VonPeter Riesbeckschließen
Maria Sterklschließen
Nach einem Fußballspiel greifen antisemitische Mobs Israelis an. Videos zeigen auch Hetze von Tel-Aviv-Anhängern.
Amsterdam – Rein sportlich schien die Sache klar. „Beschwingtes Ajax nach 5:0 gegen Maccabi Tel Aviv fast sicher in der K.o.-Phase der Europa League“, titelten niederländische Medien. Doch Fußball interessierte am Freitag niemanden mehr. Nach der Partie war es am Donnerstagabend im Zentrum Amsterdams zu gewalttätigen Übergriffen propalästinensischer Jugendlicher auf israelische Maccabi-Fans gekommen, mindestens fünf Verletzte mussten nach ersten Angaben der Stadt in Kliniken versorgt werden. Die Polizei meldete bis zum Mittag 62 Festnahmen, darunter zwei Minderjährige. Am Nachmittag befanden sich noch zehn Personen in Haft.
Antisemitische Mobs greifen in Amsterdam Israelis an
Amsterdams grüne Bürgermeisterin Femke Halsema sprach von einer „pechschwarzen Nacht“. Sie nannte die Überfälle in einer eilig einberufenen Presserunde „unentschuldbar“. Das palästinensische Außenministerium im Westjordanland betonte, „Gewalt in all ihren Formen“ abzulehnen. Gerüchte von Entführungen bestätigte Israels Außenministerium nicht. Sehr wohl aber hätten die Angreifer in vielen Fällen Handys und Reisepässe geraubt. Israelischen Stellen gelang es erst am Nachmittag, mit allen Staatsangehörigen in Amsterdam in Kontakt zu kommen.
„Sie kamen maskiert und in Gruppen auf uns zugelaufen“, erzählt Ofek Ziv. Der 27-jährige Israeli hat das Fußballspiel des Clubs Maccabi Tel Aviv gegen Ajax Amsterdam besucht und wurde danach von Unbekannten attackiert. Ziv spricht hastig, als er in einer Sprachnachricht die Ereignisse im Stadtzentrum von Amsterdam nacherzählt. „Sie warfen mir einen Stein auf den Kopf. Mir ist nichts passiert, aber es war wirklich beängstigend.“
Videos zeigen Massen von Maccabi-Fans, wie sie gegen Araber hetzen
Demgegenüber stehen Videos aus Amsterdam, das Massen von Maccabi-Fans zeigt, wie sie gegen Araber hetzen: „Fickt die Araber“, grölen sie. Laut Augenzeugen sollen sich die Fans zudem über tote Kinder in Gaza lustig gemacht haben. Auf einem Video ist zu sehen, wie sie eine Palästinenserflagge von einem Gebäude reißen. Das palästinensische Außenministerium verurteilte das in einer Mitteilung.
Die Hetze der israelischen Fans vermag die offenbar vorab verabredete Massengewalt gegen sie zwar nicht zu erklären. Sie traf aber auf eine ohnehin angespannten Lage: Eine Demonstration gegen den Gazakrieg, die nahe dem Stadion stattfinden sollte, war von der Amsterdamer Stadtverwaltung untersagt worden. Laut israelischen Berichten hatten Geheimdienste die niederländische Polizei vorab gewarnt, dass es zu Gewalt gegen Isarelis kommen könnte. Anzeichen dafür hatten sich in sozialen Medien und Chatgroups offenbar schon zuvor gehäuft.
AUFRUF GEGEN GEWALT
Der Penzberger Imam Benjamin Idriz sucht den Schulterschluss mit christlichen und jüdischen Religionsvertretern und ruft zu einer gemeinsamen Erklärung gegen die Gewalt im NahostKonflikt auf. „Die Welt steht an einem Wendepunkt, und die religiösen Führer tragen eine besondere Verantwortung“, schreibt der Vorsitzende des Münchner Forums für Islam in einem am Freitag veröffentlichten Brief. Der Aufruf solle folgende Punkte enthalten: die unverzügliche Freilassung aller Geiseln, den Stopp aller kriegerischen Handlungen, die Bereitstellung von humanitärer Hilfe, die Realisierung einer Zweistaatenlösung sowie den entschlossenen Einsatz gegen jede Form von Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in Deutschland. epd
In Israel ist man überzeugt, dass es sich um ein antisemitisches Pogrom handelt
Wer waren die Täter? Ziv nennt sie „Muslime“. Laut Augenzeugenberichten und Videos haben sie „Free Palestine“ gerufen, was auf ein politisches Motiv schließen lässt. In Israel ist man überzeugt, dass es sich um ein antisemitisches Pogrom handelt. Dass die Übergriffe ausgerechnet zwei Tage vor dem Jahrestag des Novemberpogroms stattfanden, sei ein Indiz dafür.
Ziv hielt sich in einem Hotelzimmer in Amsterdam versteckt, gemeinsam mit mehreren anderen Israelis, die sich nicht mehr auf die Straßen wagten. Verzweifelte Angehörige in Israel posteten Fotos und Kontaktadressen in sozialen Medien – mit der dringenden Bitte um Hinweise.
Bürgermeisterin erklärt Amsterdam zur Risikozone
Bürgermeisterin Halsema erklärte für die nächsten Tage ganz Amsterdam zur Risikozone, in der verdachtsunabhängige Kontrollen erlaubt sind. Am Freitag beschwor sie das liberale Erbe der Stadt. Auch Ajax Amsterdam steht eigentlich für das jüdische Erbe der Stadt. Der Klub pflegt bewusst ein proisraelisches Image. Israelische Flaggen – oft auch mit Davidstern – sind im Stadion die Regel. Der Stadtrat will sich kommende Woche mit den Attacken befassen, ebenso das niederländische Parlament. „Abscheulich“, nannte der niederländische Premier Dick Schoof die Übergriffe nach einem Telefonat mit Netanjahu.
Warum die Mobs in den Stunden nach dem Spiel von Maccabi Tel Aviv gegen Ajax Amsterdam trotzdem ungehindert durch Straßen im Amsterdamer Stadtzentrum laufen und Israelis belästigen, attackieren und verletzen konnten, ist eine der Fragen, die nun geklärt werden müssen. Israels Außenminister Gideon Saar war am Freitag bereits auf dem Weg in die Niederlande. Der Fußball war da längst vergessen. Das Gefühl, als Jude in Europa zunehmend weniger geschützt zu sein, blieb zurück. (mit dpa)
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