Lob für Taliban und Nähe zu den Identitären – das ist AfD-Mann Krah
VonRobert Wagner
schließen
Viel ist vom frisch gewählten Spitzenkandidaten der AfD für die Europawahlen 2024 die Rede. Doch was genau treibt den Hardliner an? Eine Analyse.
Magdeburg - Die AfD hat auf ihrem 14. Bundesparteitag in Magdeburg eine richtungsweisende Entscheidung getroffen. Die Liste der Kandidaten für die Europawahl 2024 wird von dem Hardliner Maximilian Krah angeführt. In einem Wahlduell setzte der aus Sachsen stammende Rechtsanwalt sich mit 65,7 Prozent der Stimmen gegen einen überraschend aufgestellten Gegenkandidaten durch, dessen Name den wenigsten ein Begriff war. Andreas Otti, Bezirksvorsitzender der AfD in Berlin-Spandau, hatte wenig Chancen gegen den seit 2019 im Europaparlament sitzenden Krah. Er kam mit 25,2 Prozent der Stimmen noch glimpflich davon.
Der Wahlerfolg Maximilian Krahs ist zugleich ein Erfolg Björn Höckes
Damit gewann das Rechtsaußen-Lager in der AfD um den Thüringer Landesvorsitzenden Björn Höcke die Wahl um die Spitzenkandidatur für die kommende Europawahl. Am Rande des Parteitages sprach Höcke sich deutlich für Krah aus und bezeichnete ihn gegenüber Medienvertretern als den besten Spitzenkandidaten für die AfD. Krahs Wahlerfolg ist damit zugleich ein Erfolg des Mannes, der wie kein anderer für die Radikalisierung der AfD der vergangenen Jahre steht. Europapolitisch hat sich die Partei mit dieser Wahl „endgültig rechts positioniert – und zwar rechts außen“, sagte der Rechtsextremismusforscher David Begrich nach Krahs Wahl der ARD-„Tagesschau“.
Maximilian Krah am 29. Juli auf dem 14. Bundesparteitag der AfD in Magdeburg. Er hat das Duell um die Spitzenkandidatur der AfD für die Europawahl 2024 mit 65,7 Prozent der Delegierten-Stimmen gewonnen.
Doch wer ist eigentlich Maximilian Krah? Und was für politische Ideen schweben ihm vor? Der promovierte Jurist und Katholik ist Beobachtern der extremen Rechten schon länger bekannt. Der achtfache Vater verbindet so gekonnt wie nur wenige andere in der AfD ein betont bürgerliches, eloquentes Auftreten mit einer dezidiert völkisch-nationalistischen Gesinnung.
Maximilian Krah: Ein EU-Spitzenkandidat der AfD, der die Taliban lobt?
Im Juni 2023 war Krah im Podcast der neurechten Ideologen vom „Institut für Staatspolitik“ (IfS) zu Gast. Anlässlich des verhassten „Pride Month“, der die sexuelle Vielfalt feiert, ließ er sich zu einer vielsagenden Bemerkung hinreißen: „Das Lustigste, was ich beim Pride Month erlebt habe, war 2021. Da hatte die US-Botschaft in Kabul ganz stolz den Pride Month ausgerufen. Es dauerte keine drei Wochen, bis die Taliban in Kabul eingerückt sind. Ich glaube, dass das die einzig richtige Antwort auf den Pride Month gewesen ist.“
Sogar dem extrem rechten Publizisten Götz Kubitschek, Spiritus Rector des IfS und gemeinhin Vordenker der Neuen Rechten genannt, blieb nach dieser Bemerkung das Lachen im Halse stecken. „Das lassen wir jetzt mal so stehen“, sagte er verlegen, wie die ARD mit einem Ausschnitt des auf YouTube veröffentlichten Videos dokumentiert. Krah erwiderte lediglich kopfschüttelnd und amüsiert zweimal: „Ich finde den [Pride Month] ganz widerlich. Ich finde den ganz widerlich.“
2021 hatte die US-Botschaft in Kabul ganz stolz den Pride Month ausgerufen. Es dauerte keine drei Wochen, bis die Taliban in Kabul eingerückt sind. Ich glaube, dass das die einzig richtige Antwort auf den Pride Month gewesen ist.
Maximilian Krah ist gern gesehener Gast im „gesichert extremistischen“ Vorfeld der AfD
Wie Höcke gehört auch Krah zu den Köpfen in der AfD, die fest im rechtsextremen, neofaschistisch geprägten Vorfeld der Partei verankert sind. Dort also, wo dem Kurs der AfD zur stramm rechten Höcke-Partei ideologisch der Weg bereitet wird. Ein zentraler Akteur in diesem Parteivorfeld ist das bereits erwähnte „Institut für Staatspolitik“ (IfS) im sachsen-anhaltinischen Schnellroda. Das 2000 gegründete IfS ist eine Art neurechte Denkfabrik, deren regelmäßig stattfindende „Akademien“ sich vor allem im Umfeld der AfD-Jugendorganisation „Junge Alternative“ großer Beliebtheit erfreuen. Persönlichkeiten des extrem rechten Lagers der AfD treten dort regelmäßig auf.
