- VonBettina Menzelschließen
Die Ampel macht den Weg frei für die Speicherung von CO₂ unter dem Meeresboden. Als Endlager hat Habeck künftig die Nordsee im Blick.
Berlin – Die Bundesregierung hat am Mittwoch (29. Mai) das umstrittene Kohlendioxid-Speichergesetz beschlossen. Auf dem Weg zur Klimaneutralität soll das Gesetz auch eine Speicherung von CO₂ unter der Nordsee möglich machen. Doch es gibt Kritik an der Technologie: Teuer sei sie und im großen Stil kaum umsetzbar. Aus Sicht der Wissenschaft könnte der erhöhte Druck im Gestein auch schwache Erdbeben auslösen.
Bundesregierung erlaubt Offshore-Speicherung von CO₂ unter dem Meeresboden
Das CO₂ lässt sich in ehemalige Ölfelder einspeisen und so dingfest machen. Auch der Meeresboden gilt als geeignetes Lager. Laut Bundesregierung sollen vor allem schwer vermeidbare Emissionen künftig unter der Nordsee lagern. Dazu zählt etwa CO₂ der Kalk- und Zementproduktion sowie der Abfallverbrennung. „Heute ist ein wichtiger Tag für die Industrie in Deutschland“, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zu dem Beschluss.
Mit dem ersten Teil des Industriepakets habe das Bundeskabinett heute eine Richtungsentscheidung getroffen, meint der Minister. Man werde die Offshore-Speicherung von CO₂ erlauben, Meeresschutzgebiete seien davon aber ausdrücklich ausgenommen. Die entsprechende Technologie solle in Deutschland ermöglicht werden, „sonst sind die Klimaschutzziele nicht zu erreichen“, erklärte Habeck. Das neue Gesetz ist Teil der bereits im Februar vorgestellten sogenannten Carbon-Management-Strategie der Ampel.
Co2-Speicherung auf dem Prüfstand: Sichere Technologie, doch Wissenschaft sieht Risiken
Bei der Speicherung von CO₂ im Meeresboden wird Kohlenstoffdioxid bereits am Entstehungsort – etwa einer Fabrik – abgetrennt und verflüssigt und dann mithilfe von Pipelines oder Schiffen zum Endlager transportiert, wie etwa das Geomar-Zentrum in Kiel erklärt. Dort bringt eine spezielle Anlage das CO₂ in den Meeresboden ein. Die Speicherung soll laut Wirtschaftsministerium im Meeresgebiet der Nordsee erfolgen, das jenseits des Küstenmeeres liegt und sich bis zu 200 Seemeilen (ca. 370 km) ab der Küstenlinie erstreckt.
Zwischen 800 und 3000 Metern Tiefe lagert das Kohlendioxid künftig in Sandsteinformationen. Aus Sicht der Wissenschaft ist die Technologie sicher. Allerdings könnte bei der Verpressung in das Gestein erhöhter Druck entstehen und die Gesteine bewegen, sagte Klaus Wallmann, Leiter der Forschungsabteilung Marine Geosysteme am Geomar-Zentrum, ZDFheute. Schwache Erdbeben seien dann möglich, so der Forscher weiter. Bei zu hohem Druck könnten auch die Deckschichten reißen, weshalb darauf geachtet werden müsse, dass der Druckanstieg bestimmte Grenzwerte nicht überschreite.
Klimaschützer befürchten Artensterben – und „Ausrede“ bei der Abkehr von fossilen Energieträgern
Für eine ausreichende Dichtigkeit des Gesteins muss ebenso gesorgt sein, denn theoretisch kann CO₂ aufsteigen. Ein Leck könnte Auswirkungen auf das maritime Ökosystem haben und etwa durch eine Versauerung die Artenvielfalt reduzieren. Klimaschützer befürchten zudem, dass Staaten oder Unternehmen den Abschied von fossilen Energieträgern unter Hinweis auf die Option der CO₂-Speicherung im Meer auf die lange Bank schieben könnten. Weitere Kritikpunkte: Die Speicherung gilt als teuer und geeignete Lagerstätten sind begrenzt – eine solche Speicherung wäre demnach nicht beliebig skalierbar. Doch auch der Weltklimarat IPCC setzt bei der Erreichung der Klimaziele auf Co2-Speicherung als Brückentechnologie. Noch ist das CO₂-Speicherungsgesetz keine beschlossene Sache: Bundestag und Bundesrat müssen noch zustimmen. (bme)