Unerwartetes Ergebnis

Welche Partei im Bundestag die meisten Gender-Anträge einreicht

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Die AfD bekommt in Umfragen derzeit 19 Prozent der Wähler:innen-Stimmen. Eins ihrer Ziele ist laut Wahlprogramm, gegen den angeblichen „Genderzwang“ vorzugehen.

Die AfD erlebt derzeit in Bund und Ländern einen Umfrage-Höhenflug. Im „Trendbarometer“ von RTL/ntv sowie im „Deutschlandtrend im ARD-Morgenmagazin“ liegt die Partei mit 19 Prozent vor der SPD und ist zweitstärkste Kraft. Laut ARD ist es der höchste Wert, den die AfD im „Deutschlandtrend“ bisher erreicht hat. Laut Friedrich Merz ist das Gendern schuld am Erfolg der AfD.

Wenn „die ganz normalen Bürgerinnen und Bürger“ bei den Regierungsparteien kein Gehör mehr fänden, wendeten sie sich jenen zu, die ganz besonders scharf dagegen seien, sagte er Anfang Juni und warf den Grünen eine „penetrant vorgetragene Volkserziehungsattitüde“ vor. Doch schaut man sich die Anträge zum Gendern an, die in den vergangenen 13 Jahren beim Bundestag eingingen, ergibt sich ein anderes Bild.

Haben die Grünen oder die Afd seit 2017 mehr Anträge zum Thema „Gendern“, „Geschlechtergerechte Sprache“ oder „Gendersternchen“ eingereicht?

Linken-Politikerin Reichinnek „besorgt“ über „Genderwahn“ der AfD

„Ratet mal, wer im Bundestag die meisten Anträge zum Gendern stellt?“, fragt die Grünen-Politikerin Laura Sophie Dornheim am Donnerstag, 22. Juni 2023, auf Twitter. Sie teilt den Ausschnitt einer Rede von Linken-Bundestagsabgeordneter und Sprecherin für Frauen-, Kinder-, Jugend- und Senior:innenpolitik Heidi Reichinnek (siehe unten).

Die 35-jährige Linken-Politikerin nimmt die AfD genüsslich auseinander. „Ich freue mich, Sie alle mal wieder zur Selbsthilfegruppe ‚Wegen der AfD zwanghaft übers Gendern reden müssen‘ zu begrüßen“, beginnt Reichinnek ihre Rede. Sie fragt die Partei, ob es irgendeine Art Alarm gebe, wenn man zu lange nicht mehr übers Gendern gesprochen habe. „Ich meine ehrlich: Ihr Genderwahn macht mir langsam echt ein bisschen Sorgen“, sagt sie.

Dann zählt sie sechs Beispiele für Anträge zum Thema Gendern auf, die die AfD seit Januar 2021 gestellt hat. „Mal ganz nebenbei: Wie viele Anträge zum Gendern gab es von anderen Fraktionen in dieser Zeit? Na? Richtig: Null.“ Lustig sei dies im Hinblick auf das Wahlprogramm der AfD, in dem eigentlich heißt, man wolle die „Flut an unsinnigen Gesetzesvorlagen“ eindämmen. „Ich hätte da eine Idee für Sie, aber vielleicht kommen Sie selbst darauf“, so Reichinnek.

Mehr zum Thema: Beim Gendern zeigt Rudi Völler, dass er zur Kategorie „Alte weiße Männer“ gehört.

Anträge zum Gendern stellt nur die AfD-Fraktion

Wir von BuzzFeed News Deutschland haben uns noch einmal selbst angeschaut, wie viele Anträge zu den Stichworten „Gendern“, „Geschlechtergerechte Sprache“ oder „Gendersternchen“ von 2017 bis heute eingereicht wurden. Dafür suchten wir die Begriffe beim Dokumentations- und Informationssystem (DIP) des deutschen Bundestages.

Unser Ergebnis: Insgesamt finden wir sieben Anträge der AfD-Fraktion zum Thema Gendern in den vergangenen zwei Wahlperioden. Von Bündnis90/ Die Grünen, SPD oder FDP, Linke oder CDU/CSU sind keine Anträge vorhanden, die sich mit „politisch korrekter“ Sprache beschäftigen, die die AfD laut Grundsatzprogramm ja so „entschieden“ ablehnt. Hier noch einmal die vollständige Liste aller AfD-Anträge zum Gendern:

  • 20.06.2023 BT-Drucksache 20/7348: Beschluss des Thüringer Landtags aufgreifen – Regeln der deutschen Sprache einhalten – Keine Verfremdung durch sogenannte Gendersprache
  • 09.02.2023 BT-Drucksache 20/5612: Verständliche Sprache gewährleisten – Sprachverunstaltungen der Bundesregierung verhindern
  • 17.01.2023 BT-Drucksache 20/5226: Deutsche Identität verteidigen – Kulturpolitik grundsätzlich neu ausrichten
  • 14.12.2022 BT-Drucksache 20/4894: Auswirkungen geschlechtergerechter Sprache sowie des generischen Maskulinums auf die Wort- und Schriftsprache und ihre Wahrnehmung in der Bevölkerung
  • 14.12.2022 BT-Drucksache 20/4895: Beibehaltung des generischen Maskulinums in Rechts- sowie in Verwaltungsvorschriften sowie im dienstlichen Schriftverkehr
  • 14.12.2022 BT-Drucksache 20/4898: Änderung der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages
    hier: Bessere Lesbarkeit von Drucksachen durch Verzicht auf Gendersprache
  • 13.01.2021 BT-Drucksache 19/25801: 2021 zum Jahr der deutschen Sprache erklären

Hinweis: Das Wort „Gender“ (engl. Geschlecht) kommt auch in anderen Anträgen vor, die sich mit Geschlechtergerechtigkeit beschäftigen. Diese haben wir bei unserer Recherche außen vor gelassen, da sie sich nicht mit dem sprachlichen „Gendern“ beschäftigen.

Mehr dazu: Gendern ist ja schön und gut, aber mal ganz im Ernst: Was soll der Quatsch mit der „Berliner*innen Luft“?

(Mit Material der dpa)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa, Bernd von Jutrczenka/dpa/Collage

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