Der Verfassungsschutz von Sachsen-Anhalt nennt das IfS ein „geistiges Gravitationszentrum“ der Neuen Rechten. Auch Krah referierte seit 2016 mindestens viermal auf den sich betont intellektuell und staatstragend gebenden Veranstaltungen des IfS. So sprach er etwa im Januar 2019 über „Volk, Volkssouveränität, Verfassung“, ein Lieblingsthema der extremen Rechten, und im Sommer 2022 über wirtschaftspolitische Fragen. Im Juli 2021 beteiligte Krah sich an einer Podiumsdiskussion des IfS über die in der Fachwelt schon lange obsolete These, der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941 sei ein Präventivkrieg gewesen.
Der Publizist Götz Kubitschek, hier auf der Frankfurter Buchmesse 2018, gilt als Vordenker der Neuen Rechten im deutschsprachigen Raum und ist bestens mit dem Rechtsaußen-Lager der AfD um Björn Höcke vernetzt.
Schon lange haben die Sicherheitsbehörden das „Institut für Staatspolitik“ im Blick. Im April 2023 gab das Bundesamt für Verfassungsschutz dann bekannt, das IfS wie auch die AfD-Jugend als gesichert rechtsextremistisch einzustufen. Der Verfassungsschutz von Sachsen-Anhalt tut dies bereits seit 2020. Das hält den Juristen und EU-Abgeordneten Krah nicht davon ab, weiterhin dort aufzutreten. Erst Anfang Juli nahm er am IfS-Sommerfest 2023 teil. Im Podcast des IfS, der sich „Am Rande der Gesellschaft“ nennt, ist er weiterhin Stammgast.
Krah führt einen „weltanschaulichen Kampf“ gegen die offene Gesellschaft des Westens
Den Gegner im weltweiten Kulturkampf sieht Krah im „Globalismus in den Farben des Regenbogens“. Er meint damit den „unbegrenzten Individualismus, der tun und lassen kann, was er will, frei von jedweder geografischer, nationaler, kultureller, biologischer Bindung.“
Am vergangenen Wochenende wurde in Schnellroda ein Streitgespräch zwischen dem AfD-Europaabgeordneten Krah und dem rheinland-pfälzischen AfD-Mitglied Scheil veranstaltet.
Hier erklärt Maximilian Krah sehr offen seine Feindschaft zum "Globalismus in den Farben des Regenbogens". pic.twitter.com/uQ6cV2UBSU
— Antiautoritäres Rüsseltier (@Chronik_ge_Re) July 29, 2021
Der Kampfbegriff „Globalismus“ dient letztlich dazu, die progressive offene Gesellschaft westlicher Länder als Projekt finsterer Mächte im Hintergrund zu diffamieren. Diese Mächte hätten nach der üblichen Lesart ihr Zentrum in den USA, deren „Vasall“ die EU lediglich sei, wie Krah kürzlich auf einer Veranstaltung des AfD-Ortsverbandes Berlin-Pankow sagte. Die „Globalisten“ wollten natürlich gewachsene Kulturen durch kulturelle und biologische Vereinheitlichung (Homogenisierung) vernichten. Darauf spielt auch das alternative Codewort „Globohomo“ („globale Homogenisierung“) an, das Krah in der Diskussionsrunde des IfS ebenfalls fallen lässt.
Krah zeigt ideologische Nähe zur „Identitären Bewegung“
Dieses Codewort hat im deutschsprachigen Raum die schon lange als gesichert rechtsextremistisch eingestufte „Identitäre Bewegung“ etabliert. Deren bekanntester Kopf, der Österreicher Martin Sellner, schreibt in einer 2021 erschienenen Ausgabe des ebenfalls gesichert rechtsextremistischen Compact-Magazins dazu: „Die sogenannte Befreiung, die die Apostel der globalen Homogenisierung, kurz Globohomo, versprechen, bedeutet in Wirklichkeit Verwirrung und Zerstreuung. […] Der Regenbogen-Angriff stellt damit die letzte Stufe einer Attacke auf die menschliche Identität dar.“
Sellner spricht von einer „totalitären, familien- und kinderfeindlichen Ideologie“, die sich „im Zeichen des Regenbogens“ mobilisiere. Exakt dasselbe Weltbild teilt offenkundig auch der erzkatholische Maximilian Krah. Er twitterte zur selben Zeit, anlässlich des Pride Month 2021, die Gleichberechtigung queerer Minderheiten würde „Hass auf die eigene Tradition und Kultur, Ablehnung der Familie, in einem Wort: Dekadenz“ nach sich ziehen. Das sei das Wesen dessen, „was wir heute als ‚westliche Werte‘ bezeichnen“ und wofür die Regenbogenfahne „das wahre Zeichen“ sei, so Krah.
