Die Landtagswahlen im Osten

Experte zur Krise der Ampel-Koalition: „Die FDP sollte schleunigst verschwinden“

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Drei sind vielleicht einer zu viel: Die FDP in Gestalt von Christian Lindner (r) macht dem Rest der Ampel oft das Regierungsleben schwer.
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Politologe Ulrich Brand im FR-Interview über das, was nach den Landtagswahlen im Osten in der Bundesregierung geschehen muss.

Herr Brand, vor den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen ist die Zustimmung der Menschen für die Parteien der Bundesregierung, also SPD, Grüne und FDP, so gering wie nie. Die in Teilen rechtsextreme AfD ist in beiden Ländern stark. Zugleich erleben wir den Aufstieg einer Gruppierung, die erst vor einem halben Jahr gegründet wurde, des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Wie ordnen Sie das ein?
Es gibt eine Dynamik des rechten und linken autoritären Populismus in Deutschland. Das Bündnis Sahra Wagenknecht verkörpert für mich ganz klar einen linken autoritären Populismus, auch wenn es in wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen wie der Migrationspolitik gar nicht links ist. Wir sehen ein ähnliches Phänomen in Österreich, wo am 29. September der Nationalrat gewählt wird. Da liegt die rechte FPÖ mit 31 Prozent in Umfragen vorn, während die ÖVP auf 19 Prozent abgestürzt ist, nachdem sie sich vom rechtspopulistischen Kurs des früheren Kanzlers Kurz verabschieden musste.
Wo liegen die Ursachen für das Erstarken des Populismus und die Schwäche der bürgerlichen Parteien in Deutschland?
Aus meiner Sicht ist ein wichtiger Grund, dass die Ampel-Koalition in Deutschland den sozial-ökologischen Umbau der Gesellschaft zwar angekündigt, aber nicht tatsächlich umgesetzt hat. Diesem schon ökologisch zaghaften Umbau fehlt völlig die soziale Komponente. Es fehlt die Gerechtigkeit. Das heißt: die Vermögenden im Lande werden nicht herangezogen für die Kosten des Umbaus. Das kommt bei vielen Menschen und nicht ganz zu Unrecht als eine Art „ökologischer Austeritätspolitik“ an – den Gürtel enger schnallen müssen, aber die Reichen leben weiterhin ihren zerstörerischen Lebensstil. Zugleich gewinnen die Kräfte, die auf fossilen Energien beharren, wieder an Einfluss, angetrieben von großen Konzernen.

Das BSW als Teil der Landesregierung: „Projekt“ würde an seine Grenzen kommen

Wie erklärt sich der Erfolg des BSW? Kann sich diese Gruppierung dauerhaft in der Parteienlandschaft etablieren?
Ich will erst einmal der Einschätzung widersprechen, dass der Erfolg des BSW gleichsam über Nacht gekommen ist. Sahra Wagenknecht ist durch die Linkspartei prominent geworden und hat sich spätestens als bundesweite Marke etabliert, seit sie im Jahre 2021 ihr Buch „Die Selbstgerechten“ veröffentlicht hat. Sie ist ein Phänomen der Talkshows und der sozialen Medien. Ob es dem BSW aber gelingt, sich langfristig zu etablieren, bleibt abzuwarten. Sobald das BSW nämlich Teil einer Landesregierung wird, muss es liefern. Dann kommt ein Projekt, das auf eine Person aufgebaut ist, an seine Grenzen.

Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen

Die Partei von Sahra Wagenknecht heißt wie sie. Das ist nur folgerichtig, denn der Name ist erst mal auch das Programm. Nach dem Eintritt in die DDR-Staatspartei SED 1989 war Wagenknecht über Jahrzehnte eines der bekanntesten Gesichter der Folgeparteien PDS und Die Linke. Die studierte Philosophin mit Doktortitel im Fach Wirtschaft ist ein gern gesehener Gast in den diversen Talkshows der TV-Sender. Nach jahrelangem Streit mit der Linken trat die Bestsellerautorin im Oktober 2023  aus und kündigte die Gründung einer eigenen Partei an.
Die Partei von Sahra Wagenknecht heißt wie sie. Das ist nur folgerichtig, denn der Name „Bündnis Sahra Wagenknecht“ ist erst mal auch das Programm. Nach dem Eintritt in die DDR-Staatspartei SED 1989 war Wagenknecht über Jahrzehnte eines der bekanntesten Gesichter der Folgeparteien PDS und Die Linke. Die studierte Philosophin mit Doktortitel im Fach Wirtschaft ist ein gern gesehener Gast in den diversen Talkshows der TV-Sender. Nach jahrelangem Streit mit der Linken trat die Bestsellerautorin im Oktober 2023 aus und kündigte die Gründung einer eigenen Partei an. © Imago
Amira Mohamed Ali hat zusammen mit Sahra Wagenknecht den BSW-Vorsitz inne. Die Rechtsanwältin, die 1980 in Hamburg geboren wurde, ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort war sie von November 2019 bis Oktober 2023 zusammen mit Dietmar Bartsch Fraktionsvorsitzende der Linken. 2019 sprach sich die Tochter eines Ägypters und einer Deutschen in einem Interview für offene Grenzen aus und lehnte Abschiebungen grundsätzlich ab. Im Jahr 2023 plädierte sie dafür, die (Wirtschafts-)Migration nach Deutschland zu begrenzen. Zudem sprach sie sich dafür aus, Asylverfahren zu beschleunigen und diese an der Außengrenze oder sogar in Drittstaaten durchzuführen.
Amira Mohamed Ali hat zusammen mit Sahra Wagenknecht den BSW-Vorsitz inne. Die Rechtsanwältin ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort war sie von November 2019 bis Oktober 2023 zusammen mit Dietmar Bartsch Fraktionsvorsitzende der Linken. 2019 sprach sich die Tochter eines Ägypters und einer Deutschen in einem Interview für offene Grenzen aus und lehnte Abschiebungen grundsätzlich ab. Im Jahr 2023 plädierte sie dafür, die (Wirtschafts-)Migration nach Deutschland zu begrenzen. Zudem sprach sie sich dafür aus, Asylverfahren zu beschleunigen und diese an der Außengrenze oder sogar in Drittstaaten durchzuführen. © Kay Nietfeld/dpa
Ein Coup ist die Einbindung von Thomas Geisel in das „Bündnis Sahra Wagenknecht“. Am BSW-Gründungstag trat der frühere Oberbürgermeister von Düsseldorf aus der SPD aus. Von seiner Ex-Partei verabschiedete er sich mit den Worten, seine „sozialdemokratischen Grundsätze“ seien im BSW eher vertreten als in der SPD. Sein Wechsel sorgt bei seiner alten Partei für Kopfschütteln. Die NRW-SPD übte jedenfalls massive Kritik am Wechsel zur Wagenknecht-Partei. Geisel habe sich nach seiner Amtszeit verannt, sagte Generalsekretär Frederick Cordes dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Mit seiner Kandidatur stelle er sich selbst ins Abseits und lasse zu, dass auf seine erfolgreiche Amtszeit als Düsseldorfer Oberbürgermeister fortan ein Schatten liegen werde.
Ein Coup ist die Einbindung von Thomas Geisel in das „Bündnis Sahra Wagenknecht“. Am BSW-Gründungstag trat der frühere Oberbürgermeister von Düsseldorf aus der SPD aus. Von seiner Ex-Partei verabschiedete er sich mit den Worten, seine „sozialdemokratischen Grundsätze“ seien im BSW eher vertreten als in der SPD. Sein Wechsel sorgt bei seiner alten Partei für Kopfschütteln. Die NRW-SPD übte jedenfalls massive Kritik am Wechsel zur Wagenknecht-Partei. Geisel habe sich nach seiner Amtszeit verannt, sagte Generalsekretär Frederick Cordes dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Mit seiner Kandidatur stelle er sich selbst ins Abseits und lasse zu, dass auf seine erfolgreiche Amtszeit als Düsseldorfer Oberbürgermeister fortan ein Schatten liegen werde.  © Stefan Zeitz/Imago
