Buhrufe in der Türkei: Erdogan „mitschuldig“ an Opfern des Erdbebens?
VonDaniel Dillmann
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Erkan Pehlivan
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In den Katastrophengebieten der Türkei ist die Lage ein Jahr nach dem Erdbeben düster. Vor allem Aleviten und Erdogans Gegnern bleibt Hilfe verwehrt.
Hatay – Am Dienstag jährt sich das Erdbeben in der Türkei. Vor einem Jahr hatten zwei Erdstöße der Stärke 7,7 und 7,6 weite Teile in den elf Provinzen zerstört. Baupfusch und Behördenversagen hatten dazu beigetragen, dass die Schäden an Gebäuden groß ausfielen und Zehntausende Menschen starben. Offizielle Stellen beziffern die Zahl der Toten auf etwa 50.000. Doch daran gibt es viele Zweifel. Kritikerinnen und Kritiker gehen von weitaus mehr Opfern aus.
An vielen Orten versammelten sich zum Jahrestag des Erdbebens in der Türkei die Bewohner zu Demonstrationen - so auch in Antakya, der Haupstadt der Provinz Hatay. Im Zentrum der großteils zerstörten Stadt sollen laut tagesschau.de tausende Menschen zusammengekommen sein, um gegen die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan zu demonstrieren. Unter lauten Buhrufen forderten sie den Rücktritt des Provinzbürgermeisters Lütfü Savas. Der Politiker, wie Erdogan Mitglied der AKP, soll von einigen Menschen als „Mörder“ bezeichnet worden.
Antakya, Türkei: Mitten in der Nacht entzünden Menschen in den Trümmern eines beim Erdbeben zerstörten Hauses Kerzen, um an ihre Verwandten zu erinnern, die dort ums Leben gekommen waren.
Baupfusch in der Türkei wurde nachträglich durch „Baufrieden“ legalisiert
Mit einem sogenannten „Baufrieden“ hatte Präsident Erdogan 2019 eine Amnestie für Bauten erwirkt, die gegen das Baurecht verstoßen und damit bei den Wahlen Stimmen für sich verzeichnet. „Wir haben mit dem Baufrieden die Probleme von 144.556 Bürgern in Kahramanmaras gelöst. In Hatay von 205.000 Bürgern“, so Erdogan in seinen Wahlkampfreden von 2019. Auch in anderen Provinzen hatte es diesen Baufrieden gegeben.
„Viele Gebäude wurden so gebaut, dass sie klar gegen das Baurecht verstoßen. Gerade in einem Gebiet, dass hochgradig erdbebengefährdet ist, ist das sehr gefährlich. Das Erdbeben hat gezeigt, wie tödlich dieser Baufrieden war“, sagte Kemal Karanfil, ehemaliger Richter am türkischen Kassationshof (Yargıtay), im Gespräch mit fr.de von IPPEN.MEDIA im Februar 2023. Der türkische Präsident könnte sich wegen des Baufriedens am Tod der Menschen im Erdbebengebiet „mitschuldig gemacht haben“, so Karanfil.
Einem Bericht der Menschenrechtsorganisation TIHV (Türkische Menschenrechtsstiftung) zufolge haben die Behörden zu spät reagiert. Tagelang waren weder das Militär noch der Katastrophenschutz AFAD zu sehen. „In manchen Gegenden haben kam erst nach drei Tagen Hilfen an, in anderen sogar nach fünf Tagen und länger. Viele Menschen sind unter den Trümmern erfroren oder sind verblutet“, sagt Deniz Eser, Lehrer in Hatay und Vorsitzender der Lehrergewerkschaft „Tüm Ögretmenler Birligi Sendikasi“ gegenüber fr.de. Eser sagt, dass rund 80 Prozent der Gebäude in Antakya komplett zerstört wurden. Dazu zählen auch die Krankenhäuser. Verwundete musste in Nachbarprovinzen gebracht werden. Manche mussten auf dem Weg dahin ihr Leben lassen.
Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten
Unmittelbar nach den verheerenden Erdstößen haben viele nicht-staatliche Organisationen Hilfen ins Erdbebengebiet geschickt. Doch da fing auch das Problem auch an. Hilfslieferungen etwa der pro-kurdischen HDP (heute DEM-Partei) wurden oft nicht zugelassen. Die Partei hatte beispielsweise am 15. Februar in einem LKW 85 Öfen sowie Kohle und Holz in die Erdbebenregion Nurdagi in der Provinz Gaziantep geschickt. Die Katastrophenschutzbehörde AFAD hatte die Hilfen kurzerhand am Stadteingang beschlagnahmt.
In Pazarcik bei Kahramanmaras hatte die HDP ein Hilfskoordinierungszentrum in einem alevitischen Cem-Haus eingerichtet. Auch hier hatte der Staat hart durchgegriffen und einen Zwangsverwalter eingesetzt. Den Aleviten wurde gesagt, dass nur AFAD Hilfen verteilen dürfe. Erdogan wollte auch hier von Anfang an zeigen, dass er die Situation im Griff hat. Die Hilfen durch andere hätten nur gezeigt, wie unzureichend seine Krisenkoordination ist. Gerade Aleviten wurden immer wieder bei der Verteilung von Hilfsgütern benachteiligt, zeigen unsere Recherchen.
Erdbeben in der Türkei: Aleviten haben das Nachsehen bei Hilfen
Auch ein Jahr später zeichnet sich wieder dasselbe Bild ab, wie uns Betroffene aus der Erdbebenregion berichten. Die Hilfen sind unzureichend und es gibt weiterhin Diskriminierungen. In der Provinz Hatay lebten bislang vor allem Aleviten. Dort seien die alevitischen Viertel immer noch nicht aufgebaut. „Die Demografie ändert sich“, erzählt uns Esen, der aus dieser Gegend stammt. „Aleviten ziehen in andere Landesteile“.
Ähnliches berichtet auch Lisa Calan von der Hilfsorganisation „Afet yönetimi ve dayanışma derneği“ (Übersetzt: Katastrophenleitungs- und Solidaritätsverein), die sich in der Erdbebenregion seit der Erdbebenkatastrophe vom 6. Februar 2023 engagiert.
Behinderte aus den Erdbebengebieten der Türkei erwartet nach Rückkehr böses Erwachen
Nach dem Erdbeben haben viele Menschen die Stadt Adiyaman verlassen und wollen wieder zurückkehren. Vor allem Behinderte erwartet dann ein unangenehmes Erwachen. „Rund 3.000 Menschen mit Amputationen, die nach dem Erdbeben Adiyaman verlassen haben, werden jetzt wieder zurückkehren. Aber es gibt ernsthafte Bedenken wegen der unmöglichen Situation in der Stadt. Sie brauchen Unterkünfte und Betreuung. Aber es wird nichts unternommen, um dies zu erreichen“, erzählt Lisa Calan von der Hilfsorganisation „Afet yönetimi ve dayanışma derneği“ (übersetzt: Katastrophenleitungs- und Solidaritätsverein) im Gespräch mit unserer Redaktion.
Türkei: Auch „KHK´li“ werden von Hilfen ausgeschlossen
Nach Informationen der „Erdbeben-Solidaritäts-Plattform in Ankara“ ADDP (Türkisch: Ankara Deprem Dayanisma Platformu) sind mindestens 249.244 Menschen aus den elf Erdbebenprovinzen nach Ankara gekommen. „Wir gehen davon aus, dass diese Zahl viel höher ist. Viele werden nicht registriert“, sagte Mete Elci von der ADDP in dem TV-Sender Halk TV. „Die KHK´li bekommen nirgendwo Hilfen. Sie bekommen keine Erdbebenhilfen, sie bekommen keinen Mietzuschuss oder dürfen in staatliche Einrichtungen oder Heimen unterkommen.“
Übersetzt bedeutet KHK´li „per Dekret Entlassene“. Damit sind hunderttausende Beamte und Angehörigen gemeint, die Erdogan nach dem Putschversuch am 15. Juli 2016 entlassen und viele von ihnen verhaften ließ. Erdogan wirft diesen vor, der sogenannten Gülen-Bewegung nahezustehen und am Umsturzversuch beteiligt gewesen zu sein. Die Bewegung um dem im US-Exil lebenden Prediger ließ Erdogan als Terrororganisation einstufen.
