„Geschichtsvergessen und menschenverachtend“

Verschärfung der Asyl-Politik: Entrüstung in der SPD – „Dobrindt lässt sich für rechtswidrige Luftschlösser feiern“

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EU-Einigung in Migrations-Fragen: Auch Rückführungszentren in Drittstaaten außerhalb der EU sollen möglich sein. SPD-Politiker und Asylrechtler üben Kritik.

Brüssel – Die EU-Innenminister haben sich auf Verschärfungen der Asylpolitik geeinigt. Was Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und seine europäischen Kollegen wohl als Erfolg verbuchen, sehen sowohl Sozialdemokraten als auch Migrationsexperten kritisch. „Mit Vorhaben wie Rückführungszentren in Drittstaaten will man das Flüchtlingsrecht völlig entkernen. Das ist geschichtsvergessen und menschenverachtend“, kritisiert Aziz Bozkurt, Bundesvorsitzender der AG Migration und Vielfalt in der SPD, gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

„Insbesondere Herr Dobrindt lässt sich für rechtswidrige Luftschlösser feiern, wie zuvor für seine teuren, rechtswidrigen und wirkungslosen Zurückweisungen an den Grenzen“, kritisiert Aziz Bozkurt, Bundesvorsitzender der AG Migration und Vielfalt in der SPD. (Symbolbild)

Bei einem Treffen in Brüssel verständigten sich die europäischen Innenminister am Montag (8. Dezember) nach monatelangen Verhandlungen auf eine deutliche Verschärfung der gemeinsamen Asylpolitik. Darunter: Mehr und schneller abschieben, Schutzsuchende und Solidaritätsbeiträge verteilen – und die Möglichkeit von Rückführungszentren in Drittstaaten. 

„Aktuell freuen sich die Innenminister über Verschärfungsbeschlüsse, die an ihrem eigenen Egoismus und an praktischen und rechtlichen Hürden scheitern werden“, kritisiert der SPD-Politiker und erklärt mit Blick auf den Bundesinnenminister: „Insbesondere Herr Dobrindt lässt sich für rechtswidrige Luftschlösser feiern, wie zuvor für seine teuren, rechtswidrigen und wirkungslosen Zurückweisungen an den Grenzen.“

Asyl-Einigung der EU-Innenminister: Dobrindt und Co. wollen Rückführungszentren in Drittstaaten

Mit der Einigung der EU-Innenminister sollen Rückführungszentren in Drittstaaten außerhalb der EU möglich sein. In diesen sogenannten Return Hubs sollen ausreisepflichtige Asylbewerber landen, die nicht in ihre Heimat- oder Herkunftsländer abgeschoben werden können. Bei der Auslagerung von Asylverfahren spielt das Konzept der sicheren Drittstaaten eine entscheidende Rolle. Es soll das europäische Asylsystem entlasten, indem Menschen in Nicht-EU-Länder abgeschoben werden, um dort Schutz beantragen zu können.

Bislang war es nötig, dass Asylsuchende eine enge Verbindung zu einem solchen Drittstaat haben – das könnte sich mit dem Vorschlag der EU-Staaten ändern. Demnach könnte es zukünftig schon reichen, wenn ein Abkommen zwischen einem EU-Mitgliedstaat und dem Drittstaat besteht.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Auch im EU-Parlament stoßen die Pläne bei Sozialdemokraten auf Kritik: Die SPD-Europapolitikerin Birgit Sippel mahnte im Deutschlandfunk, die geplanten Regeln kämen der Abschaffung des Asylrechts in Europa gleich. Zu dem Vorhaben der europäischen Innenminister muss das EU-Parlament sich noch abschließend positionieren, bevor Verhandlungen darüber beginnen können. Angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Parlament werden allerdings keine größeren Änderungen erwartet, wie auch der Asylrechtler Maximilian Pichl im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt.

Asylrechler warnt vor Folgen von Drittstaaten-Versuchen: Teuer und ohne Ergebnis

Pichl blickt kritisch auf die Vorhaben der EU-Staaten – und das aus vielerlei Gründen. Zum einen führt der Asylrechtler an: „Alle Drittstaatenversuche, die wir kennen, waren extrem teuer und haben ganz oft zu überhaupt keinem Ergebnis geführt.“ Der Professor für Recht der Sozialen Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences verweist dabei etwa auf Pläne Italiens und Großbritanniens.