Neben Thomas Geisel ist Fabio De Masi einer der beiden BSW-Spitzenkandidat für die Europawahl 2024. De Masi, 1980 in Groß-Gerau geboren, ist das Kind eines italienischen Gewerkschaftsmitglieds und einer deutschen Sprachdozentin. Sein Großvater väterlicherseits war ein Partisan im Piemont, der für die Befreiung Italiens vom Faschismus kämpfte. Von 2005 bis 2014 war der Finanzpolitiker als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag tätig, unter anderem für Sahra Wagenknecht.
Neben Thomas Geisel ist Fabio De Masi einer der beiden BSW-Spitzenkandidaten für die Europawahl 2024. De Masi ist das Kind eines italienischen Gewerkschaftsmitglieds und einer deutschen Sprachdozentin. Sein Großvater väterlicherseits war ein Partisan im Piemont, der für die Befreiung Italiens vom Faschismus kämpfte. Von 2005 bis 2014 war der Finanzpolitiker als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag tätig, unter anderem für Sahra Wagenknecht.  © Roland Magunia/Imago
Der frühere Linken-Parteichef Klaus Ernst zählt ebenfalls zu Wagenknechts Verbündeten. Der Gewerkschafter aus Bayern ist davon überzeugt, dass auch ein Landesverband in Bayern erfolgreich sein wird. „Weil wir die Interessen der normalen Leute vertreten und nicht die Interessen der Klimakleber“, sagte er auf eine entsprechende Frage. Die Linke habe sich von ursprünglichen Zielen mehr und mehr entfernt. Als Liebhaber teurer Autos wird Ernst zuweilen als „Luxus-Linker“ oder „Porsche-Klaus“ bezeichnet.
Der frühere Linken-Parteichef Klaus Ernst zählt ebenfalls zu Wagenknechts Verbündeten. Der Gewerkschafter aus Bayern ist davon überzeugt, dass auch ein Landesverband in Bayern erfolgreich sein wird. „Weil wir die Interessen der normalen Leute vertreten und nicht die Interessen der Klimakleber“, sagte er auf eine entsprechende Frage. Die Linke habe sich von ursprünglichen Zielen mehr und mehr entfernt. Als Liebhaber teurer Autos wird Ernst zuweilen als „Luxus-Linker“ oder „Porsche-Klaus“ bezeichnet.  © Hendrik Schmidt/dpa
Zu den prominentesten Gesichtern des BSW gehört auch die Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen. Die Tochter kurdisch-alevitischer Eltern, deren Wahlkreisbüro in Bochum im Juli 2014 mit einem roten Hakenkreuz beschmiert wurde, gilt als eine der engsten Vertrauten von BSW-Chefin Sahra Wagenknecht. Für einen Eklat sorgte Dağdelen im Jahr 2017, als sie im Bundestag die Fahne der syrischen Kurdenmiliz YPG zeigte. Kritik zog sie auch mit ihrer Haltung zum Ukraine-Krieg auf sich, den sie in einem Gastvortrag als „Stellvertreterkrieg der Nato in der Ukraine“ bezeichnete. Genau wie Klaus Ernst unterzeichnete auch Dağdelen die Erklärung, die den USA eine maßgebliche Verantwortung für den russischen Angriff zuschreibt.
Zu den prominentesten Gesichtern des BSW gehört die Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen. Die Tochter kurdisch-alevitischer Eltern, deren Wahlkreisbüro in Bochum im Juli 2014 mit einem roten Hakenkreuz beschmiert wurde, gilt als eine der engsten Vertrauten von BSW-Chefin Sahra Wagenknecht. Für einen Eklat sorgte Dağdelen im Jahr 2017, als sie im Bundestag die Fahne der syrischen Kurdenmiliz YPG zeigte. Kritik zog sie auch mit ihrer Haltung zum Ukraine-Krieg auf sich, den sie in einem Gastvortrag als „Stellvertreterkrieg der Nato in der Ukraine“ bezeichnete. Genau wie Klaus Ernst unterzeichnete auch Dağdelen eine Erklärung, die den USA eine maßgebliche Verantwortung für den russischen Angriff zuschreibt. © Imago
Oskar Lafontaine ist einer der bekanntesten Politiker Deutschlands. Er war SPD-Chef, Kanzlerkandidat, Bundesfinanzminister – und schließlich Vorsitzender der Bundespartei der Linken. 2022 trat er aus der Linkspartei aus und war zunächst parteilos. Anfang 2024 schloss sich der Diplom-Physiker dann der Partei seiner Ehefrau Sahra Wagenknecht an.
Oskar Lafontaine ist einer der bekanntesten Politiker Deutschlands. Er war SPD-Chef, Kanzlerkandidat, Bundesfinanzminister – und schließlich Vorsitzender der Bundespartei der Linken. 2022 trat er aus der Linkspartei aus und war zunächst parteilos. Anfang 2024 schloss sich der Diplom-Physiker dann der neuen Partei seiner Ehefrau Sahra Wagenknecht an.  © Imago
