Wohlfahrtsverbände entsetzt

„Das ist eigentlich Wahnsinn“: Massive Einsparungen bei Geflüchtetenberatung - Kritik von SPD und Grünen

+
Geflüchtete stehen Schlange vor einer Einrichtung in Eisenhüttenstadt (Brandenburg) und hoffen auf ein besseres Leben in Deutschland.
  • schließen

Ausgerechnet in Zeiten großer Zuwanderung sind Einschnitte bei der Beratung geflüchteter Menschen geplant. Die Auswirkungen könnten fatal sein. SPD und Grüne dringen auf Korrekturen.

Es ist paradox: Seit Jahrzehnten sind nicht so viele Menschen auf ihrer Flucht nach Deutschland gekommen wie derzeit. Ausgerechnet jetzt will die Bundesregierung massiv an der Unterstützung für diese Personen sparen.

Ob Migrationsberatung für Erwachsene, unabhängige Beratung im Asylverfahren oder psychosoziale Versorgung von Geflüchteten mit Trauma-Erfahrungen – überall soll der Rotstift angesetzt werden. Die Beratungsstellen und deren Verbände schlagen Alarm. Sie erinnern daran, dass solche Kürzungen nicht nur die betroffenen Menschen belasten, sondern auch negative gesellschaftliche Folgen haben könnten.

Entsetzt sind etwa die Wohlfahrtsverbände, die ohnehin „massive Einschnitte bei einer Vielzahl von sozialen Angeboten“ im Haushaltsentwurf der Bundesregierung beklagen. Die Kürzung bei der Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte etwa treffe „paradoxerweise“ zusammen mit der höchsten Zahl von Neuzugewanderten nach Deutschland seit der großen Fluchtbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg, heißt es in der Stellungnahme der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege. In der Migrationsberatung werden Männer und Frauen zu alltäglichen Fragen zum Leben in Deutschland beraten, zu Sprachkursen, Wohnen, Arbeit, Gesundheit, Kinderbetreuung und Schule. Rund eine halbe Million Menschen pro Jahr nehmen eine solche Beratung in Anspruch. „Die Nachfrage nach qualitativer Beratung ist unverändert hoch“, konstatieren die Wohlfahrtsverbände. Genau deswegen seien 2022 zunächst Sondermittel und für 2023 weitere Mittel bereitgestellt worden. Statt dies fortzusetzen, solle nun gekürzt werden: Im Jahr 2023 standen 81,5 Millionen Euro zur Verfügung; 2024 soll der Betrag auf 57,5 Millionen Euro sinken.

Große Einsparung bei der Geflüchtetenberatung: „Das ist eigentlich Wahnsinn“

Gerade begonnen hatte der Aufbau einer bundesweiten, behördenunabhängigen Beratung in Asylverfahren – eine Zusage aus dem Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP. Die Beratung soll die Betroffenen durch den Dschungel der Asylbürokratie begleiten. 2023 hatte der Bund 20 Millionen Euro für ein halbes Jahr bereitgestellt. Für das ganze Jahr 2024 sollte die Summe entsprechend auf 40 Millionen Euro angehoben werden. Eine Erhöhung auf 80 Millionen Euro für kommende Jahre war in Aussicht gestellt. Nun soll es bei 20 Millionen Euro für 2024 bleiben. Das bedeutet, dass die Beraterstellen nahezu halbiert werden müssen.

Um rund die Hälfte soll die Bundesförderung für die Versorgung von Geflüchteten mit Trauma-Erfahrungen in Psychosozialen Zentren zusammenschmelzen. Statt 17 Millionen Euro sollen 2024 nur noch sieben Millionen Euro dafür bereitstehen. Oft geht es dabei um unbegleitete Jugendliche, die als Kinder losgeschickt wurden, um sich nach Deutschland durchzuschlagen – und die nicht nur im Heimatland, sondern auch unterwegs Schreckliches erlebt haben. Schon jetzt müsse man drei Viertel der Anfragen für Psychotherapie ablehnen, weil die Kapazitäten fehlten, berichtet Heike Martin zur Versorgungssituation bei Refugio München, einem der größten Psychosozialen Zentren in Deutschland.

Die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (Baff) kann es kaum fassen. „Das ist eigentlich Wahnsinn“, kommentiert die Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Barbara Wolff, die im Baff-Vorstand sitzt und Vorstandsvorsitzende des Frankfurter Vereins Fatra ist. „Die Menschen sollen Teil unserer Gesellschaft werden.“ Es sei daher nicht nur humanitäre Verpflichtung, sondern liege auch im Interesse Deutschlands, ihnen bei der Bewältigung ihres Traumas zu helfen.

