Kommentar

Syrien braucht seine Syrer – und Deutschland auch

  • schließen

Syrische Flüchtlinge haben Deutschland verändert. Sie arbeiten in Berufen, in denen Fachkräfte fehlen. Doch auch das Heimatland braucht sie. Ein Kommentar.

Eine Million Syrerinnen und Syrer haben in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland Zuflucht gefunden – so viele Menschen, wie Köln Einwohner hat. Eine gewaltige Aufgabe, die unser Land verändert hat: in den Städten, auf dem Land, in den Schulen und Krankenhäusern. Viele Deutsche begegneten den Neuankömmlingen zunächst mit Skepsis.

Doch ohne jene Geduld, Offenheit und den oft persönlichen Einsatz unzähliger Bürgerinnen und Bürger wäre Integration kaum möglich gewesen. Wer heute im Krankenhaus liegt, im Pflegeheim betreut wird oder in der Bäckerei nebenan einkauft, begegnet ihnen längst im Alltag. Die Gesichter sind vertraut geworden.

Ruinen einer Schule, die während der Kämpfe zwischen den Truppen von Diktator Assad und den Rebellengruppen zerstört wurde, in dem verwüsteten Stadtteil Jobar in Damaskus.

Und nun, elf Monate nach dem Sturz des Diktators Assad, stellt sich eine neue, beinahe schmerzhafte Frage: Gehören sie zurück? Syrien braucht seine Exilbürger – aber Deutschland ebenso. Syrien liegt in Trümmern. Zwei Millionen Häuser sind zerstört, ganze Städte entvölkert. Wer dorthin zurückkehren wollte, fände kein Zuhause, kaum Arbeit, keine Sicherheit. Es ist ein Land im Wiederaufbau, ja – aber eines, das noch keinen festen Boden unter den Füßen hat.

Syrien braucht seine Exilbürger – und Deutschland auch

Gleichzeitig sind hier, in Deutschland, neue Wurzeln gewachsen. Kinder, die in unseren Schulen lesen und rechnen lernen, die mit westfälischem, niederdeutscher oder oberbayerischem Einschlag sprechen. Eltern, die ihre Familien durch ehrliche Arbeit ernähren – oft in Berufen, in denen wir selbst längst zu wenige haben: in der Pflege, in der Landwirtschaft, in den Werkstätten oder als Selbstständige im Handel.

Und doch: Die Sehnsucht nach der alten Heimat bleibt. Wer Flucht erlebt hat, vergisst das nie. Vielleicht, eines Tages, wird Syrien wieder ein Land sein, in das man guten Gewissens zurückkehren kann – ein Land, das seine Söhne und Töchter aus aller Welt wieder willkommen heißt.

Außenminister Johann Wadephul besuchte den völlig zerstörten Vorort Harasta. Anne Merholz (weißes Hemd), Mitglied der Chefredaktion von Ippen.Media, begleitet den Minister

Aber heute ist dieser Tag noch fern. Wer Integration fordert, muss sie auch ermöglichen – mit klaren Rechten, sicheren Perspektiven und Respekt für den Einsatz derer, die geblieben sind. Deutschland darf sich keiner Illusion hingeben: Millionen Menschen werden nicht einfach „zurückgehen“, sobald sich die politische Lage ändert. Da müssen sich auch die Regierungsparteien – CDU, CSU und SPD – ehrlich machen und dürfen sich nicht von der AfD treiben lassen. Syrien wird seine Zukunft brauchen. Deutschland ebenso. Ob aus dieser gemeinsamen Geschichte ein Kapitel des Misstrauens oder eines der Vernunft wird – das liegt bei uns.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa | Moawia Atrash

Kommentare