Russland trainierte Manöver dazu

Nach Lukaschenko-Drohung: Nur 100 Kilometer lang - Sorge um „Achillesferse“ der Nato

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Alexander Lukaschenko wettert gegen Polen. Erneut gerät eine Schwachstelle an der Nato-Ostflanke in den Fokus. Beide Seiten haben Vorkehrungen getroffen.

Minsk – Polen hat offenkundig genug von den neuerlichen Provokationen von Minsk-Machthaber Alexander Lukaschenko. Nachdem ein belarussischer Militärhubschrauber angeblich den polnischen Luftraum verletzt hatte, kündigte das Verteidigungsministerium in Warschau am Mittwoch (2. August) eine notfalls „dem Gefahrenpotenzial angemessene Reaktion“ an.

Es ist die nächste Provokationsstufe: Vor besagtem Helikopter-Vorfall hatte Lukaschenko Polen bereits mit den Wagner-Söldnern in Belarus gedroht.

Belarus-Provokation gegen Polen: Suwalki-Lücke gerät in den Fokus

In dieser heiklen Gemengelage gerät erneut ein schmaler Korridor zwischen den Landesgrenzen Polens, der Baltischen Staaten, Belarus und der russischen Exklave Kaliningrad an der Ostsee in den sicherheitspolitischen Fokus: die Suwalki-Lücke.

Polen schützt seine Grenzen an verschiedenen Orten auch mit Patriot-Raketen - wie hier in Torun im Norden.

„Wir haben gesagt, dass wir mit Provokationen rechnen, und das war eine kurzzeitige Provokation“, erklärte Vize-Innenminister Maciej Wasik zur jüngsten Eskalation aus Minsk. „Wenn solche Situationen vorkommen und eskalieren, wird unsere Reaktion dem Gefahrenpotenzial angemessen sein“, zitierte zudem die Nachrichtenagentur PAP den polnischen Vize-Verteidigungsminister Wojciech Skurkiewicz. Wo es zu dem angeblichen unerlaubten Grenzübertritt des Hubschraubers kam, wurde nicht präzisiert.

Polen reagiert: Mehr Soldaten und Polizisten sollen Grenze zu Belarus schützen

Bereits am Samstag (29. Juli) hatte der polnische Premierminister Mateusz Morawiecki indes berichtet, eine Gruppe von etwa 100 Wagner-Söldnern sei näher an die weißrussische Stadt Grodno unweit der polnischen Grenze herangekommen. Morawiecki nannte die Situation „zunehmend gefährlich“. Aus Sorge vor den gesichteten Wagner-Einheiten schickte Polen zusätzlich 500 Polizistinnen und Polizisten, darunter auch eine Anti-Terror-Einheit, an die polnisch-belarussische Grenze. Sie sollen die 5000 Grenzschützerinnen und Grenzschützer des Landes sowie 2000 Soldatinnen und Soldaten verstärken, die derzeit an der Grenze stationiert sind, teilte Innenminister Mariusz Kaminski am Sonntag (30. Juli) bei Twitter mit. Brisant: Die Großstadt Grodno ist mit ihren rund 380.000 Einwohnern nur etwa 15 Kilometer von der polnischen Staatsgrenze entfernt.

Im Nordosten Polens, Anfang Juli 2023: Britische Soldaten der Royal Lancers fahren mit einem Jackal-Spähfahrzeug (vorne) in einem Nato-Militär-Konvoi.

Ebenso brisant: Grodno, auch Hrodna geschrieben, liegt nur rund 30 Kilometer südöstlich vom beschriebenen Suwalki-Korridor. Zuletzt hatte die Nato-Battlegroup Poland unter Beteiligung der britischen Royal Lancers Aufmerksamkeit erweckt, als Soldaten der Verteidigungsallianz in einem Manöver demonstrativ die etwa 100 Kilometer breite Suwalki-Lücke vom Hauptquartier in Orzysz aus an der polnisch-litauischen Grenze bis nach Vilnius überquerten.

Zwischen Polen und dem Baltikum: Suwalki-Lücke gilt als Schwachstelle der Nato

Dieser Grenzabschnitt gilt als Schwachstelle des Nato-Bündnisses, weil er westlich bei Kaliningrad endet und im Osten an der belarussischen Grenze beginnt. Hier könnten, so Szenarien der Nato, belarussische und/oder russische Truppen bei einer Eskalation bis an die Ostsee vorstoßen und damit die Baltischen Staaten vom übrigen Bündnisgebiet abschneiden.

Seit die drei Baltischen Staaten 2004 der Nato beitraten, stellt die Suwalki-Lücke die Achillesferse des westlichen Verteidigungsbündnisses dar.

Osteuropa-Experte Prof. Dr. Klaus Gestwa im Gespräch mit IPPEN.MEDIA

„Seit die drei Baltischen Staaten 2004 der Nato beitraten, stellt die Suwalki-Lücke die Achillesferse des westlichen Verteidigungsbündnisses dar. Würde Russland mit belarussischer Unterstützung diesen Korridor dichtmachen, könnte die Nato das Baltikum über den Landweg nicht mehr versorgen“, erklärte unlängst der Osteuropa-Experte Prof. Dr. Klaus Gestwa im Gespräch mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Der Historiker lehrt an der Universität Tübingen in osteuropäischer Geschichte und studierte einst selbst in Sankt Petersburg sowie in Moskau. Auch in Zeiten des Ukraine-Kriegs hält Gestwa informelle Kontakte nach Russland.

Suwalki-Korridor: Russland trainierte Manöver, Nato hält Übung ab

Der Kreml habe vor 2022 in Manövern trainieren lassen, erzählte Gestwa, „wie dieser Korridor geschlossen werden kann. Simulationen auf westlicher Seite ergaben, dass es für die Nato schwer werden würde, einer russischen Aggression entschieden entgegenzutreten. Deshalb hat das westliche Verteidigungsbündnis zuletzt ihre Truppen im Baltikum verstärkt“. Im litauischen Rukla ist zum Beispiel die multinationale Nato-Battlegroup Lithuania unter Führung der Bundeswehr stationiert, mit insgesamt rund 1600 Soldatinnen und Soldaten, darunter etwa 900 aus Deutschland. Mit Angriffen auf die Nato-Partner Litauen und Polen sei aber „wohl nicht zu rechnen“, meint Osteuropa-Experte Gestwa: „Das wäre für Wagner und Belarus viel zu riskant.“ (pm)

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