • schließen

Der Chefideologe der AfD, Björn Höcke, forderte schon vor Jahren in einem Buch ein „großangelegtes Remigrationsprojekt“. Eine erschreckende Lektüre.

Frankfurt – „Geheimplan gegen Deutschland“ überschrieb die gemeinnützige Recherchegruppe Correctiv ihre Berichterstattung über ein Rechtsextremen-Treffen. Anwesend waren unter anderem Vertreter:innen der AfD. Ende 2023 sollen diese in Potsdam über einen „Masterplan“ für die „Remigration“ von Menschen mit Migrationshintergrund beraten haben. Hunderttausende gehen seither Woche für Woche an vielen Orten „gegen rechts“ auf die Straße, eine breite Debatte über die Pläne der AfD entstand.

Doch was genau will die Partei? Diese Frage wurde schnell zum Kern der politischen Auseinandersetzung. Nach den Recherchen von Correctiv ging es beim Potsdamer „Geheimtreffen“ auch um eine Vertreibung von Menschen mit Migrationshintergrund, die längst eine deutsche Staatsbürgerschaft haben. Führende AfD-Politiker:innen weisen derartige Pläne für ihre Partei in Interviews hingegen weit von sich. Was sie wollten, sei lediglich das konsequente Abschieben von Nicht-Deutschen, die kein Bleiberecht haben. Das hatten zuletzt auch Unionspolitiker:innen und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) gefordert.

Was ist richtig? Aufschluss geben Parteiprogramme sowie eine ältere Schrift von Björn Höcke. Der thüringische Partei- und Fraktionsvorsitzende gilt als führender Ideologe der AfD.

Björn Höcke ist seit dem Jahr 2014 Vorsitzender der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag.

Pläne der AfD: Aus einer „Abschiebeoffensive“ wird die „Remigration“

Auffällig ist: Im AfD-Programm zur jüngsten Landtagswahl in Thüringen aus dem Jahr 2019 taucht der Begriff „Remigration“ gar nicht auf. Die Partei kündigte darin für den Fall ihrer Regierungsverantwortung eine „Abschiebungsinitiative“ an: Zuerst solle Eingewanderten, die bei der Einreise falsche Angaben gemacht haben, die Aufenthaltserlaubnis entzogen werden. Zweitens spricht sich die AfD für „den Vollzug der Ausreisepflicht aller illegal eingereisten und geduldeten Ausreisepflichtigen“ aus, insbesondere „durch Massenabschiebungen“. An einer Stelle heißt es pauschal, aber ohne Konsequenzen aus diesem Satz zu benennen: „Thüringen braucht keine bildungsfernen Migranten.“ Ausgeführt wird das nicht.

Von einer „Abschiebeoffensive“ ist auch im AfD-Bundestagswahlprogramm von 2021 die Rede. Der Fokus liegt auf der Gruppe „abgelehnter und ausreisepflichtiger Asylbewerber“. Pläne für eine „Remigration“ sind erwähnt, allerdings ohne Details. Wörtlich fordert die Partei lediglich „eine nationale und eine supranationale ‚Remigrationsagenda‘ als Schutzgewährung in Herkunfts- und Transitregionen nach dem Grundsatz ‚Hilfe vor Ort‘“. Konkreter wird die Agenda nicht.

Dezidierter äußert sich Björn Höcke in dem bereits vor gut fünf Jahren erschienenen Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ (Manuscriptum Verlag, 2018). Es ist ein gut 300 Seiten langes Interview, geführt von dem Künstler und Publizisten Sebastian Hennig, der seine Rolle mehr als Stichwortgeber und Verstärker denn als kritischer Nachfrager versteht und sich dabei manche Verschwörung wie jene vom „drohenden Bevölkerungsaustausch“ zu eigen macht.

Höcke kann in dem Gesprächsband also frei sein politisches Programm entwerfen. Dabei stellt er den Nationalstaat ins Zentrum und Preußen als „positives Leitbild“ dar. Er spekuliert über einen kommenden Bürgerkrieg in Deutschland, den er irgendwo zwischen zwangsläufig und wünschenswert einsortiert.