Den Posten des Generalsekretärs hat im „Bündnis Sahra Wagenknecht“ der Bundestagsabgeordnete Christian Leye inne. Bis 2021 arbeitete er im Wahlkreisbüro von Sahra Wagenknecht. Politisch engagiert sich Leye für die Aufnahme von Geflüchteten. Im August 2018 plädierte er in einem Interview dafür, dass Kommunen sich freiwillig zur Aufnahme über die Quoten hinaus bereit erklären sollten: „Vor Europas Haustür ertrinken täglich Männer, Frauen und Kinder – das darf uns nicht gleichgültig sein.“
Den Posten des Generalsekretärs hat im „Bündnis Sahra Wagenknecht“ der Bundestagsabgeordnete Christian Leye inne. Bis 2021 arbeitete er im Wahlkreisbüro von Sahra Wagenknecht. Politisch engagiert sich Leye für die Aufnahme von Geflüchteten. Im August 2018 plädierte er in einem Interview dafür, dass Kommunen sich freiwillig zur Aufnahme über die Quoten hinaus bereit erklären sollten: „Vor Europas Haustür ertrinken täglich Männer, Frauen und Kinder – das darf uns nicht gleichgültig sein.“ © Imago
Jessica Tatti ist Parlamentarische Geschäftsführerin der konstituierten BSW-Gruppe im Bundestag. Laut Selbstauskunft ist die soziale Ungleichheit für sie der Motor ihrer politischen Aktivität. Tatti, die 1981 als Tochter sardischer Eltern in Marbach geboren wurde, ist Mitglied verschiedener Organisationen, darunter die Gewerkschaft ver.di, der Deutsche Mieterbund und der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg, der in Kooperation mit Pro Asyl für die Rechte von Flüchtlingen eintritt. Seit Oktober 2017 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages.
Jessica Tatti ist Parlamentarische Geschäftsführerin der konstituierten BSW-Gruppe im Bundestag. Laut Selbstauskunft ist die soziale Ungleichheit für sie der Motor ihrer politischen Aktivität. Tatti, die 1981 als Tochter sardischer Eltern in Marbach geboren wurde, ist Mitglied verschiedener Organisationen, darunter die Gewerkschaft ver.di, der Deutsche Mieterbund und der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg, der in Kooperation mit Pro Asyl für die Rechte von Flüchtlingen eintritt. Seit Oktober 2017 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages. © Alexander Gonschior/Imago
Andrej Hunko, der selbst ukrainische Wurzeln hat, widmet sich seit 2012 der Lage in der Ukraine. Unter anderem war er Mitglied von Wahlbeobachtungsdelegationen des Europarates bei den Parlamentswahlen 2012 und 2014. Zuletzt stellte er sich strikt gegen Verhandlungen über einen EU-Beitritt der Ukraine. Das Land sei meilenweit davon entfernt, die politischen und ökonomischen Kriterien der Europäischen Union zu erfüllen, erklärte er zusammen mit Alexander Ulrich. „Ein Beitritt in diesem Jahrzehnt ist völlig unrealistisch.“ 2020 engagierte sich Hunko für die Freilassung des WikiLeaks-Gründers Julian Assange.
Andrej Hunko, der selbst ukrainische Wurzeln hat, widmet sich seit 2012 der Lage in der Ukraine. Unter anderem war er Mitglied von Wahlbeobachtungsdelegationen des Europarates bei den Parlamentswahlen 2012 und 2014. Zuletzt stellte er sich strikt gegen Verhandlungen über einen EU-Beitritt der Ukraine. Das Land sei meilenweit davon entfernt, die politischen und ökonomischen Kriterien der Europäischen Union zu erfüllen, erklärte er zusammen mit Alexander Ulrich. „Ein Beitritt in diesem Jahrzehnt ist völlig unrealistisch.“ 2020 engagierte sich Hunko für die Freilassung des Wikileaks-Gründers Julian Assange.  © Uli Deck/dpa
Das frühere SPD-Mitglied Alexander Ulrich stand schon in der Linkspartei fest an der Seite von Sahra Wagenknecht. Im Sommer 2023 stellte er klar, was er von der Partei hielt. „Die Linke verkommt leider zu einer Sekte. Wir hoffen auf Sahra Wagenknecht.“ Der Bundestagsabgeordnete stammt aus Rheinland-Pfalz und ist Mitglied des Ältestenrates des Deutschen Bundestages.
Das frühere SPD-Mitglied Alexander Ulrich stand schon in der Linkspartei fest an der Seite von Sahra Wagenknecht. Im Sommer 2023 stellte er klar, was er von der Partei hielt. „Die Linke verkommt leider zu einer Sekte. Wir hoffen auf Sahra Wagenknecht.“ Der Bundestagsabgeordnete stammt aus Rheinland-Pfalz und ist Mitglied des Ältestenrates des Deutschen Bundestages. © Christoph Hardt/Imago
