Umstrittener Asyl-Kurs

Verstoß gegen Menschenrechte? Experte sieht Dobrindts Pläne zu Afghanistan-Abschiebungen kritisch

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Ein Deal mit den Taliban über Afghanistan-Abschiebungen soll kurz bevorstehen. Rechtswissenschaftler Maximilian Pichl warnt: Dobrindts Plan verstößt gegen Menschenrechte.

Berlin – Die Bundesregierung will regelmäßig nach Afghanistan abschieben: Ein Abkommen mit den dort herrschenden islamistischen Taliban soll kurz vor dem Abschluss stehen. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) erklärte gegenüber dem Internetportal The Pioneer: „Es sind sehr weit fortgeschrittene Gespräche, so dass wir davon ausgehen können, dass wir sehr bald eine Vereinbarung darüber haben, dass wir regelmäßig auch über Linienflüge nach Afghanistan rückführen können.“

Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) plant regelmäßige Abschiebungen nach Afghanistan. (Symbolbild)

Für Gespräch über ein solches Abkommen waren im Oktober Vertreter des Innenministeriums nach Afghanistan gereist. „Zur operativen Vorbereitung von Rückführungen nach Afghanistan ist eine Vor-Ort-Besichtigung der örtlichen Gegebenheiten erforderlich“, erklärte eine Sprecherin des Innenministeriums gegenüber unserer Redaktion. Dabei soll es um logistische Fragen gegangen sein, aber auch die Menschenrechtslage in Afghanistan sollen die Vertreter des Ministeriums und des Bundespolizeipräsidiums thematisiert haben.

Dobrindt plant Abschiebe-Deal mit Taliban: Experte warnt vor Menschenrechts-Verstoß

„Die Klärung operativer Rückführungsfragen in Kabul diente gerade auch dazu, dass diese Rückführungen menschenrechtskonform stattfinden können“, erklärte die Sprecherin weiter. Fachleute haben jedoch Zweifel, dass menschenrechtskonforme Abschiebungen nach Afghanistan aktuell möglich sind und kritisieren den Plan der Regierung.

„Rechtlich betrachtet ist in einem Staat wie Afghanistan für niemanden ein rechtsstaatliches Verfahren zu erwarten“, erklärt Maximilian Pichl, Professor für Recht der Sozialen Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences, gegenüber fr.de von Ippen.Media. „Abschiebungen nach Afghanistan verstoßen daher meines Erachtens gegen Art. 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention, wodurch verhindert werden soll, Menschen einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung oder Folter auszusetzen.“ Dies könne in Afghanistan jedoch „aufgrund eines willkürlichen Strafsystems nicht ausgeschlossen werden“, so der Migrationsrechtler.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Experte zu geplanten Afghanistan-Abschiebungen: Menschenrechte gelten auch für Straftäter

Seit der Machtübernahme der Taliban in Kabul im August 2021 kam es mit Hilfe von Katar zweimal zu Abschiebungen von Afghanen aus Deutschland: Im Jahr 2024 hatte die Ampel den ersten Abschiebe-Flug veranlasst; im Juli 2025 startete die schwarz-rote Regierung die Sammelabschiebung von 81 Menschen. Laut Innenministerium habe es sich dabei um vollziehbare Ausreisepflichtige gehandelt, die strafrechtlich in Erscheinung getreten seien. 

Mit Straftätern und Gefährdern will nach Angaben des Innenministeriums auch die schwarz-rote Bundesregierung bei ihren Abschiebungen beginnen. Das ändere an der Menschenrechtslage jedoch nichts, erklärt Rechtswissenschaftler Maximilian Pichl: „Die Menschenrechte gelten dabei auch für Menschen, die sich schwerer Straftaten schuldig gemacht haben.“ Stattdessen sei für Menschen, die in Deutschland Straftaten begangen haben, das deutsche Strafsystem zuständig.

Auch Organisationen wie das Deutsche Institut für Menschenrechte kritisieren die geplanten Abschiebungen nach Afghanistan. „Angesichts der aktuellen politischen und humanitären Lage in Afghanistan sind Abschiebungen dorthin mit den menschenrechtlichen Verpflichtungen Deutschlands nicht vereinbar und somit untragbar“, erklärte Nele Allenberg, Leiterin der Abteilung für Menschenrechtspolitik Inland und Europa, im August in einem Statement.

Dobrindts Gespräche über Abschiebungen: Experte warnt vor Normalisierung der Taliban

Und auch die Gespräche mit dem Terror-Regime sind umstritten. Wegen ihrer Missachtung von Menschen- und vor allem Frauenrechten sind die Taliban international isoliert. Maximilian Pichl verweist dabei auf die „besondere Verantwortung“ Deutschlands „für das Land Afghanistan und die demokratischen Kräfte“ aufgrund des Militäreinsatzes und des jahrelangen Engagements: „Durch die Aufnahme von offiziellen Gesprächen und Vereinbarungen mit den Taliban normalisiert die Bundesregierung ein islamistisches Regime.“

Der Rechtswissenschaftler mahnt: „Aus außenpolitischen Gründen ist dies verantwortungslos und wird dazu beitragen, auf Dauer eine demokratische Entwicklung zu verhindern.“ Das Innenministerium erklärt auf Anfrage zur Kritik an den Gesprächen lediglich, dass Deutschland die diplomatischen Beziehungen zu dem Staat Afghanistan nicht abgebrochen habe und „die de-facto-Regierung nicht als legitime Regierung Afghanistans“ anerkennt.

Asyl-Kurs der schwarz-roten Regierung: Opposition und Fachleute zweifeln an Rechtmäßigkeit

Nicht nur nach Afghanistan will Dobrindt künftig regelmäßig abschieben: Auch Rückführungen nach Syrien seien geplant, wie der Innenminister gegenüber The Pioneer ankündigte. Der Plan fügt sich in eine ganze Reihe umstrittener Maßnahmen: Verschärfte Grenzkontrollen, Zurückweisungen von Asylsuchenden, Aussetzung von Aufnahmeprogrammen. Sowohl die Opposition als auch Fachleute äußern Zweifel an der Rechtmäßigkeit von Dobrindt Asyl-Kurs.

So warnt die stellvertretende Vorsitzende und innenpolitische Sprecherin der Links-Fraktion mit Blick auf ein Treffen der EU-Innenminister in Luxemburg: „Wenn Innenminister Dobrindt ‚innovative Lösungen‘ fordert, muss man mit dem Schlimmsten rechnen. Er redet von ‚Härte und Schärfe‘, doch eigentlich geht es ihm um Rechtsbruch.“ Bei dem Treffen soll es unter anderem um Abschiebungen nach Syrien gehen: „All diese Vorhaben sind nicht nur menschenverachtend, sondern sie verstoßen auch gegen wesentliche Grund- und Menschenrechte“, kritisiert Bünger: „Damit treffen sie aber genau den Geschmack des deutschen Innenministers.“ (The Pioneer, dpa, eigene Recherche) (pav)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Florian Wiegand

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