Konsequent in alter Rechtschreibung: Höcke will „Multikulti“ in Deutschland stoppen

Sein migrationspolitisches Konzept formuliert Höcke so: „Sofortiger Stopp der unkontrollierten Masseneinwanderung, klare Durchsetzung unserer Rechts- und Werteordnung, Rückführung der nichtintegrierbaren Migranten, Austrocknen des islamischen Terrorismus im Land und Unterbinden des Einflusses fremder Regierungen auf innerdeutsche Belange, wie es insbesondere die Türkei direkt und verschiedene arabische Staaten indirekt betreiben.“

Bei einer „Rückführung“ geht es ihm also um „nichtintegrierbare Migranten“. Wer ist damit gemeint?

Höcke legt in seinen – konsequent in alter Rechtschreibung gedruckten – Ausführungen Wert darauf, nicht biologisch, sondern kulturell zu argumentieren. Eine gemeinsame Kultur ist für ihn das, was ein Volk ausmacht. Daher sei eine „Masseneinwanderung“ besonders dann „kritisch zu sehen“, „wenn die einströmenden Menschen ethnisch-kulturell nicht so verwandt sind“, weil dies den „Assimilierungs- oder Integrationsprozeß“ stark erschwere.

„Multikulti“ müsse gestoppt werden, um eine „kulturelle Kernschmelze“ zu verhindern. Wechselnd verwendet Höcke Begriffe wie „Islamisierung“, „Orientalisierung“ und „Afrikanisierung“. Dabei sei „echten“ Flüchtlingen aus humanitären Gründen zu helfen, so Höcke. Diese hält er allerdings offenbar für eine Randerscheinung: „Die wirklich Armen besitzen gar nicht die Geldmittel, um die Reise in den gesegneten Kontinent anzutreten.“

Die AfD und die „Remigration“: Höcke sprach einst von notwendigen „Maßnahmen“

In der Logik des rechtsradikalen Politikers werde deshalb ein „gesamteuropäisches“ „großangelegtes Remigrationsprojekt notwendig sein“: die „geordnete Rückführung der hier nicht integrierbaren Migranten in ihre ursprünglichen Heimatländer“. Dabei wirkt „geordnet“ wie ein dehnbarer Begriff, denn zur Umsetzung des „Projekts“ merkt Höcke an: „Bei dem wird man, so fürchte ich, nicht um eine Politik der ‚wohltemperierten Grausamkeit‘, wie es Peter Sloterdijk nannte, herumkommen. Das heißt, daß sich menschliche Härten und unschöne Szenen nicht immer vermeiden lassen werden.“

Auf diese vermeintliche Notwendigkeit kommt Höcke mehrmals zu sprechen. Eine „neue politische Führung“ müsse im Interesse der „autochthonen“, also ursprünglich einheimischen Bevölkerung „aller Voraussicht nach Maßnahmen ergreifen, die ihrem eigentlichen moralischen Empfinden zuwider laufen“.

Seine inhumanen Ideen leitet Höcke auch autobiografisch her. Als Gymnasiallehrer an einer integrierten Gesamtschule habe er „die erforderliche Gemeinschaftlichkeit“ vermisst: „Ich spürte bald, daß meine Bildungsbemühungen meist verpufften, daß die Schüler – viele mit Migrationshintergrund – für meine Bildungsanliegen, also auch eine Weitergabe deutscher und europäischer Kulturtraditionen, nicht aufzuschließen waren.“

Seine Lehre auch aus diesem Erleben – die mit den Menschenrechten wie auch den Werten des Grundgesetzes kollidiert – beschreibt er so: „Wir können den Muslimen unmißverständlich klarmachen, daß ihre religiöse Lebensweise nicht zu unserer abendländisch-europäischen Kultur paßt und wir anders leben wollen als nach der Scharia.“ Und an anderer Stelle: „Wenn wir weniger Hidschab- oder Burka-Trägerinnen auf unseren Straßen und Plätzen sehen wollen, dann ist es meines Erachtens der falsche Weg, diesen Frauen ihre kleidungsmäßigen Gepflogenheiten auszutreiben, sondern man sollte darüber nachdenken, die Zahl der hier lebenden Muslime zu verringern.“ Höcke stellt ein rassistisches Menschenbild offen zur Schau.

