Forderungen an CDU-Chef

Boris Palmer und Kollegen schicken Brandbrief an Merz: „Lösen Sie uns von den Fesseln der Bürokratie!“

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Einen Monat vor dem geplanten Amtsantritt von Friedrich Merz (CDU) brodelt es bereits in der politischen Landschaft. Mit einem Brandbrief sorgen die Oberbürgermeister der Städte Tübingen, Schwäbisch Gmünd und Esslingen für zusätzlichen Zündstoff.

Tübingen - Die Kommunen in Baden-Württemberg beklagen unzumutbare Zustände. Soziale, finanzielle und bürokratische Hürden scheinen unüberwindbar. Aus diesem Grund haben Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos), Matthias Klopfer (SPD), der Oberbürgermeister von Esslingen am Neckar und Richard Arnold (CDU), der Rathauschef von Schwäbisch-Gmünd einen parteipolitisch übergreifenden Brandbrief aufgesetzt, in dem sie dringlichst um Handeln der Kommunen bitten.

Bereits im Herbst 2023 haben die schwäbischen Oberbürgermeister einen ähnlichen Text an den noch amtierenden Bundeskanzler, Olaf Scholz (SPD) verfasst. Da dieser unbeantwortet blieb, habe man sich zu einer Neuauflage entschlossen – diesmal an den wahrscheinlich zukünftigen Kanzler, den Palmer bereits als Regierungschef ansieht.

Bei Olaf Scholz (SPD) ist das Schreiben der drei schwäbischen Oberbürgermeister auf taube Ohren gestoßen. Bei einer Neuauflage für CDU-Chef, Friedrich Merz (CDU), hofft das Schwaben-Trio auf eine Antwort.

Themen unter anderem Soziales Pflichtjahr, Migration, Krankenhäuser und Bürokratieabbau

In dem Brief, der bei der Südwest Presse im Wortlaut einsehbar ist, beschreiben die OBs den Staat als von den Bürgern „dysfunktional erlebt“. Das führe zu Problemen im Gemeinschaftsgefühl und dem sozialen Zusammenhalt. Um das gesellschaftliche Miteinander zu stärken, solle ein soziales Pflichtjahr eingeführt werden.

Einig seien sich die drei Bürgermeister in Sachen Migration, da ihre Kommunen aufgrund der hohen Fallzahlen immer schwerer finanzierbare Kosten zu tragen hätten. Bei Merz wüssten die drei Oberbürgermeister dieses Thema „in guten Händen“. Darüber hinaus fordert das Schreiben eine schnellere Arbeitsintegration von Flüchtlingen. Gegen einen Deutschkurs am Abend oder am Wochenende bei einer 40-Stunden-Woche spreche nichts, so Palmer und Kollegen.

