VonMaria Sterklschließen
Israels Bodentruppen haben ein mutmaßliches Kommandozentrum der Hamas in Nord-Gaza erreicht – ein Hospital, um das sich nun die Gefechte intensivieren.
Kein Wasser, kaum Strom und Essen aus Konservendosen, das längst nicht für alle reicht: Als „katastrophal“ beschreibt der Direktor des Al-Shifa-Krankenhauses die Lage in der größten Klinik des Gazastreifens. Nachdem bei Luftangriffen ein Generator beschädigt wurde, fiel der Strom aus, behandelt wurde dann teils bei Kerzenlicht. Mehrere Beatmungsgeräte konnten nicht mehr am Laufen gehalten werden, erzählt der leitende Arzt. Zwei neugeborene Babys, die wegen Frühgeburt am Inkubator hängen, seien gestorben, auch ein erwachsener Intensivpatient habe den Stromausfall nicht überlebt.
Belege gibt es für diese Angaben nicht. Israels Armee bestätigt aber „intensive Kämpfe“ in nächster Nähe zu dem Hospital, in dem sich rund 15.000 Menschen aufhalten sollen.
Sorge um Al-Shifa in Gaza: „Wenn die Hamas die Krankenhäuser verlassen würde ...“
„Alles wäre viel einfacher, wenn die Hamas die Krankenhäuser verlassen würde“, sagt ein Offizier der Bodentruppen im Online-Gespräch mit der Presse. Unter dem Shifa-Krankenhaus befindet sich laut israelischen Erkenntnissen ein Hauptquartier der Qassam-Brigaden der Hamas, die Leitung von Al-Shifa bestreitet das.
Seit vier Wochen ruft die Armee alle Hospitäler im Norden der palästinensischen Enklave auf, ihre Patientinnen und Patienten nach Süden zu verlegen. Beim größten Teil der Menschen in den Krankenhäusern handelt es sich laut Augenzeugenberichten nicht um Kranke oder Personal, sondern um Schutzsuchende wegen der massiven Bombardierungen. Einige haben sich zwar in den vergangenen Tagen schon auf den Weg nach Süden gemacht oder sind nun dort, darunter auch medizinisches Personal. Die israelischen Streitkräfte haben zwei Nord-Süd-Routen für die Binnenflüchtlinge geöffnet, laut einem Sprecher des Militärs wurde die tägliche Feuerpause von vier auf sieben Stunden verlängert.
Israel verspricht Hilfe für Neugeborene aus Al-Shifa
Israels Streitkräfte kündigten an, bei der Verlegung der wegen Frühgeburt beatmeten Neugeborenen zu helfen. „Wir werden den Babys helfen, in ein sichereres Krankenhaus zu gelangen“, sagt der Armeesprecher. Ob es sich um eine Klinik in Gaza oder in Ägypten handelt, ist unklar.
Eine Augenzeugin erklärt, warum sich immer noch Tausende Menschen in den Hospitälern befinden: „Sie hören, dass Menschen auf dem Weg in den Süden erschossen worden sind und dass auch auf den Süden Bomben fallen. Sie sagen: Warum soll ich auf dem Weg mein Leben riskieren, wenn ich im Süden erst recht nicht sicher bin?“
Raketen-Einschläge an Gazas wichtigstem Krankenhaus: Israel dementiert
Al-Shifa-Direktor Mohammad Abu Salamija erzählt von mehreren Einschlägen im Innenhof seines Krankenhauses, er spricht von „israelischen Angriffen“. Die Armee bestreitet, das Krankenhausgelände aus der Luft attackiert zu haben. Der Einschlag sei Folge einer fehlgezündeten Rakete, die von den Terrorgruppen in Gaza abgefeuert worden sei, sagt Armeesprecher Daniel Hagari. Überprüfbar ist auch das nicht.
„Wir werfen keine Bomben auf Al-Shifa, wir schießen nicht auf Krankenhäuser“, beteuert Armeesprecher Richard Hecht, fügt aber hinzu: „Wenn wir Terroristen sehen, die von dort aus schießen, dann tun wir, was zu tun ist. Wenn wir Terroristen sehen, töten wir sie.“ Die Armee sei sich aber „der Sensibilität“ des Ortes stets bewusst.
Al-Shifa ist zwar das größte Krankenhaus, aber nicht das einzige, das wegen der Kämpfe seine Patient:innen nicht oder nur eingeschränkt versorgen kann. Das vom Roten Halbmond betriebene Al-Quds-Krankenhaus am Rand von Gaza City gab am Sonntag bekannt, man sei „nicht mehr in Betrieb“. Grund sei das Elektrizitäts-Blackout. Von den 18 Krankenwagen der Rettungsorganisation seien nur noch sieben im Einsatz, es fehle an Treibstoff.
Krankenhäuser in Gaza unter Druck – Netanjahu-Minister spricht von „Nakba“
Das von einer christlichen Vereinigung betriebene Al-Ahli-Krankenhaus muss nun viele Verwundete und Kranke anderer Kliniken aufnehmen. Auch dort herrschen äußerst prekäre Zustände. Es fehle an Anästhesie, chirurgische Eingriffe erfolgten ohne Betäubung, sagt Chirurg Ghassan Abu Sitta. Die Blutvorräte seien erschöpft. „Patienten sterben nach der Operation, weil wir ihnen keine Transfusionen geben können“, sagt Abu Sitta. Die Weltgesundheitsorganisation WHO äußerte am Sonntag „ernste Sorgen um die Sicherheit des Gesundheitspersonals und Hunderter kranker und verwundeter Patienten“ und forderte eine „sofortige Waffenruhe“.
Laut israelischen Regierungsangaben gibt es in Gaza inzwischen 1,7 Millionen Binnenflüchtlinge – das entspricht fast drei Vierteln der gesamten Bevölkerung im Gazastreifen. Wann sie wieder in ihre Wohngegenden zurückkehren können, ist völlig ungewiss, zumal sich die israelische Armee schon auf monatelange Kämpfe eingestellt hat.
Aussagen mancher israelischer Politiker befeuern die Ängste vieler Menschen in Gaza, dass es eine Rückkehr in ihr Zuhause eventuell nie mehr geben könnte: Landwirtschaftsminister Avi Dichter von Benjamin Netanjahus Likud-Partei hat in einem TV-Interview gesagt, man erlebe nun „die Gaza-Nakba“. Unter Nakba versteht die arabische Geschichtsschreibung die Massenvertreibung von Palästinenser:innen rund um das Jahr 1948. Die Mehrheit der Einwohnerschaft von Gaza sind Nachkommen dieser Vertriebenen.
Maria Sterkl

