Kreiszeitung.de-Interview

Nato-Großübung in Deutschland: Experte erklärt, warum Air Defender so wichtig ist

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Torben Schütz ist Experte für Verteidigungspolitik bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Im Gespräch mit Kreiszeitung.de erklärt er, warum die Großübung Air Defender 2023 so wichtig für das Nato-Bündnis ist.

In wenigen Tagen beginnt die Nato-Großübung Air Defender 2023. Insgesamt 10.000 Soldaten, 250 Flugzeuge und 25 Nationen sind am Manöver beteiligt. Deutschland ist Ausrichter. Im Gespräch mit Kreiszeitung.de ordnet Verteidigungsexperte Torben Schütz die Bedeutung der Großübung ein. Schütz ist Doktorand an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Er forscht unter anderem zu den Schwerpunkten Konfliktdynamiken, Militärtechnologie und europäische Sicherheitspolitik. Bei der DGAP ist er für Sicherheit und Verteidigung zuständig.

Die Vorbereitungen für die Luftwaffen-Operation Air Defender laufen bereits auf Hochtouren.

Herr Schütz, Air Defender 2023 ist derzeit in vielen Medien großes Thema, die Bundeswehr spricht von der größten Luftübung seit Gründung der Nato. Ist die Übung tatsächlich so außergewöhnlich?

Ja, ich halte sie schon für außergewöhnlich. Sowohl die große Zahl der teilnehmenden Nationen als auch die Tatsache, dass die Übung in Deutschland stattfindet. Deutschlands Rolle als logistische Drehscheibe in der Nato ist ein wichtiger Punkt.

Was genau macht Deutschland zu dieser logistischen Drehscheibe?

Da gibt es drei Aspekte. Erstens verfügt Deutschland über die nötige Infrastruktur, um Luftübungen über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Nach dem Kalten Krieg sind einige Standorte der US Air Force wie Ramstein oder Spangdahlem in Deutschland verblieben und die Bundeswehr hat im Vergleich mit anderen Nato-Partnern eine relativ große Luftwaffe. Zweitens liegt es geographisch günstig. Material und Streitkräfte vieler Bündnisstaaten müssten bei einem Einsatz an der Nato-Ostflanke mehr oder minder durch Deutschland transportiert werden. Der dritte Aspekt sind die Kommandobehörden der Nato, die in Deutschland stationiert sind.

Schütz: Air Defender erschwert politischen Dialog mit Russland nicht

Sendet Air Defender 2023 auch ein politisches Signal an Russland?

Man sollte nicht vergessen, dass diese Übung schon seit Jahren geplant wird. Sie ist daher keine direkte Reaktion auf den Überfall der Ukraine 2022. Die hauptsächliche Message ist, im Spannungsfall — und sollte es dazu kommen, auch im Ernstfall – sowohl zur Abschreckung als auch zur Verteidigung befähigt zu sein.

Glauben Sie, dass die Übung den Dialog mit Russland erschwert?

Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass die Übung den Dialog mit Russland erschwert. Insbesondere, weil sie hauptsächlich in Deutschland stattfindet und nicht direkt an der russischen Grenze. Die geographische Nähe zu solchen Übungen ist in der Wahrnehmung und der politischen Kommunikation ein wichtiger Punkt.

Es gibt auch Kritik an der Übung. Linke-Chef Dietmar Bartsch moniert, dass bei der Übung „mehr Säbelrasseln, wenig ‘defender’ in der Luft” liege. Halten Sie diese Kritik für gerechtfertigt?

Ich glaube nicht, dass das gerechtfertigt ist. Nicht der Angriff eines anderen Landes wird simuliert, sondern die Reaktion der Luftstreitkräfte in einem Verteidigungsfall. Dass die Linkspartei eine sehr kritische Einstellung zur Nato und zu militärischen Übungen hat, sollte auch niemanden überraschen.

“Die Leute wissen gar nicht mehr, wie sie bei Militärmanövern mit Fluglärm umgehen sollen”

Halten Sie die praktischen Übungen der Luftstreitkräfte im Rahmen von Air Defender für wichtig? 

Absolut. Übungen in größerem Umfang und deren Koordinierung sind enorm wichtig für die Truppen der teilnehmenden Nationen. Was die Nato-Luftstreitkräfte auszeichnet, ist die Fähigkeit zur Durchführung komplexer Luftoperationen. Dafür ist es wichtig, nicht immer nur im Klein-Klein zu üben, überspitzt gesagt. Oft stellt man sich die Nato als mehr oder minder homogenen Block vor, in dem alles standardisiert ist. In der Realität ist das aber nicht immer so. Und auch die Bevölkerung muss wieder daran gewöhnt werden, dass solche Übungen stattfinden und notwendig sind. Anders als im Kalten Krieg und noch in den frühen Neunziger Jahren wissen die Leute gar nicht mehr, wie sie bei Militärmanövern mit Fluglärm und Ähnlichem umgehen sollen.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, sagte, dass Angriffe auf Staatsgebiet häufig aus der Luft erfolgen. Deutschland habe solche Gefahrenszenarien nicht mehr genug auf dem Schirm gehabt. Stimmt das Ihrer Meinung nach?

Das halte ich für eine zulässige Beurteilung, ja. Das sollte nicht überraschen. Seit Ende des Kalten Krieges hatten wir keine ausgeprägte Sorge mehr, dass feindliche Luftstreitkräfte Ziele in Deutschland angreifen. Das ist auch ein Grund, warum die Luftverteidigung der Bundeswehr über die letzten 30 Jahre massiv abgebaut wurde. Das ging nicht nur uns so: Auch in anderen Ländern Europas und der Nato wurde die Luftverteidigung vernachlässigt. Aber nach der Annexion der Krim 2014 haben einige unserer Verbündeten schneller reagiert und begonnen, diese Fähigkeiten wieder aufzubauen.

Interview: Marie Ries

Rubriklistenbild: © IMAGO/Droese

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