Menschen versammeln sich am 16. August 2021 in der Nähe eines C-17-Transportflugzeugs der US-Luftwaffe auf dem Gelände des internationalen Flughafens in Kabul.
Ein Bericht der US-Regierung beschuldigt Donald Trump, den dramatischen Abzug aus Afghanistan verursacht zu haben. Der wiederum hält nur Joe Biden für verantwortlich.
Washington, D.C. – Die Regierung von US-Präsident Joe Biden hat die Vorgängerregierung unter Donald Trump überwiegend für die Schwierigkeiten bei dem Truppenabzug aus Afghanistan verantwortlich gemacht. Biden sei in seinen Entscheidungen, wie der Abzug durchzuführen sei, durch die von Trump geschaffenen Bedingungen „stark eingeschränkt“ gewesen, hieß es in einem Bericht der US-Regierung.
Biden war für den Abzug Ende August 2021 stark kritisiert worden. Bereits zwei Wochen zuvor waren die Taliban in der Hauptstadt Kabul einmarschiert und hatten die Macht übernommen. Als die letzten US-Militärmaschinen vom Flughafen abhoben, spielten sich dramatische Szenen ab: Menschen klammerten sich aus Angst, zurückgelassen zu werden, an das Fahrwerk eines Flugzeugs und stürzten in den Tod. Am Einlass zum Flughafengelände versammelten sich Massen, in der Hoffnung, außer Landes gebracht zu werden. In dieser Situation sprengte sich am 26. August ein Selbstmordattentäter vor einem der Eingangstore in die Luft und riss etliche Menschen mit in den Tod.
In dem Bericht wird jedoch Trump die Schuld an den für die USA ungünstigen Machtverhältnissen in Afghanistan gegeben. Als der Demokrat Biden ins Weiße Haus einzog, seien die Taliban in der stärksten militärischen Position seit 2001 gewesen, hieß es. Zugleich seien nur noch 2500 US-Soldat:innen in Afghanistan gewesen – so wenig wie seit rund 20 Jahren nicht.
Nach Trumps Deal mit den Taliban: Biden bei Afghanistan-Abzug unter Druck
Grund dafür sei ein von Trump im Februar 2020 mit den Taliban geschlossenes Abkommen gewesen. Darin war vereinbart worden, dass die USA bis Mai 2021 alle Soldaten aus Afghanistan abziehen. Im Gegenzug wollten die Taliban die US-Einheiten nicht mehr angreifen. In der Folge sei die US-Präsenz stark reduziert worden, hieß es. Schon vor zwei Jahren machte Biden seinen Vorgänger für die schwierige Lage verantwortlich.
Der Bericht legt nahe, dass Biden bei den Abzugsvorbereitungen unter Zeitdruck stand. In dem Schriftstück wird eine Aussage von US-Verteidigungsminister Lloyd Austin vom 28. September 2021 zitiert, wonach man klare Informationen gehabt habe, dass die Taliban ihre Angriffe auf US-Truppen fortsetzen würden, sollte man sich nicht an das Abkommen halten. Schlussendlich verließ der letzte US-Soldat Afghanistan am 31. August. Damit endete der internationale Militäreinsatz in Afghanistan nach fast 20 Jahren. Er gilt als der längste Krieg in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
Dem Präsidenten seien von seinem Vorgänger allerdings keine Pläne für den endgültigen Abzug oder die Evakuierung der verbleibenden US-Staatsbürger:innen und der afghanischen Verbündeten übergeben worden. Biden habe dann die Frist für den Abzug in Abstimmung mit den Taliban nach hinten verschoben, sagte der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrats, John Kirby, auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus.
Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern
Streit über Afghanistan-Abzug: Trump beschuldigt „Trottel“ der US-Regierung
Trump und andere politische Gegner:innen Bidens übten bereits scharfe Kritik an dem Bericht. Auf Trumps sozialem Netzwerk Truth Social bezeichnete der ehemalige Präsident seinen Amtsnachfolger und dessen Mitarbeiter im Weißen Haus als „Trottel“, die mithilfe von Desinformationen ihm die Schuld für „ihre krass inkompetente Kapitulation in Afghanistan“ zuschieben würden. „Biden ist verantwortlich, sonst niemand!“, schrieb Trump.
Mit den dramatischen Entwicklungen, die sich im Zusammenhang mit dem Abzug in Afghanistan abspielten, habe man nicht rechnen können, betonte Kirby hingegen. Weder die schnelle Machtübernahme der Taliban, noch die rasche Flucht des afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani sei von den Geheimdiensten vorhergesagt worden. Das Gleiche gelte für die Tatsache, dass die mehr als 300.000 ausgebildeten und ausgerüsteten afghanischen Soldaten und Sicherheitskräfte nicht gegen die Taliban kämpfen würden, sagte Kirby.
Nach allen Fehlern habe man aber aus dem Abzug gelernt. Man priorisiere jetzt einen früheren Abzug, wenn sich die Sicherheitslage an einem Einsatzort verschlechtere, wie es in dem Bericht heißt. (nak/dpa)