Die AfD-Spitze im Wandel der Zeit: von Bernd Lucke bis Alice Weidel

Die AfD liegt in den Umfragen zur Bundestagswahl 2025 an zweiter Stelle.
Die AfD liegt in den Umfragen zur Bundestagswahl 2025 an zweiter Stelle. Anders als jahrelang üblich, gab es bei ihrem Bundesparteitag im Januar 2025 in Riesa kaum große Streitthemen. Auch die Mitglieder des AfD-Bundesvorstands verbreiteten Harmonie (von links nach rechts): Carsten Hütter, Alice Weidel, Tino Chrupalla, Peter Boehringer und Heiko Scholz. In Riesa beschloss die AfD ihr Wahlprogramm.  © Sebastian Kahnert/dpa
Auf dem Parteitag wurde Parteichefin Alice Weidel zur Kanzlerkandidatin gekürt.
Im Mittelpunkt des Parteitags stand Alice Weidel, die die AfD mit einer schrillen Rede auf den Wahlkampf einschwor. Vor allem mit ihrer rigorosen Wortwahl schien sie den Nerv der Partei zu treffen. So forderte sie Rückführungen im großen Stil: „Wenn es dann Remigration heißen soll, dann heißt es eben Remigration.“ Zuvor hatte sie diesen Begriff vermieden.  © Jens Schlüter/AFP
AfD-Bundesparteitag in Riesa
Tatsächlich ist nach Riesa rhetorisch kein Unterschied mehr zwischen Weidel und den Rechtsextremen auszumachen. Immer wieder gelang es ihr, die düstere AfD-Seele mit ihrer scharfen Wortwahl zu massieren. So prägte sie auch den irren Begriff ,,Windmühlen der Schande“.  © Sebastian Kahnert/dpa
AfD Parteitag 2013 in Berlin
Wie aber kam es zum Aufstieg der AfD? Los ging alles am 6. Februar 2013, als 18 Menschen im hessischen Oberursel (Taunus) die Partei „Alternative für Deutschland“ gründeten. Der erste AfD-Parteitag fand bereits am 14. April 2013 statt (im Bild). Bei der Bundestagswahl im selben Jahr erzielte die neue Partei aus dem rechten Spektrum auf Anhieb 4,7 Prozent – das beste Ergebnis, das eine neu gegründete Partei jemals bei ihrer ersten Bundestagswahl erzielen konnte.  © imago
Landesparteitag der AfD am 11. Januar 2014 in Gießen
Nahezu von Anfang begleiten Gegendemonstrationen die AfD-Veranstaltungen - wie hier der Landesparteitag am 11. Januar 2014 in Gießen. Der rechtspopulistischen Partei werden immer wieder Demokratie- und Europafeindlichkeit vorgeworfen. © imago stock&people
Dr. Konrad Adam, Journalist und Mitgebründer der Alternative für Deutschland (AfD)
Als einer der Gründungsväter der AfD gilt Konrad Adam. Der 1942 in Wuppertal geborene Journalist arbeitete für die Tageszeitungen FAZ und Welt. Zunächst war er Gründungsmitglied der eurokritischen Wahlalternative 2013 und wurde noch im selben Jahr einer von drei Bundessprechern der neu gegründeten AfD. Wie viele andere war Adam ursprünglich CDU-Mitglied, ehe er – vermutlich aus Enttäuschung über die als linksliberal wahrgenommene Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) – eine neue Heimat in der AfD fand. Zwei Jahre blieb Adam Bundessprecher, doch bereits im Dezember 2015 begann er, sich von der Partei zu distanzieren. 2020 kündigte er seinen Austritt aus der AfD an, der am 1. Januar 2021 in Kraft trat. © imago
Konrad Adam, Bernd Lucke und Alexander Gauland auf dem ersten Parteitag der AfD in Berlin.