Auch die ehemalige Hamburger Linken-Chefin Zaklin Nastic hat sich dem „Bündnis Sahra Wagenknecht“ angeschossen. Der Austritt aus der Linken sei ihr nicht leichtgefallen, sagte Nastic im Oktober 2023. „Immerhin war diese Partei nicht nur viele Jahre meine politische Heimat, ich habe sie auch mit aufgebaut und als Landessprecherin vertreten und lange gegen ihren Niedergang gekämpft – leider ohne Erfolg.“ Nastic warf der Linken-Parteiführung vor, ihren politischen Kompass verloren und die Aufarbeitung der letzten Wahlniederlagen verweigert zu haben.
Auch die ehemalige Hamburger Linken-Chefin Zaklin Nastic hat sich dem „Bündnis Sahra Wagenknecht“ angeschossen. Der Austritt aus der Linken sei ihr nicht leichtgefallen, sagte Nastic im Oktober 2023. „Immerhin war diese Partei nicht nur viele Jahre meine politische Heimat, ich habe sie auch mit aufgebaut und als Landessprecherin vertreten und lange gegen ihren Niedergang gekämpft – leider ohne Erfolg.“ Nastic warf der Linken-Parteiführung vor, ihren politischen Kompass verloren und die Aufarbeitung der letzten Wahlniederlagen verweigert zu haben.  © Christoph Soeder/dpa
Stell­vertretender BSW-Vorsitzender ist Shervin Haghsheno. Der Bauingenieur ist Universitätsprofessor am Karlsruher Institut für Technologie. Dort leitet er als Geschäftsführender Direktor das Institut für Technologie und Management im Baubetrieb. Haghsheno wurde 1975 in Teheran geboren und ist seit 1985 in Deutschland zu Hause.
Stell­vertretender BSW-Vorsitzender ist Shervin Haghsheno. Der Bauingenieur ist Universitätsprofessor am Karlsruher Institut für Technologie. Dort leitet er als Geschäftsführender Direktor das Institut für Technologie und Management im Baubetrieb. Haghsheno wurde 1975 in Teheran geboren und ist seit 1985 in Deutschland zu Hause. © Frederic Kern/Imago
Jochen Flackus, der 1988 Büroleiter des damaligen saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine war, gehörte von 1974 bis 2008 der SPD an. Danach trat er der Partei Die Linke bei. Bei der Landtagswahl im Saarland 2017 erhielt er ein Mandat im Landtag des Saarlandes. Er war dort parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion, bevor er im März 2022 seinen Austritt aus der Linkspartei erklärte. Im Januar 2024 trat er dem „Bündnis Sahra Wagenknecht“ bei.
Jochen Flackus, der 1988 Büroleiter des damaligen saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine war, gehörte von 1974 bis 2008 der SPD an. Danach trat er der Partei Die Linke bei. Bei der Landtagswahl im Saarland 2017 erhielt er ein Mandat im Landtag des Saarlandes. Er war dort parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion, bevor er im März 2022 seinen Austritt aus der Linkspartei erklärte. Im Januar 2024 trat er dem „Bündnis Sahra Wagenknecht“ bei. © Imago
Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ hat sich einiges vorgenommen. Die Partei will einen „politischen Neuanfang“ für die ganze Republik. Zu Wagenknechts Positionen gehören: Mehr sozialer Zusammenhalt, weniger Einwanderung in Deutschland und keine deutschen Waffen in die Welt, schon gar nicht in die Ukraine. Ist die Partei nun eher links oder eher rechts? Bei den Verantwortlichen will man sich da nicht festlegen (im Bild von links nach rechts: Thomas Geisel, Shervin Haghsheno, Amira Mohamed Ali, Sahra Wagenknecht, Christian Leye und Fabio De Masi).
Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ hat sich einiges vorgenommen. Die Partei will einen „politischen Neuanfang“ für die ganze Republik. Zu Wagenknechts Positionen gehören: mehr sozialer Zusammenhalt, weniger Einwanderung in Deutschland und keine deutschen Waffen in die Welt, schon gar nicht in die Ukraine. Ist die Partei nun eher links oder eher rechts? Bei den Verantwortlichen will man sich da nicht festlegen (im Bild von links nach rechts: Thomas Geisel, Shervin Haghsheno, Amira Mohamed Ali, Sahra Wagenknecht, Christian Leye und Fabio De Masi). © Imago

