VonMichael Herlschließen
Wer seine Stimme der AfD gibt, sollte sich nicht mit Protestverhalten rausreden. „Das haben wir nicht gewollt“ haben viele Deutsche schließlich schon mal behauptet. Die Kolumne.
Frankfurt am Main – Eigentlich ist ja so ein Volk eine hoch komplizierte Angelegenheit. Im Falle des hiesigen handelt es sich um etwa 85 Millionen Menschen, die alle einen eigenen Kopf haben, also verschiedene Gewohnheiten, Lieblingsfarben, Steckenpferde, Umgangsformen, Urlaubsziele, Krankheiten, sexuelle Vorlieben, Reizschwellen, Ziele, Vergangenheiten, Frisuren und Haustiere – aber dennoch ein funktionierendes Miteinander bilden sollen.
Wie schwer das mitunter sein kann, mag ermessen, wer schon einmal versuchte, ein solches aus nur zwei Köpfen zu bilden, also etwas, das man gemeinhin „Ehe“ nennt. Das kann ganz schön schiefgehen. Und wie soll das dann erst mit 85 Millionen Köpfen klappen?
AfD im Höhenflug: Wahlen funktionieren nur in der Theorie
Um diesem Ideal des funktionierenden Ganzen möglichst nahezukommen, wurde der noch heute gebräuchliche Parlamentarismus ersonnen, also die Wahl von Vertreterinnen und Vertretern des Volkes, die in einem Gremium dessen Geschicke lenken sollen. Dass dies gelegentlich nur in der Theorie funktioniert, liegt an der Unvollkommenheit des Menschen oder der Unlösbarkeit von Aufgaben, führt aber immer öfter dazu, dass die Bürgerinnen und Bürger sich nicht oder kaum vertreten fühlen, über „die da oben“ schimpfen, „wir sind das Volk“ rufen und sich nicht ernst genommen oder gar für dumm verkauft fühlen.
Den wörtlichen Sinn dieser Aussage habe ich zwar noch nie verstanden – denn wer kauft denn etwas Bescheuertes? –, doch was gemeint ist, schon: Man solle die Menschen nicht zum Narren halten – was allerdings wieder Fragen aufwirft. Denn Narren sind ja im Allgemeinen kluge Köpfe, die nach alter Überlieferung immerzu die Wahrheit sagen. Übrigens genau wie Kinder und Betrunkene. Demzufolge wäre am besten beraten, wer sich an die Weisheiten aus dem Mund betrunkener närrischer Kinder hält. Auch wieder so eine Sache.
Wählerinnen und Wähler tatsächlich für dumm verkauft – allerdings ohne dies zu merken
Doch Sie sehen, allein schon das Aufkommen dieser Denkwallungen zeigt, wie kompliziert die Einschätzung von Bürgerinnen und Bürgern, also einem Volk, sein kann. Gleichsam sehen Sie, wie schwer es für Politikerinnen und Politiker ist, sich ein Bild von denen zu machen, die sie vertreten und außerdem womöglich noch regieren sollen – und sie alle gleichermaßen ernst zu nehmen.
Dass dies häufig nicht gelingt, zeigt ein relativ neues Phänomen. Aktuell nämlich werden viele Wählerinnen und Wähler tatsächlich für dumm verkauft – allerdings ohne dies zu merken. Denn wer jene, die die AfD wählen, als „Protestwähler“ bezeichnet, betreibt schon wieder selbst deren politische Entmündigung. Die Menschen sind erwachsen und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte – und sie wollen auch so behandelt werden.
Also tun wir das und dürfen ihnen nicht unterstellen, fahrlässig mit ihrem demokratischen Recht auf freie Wahlen umgegangen zu sein und ihren Urnengang als „Protest“ abqualifizieren. Nein. Diese Leute wussten genau, was sie taten, sie wählten eine nazistische Partei. Sie entschieden sich für eine menschenfeindliche, rassistische und rechtsextreme Politik, deren Ziel es ist, die freiheitliche demokratische Grundordnung Deutschlands zu zerstören.
Und niemand, der die AfD wählt, soll sich hinterher damit herausreden können, er habe das nicht gewollt. Das hat schon einmal in der deutschen Geschichte nicht funktioniert. (Michael Herl)