Boris Palmer: Der polarisierende Oberbürgermeister der Stadt Tübingen

Blick auf Geradstetten, ein Ortsteil der Gemeinde Remshalden im Rems-Murr-Kreis, Baden-Württemberg.
Boris Palmer wurde 1972 in Waiblingen geboren und wuchs in Geradstetten im Remstal auf. © IMAGO/Panthermedia
Helmut Palmer demonstriert am 21.08.2000 lautstark in Asperg bei Ludwigsburg in Häftlingskleidung und mit einem Judenstern versehen gegen die gegen ihn verhängte dreimonatige Freiheitsstrafe wegen angeblicher Beamtenbeleidigung.
Der Vater von Boris Palmer, Helmut Palmer (1930-2004), war als „Remstall-Rebell“ bekannt. (Archivfoto) © Norbert Försterling/dpa
Boris Palmer im Jahr 2004 auf dem Balkon seiner Wohnung in Tübingen.
Nach dem Abitur (mit Note 1,0) studierte Boris Palmer in Tübingen Mathematik und Geschichte auf Lehramt. © IMAGO/Horst Rudel
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, spricht, bei der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen in der Neuen Messe Freiburg.
1996 wurde er Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen und 2001 erstmals in den Landtag gewählt. © Uli Deck/dpa
Joschka Fischer (GER Bündnis 90 Die Grünen Bundesaußenminister) und Boris Palmer (GER Bündnis 90 Die Grünen MdL Spitzenkandidat für das Amt des Oberbürgermeisters von Stuttgart) anlässlich einer Wahlkampfveranstaltung in Stuttgart.
Im Jahr 2004 trat Boris Palmer als Kandidat der Grünen bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart an. © IMAGO/Horst Rudel
Boris Palmer, Spitzenkandidat der Grünen für das Amt des Oberbürgermeisters von Stuttgart, legt den Rollrasen anlässlich einer Wahlkampfveranstaltung am Marktplatz in Stuttgart aus.
Im ersten Wahlgang landete Palmer hinter Wolfgang Schuster (CDU) und Ute Kumpf (SPD) auf dem dritten Platz.  © IMAGO/Horst Rudel
Boris Palmer telefoniert kurz vor einer Wahlkampfveranstaltung am Marktplatz in Stuttgart.
Da der Abstand zur Zweitplatzierten Ute Kempf zu groß war, zog Boris Palmer seine Kandidatur für einen zweiten Wahlgang zurück. © IMAGO/Horst Rudel
Brigitte Russ-Scherer (SPD) und Boris Palmer (Grüne) stellen sich in der Hermann-Hepper-Turnhalle Tübingen als Bewerberin und Bewerber für die Oberbürgermeisterwahl der Öffentlichkeit vor.
Im Jahr 2006 trat Boris Palmer (links) gegen Amtsinhaberin Brigitte Russ-Scherer (rechts) bei der OB-Wahl in Tübingen an.  © Norbert Försterling/dpa
Boris Palmer, der Gewinner der Wahl zum Tübinger Oberbürgermeister, gibt am Sonntag (22.10.2006) im Rathaus von Tübingen der Verliererin, der Amtsinhaberin Brigitte Russ-Scherer (SPD) die Hand.
Er konnte sich bereits im ersten Wahlgang durchsetzen und wurde zum Oberbürgermeister von Tübingen gewählt. © Bernd Weißbrod/dpa
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer zeigt am Mittwoch (07.02.2007) auf dem Marktplatz in Tübingen auf seinen neuen Dienstwagen, einen Toyota Prius.
Für Kritik sorgte der frisch gewählte Tübinger OB, weil er sich im Heimatland von Mercedes und Porsche für einen ausländischen Hybridwagen entschied. © Marijan Murat/dpa
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen, l) steht am 24.10.2012 mit seinem Elektrorad in Tübingen (Baden-Württemberg) neben seinem Kontrahenten im Auto, Florian Nuxoll.
2012 gewann Boris Palmer mit seinem Elektrofahrrad ein Wettrennen gegen ein Auto. © Jan-Philipp Strobel/dpa
Bürger gratulieren Boris Palmer (M, Grüne) am 19.10.2014 in Tübingen (Baden-Württemberg) zum erneuten Gewinn der Oberbürgermeisterwahl.
Bei der Wahl 2014 wurde Boris Palmer mit einer deutlichen Mehrheit im ersten Wahlgang wiedergewählt. © Thomas Niedermüller/dpa
Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, spricht am Samstag (20.11.2010) in Freiburg bei der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis90/Die Grünen.
Im Jahr 2021 beantragte der Landesvorstand der Grünen in Baden-Württemberg ein Parteiausschlussverfahren gegen Boris Palmer. © Rolf Haid/dpa
Boris Palmer, Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, gibt in seinem Arbeitszimmer ein Interview.
Nach einem Kompromiss ließ Palmer seine Mitgliedschaft bei den Grünen bis Ende 2023 ruhen. © Sebastian Gollnow/dpa
Boris Palmer, der alte und neue Oberbürgermeister von Tübingen, kommt nach seiner Wiederwahl auf den Marktplatz und empfängt Glückwünsche.
Auch 2022 konnte sich Boris Palmer bei der OB-Wahl erneut durchsetzen, allerdings als parteiloser Kandidat. © Bernd Weißbrod/dpa
Boris Palmer bei einer Sportlerehrung in Tübingen.
Im Jahr 2023 trat Boris Palmer nach einem Eklat bei einer Konferenz aus der Partei Bündnis 90/Die Grünen aus. © IMAGO/ULMER
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, sitzt am 04.08.2016 auf einem Sofa im Rathaus von Tübingen
Die deutlichen Wahlgewinne zeigen, dass Boris Palmer in Tübingen durchaus beliebt und für seine Stadt sehr erfolgreich ist. © Christoph Schmidt/dpa
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, trägt eine FFP2-Maske bei einem Pressetermin der Stadt Tübingen zur Übergabe von Corona-Schnelltests.
Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte das „Tübinger Modell“ während der Corona-Pandemie. © Marijan Murat/dpa
Lisa Federle, Notärztin, und Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, nehmen an einem Pressetermin der Stadt Tübingen zur Übergabe von Corona-Schnelltests teil.
Dieses Modell hatte Boris Palmer zusammen mit der Tübinger Notärztin Lisa Federle (links) entwickelt. © Marijan Murat/dpa
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer nimmt an der Gemeinderatssitzung im Rathaus teil.
Allerdings steht Palmer immer wieder in der Kritik und gilt deshalb als polarisierender Politiker. © Tom Weller/dpa
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer nimmt an der Gemeinderatssitzung im Rathaus teil.
Unter anderem wurden ihm mehrfach rassistische Äußerungen vorgeworfen, auch von seiner früheren Partei.  © Tom Weller/dpa
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, spricht im Landratsamt bei einer Pressekonerenz.
Durch seine konfrontative Art gilt Boris Palmer als einer der streitbarsten Bürgermeister Deutschlands.  © Bernd Weißbrod/dpa
Boris Palmer im Oktober 2024 bei der Eröffnung der bundesweit ersten beheizbaren Fahrradbrücke in Tübingen.
Die Kontroversen um ihn, aber auch seine politischen Leistungen machen Palmer zu einem der bekanntesten Oberbürgermeister Deutschlands. © IMAGO/Markus Ulmer
Talkrunde Markus Lanz im ZDF mit Boris Palmer (Bildmitte).
Er ist regelmäßig Gast in großen Talkformaten, wie hier bei Markus Lanz. © IMAGO/teutopress GmbH
Boris Palmer im Oktober 2024 bei Markus Lanz im ZDF.
Dort äußert sich Boris Palmer auch regelmäßig zur Politik auf Bundesebene. © IMAGO/teutopress GmbH