Das bekannteste Gesicht der AfD-Gründungsphase gehört dem Mann mit erhobenen Armen: Bernd Lucke. Geboren 1962 in West-Berlin und aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, studierte Lucke Volkswirtschaftslehre und wurde später in Hamburg Professor. Mit 14 Jahren trat Lucke in die CDU ein und verließ die Union 33 Jahre später, weil er mit der Eurorettungspolitik nicht einverstanden war. Der Euro und die EU wurden zu den zentralen Kritikpunkten, die Lucke in den folgenden Jahren bezogen auf die Bundespolitik äußerte. Ergebnis dieser Kritik war zunächst die eurokritische Wahlalternative 2013, aus der am 14. April 2013 die AfD hervorging. © imago
rof. Dr. Bernd Lucke im Wahlkampf für die AfD
Bereits im September 2013 engagierte sich Prof. Dr. Bernd Lucke im Wahlkampf für die AfD, wie hier auf einer Veranstaltung in Magdeburg. © IMAGO/Zoonar.com/Axel Kammerer
Bernd Lucke als Vorsitzender der AfD auf einem Parteitag
Auch Bernd Luckes Zeit in der AfD war nur eine kurze. 2014 ging er noch als Spitzenkandidat der „Alternative für Deutschland“ in den Wahlkampf für die anstehende Europawahl. Bis 2019 war Lucke im Anschluss Mitglied im Europäischen Parlament. Doch bereits 2015 deutete sich an, dass Lucke im internen Machtkampf in der AfD den Kürzeren ziehen könnte. Führende Köpfe der AfD wie Björn Höcke gerieten in Konflikt mit dem Vorsitzenden. Lucke ging und trat 2015 aus der AfD aus. Er gründete die nächste Partei: die Allianz für Fortschritt und Aufbruch (ALFA). © imago
Olaf Henkel GER Berlin 20150112 Alternative für Deutschland Prof Hans Olaf Henkel Veranstaltun
Anfang 2014 wurde die AfD-Mitgliedschaft von Professor Hans-Olaf Henkel bekannt. Einen Namen machte sich Henkel als erfolgreicher Manager bei IBM. Später wechselte er auf die Verbandsebene und wurde Präsident des BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie). 2014 zog er für die AfD ins Europaparlament ein. Für ein Jahr war Henkel sogar stellvertretender Bundessprecher der „Alternative für Deutschland“. 2015 trat Hans-Olaf Henkel wieder aus der AfD aus. © imago
Hans-Olaf Henkel, hier mit Ehefrau Bettina und ihrer Zwillingsschwester Almut
Seinen Bruch mit der AfD begründete Hans-Olaf Henkel, hier mit Ehefrau Bettina und ihrer Zwillingsschwester Almut beim Bundespresseball 2019, mit dem Rechtsruck der Partei. Gegenüber dem WDR bezeichnete Henkel die AfD im Jahr 2015 als „eine Art NPD-light, vielleicht sogar identisch mit der NPD“. Sein Engagement bei der AfD sieht Henkel mittlerweile offenbar kritisch: „Wir haben ein Monster erschaffen.“ © VISTAPRESS / G. Chlebarov via www.imago-images.de
Deutschland Essen Grugahalle 4 Ausserordentlicher AfD Parteitag Bernd Lucke nach der Wahl von F
Auf Bernd Lucke folgte an der Parteispitze der AfD Frauke Petry. Die studierte Chemikerin wurde 1975 in Dresden geboren. 2013 war sie bereits neben Lucke eine der drei Parteisprecherinnen der AfD. Außerdem wurde sie im selben Jahr zur Vorsitzenden der AfD Sachsen gewählt.  © imago
Frauke Petry AfD
Im Juli 2015 schließlich kam es zum internen Machtkampf in der AfD, den Petry für sich entscheiden konnte. Doch schon zwei Jahre später war auch für sie wieder Schluss. Ende September 2017 trat sie aus der AfD aus und gründete wie Lucke ihre eigene kleine Partei: Petry nannte sie „Die blaue Partei“. © Michael Kappeler/dpa
Prof. Dr. Jörg Meuthen (M.), Bundessprecher der AfD, Deutschland, Berlin, Bundespressekonferenz, Thema: AfD - Zu den Bu