Die durch Italien geplante Auslagerung von Entscheidungen über Asylanträge nach Albanien wurde bereits durch mehrere Gerichtsurteile von italienischen und europäischen Instanzen untersagt. Die Kosten für die beiden Einrichtungen in Albanien werden aktuell auf etwa 130 Millionen Euro pro Jahr geschätzt, obwohl sie noch nie richtig genutzt wurden. Und auch ein Vorhaben Großbritanniens, abgewiesene Asylsuchende nach Ruanda abzuschieben, ist bislang gescheitert.

„Bis heute ist keiner der aus Großbritannien abgeschobenen Asylsuchenden in Ruanda und auch die italienischen Lager stehen weitestgehend leer, haben aber Hunderte von Millionen verschlungen“, argumentiert der Migrationsrechtler daher. Ein praktisches Argument, das auch Aziz Bozkurt anführt: „Alle Länder, die sich an ähnliche Modelle gemacht haben, sind völlig an die Wand gefahren. England ist nach mehreren hundert versenkten Millionen zurückgerudert und andere Länder kommen praktisch nicht weiter.“

Türkei und Tunesien: Asylrechtler sieht „außenpolitische Kollateralschäden“ durch EU-Deals

Darüber hinaus führt Pichl einen Aspekt an, der in der Debatte aktuell zu wenig stattfinde, wie er erklärt: „Diese ganzen Drittstaatenversuche sind immer mit außenpolitischen Kollateralschäden einhergegangen.“ Dabei verweist der Asylrechtler unter anderem auf den Deal zwischen der EU und der Türkei aus dem Jahr 2016. „Nachdem dieser EU-Türkei-Deal geschlossen wurde, gab es den Putschversuch und eine massive Autokratisierung innerhalb der Türkei – die Verfolgung von Opposition und Presse.“

Eine ähnliche Entwicklung sei in Tunesien zu beobachten: „Ein absoluter Autoritarismus, der da gerade um sich greift, mit Inhaftierungen von Oppositionellen und im Endeffekt der Installation einer Diktatur.“ Und auch wenn Pichl verschiedene Gründe und Bedingungen für diese Entwicklungen sieht, erklärt er im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media: „Ich glaube schon, dass es auch damit zu tun hat, ob andere Staaten in der Lage sind, überhaupt noch außenpolitisch entsprechend Kritik zu üben oder Einfluss zu nehmen.“ Mit etwaigen Deals gebe man den Staaten als EU jedoch „über die Flüchtlingsfrage ein Erpressungsinstrument in die Hand“.

„Menschenrechtliches Rahmenwerk“ der EU unter Druck: Vorstoß aus Großbritannien und Dänemark

Zudem verweist der Rechtswissenschaftler bei der Umsetzung einer Drittstaatenlösung auf das „menschenrechtliche Rahmenwerk“, das nach wie vor zu achten ist. Etwa das Refoulement-Verbot, welches die Rückführung von Personen in ein Land verbietet, in dem ihnen Verfolgung, Folter oder andere unmenschliche oder erniedrigende Behandlung droht. Doch auch dieser menschenrechtliche Rahmen sei aktuell unter Druck: „Parallel dazu muss man aber sagen, dass gerade Verhandlungen auf europäischer Ebene im Europarat weitergehen, die im Endeffekt zur Aufweichung und Aushöhlung der Menschenrechtskonvention führen sollen.“

Der Asylrechtler spricht dabei einen aktuellen Vorstoß Großbritanniens und Dänemarks an. Die beiden Staaten sprachen sich jüngst erneut für eine Reformierung der europäischen Migrationspolitik aus. Mit Blick auf ein heutiges Treffen europäischer Minister in Straßburg forderten die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen und der britische Premierminister Keir Starmer in einem Meinungsbeitrag in der britischen Zeitung The Guardian auch eine Neuauslegung der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK). Bereits im Mai hatten neun europäische Staats- und Regierungschefs in einem offenen Brief den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte für seine Auslegung der EMRK in Migrationsfragen kritisiert. (Quelle: Eigene Recherche, dpa, AFP) (pav)

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