Veränderungen im Bundestag noch möglich

Anfang Juli hatte das Bundeskabinett den von Finanzminister Christian Lindner (FDP) vorgelegten Haushalt für 2024 beschlossen. Viele Ministerien müssen danach mit weniger Geld auskommen – auch Familienministerin Lisa Paus (Grüne), die das Programm für die psychosozialen Zentren verantwortet, und Innenministerin Nancy Faeser (SPD), deren Haus die Mittel für Migrationsberatung und Asylverfahrensberatung bereitstellt. So verweisen die Ministerien auf die strikten Sparvorgaben. „Übergeordnetes Ziel der Bundesregierung ist die Konsolidierung der staatlichen Finanzen“, heißt es im Innenministerium. Es macht darauf aufmerksam, dass es neben den gekürzten Programmen noch weitere Beratungsangebote mit Unterstützung des Bundes gebe. Eine Sprecherin des Familienministeriums stellt fest, „leider“ hätten sich durch die vorgegebenen Kürzungen die Fördermöglichkeiten für alle Abteilungen verengt. „Auch das ,Bundesprogramm für die Beratung und Betreuung ausländischer Flüchtlinge‘ konnte davon nicht ausgenommen werden.“

Kabinett Scholz: Nach dem Ampel-Aus kommt Rot-Grün ohne Mehrheit

Olaf Scholz spricht zur Energiepolitik.
Olaf Scholz (SPD) ist der neunte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Politisch wird er dem konservativen Flügel der Sozialdemokraten zugerechnet. Lange Zeit galt er als reiner „Scholzomat“ – ein Spitzname, den er sich wegen seiner mechanisch wirkenden Sprechblasen in seiner Zeit als Generalsekretär unter Kanzler Gerhard Schröder verdiente. Kurz nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine kündigte er in einer Sondersitzung des deutschen Bundestages einen Wandel der deutschen Politik an: „Wir erleben eine Zeitenwende.“  © Britta Pedersen/dpa
Robert Habeck auf Deutschlandtour.
Robert Habeck ist Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz im Kabinett Scholz sowie Stellvertreter des Kanzlers. Vom 27. Januar 2018 bis zum 14. Februar 2022 hatte er zusammen mit Annalena Baerbock den Bundesvorsitz der Partei Bündnis 90/Die Grünen inne. Habeck ist auch als Schriftsteller tätig. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Andrea Paluch veröffentlichte er mehrere Romane, u.a. Hauke Haiens Tod (2001). © Soeren Stache/dpa
Jörg Kukies kommt zu Beginn der Sitzung des Bundeskabinetts im Kanzleramt.
Am 7. November 2024 hat Jörg Kukies das Amt des Finanzminister übernommen. Der Sozialdemokrat Kukies ist derzeit Staatssekretär im Kanzleramt und gilt als einer der wichtigsten Berater von Kanzler Scholz. Er ist sein Mann für Wirtschaft und Finanzen und verhandelt für ihn die Abschlussdokumente der G7- und G20-Gipfel.  © Michael Kappeler/dpa
Christian Lindner im Kanzleramt in Berlin am 27. Juli 2022.
Christian Lindner ist Bundesminister der Finanzen im Kabinett Scholz. Der FDP-Politiker ist seit dem 7. Dezember 2013 Bundesvorsitzender der Liberalen. Schon 2017 sah es lange so aus, als würde die FDP an der Regierung beteiligt sein. Doch nach vierwöchigen Sondierungsgesprächen zur Bildung einer Jamaika-Koalition erklärte Lindner die Verhandlungen schließlich für gescheitert. Seine Begründung: „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren!“ © Emmanuele Contini/Imago
Nancy Faeser (SPD), alte und neue Landesvorsitzende der SPD in Hessen und Bundesinnenministerin, freut sich über ihre Wiederwahl.
Nancy Faeser führt im Kabinett Scholz als erste Frau das Bundesministerium des Innern und für Heimat. Die Juristin ist seit dem 2. November 2019 Vorsitzende der SPD Hessen. Zuvor war sie 16 Jahre lang Abgeordnete des Hessischen Landtags und ab 2019 als Vorsitzende der hessischen SPD-Fraktion auch Oppositionsführerin. Zudem war sie Spitzenkandidatin der SPD bei der Landtagswahl in Hessen 2023. Als Abgeordnete im Landtag erhielt sie zwei Drohbriefe, die mit NSU 2.0 unterschrieben waren. © Andreas Arnold/dpa
Annalena Baerbock ist im Kabinett Scholz Bundesministerin des Auswärtigen. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt innehat. Bei der Bundestagswahl 2021 trat sie als Kanzlerkandidatin der Grünen an, die sich aber mit 14,8 Prozent der Zweitstimmen mit Platz drei hinter SPD und Union begnügen mussten. Von Januar 2018 bis Februar 2022 war sie gemeinsam mit Robert Habeck Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen.