Des Weiteren sei eine Reform der Krankenhausfinanzierung dringend notwendig. Die steigenden Haushaltsdefizite führen laut Schreiben zu einem Zusammenbruch, der die Schließung wichtiger Krankenhäuser zur Folge hat. Der Einbruch von medizinischer Versorgung in den einzelnen Kommunen bezeichnet das Schreiben als „demokratieschädigend“. Die Einsparmaßnahmen müssten in einer Landesplanung abgestimmt werden und nicht durch „strangulierende Vorschriften“ aus dem Bundestag herunterdiktiert werden.

Ein weiteres Diktat, unter dem die Kommunen leiden sollen, ist die Eingliederungshilfe für Behinderte. Im Ostalbkreis beklage man dadurch Kosten in Höhe von 100 Millionen Euro. Das könne man sich nicht mehr leisten, weshalb man auf massiven Bürokratieabbau und Autarkie der Kommunen plädiert. Resümiert wird der Brief durch die Worte: „Wir sind Partner. Und arbeiten alle sehr gerne. Aber lösen Sie uns von den Fesseln der Bürokratie. Und setzen Sie gemeinsam mit uns Prioritäten.“ Zuletzt hatten die Oberbürgermeister der deutschen Autostädte strikte Forderungen an die EU gestellt.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Bernd Elmenthaler/ULMER Pressebildagentur

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