Ein ähnliches Schicksal wie Petry und Lucke ereilte auch Jörg Meuthen (Mitte). Der 1961 in Essen geborene studierte Volkswirt wurde 2015 zu einem der zwei Bundessprecher der AfD gewählt. 2019 gelang ihm der Sieg bei der Wahl zum ersten Bundesvorsitzenden der AfD. Doch schon 2021 erklärte Meuthen, nicht erneut für den Vorsitz kandidieren zu wollen. 2022 folgte dann der endgültige Austritt aus der Partei. Der ließ sich auf seine Niederlage im Machtkampf mit Björn Höcke und den rechtsextremen Kräften innerhalb der AfD zurückführen. © M. Popow/Imago
Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA)
Auftrieb erhielt die AfD auch durch ihre Nähe zur Pegida-Bewegung. Die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) demonstrierten ab 2014 in Dresden und später in weiteren Städten. Immer wieder schlossen sich AfD-Leute den Demonstrationen an, darunter 2018 in Chemnitz auch Björn Höcke. © Ralf Hirschberger/dpa
Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg
Auch Adel findet sich unter den Führungspersönlichkeiten der AfD: Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, war einst bei der FDP und gehörte 2013 zu den Gründungsmitgliedern der AfD. Sie war von Dezember 2019 bis Juni 2022 stellvertretende Bundessprecherin ihrer Partei. Seit Oktober 2017 ist sie eine der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion. © Moritz Frankenberg/dpa
Doris Fürstin von Sayn-Wittgenstein im Sitzungssaal des schleswig-holsteinischen Landesverfassungsgerichts.
Auch Doris Fürstin von Sayn-Wittgenstein wurde aus der AfD ausgeschlossen. Sayn-Wittgenstein soll für einen rechtsextremistischen Verein geworben haben, der auf der sogenannten Unvereinbarkeitsliste der AfD stand. Doch die 1954 geborene Rechtsanwältin wehrte sich erfolgreich gegen den Parteiausschluss, den ein Bundesschiedsgericht 2019 beschlossen hat. Im April 2021 urteilte das Landgericht Berlin, dass der Ausschluss aufgrund formaler Fehler unwirksam sei. Damit war sie wieder Parteimitglied. Im Februar 2024 zog der AfD-Bundesvorstand seine Berufung beim Berliner Kammergericht zurück, wodurch das Urteil rechtskräftig geworden ist.  © Marcus Brandt/dpa
Alexander Gauland, heute AfD-Mitglied, früher Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung
Ein Urgestein der AfD, das all die personellen Wechsel überstanden hat und immer noch da ist: Alexander Gauland. Geboren 1941 in Chemnitz, war Gauland vor seiner aktiven politischen Karriere Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ). CDU-Mitglied wurde der gelernte Jurist bereits 1973, ab 1987 übernahm er verschiedene politische Ämter, vor allem für die Union in Hessen. CDU-Mitglied blieb Gauland bis 2013, ehe er die AfD mitgründete. Im Jahr 2017 wurde Gauland Bundessprecher der AfD (bis 2019). Von 2017 bis 2021 war er neben Alice Weidel einer von zwei Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion. 2021 gab er dieses Amt wieder ab, blieb der Partei aber als Ehrenvorsitzender erhalten. © imago
AfD-Chefin Alice Weidel
Alice Weidels Aufstieg in der AfD begann mit ihrem Parteieintritt im Jahr 2013. Zwei Jahre später wurde sie bereits in den Bundesvorstand gewählt. 2017 ernannte sie die Partei zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl. Im selben Jahr wurde Weidel neben Alexander Gauland Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, die sie vier Jahre lang führte. © Sebastian Kahnert/dpa