Annalena Baerbock ist im Kabinett Scholz Bundesministerin des Auswärtigen. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt innehat. Bei der Bundestagswahl 2021 trat sie als Kanzlerkandidatin der Grünen an, die sich aber mit 14,8 Prozent der Zweitstimmen mit Platz drei hinter SPD und Union begnügen mussten. Von Januar 2018 bis Februar 2022 war sie gemeinsam mit Robert Habeck Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. © Thomas Imo/Imago
Marco Buschmann FDP, Bundesjustizminister, stellt Eckpunktepapier zum Selbstbestimmungsgesetz vor.
Marco Buschmann war bis zum 7. November 2024 Bundesminister der Justiz im Kabinett Scholz. Der FDP-Politiker war von Oktober 2017 bis Dezember 2021 Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion. Im Herbst 2020 warnte er während der Corona-Pandemie vor einer Verfassungskrise. Buschmann war auch Mitkoordinator der erfolgreichen Verfassungsklage der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und FDP gegen den Berliner Mietendeckel. Nach dem Rauswurf von Finanzminister Christian Lindner verließ Buschmann die Ampel.  © Jürgen Heinrich/Imago
Volker Wissing, Bundesverkehrsminister FDP, vor der Kabinettssitzung im Berliner Kanzleramt Bundeskanzleramt in Berlin
Volker Wissing wurde nah dem Ampel-Aus für sein Ausscheren aus dem Kurs von FDP-Parteichef Christian Lindner belohnt. Der Bundesminister für Digitales und Verkehr erhielt zusätzlich das Justizressort. Einer der letzten großen Ampel-Fans in der FDP zog nach dem Koalitionsbruch Konsequenzen: In einem beispiellosen Schritt trat er aus der Partei aus und bleibt bis zu den geplanten Neuwahlen als Parteiloser im Amt. Der Jurist war vom 19. September 2020 bis zum 23. April 2022 Generalsekretär der FDP. Wissing gibt als Hobby Weinbau an, vor allem im familieneigenen Weingut.  © Stefan Boness/Imago
Hubertus Heil besucht die Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in Berlin-Spandau.
Hubertus Heil ist im Kabinett Scholz Bundesminister für Arbeit und Soziales – ein Amt, das der SPD-Politiker bereits seit dem 14. März 2018 innehat. Heil ist seit Dezember 2019 stellvertretender Bundesvorsitzender der Sozialdemokraten. Von November 2005 bis November 2009 und von Juni bis Dezember 2017 war er Generalsekretär seiner Partei. Heil spricht sich für einen Mindestlohn von mindestens 12 Euro aus, eine Erhöhung des Rentenalters auf über 67 Jahre lehnt er ab. © M. Popow/Imago
Boris Pistorius ist als Nachfolger von Christine Lambrecht ins Chefbüro des Verteidigungsministeriums im Bendlerblock gerückt. Pistorius gehört dem SPD-Parteivorstand an und gilt als erfahrener Polit-Manager. Von 1980 bis 1981 absolvierte er seinen Wehrdienst, anschließend studierte er Rechtswissenschaften in Osnabrück und Münster. Pistorius war zuvor seit 2013 Innenminister in Niedersachsen.
Boris Pistorius ist als Nachfolger von Christine Lambrecht ins Chefbüro des Verteidigungsministeriums im Bendlerblock gerückt. Pistorius gehört dem SPD-Parteivorstand an und gilt als erfahrener Polit-Manager. Von 1980 bis 1981 absolvierte er seinen Wehrdienst, anschließend studierte er Rechtswissenschaften in Osnabrück und Münster. Pistorius war zuvor seit 2013 Innenminister in Niedersachsen. © Michael Kappeler/dpa
Verteidigungsministerin Lambrecht besucht Marder-Kompanie
Bis zum 19. Januar 2023 hatte Christine Lambrecht das Amt der Verteidigungsministerin inne. Die SPD-Politikerin stand zumeist unter einem immensen Druck. Kritische Stimmen warfen ihr fehlende Sachkenntnis, die schleppend angelaufene Beschaffung für die Bundeswehr, aber auch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit vor. Irritation rief schließlich eine Neujahrsbotschaft hervor, in der sie begleitet von Silvesterfeuerwerk in Berlin über den Ukraine-Krieg sprach. © Robert Michael/dpa
Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft läuft beim Treffen der G7 Agrarminister zum Eingang des Schlosses Hohenheim.
Cem Özdemir ist Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft im Kabinett Scholz. Özdemir ist der erste Bundesminister mit türkischem Migrationshintergrund. Von November 2008 bis Januar 2018 war er Bundesvorsitzender der Grünen. Im Dezember 2021 wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden des gemeinnützigen Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ gewählt. Nach dem Ampel-Aus übernahm er auch das Ministerium für Bildung und Forschung.  © Bernd Weißbrod/dpa
Lisa Paus (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, spricht beim hybriden Gipfeltreffen „Women7-Summit“.
