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Die Mehrheit der Deutschen spricht sich für Antidiskriminierung und gleiche Rechte aus. Doch die Zustimmung ist nicht stabil.
In den vergangenen Jahren warnten queere Verbände davor, nun scheinen sich ihre Befürchtungen bewahrheitet zu haben – der Rollback ist da. Erstmals in der jüngeren Geschichte wurde weltweit in mehreren Ländern wie auch in Deutschland ein Rückgang bei der Akzeptanz von queeren Menschen in der Gesamtbevölkerung verzeichnet. Doch woran kann das liegen? Und wie kann die LGBTQIA+-Community darauf reagieren?
Zustimmung für die gleichgeschlechtliche Ehe und Regenbogenfamilien sinkt
Kurz zu den Fakten: Das Meinungsforschungsinstitut Ipsos befragte im Frühjahr 2023 in seiner weltweit durchgeführten Studie „LGBT+ Pride 2023“ rund 22.500 Menschen. Alle zwei Jahre werden die Daten erhoben. Die Zustimmung für die gleichgeschlechtliche Ehe lag im Jahr 2021 noch bei 68 Prozent; in diesem Jahr sank sie in Deutschland auf 62 Prozent. Jeder vierte Deutsche ist wieder der Auffassung, dass es für Homosexuelle bestenfalls gar keine (13 Prozent) oder nur bestimmte partnerschaftliche Vereinbarungen (12 Prozent) geben dürfte, keineswegs aber die gleichgeschlechtliche Ehe.
Ebenso sanken die Zustimmungswerte bei Regenbogenfamilien. Die Mehrheit der Bürger:innen zweifelt auch daran oder hält es schlicht für eine Falschaussage, dass trans* Personen noch Diskriminierung erleben würden. Kurzum, quer durch alle Themenfelder hindurch zeigt sich, dass die Akzeptanz von queeren Menschen sinkt.
Queerbeauftragter der Bundesregierung Sven Lehmann: „Wir sollten uns nichts vormachen“
Das erkennt auch die deutsche Politik, beispielsweise sagt Jürgen Lenders, queer-politischer Sprecher der FDP BuzzFeed News Deutschland: „Ich sehe globale Rückschritte bei den Rechten für sexuelle Minderheiten. Hart erkämpfte Fortschritte zur Gleichberechtigung drohen verloren zu gehen. Weltweit erleben LGBTQ Stigmatisierung, soziale Ausgrenzung und Gewalt. Dass die LGBTQ-Organisation Human Rights Campaign erstmals seit ihrer Gründung den US-weiten Notstand für queere Menschen ausgerufen hat, gibt zu denken.“
Auch der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, blickt mit Besorgnis auf die jüngsten Entwicklungen. „Wir sollten uns nichts vormachen: Diesen Kräften geht es um eine Rückabwicklung emanzipatorischer Errungenschaften und Freiheiten, sie wollen eine autoritäre und nationalistische Ordnung etablieren, die gesellschaftliche Vielfalt nicht respektiert, sondern diese bekämpfen will. Wie viele Menschen beunruhigt die zunehmende Spaltung der Gesellschaft auch mich sehr“.
Allerdings gelte es laut Lehmann dabei auch zu beachten: „Die Ergebnisse zeigen, dass die große Mehrheit der Menschen in Deutschland LSBTIQ* als gleichwertigen Teil der Gesellschaft akzeptiert und sich für Antidiskriminierung und gleiche Rechte ausspricht. Sie zeigen jedoch auch, dass diese Zustimmung nicht stabil und selbstverständlich ist. Auch in der Vergangenheit mussten alle queer-politischen Erfolge immer hart errungen werden und auch heute gibt es wieder Angriffe und Gegenwind.“
„Vor allem Politiker:innen des rechten Spektrums schüren Hass gegenüber queeren Menschen“
Kathrin Vogler, queer-politische Sprecherin der Linken, mahnt zu Wachsamkeit angesichts der jüngsten Entwicklungen. Gerade in schwierigen Zeiten zwischen Energiekrise, Ukraine-Krieg und Klimawandel würden irrationale Ängste gegenüber Minderheiten wie der queeren Community besonders gut gedeihen: „Wir müssen Antidiskriminierungspolitik mit einem starken Sozialstaat verknüpfen und Solidarität in der Gesellschaft muss gestärkt werden. Hass gedeiht auf dem Boden sozialer Verwerfungen und die multiplen Krisen haben viele Menschen hart gebeutelt.“
Vor allem Politiker:innen des rechten Spektrums schüren Hass und Vorurteile gegenüber queeren Menschen. Wir stehen vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Das macht einigen Menschen Angst, sie fürchten ihren sozialen Abstieg und lehnen jede Art von Veränderung ab. Andere Lebensmodelle passen nicht in ihr Weltbild, queere Menschen werden deswegen zum Sündenbock stilisiert.