Alice Weidel wohnt mit ihrer Partnerin Sarah Bossard
Alice Weidel wohnt mit ihrer Partnerin Sarah Bossard in einer eingetragenen Partnerschaft zusammen. Das Paar hat zwei Söhne. (Archivbild) © Michael Buholzer/dpa
Tino Chrupalla bei der AfD
Neben Alice Weidel machte in den vergangenen Jahren vor allem Tino Chrupalla bei der AfD von sich reden. Einst Mitglied der Jungen Union und nach eigenen Angaben langjähriger CDU-Wähler, trat Chrupalla 2015 in die AfD ein. 2017 zog er für die Rechtspopulisten in den Bundestag ein. Im selben Jahr wurde er zu einem von fünf stellvertretenden Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion gewählt. © imago
Tino Chrupalla neben Jörg Meuthen
Im Jahr 2019 wurde Tino Chrupalla neben Jörg Meuthen zum Bundesvorsitzenden der AfD.  © Julian Stratenschulte
Alice Weidel und Tino Chrupalla
In den Wahlkampf für die Bundestagswahl 2021 zog die AfD mit einer Doppelspitze, bestehend aus Alice Weidel und Tino Chrupalla. Beide stehen seitdem als Bundessprecherin und Bundessprecher an der Spitze der Partei.  © Kay Nietfeld/dpa
Björn Höcke war zwar nie Vorsitzender der AfD,
Björn Höcke war zwar nie Vorsitzender der AfD, gilt aber dennoch als einer der einflussreichsten Personen innerhalb der rechtspopulistischen Partei. Wie Chrupalla gibt auch er an, einst überzeugter Anhänger der CDU und Mitglied der Jungen Union gewesen zu sein. 2013 trat er der AfD bei. © Christoph Soeder/dpa
Björn Höcke den AfD-Landesverband
Ebenfalls 2013 gründete Björn Höcke den AfD-Landesverband in Thüringen. Kurze Zeit später kam es zum Streit mit dem damaligen Bundesvorstand der AfD, der 2017 sogar den Parteiausschluss Höckes beantragte. Den Machtkampf mit der alten Garde der AfD gewann aber Höcke. Er ist weiterhin Parteimitglied, während Widersacher wie Bernd Lucke, Frauke Petry oder Jörg Meuthen die Partei verlassen haben. © Sebastian Kahnert/dpa
André Poggenburg in Leipzig
Anders erging es da einem einstigen Verbündeten von Björn Höcke: André Poggenburg. Gemeinsam mit Höcke hatte der ehemalige Vorsitzende der AfD Sachsen-Anhalt 2015 ein Positionspapier des „AfD-Flügels“ verfasst und damit wie Höcke den Ärger der Parteiführung auf sich gezogen. 2019 plante der AfD-Bundesvorstand, Poggenburg für zwei Jahre von allen Parteiämtern auszuschließen. Dazu kam es nicht, denn Poggenburg trat kurz darauf aus der AfD aus und gründete in alter Tradition ehemaliger AfD-Politiker eine eigene Partei unter dem Namen „Aufbruch deutscher Patrioten – Mitteldeutschland“. Inzwischen ist er parteilos. © Sebastian Willnow/dpa
AfD-Parteitag Riesa - Proteste
Mit dem Aufstieg der AfD zur bundesweiten Größe und dem Einzug in zahlreiche Landesparlamente sowie den Deutschen Bundestag mehrte sich auch der Protest gegen die Rechtspopulisten. Der AfD-Bundesparteitag in Riesa im Januar 2025 wurde von zahlreichen Demonstrationen begleitet. © Daniel Wagner/dpa
AfD-Bundesparteitag in Riesa mit Alice Weidel
Die Proteste hielten die Delegierten auf dem AfD-Bundesparteitag aber nicht davon ab, Alice Weidel zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2025 zu ernennen. Die AfD stellt damit erstmals in ihrer Geschichte eine eigene Kanzlerkandidatin. © Sebastian Kahnert/dpa