Elisabeth „Lisa“ Paus ist seit dem 25. April 2022 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Kabinett Scholz. Sie ist die Nachfolgerin von Anne Spiegel, die zuvor von diesem Posten zurückgetreten war. Paus gehört zum linken Parteiflügel der Grünen. Sie ist seit 2009 Abgeordnete im Deutschen Bundestag.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übergibt im Schloss Bellevue anlässlich des Amtswechsels im Bundesfamilienministerium die Entlassungsurkunde an Anne Spiegel (Bündnis 90/Die Grünen), bisherige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Vorgängerin von Lisa Paus war Anne Spiegel, die am 25. April 2022 die Entlassungsurkunde von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erhielt. „Es war zu viel“, hatte die Grünen-Politikerin vorher bekennen müssen. Ihr Verhalten als Ministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität in Rheinland-Pfalz nach der Flutkatastrophe im Sommer 2021 wurde vom Untersuchungsausschuss des Landtags bis ins Detail untersucht. Die Kritik wurde zum Sturm – ihr Amt als Bundesfamilienministerin gab Spiegel deshalb auf. In ihrer Rücktrittserklärung betonte Spiegel, dass sie das Amt nicht länger belasten wolle und entschuldigte sich für begangene Fehler. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Karl Lauterbach (SPD), Bundesgesundheitsminister, beantwortet auf einer Pressekonferenz Fragen von Journalisten zum Infektionsgeschehen und zur Impfentwicklung.
Karl Lauterbach ist Bundesminister für Gesundheit im Kabinett Scholz. Der SPD-Politiker ist Professor am Universitätsklinikum Köln und dort Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie. Wegen seines Bundestagsmandats ist er derzeit beurlaubt. Während der Pandemie ist er für viele zu einer Reizfigur geworden. Als Minister konnte er sich mit seiner Forderung nach einer allgemeinen Corona-Impfpflicht nicht durchsetzen.  © Wolfgang Kumm/dpa
Steffi Lemke, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz beim Treffen der G7 Klima-, Energie- und Umweltministerinnen und -minister.
Steffi Lemke hat im Kabinett Scholz den Posten als Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz inne. Die Politikerin von Bündnis 90/Die Grünen absolvierte ein Studium der Agrarwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, das sie 1993 als Diplom-Agraringenieurin abschloss. Von 2002 bis 2013 war sie politische Bundesgeschäftsführerin ihrer Partei. © Chris Emil Janssen/Imago
Bettina Stark-Watzinger im Portrait bei der Bundespressekonferenz zum Thema Veroeffentlichung des nationalen Bildungsberichts Bildung in Deutschland.
Bettina Stark-Watzinger ist Bundesministerin für Bildung und Forschung im Kabinett Scholz. Seit 2017 ist sie Abgeordnete im Deutschen Bundestag und seit März 2021 Vorsitzende der FDP Hessen. Ihr Studium der Volkswirtschaftslehre an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main schloss sie 1993 als Diplom-Volkswirtin ab. Sie ist Mitglied im Stiftungsrat der Karl-Hermann-Flach-Stiftung. © Imago
Svenja Schulze SPD, Bundesministerin fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, aufgenommen im Rahmen der Konferenz fuer globale Ernaehrungssicherheit im Auswaertigen Amt in Berlin.
Svenja Schulze ist Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland im Kabinett Scholz. Die SPD-Politikerin ist Mitglied der Arbeiterwohlfahrt, der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), ver.di, im Naturschutzbund Deutschland (NABU) und im Verein Slowfood. Sie ist Mitbegründerin des Netzwerkes „Frauenzeiten“. © Florian Gaertner/Imago
Klara Geywitz im Kanzleramt in Berlin am 27. Juli 2022. Kabinettssitzung in Berlin.
Klara Geywitz ist Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen im Kabinett Scholz. Zudem ist sie Beauftragte der Bundesregierung für den Berlin-Umzug und den Bonn-Ausgleich. Im Dezember 2019 wurde sie zu einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD gewählt. Geywitz gehört seit 2014 dem Vorstand der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit an. © Emmanuele Contini/Imago
Wolfgang Schmidt hisst die Regenbogenfahne am Bundeskanzleramt in Berlin.
Wolfgang Schmidt ist Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes im Kabinett Scholz. In dieser Funktion ist er außerdem Beauftragter der Nachrichtendienste des Bundes. Schmidt, der seit 1989 der SPD angehört, gilt als engster Vertrauter von Olaf Scholz. © Christian Spicker/Imago

