Schutz vor Russland-Angriff: Was kann das neue Raketenabwehrsystem Arrow 3?
VonSimon Schröder
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Erstmals außerhalb Israels wird in Deutschland das Arrow-3-System in Betrieb genommen. Damit soll laut Pistorius auch ein NATO-Planungsziel erfüllt werden.
Holzdorf – Am Mittwoch (3. Dezember) soll das neue israelische Arrow-3-System der Bundeswehr in Betrieb gehen. Den Startschuss geben Generalinspekteur der Bundeswehr Carsten Breuer und Luftwaffen-Inspekteur Holger Neumann. Damit ist das modernste Flugabwehrsystem in Deutschland künftig in Holzdorf, Sachsen-Anhalt, beheimatet. Die Abwehr der Gefahren aus der Luft soll obendrein eine neue Drohneneinheit der Bundespolizei vervollständigen.
Zuvor bestätigte Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), man sei im Zeitplan, was die Verteidigungsfähigkeit des Landes anbelange. Dabei gehe es nicht nur um die Verteidigung, sondern auch um wirtschaftspolitische Aspekte, betonte sein Kollege Reiner Haseloff (CDU). Die beiden Ministerpräsidenten begutachteten die neue Anlage am Montag.
Arrow-System als „entscheidender Schritt“, um Deutschlands Luftverteidigung zu stärken
Das System sei ein „entscheidender Schritt zur Stärkung der Luftverteidigung“, schreibt die Bundeswehr über die Abwehrraketen. Ihre Aufgabe sei es, „anfliegende Mittelstreckenraketen in sehr großer Höhe (…) außerhalb der Erdatmosphäre abzufangen“. Beim Arrow kommt die „Hit-to-Kill“-Technologie zum Einsatz. Die Abfangraketen treffen ihr Ziel direkt und zerstören es, „bevor der feindliche Sprengkopf in den Zielraum“ einschlagen kann. Das Arrow-System bildet künftig gemeinsam mit den US-amerikanischen Patriots und dem deutschen IRIS-T SLM ein mehrstufiges Schutzschild.
Pistorius über Arrow 3-System: „Schutz vor weitreichenden Raketen“
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sagte über das System: „Wir erlangen damit erstmals die Möglichkeit zur Frühwarnung und zum Schutz unserer Bevölkerung und Infrastruktur vor weitreichenden ballistischen Raketen.“ Diese strategische Fähigkeit sei im Kreis der europäischen Partner „einmalig“ und sichere Deutschland eine „zentrale Rolle im Herzen Europas“, so der Verteidigungsminister gegenüber der dpa. „Damit schützen wir also nicht nur uns, sondern auch unsere Partner. Wir stärken damit den europäischen Pfeiler der NATO und übernehmen ein NATO-Planungsziel“, erklärte der SPD-Politiker.
Während das Arrow-System feindliche Raketen neutralisieren soll, stellt Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Dienstag eine neue Abwehreinheit gegen feindliche Drohnen vor. Die neue Drohnenabwehreinheit der Bundespolizei soll künftig rund 130 zusätzliche Kräfte umfassen, gefährliche Flugobjekte aufspüren, abfangen und notfalls auch abschießen, schreibt der rbb.
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Dobrindt stellt neue Drohneneinheit vor – 130 zusätzliche Kräfte sollen Bundespolizei stärken
Das gemeinsame Drohnenabwehrzentrum von Bund und Ländern soll noch in diesem Jahr starten. Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums erklärte, es solle „noch in diesem Monat eröffnet werden“. In ihm sollten die Kompetenzen bei der Drohnenabwehr der Polizeien der Länder, der Bundespolizei und weiterer Sicherheitsbehörden des Bundes gebündelt werden. Einen genauen Termin für den Start nannte die Sprecherin noch nicht.
Im Sommer und Herbst hatte es immer wieder Vorfälle mit unidentifizierten Drohnen in Deutschland gegeben. Sie waren mehrfach über Flughäfen, Häfen oder anderen wichtigen Anlagen wie LNG-Terminals gesichtet worden. Die Bundesregierung vermutet Russland hinter einem Großteil der Vorfälle – eindeutig beweisen lässt sich die Verbindung nach Russland jedoch nicht.
Das Arrow-3-System im Überblick
Eigenschaft
Spezifikation
Primäre Funktion
Abfangrakete für ballistische Raketen
Zieltypen
Ballistische Raketen (insbes. mit Massenvernichtungswaffen)
Einsatzhöhe
über 100 km Höhe
Plattform
Land- und schiffsbasiert möglich
Batteriekapazität
mehr als 5 ballistische Raketen pro Batterie
Reaktionszeit
innerhalb von 30 Sekunden
Abfangmethode
sog. Body-to-body-Abfang mit Schubvektorseteuerung
Stückkosten
2-3 Millionen US-Dollar pro Rakete (2010)
Zusätzliche Fähigkeiten
möglicher Einsatz als Anti-Satelliten-Waffe
Gesamtkosten für ein System
3,6 Milliarden Euro
Quelle: Wikipedia/Eigene Recherche
Die Bundesregierung brachte in der Folge Änderungen des Bundespolizei- und des Luftsicherheitsgesetzes auf den Weg, um die Kompetenzen der Bundespolizei und auch der Bundeswehr bei der Drohnenabwehr zu erweitern. Die Polizei soll dabei künftig in bestimmten Fällen im Wege der Amtshilfe auch Unterstützung der Bundeswehr anfordern dürfen. Die Merz-Regierung veranschlagt 100 Millionen Euro für die neue Einheit an Investitionen. Das Arrow-3-System hingegen kostete die Bundeswehr beim Ankauf 2023 insgesamt 3,6 Milliarden Euro.
Wegen Russlands Angriffskrieg in der Ukraine: Arrow-System erstmals außerhalb Israels im Einsatz
Für Deutschland ist die Inbetriebnahme des Arrow-Systems auch ein kleiner historischer Moment: Es ist das erste Mal, dass das israelische Abwehrsystem auch außerhalb Israels aufgestellt wird, schreibt die Jerusalem Post. Und das Abwehrsystem ist kampferprobt. In Israel ist der Arrow Teil des vielschichtigen Schutzschilds. Es zählt zur sogenannten „David‘s Sling“, die vor allem Lang- und Mittelstreckenraketen abfangen soll. Zu der israelischen Verteidigung zählt auch der bekanntere „Iron Dome“ der jedoch vor allem Kurzstreckenraketen und Artilleriebeschuss abfangen soll.
Die Bundesregierung investiert verstärkt in Flugabwehr. Deutschland hat dazu auch eine Initiative für ein europäisches Luftverteidigungssystem (European Sky Shield Initiative/ESSI) angestoßen – eine Konsequenz aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der Bundeswehrstandort Schönewalde mit dem Militärflughafen Holzdorf liegt südlich von Berlin auf der Landesgrenze zwischen Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Er ist der erste von drei geplanten Arrow-Standorten in Deutschland. (Quellen: Bundeswehr/rbb/Jersualem Post/AFP/Wikipedia) (sischr)