Die AfD-Spitze im Wandel der Zeit: von Bernd Lucke bis Alice Weidel
Gegen AfD-Mann Maximilian Krah gibt es auch innerparteiliche Kritik
Wenn Krah sagt, „unser Gegner ist das, was wir so flapsig Globohomo nennen“, deutet er also an, in welchen Filterblasen er sich bewegt. Es sind offenbar zumindest die Ausläufer der toxischen, von Rassismus, Antifeminismus und Zynismus geprägten Internetsubkulturen, die von den „Identitären“ maßgeblich mitgestaltet werden – und wo 2021 auf verstörende Weise der Sieg der Taliban in Afghanistan regelrecht gefeiert wurde. Passenderweise wird Krahs jüngst im Verlag seiner Freunde von Schnellroda erschienenes Buch „Politik von rechts. Ein Manifest“ im Doppelpack mit einem Buch des IB-Chefideologen Martin Sellner angeboten.
Streitbar ist Krah. So sehr, dass innerparteiliche Kritiker Entgegnungen zu Krahs Buch verfassen. Der Bundestagsabgeordnete Norbert Kleinwächter, einst Hoffnungsträger des mittlerweile versprengten Meuthen-Lagers, hat auf seiner Internetseite einen fünfseitigen Text veröffentlicht, in dem er Krahs Manifest anhand umfangreicher Zitate scharf kritisiert und schwere Vorwürfe erhebt. Krah erteile grundlegenden Ideen der freiheitlichen Demokratie eine Absage, wirft der Gymnasiallehrer für Englisch und Französisch ihm vor. Denke man seine Ideen rechter Politik zu Ende, würde das in einem „brutalen Führer- und Gewaltstaat“ enden, schreibt Kleinwächter.
Krahs habe Feindbild: Den „woken Westen“ und seinen „universalen Machtanspruch“
Krah habe ein deutliches Feindbild, und zwar den „woken Westen“, so Kleinwächter. Dieses Feindbild stehe über allem und gelte auch geopolitisch. „Nicht Russland, nicht China, nicht Indien, nicht Afrika, nicht die islamische Welt bedrohen unsere Existenz. Auch sie agieren letztlich defensiv gegen den universalen Machtanspruch des woken Westens“, zitiert Kleinwächter aus Krahs Buch. Die aus dem Westen kommende Idee unveräußerlicher, absoluter Menschenrechte, die allen Menschen in gleichem Maße zukommen, lehne Krah als Teil dieses westlichen „Machtanspruchs“ ab.
Norbert Kleinwächter sitzt seit 2017 für die AfD im Bundestag und ist seit 2021 stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Er gilt parteiintern als scharfer Kritiker des Rechtsaußen-Lagers um Björn Höcke, hat in seinem Landesverband (Brandenburg) aber nur wenig Rückhalt.
Krah bestreitet die Vorwürfe und spricht von „Polemik“
Kleinwächter, stellvertretender Vorsitzender der AfD-Bundestagsfraktion, wurde im Vorfeld des Magdeburger Parteitages als möglicher Gegenkandidat zu Krah gehandelt. Er trat aber nicht an und war auch nicht von seinem brandenburgischen Landesverband unter die Delegierten gewählt worden.
In einem Interview mit dem Sender Phoenix, das am Rande des Parteitages entstanden ist, wies Krah die Vorwürfe Kleinwächters als unbegründet zurück und nannte dessen Entgegnung eine „Polemik“. Es handele sich um „aus böswilligen Textverkürzungen und -verfälschungen zusammenfabrizierte Vorwürfe“, die keiner Diskussion „würdig“ seien, sagte Krah.
Ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit ist die Geschäftsgrundlage dieser Neuen Rechten.
Eine Aussage, die vor der Tatsache gewertet werden kann, dass „ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit [...] die Geschäftsgrundlage dieser neuen Rechten“ ist, wie der Historiker Volker Weiß einmal für die taz über die Rechtsextremisten aus dem Umfeld des „Instituts für Staatspolitik“ geschrieben hat. Weiß gilt seit seinem 2017 vorgelegten Buch „Die autoritäre Revolte“ als einer der maßgeblichen Kenner der Neuen Rechten.
Das Wort „Demokratie“ kommt offenbar nur einmal in Krahs Buch vor
Kleinwächter macht in seiner Schrift darauf aufmerksam, dass das Wort „Demokratie“ in Krahs Buch offenbar nur ein einziges Mal vorkommt. Bezeichnenderweise in einem Satz, der zugleich auf die einschlägige antisemitische Verschwörungserzählung vom „Great Reset“ referiert: „Um den ‚Great Reset‘ zu vereiteln, muss die Demokratie auf nationaler Ebene erhalten und gestärkt werden“, zitiert Kleinwächter aus dem Buch.