Eine „linke Erneuerung“ der SPD: Der „sozial-ökologische Umbau der Gesellschaft“

Die SPD, die älteste deutsche Partei, ist an einem Tiefpunkt angekommen. Sie könnte in Sachsen erstmals überhaupt an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Was wird aus der SPD?
Die SPD hat jetzt die Chance, sich zu erneuern. Sie müsste die soziale Frage in den Mittelpunkt ihrer Politik stellen, doch damit sind wir bei knallharten Machtfragen. Das heißt etwa auch, die Enteignung großer Konzerne ernsthaft anzugehen, etwa als Konsequenz der breiten Bewegung „Deutsche Wohnen & Co enteignen“, wie das in Berlin ja schon durch Volksentscheid versucht worden ist. Doch das hat die SPD verwässert und unglaublich an Glaubwürdigkeit verloren. Auch die Grünen müssen die soziale Frage angehen.
Welche Personen könnten bei der SPD für diese Erneuerung stehen?
Ich denke, dass SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert das Potenzial hat, eine linke Erneuerung der SPD voranzutreiben. Grundsätzlich muss der sozial-ökologische Umbau der Gesellschaft anders organisiert werden. Er darf nicht länger auf dem Rücken der Beschäftigten geschehen. Sondern er muss mit der Frage nach der gesellschaftlichen Macht verbunden werden, wie wir das in unserem Buch „Kapitalismus am Limit“ skizzieren. Dazu müssen die Gewerkschaften als Unterstützer gewonnen werden. Die Gewerkschaften sind in meinen Augen ein entscheidender Faktor. Der Umbau darf nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden. Das schafft Ängste, treibt Menschen in die Arme der AfD. Im Gegenteil: Sie müssen beim sozial-ökologischen Umbau der Wirtschaft mitsprechen. Sie müssen darüber entscheiden, was produziert wird und was die Alternativen sind, wenn Teile der deutschen Industrie zurückgebaut werden, etwa in der Autoindustrie. Bislang ist der Umbau kapitalgetrieben, unterstützt von einer ökologisch feigen Bundesregierung.
Die wesentliche Triebfeder für die Erfolge des Populismus ist die Frage der Einwanderung nach Deutschland.
Und deshalb ist es wichtig, das Narrativ der Rechtsextremen und von Teilen der Unionsparteien zu konterkarieren, dass die Migration die Mutter aller Probleme darstellt. Der Staat muss die Zuwanderung nach Deutschland regulieren. Er muss zugleich dafür sorgen, dass die Menschen, die zu uns kommen und bleiben, in guten Verhältnissen leben können. Das bedeutet: Der Staat muss wesentlich mehr als bisher in die Integration der Zugewanderten investieren. Dazu braucht es nicht nur mehr Geld, sondern auch mehr Personal. Wenn wir auf die Stadt Wien blicken, dann sehen wir, dass das gelingen kann.

Zur Person

Ulrich Brand lehrt und forscht im Bereich Internationale Politik an der Universität Wien, ist Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Kuratoriumsmitglied des Instituts Solidarische Moderne. Gemeinsam mit Markus Wissen veröffentlichte er das Buch „Kapitalismus am Limit. Öko-imperiale Spannungen, umkämpfte Krisenpolitik und solidarische Alternativen“ (Oekom-Verlag).