Die Linke hält das für „verantwortungslos“. Ihre Migrationsexpertin Clara Bünger kommentiert: „Die Bundesregierung müsste in Zeiten steigender Geflüchtetenzahlen, Wohnungsnot und einer kaputtgesparten öffentlichen Infrastruktur das Gegenteil machen. Sie müsste massiv in Schulen, Kitas, soziale Wohnungen und natürlich auch Beratungs- und Behandlungsangebote für Geflüchtete investieren.“ Nur so könne „verhindert werden, dass Gruppen in der Konkurrenz um knappe Güter gegeneinander ausgespielt werden“. Die Hoffnungen der Verbände ruhen nun auf dem parlamentarischen Verfahren – denn letztlich muss der Bundeshaushalt vom Bundestag beschlossen werden, und stets gibt es in dieser Phase noch Änderungen.

Es braucht schnell Hilfe für queere Schutzsuchende

Auf Anfrage der Frankfurter Rundschau machen SPD und Grüne deutlich, dass sie auf mehr Mittel für die Flüchtlingsberatung dringen würden. Filiz Polat, Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, findet klare Worte: „Die Sparvorgaben, wie sie dem Finanzministerium vorschweben, würden mit einem Schlag zunichtemachen, was über Jahre hinweg mühevoll aufgebaut worden ist“, sagt sie. Die geplanten Kürzungen seien „umso unverständlicher, als der Bedarf an qualifizierter Beratung und Unterstützung die Basis ist für eine zügige Integration Geflüchteter und gleichzeitig eine enorme Entlastung für die Kommunen bedeutet“. Vielfach ebne die Migrations- und Asylverfahrensberatung den Weg in Arbeit und Bildung – „was unser Land in Zeiten des Arbeitskräftemangels dringend benötigt“. Auch ein Kappen der Mittel für die psychosoziale Versorgung wäre nach Polats Auffassung grundfalsch – denn das „hieße, zehntausende traumatisierte Menschen sich selbst zu überlassen“.

Auch der SPD-Innenpolitiker Helge Lindh kündigt an, „um Korrekturen zu kämpfen“. Eine Asylverfahrensberatung samt der Rechtsberatung für queere Schutzsuchende, Folteropfer und andere besonders vulnerable Gruppen seien „Strukturen, die besonders notwendig sind, wenn wir starke Migrations- und Fluchtbewegungen haben“, stellt der Sozialdemokrat fest. Kürzungen in diesem Bereich seien daher „nicht zeitgemäß“. Das gelte ebenso für die Migrationsberatung und für die psychosoziale Versorgung. In allen diesen Bereichen bestehe „ein deutlich höherer Bedarf“ als im Haushaltsentwurf geplant, sagt Lindh.

Auch in diesen Punkten stehen allerdings wie schon auf anderen Politikfeldern schwierige Verhandlungen mit der FDP an. „Das Gebot der Stunde ist es, auf allen Ebenen beim Umgang mit Steuermitteln sparsam, wirtschaftlich und effizient umzugehen“, sagt deren Parlamentarischer Geschäftsführer Stephan Thomae. Von Kürzungen könne man daher „auch die Migrationspolitik nicht ganz ausnehmen“. Der Freidemokrat will den Staat entlasten: „In dem Zusammenhang wäre es zu begrüßen, wenn sich nichtstaatliche Stellen bereit erklären, mehr Aufgaben zu übernehmen, um die Kürzungen der staatlichen Mittel in wichtigen Hilfsprojekten für Flüchtlinge etwas abzufedern.“

Kommentare