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Zwei Geschwister aus Bayern sorgen mit einer angeblichen „Jugendsünde“ für einen politischen Skandal. Einer von ihnen ist Minister. Die Kolumne von Michael Herl.
Ergoldsbach – Eigentlich ist Geschwisterliebe ja etwas Besonderes. Allein schon, aus demselben Mutterbauch geschlüpft zu sein, hat doch etwas Verbindendes. Man weiß, wie es dort aussah, wo man knappe neun Monate verbrachte, wie es eingerichtet war, was es zu essen gab und welches Unterhaltungsprogramm geboten wurde. Wer etwa unablässig mit Volksmusik besäuselt wurde, geht sicherlich anders ins postnatale Geschehen als das Herzilein einer Heavy-Metal-Ma.
Womöglich spielt da sogar der Ort der Zeugung eine Rolle. Zwischen Wacken und Wildeck liegen Welten. Wie sehr die Umstände außerhalb des Uterus die weitere Entwicklung des darin heranreifenden Menschleins beeinflussen, ist zwar erforscht, aber nicht hinlänglich.
Vollkommen unbekannt ist beispielsweise, ob Geschwistern die Tendenz zur gleichen politischen Richtung in die Genetik gelegt wird oder ob die sich erst ab dem Zeitpunkt der Geburt entwickelt. Letztlich ist das ja egal, da Kinder bekanntlich häufig genauso werden, wie es ihre Eltern nicht gewollt haben, aber interessant ist das schon.
Bruder von Aiwanger soll antisemitische Flugblätter verfasst haben
Nehmen wir uns doch einmal als Beispiel zwei Brüder. Sie leben in einem Ort, einem jener, die man gemeinhin als „beschaulich“ bezeichnet, im niederbayerischen Rahstorf, einem Ortsteil von Rottenburg an der Laaber. Wie viele Menschen Rahstorf zählt, ist nicht überliefert; man hat dort jedenfalls nicht mal eine Freiwillige Feuerwehr. Auf alle Fälle sind einige davon Landwirte, so auch der Vater der Brüder, der sich mit Milchvieh und Zuchtsauen verdingt.
Unsere beiden Brüder wachsen auf dem elterlichen Hof auf, besuchen schließlich das Gymnasium in Mallersdorf-Pfaffenberg. Dort tut man, was man wohl in solchen Gegenden gern mal tut. Dem jüngeren Bruder wurde vorgeworfen, vor dem Spiegel in der Schultoilette Hitler-Reden geübt zu haben (was er heute bestreitet), der ältere vertreibt sich die Zeit mit dem Verfassen von Flugblättern, auf denen er in einem Wettbewerb als ersten Preis einen „Freiflug durch den Schornstein von Auschwitz“ auslobt, die beide auch wacker in ihren Schultaschen mit sich herumtragen. Soweit die momentan offizielle Version.
Söder, Merkel, Aiwanger: Regenschirm-Rüpelei für Herzdamen bei Richard-Wagner-Festspielen




Bei dem jüngeren Bruder handelt es sich um Hubert Aiwanger, seines Zeichens bayerischer Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident. Ob er auch Urheber der Schmähschrift war oder sie nur in der Tasche trug, ist offen. Er bestreitet es.
Fall Aiwanger eine „Jugendsünde“?
Aber ist das nicht egal? Ist es nicht bezeichnend genug, dass man ihm das jederzeit zutraut? Dass er jetzt schon, ohne die Tat zugegeben zu haben, sie als Jugendsünde verharmlost? Ihm, der neben anderen Äußerungen weit am rechten Rand, die „Apartheitsdiskussion beim Impfen“ anprangerte? Der öffentlich dazu aufrief, die „schweigende große Mehrheit dieses Landes“ solle „sich die Demokratie zurückholen“ und denen in Berlin sagen „Ihr habt’s wohl den Arsch offen da oben“?
Die Diskussion wird ihm und seinesgleichen schaden. Wird sie das? Oder ist es schon so weit wie in den USA, wo Donald Trump mit jedem Skandal mehr Stimmen gewinnt? In Bayern sagt man „A Hund isser scho“ über einen, der Böses tut, dem man aber insgeheim verzeiht, weil er halt dazugehört. Wollen wir mal hoffen, dass das nicht auch für einen wie Aiwanger oder seinesgleichen gilt.
Michael Herl ist Autor und Theatermacher.