Der dritte Patner der Ampel: FDP sollte „schleunigst aus der Bundesregierung verschwinden“

Was wird aus der FDP, dem dritten Partner in der Ampel?
Die FDP kämpft ums politische Überleben. Sie ist zugleich der entscheidende bremsende Faktor beim sozial-ökologischen Umbau. Ich würde mir wünschen, dass die FDP schleunigst aus der Bundesregierung verschwindet. Es ist jetzt an der Zeit, dass Sozialdemokraten und Grüne bis zur Bundestagswahl in einem Jahr gemeinsam noch einige wichtige soziale und ökologische Projekte angehen, auch gegen den Widerstand der FDP.
Sie sprechen also von einer rot-grünen Minderheitsregierung.
Ja. SPD und Grüne könnten jetzt fünf bis acht wichtige politische Projekte definieren und versuchen, diese mit wechselnden Mehrheiten zu verwirklichen. Dazu zählen etwa die Aussetzung der Schuldenbremse, der gebotene Ausstieg aus der Verbrenner-Produktion und die weitere Anhebung des Mindestlohns. Das würde beiden Parteien dabei helfen, wieder das Vertrauen der Menschen in Deutschland zurückzugewinnen, die mit wenig Einkommen auskommen müssen, deren Lebensverhältnisse auf Kante genäht sind.

Projekte bis zur Bundestagswahl: „Die Konservativen und Liberalen flippen aus“

Welche weiteren Projekte wären wichtig bis zur nächsten Bundestagswahl?
Ich halte es für unabdingbar, dass endlich deutlich mehr in die Bildungspolitik investiert wird. Andreas Babler von der SPÖ macht es vor: Mit der Forderung nach der Verkürzung der Arbeitszeit in Richtung Vier-Tage-Woche oder nach einer Vermögenssteuer wird Glaubwürdigkeit geschaffen; die Konservativen und Liberalen flippen aus und die extreme Rechte, die ja oft neoliberal ist, weiß nicht, wie sie sich verhalten soll.
Dagegen wird es natürlich politischen Widerstand geben.
Ja. Und deshalb wäre es wichtig, dass sich Sozialdemokraten und Grüne Unterstützung aus der Zivilgesellschaft, aber durch wissenschaftlichen Sachverstand holen. Anfang nächsten Jahres könnte es eine Reihe von großen Kongressen geben, bei denen Wissenschaftler und wichtige Intellektuelle zur Unterstützung der Bundesregierung zusammenkommen. Und zwar mit kritischer Auseinandersetzung auf Augenhöhe.

Kapitalistische Produktionsweise: „Rücksichtslose Ausbeutung von Menschen“ reduzieren

Welche anderen politischen Akzente müssten SPD und Grüne setzen?
Was ja aktuell ein blinder Fleck in den Debatten ist: Die Ausbeutung der Menschen und Länder des globalen Südens, die Vertiefung einer „imperialen Lebensweise“. Bundeskanzler Scholz hat einen regelrechten Reise-Tourismus in Länder Westafrika betrieben, um mit den oft autoritären Eliten dort Wasserstoff-Projekte zu vereinbaren. Ich nenne das grünen Kolonialismus. Oder denken Sie an den Kotau des grünen Wirtschaftsministers Robert Habeck vor dem autoritären Emir von Katar. Welch eine irre Symbolik!
Wie sähe eine alternative Politik aus?
Wir brauchen gerechtere Regeln für die Weltwirtschaft und die Beziehungen zwischen Norden und Süden, um die rücksichtslose Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen im globalen Süden zu reduzieren. Ein Anfang ist das Lieferkettengesetz der Europäischen Union (EU), das aber von Deutschland bisher nicht umgesetzt wird. Das müsste endlich geschehen. Die Bundesregierung hält lieber an ihrem eigenen, eher zahnlosen Gesetz fest.
Ulrich Brand im Interview mit der FR.
Der Fetisch der kapitalistischen Produktionsweise ist ja das stete wirtschaftliche Wachstum. Müssten wir uns davon verabschieden?
Ja. In unserem Buch „Kapitalismus am Limit“ haben wir beschrieben, wie das möglich ist. Dazu müssten wichtige Wirtschaftszweige in Deutschland komplett umgebaut werden. Diese Konversion sollte das zentrale Projekt der Politik werden. Das bedeutet nicht Verarmung oder Verzicht, sondern ein anderes Wohlstandsmodell. Mobilität, aber nicht mehr zentral mit dem Auto, gute Nahrungsmittel, aber nicht mehr so viel Billigfleisch und globalisiert-industrialisierte Landwirtschaft. Die Vorschläge liegen ja auf dem Tisch. Die Politik muss sich in diesen Fragen auch mal mit mächtigen Wirtschaftsinteressen anlegen und den Menschen ein gutes und solidarisches Leben ermöglichen.

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