Verschwörungsmythen des Björn Höcke: „Verkümmerte männliche Selbstbewußtsein“ der deutschen Männer

Auf formale Kriterien wie die Staatsbürgerschaft – zu den „hier lebenden Muslimen“ gehören schließlich viele mit deutschem Pass – geht er nicht näher ein. Es geht ihm offenbar schlicht darum, weniger Muslimas und Muslime im Land zu haben. Das, so jedenfalls liest sich der Gesprächsband, gilt umso mehr, als dass er hinter der „drohenden Islamisierung Deutschlands und Europas“ ein gewolltes politisches Programm sieht – ein „Migrations-Projekt“, das „die Minorisierung und Marginalisierung der authochthonen (sic!) Völker“ und die „Umwandlung der bisherigen Nationalstaaten in multi-ethnische Gebilde“ zum „Ziel“ habe.

In der Welt des Geschichtslehrers verschmilzt an diesem Punkt alles zu einer großen Verschwörung. Auch jene Punkte passen ins Bild, mit denen er bei seinen Reden regelmäßig für Entrüstung sorgt, wenn er etwa Bezug auf die mörderischen Verbrechen der Nazi-Regentschaft nimmt: Für ihn steckt Deutschland in einer neurotischen „Vergangenheitsbewältigung“ fest, die das „nationale Selbstwertgefühl“ unterminiere und in dem „Wunsch nach Selbstabschaffung“ gipfele.

Diese Haltung, zu der für Höcke das „verkümmerte männliche Selbstbewußtsein“ der deutschen Männer (die „zu achtzig Prozent aus Weicheiern bestehen“) und eine falsche Überwindung richtiger Rollenbilder („Wehrhaftigkeit, Weisheit und Führung beim Mann – Intuition, Sanftmut und Hingabe bei der Frau“) ihr Übriges beitrügen, prägen nach Ansicht des Rechtsradikalen die gesellschaftliche Einstellung zu Migration und „Multikulti“. Und: Im Umgang mit der Schuld des europäischen Kolonialismus das „Pendant zur deutschen Nazi-Keule“. In dieser Gemengelage seien Flüchtlinge „nur Mittel zum Zweck, damit das verhaßte eigene Volk endlich von der Weltbühne verschwindet“.

In der Video-Interviewreihe „Spitzengespräch“ des Spiegels nahm Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) im Januar Bezug auf Höckes Buch. Der CDU-Politiker und frühere sächsische Regierungschef Kurt Biedenkopf habe ihn kurz vor dessen Tod 2021 angerufen und gefragt, ob er das Buch gelesen habe, erzählte Ramelow. Der Linke hatte sich nach eigener Aussage bis dahin „geweigert“, dies zu tun. Biedenkopf aber habe ihm gesagt: „Sie müssen es lesen!“ Der Konservative sei „empört“ gewesen, dass Höcke seine umstürzlerischen Pläne darin derart offenlege. Man müsse sich damit befassen, habe Biedenkopf gesagt.

Höcke und die AfD haben es nicht „nur“ auf illegal Eingewanderte abgesehen

Fest steht: Höcke will seinen eigenen Worten zufolge keineswegs „nur“ illegal Eingewanderte und Menschen ohne Bleiberecht loswerden. Er geht selbst über die Gruppe der angeblich „nicht integrierbaren“ Migrant:innen hinaus, wie sein Büchlein mehr als nur andeutet – mit Aussagen über die SPD-Politikerin Aydan Özoguz.

Der früheren Integrationsbeauftragten der Bundesregierung und heutigen Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages lässt sich mangelnde Integration schwerlich vorwerfen. Es wäre im Gegenteil absurd: Özoguz wurde in Hamburg geboren und machte in Deutschland Karriere. Dennoch wollte der damalige AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland sie im Bundestagswahlkampf 2017 am liebsten, so wörtlich, „in Anatolien entsorgen“.

Gauland relativierte seinen rassistischen Ausspruch später, Höcke kommt in seinem Buch unverhohlen auf die Sozialdemokratin aus türkischem Elternhaus zurück: „Wer allerdings wie die Migrationsbeauftragte der letzten Bundesregierung, Aydan Özoguz, jenseits der Sprache nicht einmal eine spezifisch deutsche Kultur erkennen kann und dann noch ungeniert mit deutschen Steuergeldern sich ein schickes Leben finanzieren läßt, hat in unserem Land tatsächlich nichts verloren.“

Das öffnet eigentlich keinen Raum für Missverständnisse: Wenn eine Deutsche aufgrund der von ihr vertretenen Meinung „in unserem Land“ – das auch das ihre ist – „nichts verloren“ haben soll, ist das nichts anderes als eine Fantasie der Vertreibung von Staatsbürger:innen. (Martin Rücker)

Rubriklistenbild: © AFP

Kommentare