„Gigantische Orchestrierung“

Süden-Szenario ein Bluff? Ukraine könnte russische Armee an anderer Stelle angreifen

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Das Warten auf die ukrainische Gegenoffensive geht weiter. Während Hinweise auf den Süden deuten, könnte der Angriff gegen die russische Armee woanders erfolgen.

München/Kiew/Luhansk - Das Wetter spielte zuletzt nicht mit. Der viele Regen und niedrige Temperaturen sorgen dafür, dass Böden vielerorts in der Ukraine auch Mitte April noch schlammig und matschig sind. Für die gelieferten schweren Kampfpanzer aus dem Westen wie den Leopard 2 sind diese Bedingungen nicht günstig. Dies dürfte ein nicht unwesentlicher Grund dafür sein, warum die erwartete Gegenoffensive im Ukraine-Krieg bislang (noch) ausbleibt.

Ukraine-Krieg: Kommt die Gegenoffensive aus dem Norden, nicht im Süden?

Von Cherson aus über Melitopol auf Mariupol: Nicht wenige wähnen die Offensive im Süden der Ukraine, der Russland-Politiker Dimitrij Medwedew ein weiteres Mal die Souveränität abgesprochen hat. Manche Hinweise deuten allerdings darauf hin, dass die Gegenoffensive wo ganz anders kommen könnte: Und zwar aus dem Nordosten kommend in Richtung der Großstadt Luhansk.

Ukrainische Soldaten feuern mit einem Feldgeschütz auf russische Stellungen. (Archivfoto)

Wie das ZDF berichtet, gebe es seit Längerem intensive Befestigungsarbeiten in den Regionen Saporischschja und Luhansk. Satellitenbildern zufolge wurden Hunderte Kilometer Schützengräben ausgehoben, streckenweise kombiniert mit Reihen sogenannter „Drachenzähne“ aus Beton. Diese sollen das jeweilige Gelände für Panzer unbefahrbar machen.

Offensive im Ukraine-Krieg: Verteidigungslinien an der russischen Grenze

Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) unter Berufung auf Kartenmaterial von Brady Africk von der Washingtoner Denkfabrik „American Enterprise Institute“ berichtet, haben die US-amerikanischen Analysten zudem auf russischem Territorium in Grenznähe zu den ukrainischen Gebieten Sumy und Charkiw Verteidigungslinien entdeckt. Beide Städte liegen im äußersten Nordosten der Ukraine, was die These von einem Vorstoß aus dieser Richtung stützen würde.

Russische Pioniertruppen hätten an der russische-ukrainischen Grenze Verteidigungsanlagen mit einer Länge von insgesamt fast 400 Kilometern errichtet, schreibt die Tageszeitung weiter. Demnach wurden einzig im Gebiet Belgorod laut FAZ rund 120 Millionen Euro dafür ausgegeben. Für eine Gegenoffensive in Richtung Luhansk würde nicht nur sprechen, dass die ukrainische Armee die russischen Truppen so auf breiter Front hinter die Grenze drängen könnte.

Ukraine-Krieg: Rücken die ukrainischen Streitkräfte in Richtung Luhansk vor?

Bestenfalls könnten aus ukrainischer Perspektive die prorussischen Separatisten rund um Donezk so eingekesselt und vom russischen Nachschub abgeschnitten werden. „Es benötigt eine gigantische Orchestrierung vernetzter Kampfführung“, erklärte der britische Ex-Soldat Nick Gunnell der Financial Times. Er warnt: Die russische Lufthoheit könnte womöglich gepanzerte Fahrzeuge des ukrainischen Militärs „zerquetschen“.

Denis Puschilin, Separatistenführer der selbst erklärten Volksrepublik Donezk, erwartet indes ukrainische Angriffe an verschiedenen Stellen der Front. Im russischen Sender Channel One sagte er laut der russischen Nachrichtenagentur Tass: „Ich denke, wenn sie einen Gegenangriff bemühen - und es ist durchaus möglich, dass sie dazu gezwungen sein werden - werden diese Angriffe in mehreren Gebieten stattfinden. Die Frontlinie in Saporischschja wird mit Sicherheit eine davon sein.“

Im Februar hatte Iwan Fjodorow, früherer ukrainischer Bürgermeister, der Nachrichtenagentur Ukrinform erklärt, dass viele russische Soldaten und Wagner-Söldner in seine Heimatstadt Melitopol strömen würden. Melitopol, in der Oblast Saporischschja gelegen, befindet sich wiederum im äußersten Süden. Ukrainische Politiker wie Präsident Wolodymyr Selenskyj hatten in den vergangenen Wochen immer wieder über eine Rückeroberung der Krim gesprochen. Ist das Ganze aber nur ein Bluff, um von den eigentlichen kurzfristigen militärischen Zielen abzulenken?

Gegen russische Invasion: Ukrainische Armee erhält weitere schwere Waffen

Während das Wetter (noch) nicht mitspielt, erhalten die ukrainischen Streitkräfte weiter schwere Waffen aus dem Westen. So hat Dänemark aktuell 19 der in Frankreich hergestellten Panzerhaubitzen des Typs CEASAR in die Ukraine geschickt.

Finnland, das seine Grenze zu Russland gegenwärtig befestigt, hat eine unbekannte Anzahl ehemaliger sowjetischer 152-mm-Giatsint-B-Feldgeschütze geliefert. Gegen die gelieferten westlichen Kampfpanzer will die russische Armee ihrerseits angeblich „Panzerjäger“ einsetzen. Die Vorbereitungen laufen auf beiden Seiten. Wann es losgeht, bleibt unklar. (pm)

Rubriklistenbild: © Aris Messinis/AFP

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