Also liegt die Ursache für einen Rückgang in puncto Toleranz „nur“ an den derzeit schwierigen Zeiten? Nicht ganz, sagt Lenders, der auch kritisch auf die queere Community blickt: „Eine Darstellung von queeren Stereotypen in einer jeden Fernsehserie oder Kinofilm halte ich für übertrieben. Diese vermitteln leider oft ein falsches Bild von queeren Leben und können aus meiner Sicht zu Abwehrreaktionen bei Zuschauenden führen.“
Überfordern Diskussionen rund um Pronomen die Gesellschaft?
Martina Haardt von der LGB Alliance, einem Verein für die Rechte von Lesben, Schwulen und Bisexuellen, stimmt dem zu – gerade jetzt im Pride-Monat Juni könne die „permanente Dauerberieselung über die glückliche Community“ genau das Gegenteil von dem erzeugen, was gewünscht sei. Auch die als einseitig wahrgenommene Berichterstattung über heftig diskutierte Themen wie das geplante Selbstbestimmungsgesetz würde da eher Abstoßungseffekte in der Breite der Gesellschaft schaffen – viele würden sich von Diskussionen rund um Pronomen oder „weibliche Penisse“ überfordert und genervt fühlen. „Diesen Rollback hat sich die LGBTIQA+-Community selbst zuzuschreiben!“, so Haardt.
Vogler von den Linken will das Argument der „Überforderung“ nicht gelten lassen, dies sei ein klassischer Abwehrmechanismus. Allerdings sieht sie durchaus Fehler bei der Regierung: „Die Ampelkoalition agiert beim Selbstbestimmungsgesetz in diesem Sinne eher unglücklich. Ständige Ankündigungen und Vertröstungen wecken Frust, und das Gesetz ist unnötig lang und nicht nur in die Begründung flossen rückschrittliche Momente ein.“
Hier wäre eine „einfühlsame Kommunikation“ eindeutig der bessere Weg gewesen, so Vogler. „Es gibt legitime Fragen und diese hätten mit einer besseren Kommunikationsstrategie gut beantwortet werden können, so hat man durch die Verzögerungen den Rechten und Transfeind:innen die Gelegenheit gegeben, sich warmzulaufen und legitime Fragen mit Ängsten und Vorurteilen zu verbinden. Wozu gibt es eigentlich einen Queer-Beauftragten der Bunderegierung?“
Sven Lehmann fordert die Unterstützung der Community und ihrer Verbündeten
Der direkt Angesprochene, Sven Lehmann, will indes eher zu mehr Gemeinsamkeit aufrufen: „Für unsere Politik brauchen wir auch die Unterstützung der Community und ihrer Verbündeten, deshalb sind die CSD-Demonstrationen wichtiger denn je. Letztlich geht es um den Schutz der Menschenwürde. Wenn Menschen angst- und diskriminierungsfrei unterschiedlich sein können und dabei gleiche Rechte und gleiche Würde haben, dann ist das ein Gewinn für uns alle. Das müssen wir immer wieder deutlich machen: Akzeptanz von Vielfalt heißt letztlich mehr Freiheit für alle.“
Haardt von der LGB Alliance ist hingegen davon überzeugt, dass der Rollback noch schlimmer werden wird, die queere Community habe es mit ihren „realitätsfernen Forderungen nach Sonderrechten“ überzogen. Dazu käme auch, dass auch innerhalb der Community immer mehr eine Spaltung stattfinde – und in der Tat haben sich inzwischen weitere Gruppen und Vereine in Deutschland gegründet, die explizit nur noch für Homosexuelle eintreten wollen. Gerade darin sieht Haardt aber auch eine große Chance und wünscht sich, dass Homosexuelle die Gefahrenlage erkennen und aktiv mithelfen, den Rollback abzumildern.
Bildung, ein nationaler Aktionsplan und veränderte Gesetze
Vogler hingegen fordert mehr Bildung und bessere berufliche Perspektiven. Lenders setzt auf den nationalen Aktionsplan und auf eine Reformation des Strafgesetzbuches, um entschiedener gegen queer-feindliche Hasskriminalität vorgehen zu können. „Die Sichtbarkeit von lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen muss selbstverständlicher werden, wir sollten vermeiden, sie als etwas ‚Besonderes‘ hervorzuheben“, so Lenders.
Dabei zeigten die jüngsten Daten auch, dass wir die Demokratie nicht als Selbstverständlichkeit betrachten dürfen: „Wir müssen unsere offene und tolerante Gesellschaft immer wieder aufs Neue verteidigen. Vielfalt macht eine Gesellschaft freier und damit auch stärker. Sie kann die Gesellschaft sogar einen – wenn es gelingt, Andersartigkeit zu akzeptieren. Wir müssen Fake News und gezielte Desinformation entlarven, mit den Menschen ins Gespräch kommen, Fragen beantworten und viel mehr erklären.“