Sorge in der Türkei: Waisenkinder aus Erdbebenregion in der Hand von Islamisten
Tausende Menschen gelten nach dem Erdbeben weiterhin als vermisst. Nach Recherchen des türkischen Journalisten Ismail Ari vor Ort seien über 1100 Kinder in einem Dorf in Kahta, einem Bezirk der Stadt Adiyaman, in Unterkünften der islamistischen Sekte „Menzil Gemeinschaft“ einquartiert gewesen. „In dem Dorf, in dem auch die Führungspersonen der Gemeinschaft leben, waren die Sicherheitsmaßnahmen auch vor dem Erdbeben sehr streng. Aufnahmen mit dem Handy waren verboten“, schrieb Ari in seinem Bericht für die Zeitung Bir Gün. Überall in dem Dorf gebe es Polizisten und Soldaten, die aufrecht stünden, sobald einer der Leitungspersonen der Sekte an ihnen vorbeikäme. Die Sekte gilt als mit der Erdogan-Regierung verbandelt und Unterstützer des Präsidenten. Bis heute ist das Schicksal dieser Kinder nicht aufgeklärt.
„Hat Hatay Hilfen bekommen“? Erdogan warnt Menschen Opposition zu wählen
Die Lage bleibt kompliziert in der Erdbebenregion. Hatay galt bislang als Hochburg der Erdogan-Gegner. Die CHP hatte bei den Kommunalwahlen hier über 55 Prozent der Stimmen erhalten. Bei den Kommunalwahlen am 31. März will Erdogan auch in dieser Stadt seine AKP als Sieger sehen. In seiner jüngsten Rede hatte er die Menschen in Hatay gewarnt, ihre Stimme Ende März erneut der Opposition zu geben. Deswegen habe es keine Hilfen in der Provinz gegeben. „Wenn die Zentralregierung und die Regionalregierung nicht Hand in Hand arbeiten, wird die Stadt dann Hilfen bekommen? Hat Hatay Hilfen bekommen?“, fragte Erdogan.
Die Bilanz nach einem Jahr sieht also weiterhin düster aus. In vielen Orten bleiben Hilfen aus. Menschen müssen auch weiterhin in Containersiedlungen und Zelten leben. Vor allem aber dürfte die Todeszahl von rund 50.000 nicht stimmen. Der Bürgermeisterkandidat der AKP, Murat Kurum, hatte sogar selbst in einer öffentlichen Rede von 130.000 Toten gesprochen. Die Opposition geht von mindestens dem Doppelten aus. Allerdings hält Ankara Informationen zurück und eine unabhängige Kontrolle der Daten gibt es auch nicht.
Auch in Syrien bleibt Hilfe unzureichend
Ähnlich sieht es auch im Nachbarland aus, das ebenfalls am 6. Februar vom Erdbeben getroffen wurde. „Das gleiche Bild in Syrien, wo es aufgrund der türkischen Grenzblockade und der Instrumentalisierung der Hilfe durch Diktator Assad tagelang dauerte, bis internationale Hilfslieferungen den betroffenen Norden des Landes erreichten. In der kriegsgebeutelten Region leben Millionen Binnenflüchtlinge, die schon vor dem Beben auf humanitäre Hilfe angewiesen waren“, schreibt Anita Starosta, Referentin für Syrien, Türkei und Irak bei der Hilfsorganisation medico international.
Die Expertin kritisiert im Gespräch mit fr.de, dass internationale Hilfe nur im Nordwesten angekommen sei, im Nordosten Syriens dagegen nicht. Gerade dort bleibe die Versorgung der Menschen unzureichend. „Die Bombardierungen der Türkei und die generelle unsichere Lage in der Region führt auch dazu, dass die Versorgung dieser Menschen maßgeblich erschwert wird“, so Starosta. (erpe)