Aus Syrien nach Deutschland: „Mein Zuhause ist jetzt hier“
VonFabian Scheuermann
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Biroz Hannan floh vor zehn Jahren aus Syrien über die Türkei nach Deutschland. Ein Gespräch über das Ankommen, über Integration und darüber, was man besser machen sollte, damit diese auch gelingt.
Ein Sommerabend in Darmstadt. Die Menschen kommen von der Arbeit, kaufen noch ein, gehen Essen. Eine davon ist Biroz Hannan. Sie hat gerade Feierabend beim Deutsch-Syrischen Verein gemacht und nimmt sich Zeit für ein Gespräch bei einem Kaffee.
Frau Hannan, vor zehn Jahren hat die damalige Kanzlerin Angela Merkel den Satz „Wir schaffen das“ gesagt. Was haben Sie denn seitdem geschafft?
Oh, da muss ich etwas ausholen. 2014 war ich vor dem syrischen Bürgerkrieg mit meinem Bruder und meinem Cousin in die Türkei geflohen. Obwohl ich etwas Türkisch spreche, war es hart dort: Als Syrer haben wir gemerkt, dass wir dort keine Zukunft haben, dass wir uns da nicht entwickeln oder weiterbilden können. Wir haben von morgens bis abends gearbeitet und hatten gerade mal genug Geld für Essen und Miete. Und dann haben wir gemerkt, dass der Krieg in Syrien immer weitergeht…
… und dass es viele andere Menschen aus Syrien weiter nach Europa zieht.
Ja, und uns dann auch. Mit einem Plastikboot sind wir auf eine griechische Insel, dann über die Balkanländer bis nach Ungarn, dann in einem Auto weiter bis nach Passau in Deutschland. Das war Ende Juli. Ich konnte durch mein Studium ja gut Englisch und wir haben uns dann durchgefragt und sind mit unserem restlichen Geld mit dem Zug nach Essen gefahren, wo wir Bekannte hatten. Dann haben wir uns bei den Behörden gemeldet und mussten in eine Sporthalle ziehen, wo vielleicht 125 Leute lebten. Ohne Privatsphäre. Das war eine schlimme Zeit für mich – auch wenn die Leute nett zu mir waren. Dann ging es nach Gießen in ein Zelt. Ich fand das schrecklich. Aber eine Helferin meinte: Halte durch, das wird schon. Dann ging es nach Münster in Südhessen, wo wir uns eine Wohnung mit anderen Syrern teilten. Und dann hat uns eine Ehrenamtliche in eine Wohnung in ihrem Haus ziehen lassen, wo wir eigene Zimmer hatten. Das war ein Glück. Wir mussten lange warten auf die Genehmigung für einen Sprachkurs. Und nach ungefähr einem Jahr in Deutschland hatten wir dann unsere Anhörung im Asylverfahren.
„Ich bin Deutschland sehr dankbar“ – Ankommen in Deutschland nach der Flucht aus Syrien
Das klingt nach einer sehr anstrengenden, zehrenden Zeit.
Ja, das war es. Aber wir hatten ja auch viel Hilfe. Eine Lehrerin hat uns zum Beispiel ehrenamtlich Deutschunterricht gegeben. 2017 habe ich dann Asyl bekommen. Und mein Bruder nur subsidiären Schutz mit weniger Rechten – den haben ja irgendwann fast alle Syrer bekommen. Ich bin Deutschland sehr dankbar. Von einer syrischen Freundin, die heute in Frankreich lebt, weiß ich, dass die ehrenamtliche Kultur dort zum Beispiel nicht so ausgeprägt ist.
Warum sind Sie denn geflohen?
Vor allem vor dem Krieg natürlich. Auch weil ich Kurdin bin. Und schon immer gegen Assad war. Als gut gebildeter Mensch in dieser Region war ich damals auch sehr nachgefragt – von verschiedenen politischen Gruppen, sage ich mal. Auch zum Übersetzen. Ich musste da auch bestimmte Positionen einnehmen – und das wollte ich nicht. Ich dachte: Wenn ich mich zu sehr mit einer bestimmten Partei einlasse, ist das gefährlich. Ich will nur Menschen helfen und habe mit Politik nichts zu tun.
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Sie sprechen heute sehr gut Deutsch und arbeiten schon seit vielen Jahren.
Ja, seit 2021 habe ich kein Geld mehr vom Staat bekommen – und seit 2023 habe ich auch den deutschen Pass.
Nach der Einbürgerung: „Das war ein richtig toller Moment“
Was macht das mit Ihnen, dass Sie jetzt eingebürgert sind. Fühlen Sie sich freier?
Oh ja, das war ein richtig toller Moment, als ich erfahren habe, dass es mit der Einbürgerung klappt, dass ich Teil von dieser Gesellschaft werden kann. Ich bin jetzt frei von den ganzen Papieren und Behörden, die mich jahrelang begleitet haben. Jetzt sind für mich einfach alle Türen geöffnet. Mein syrischer Pass war ja schon seit Jahren ungültig, weil es viel zu gefährlich gewesen wäre, ihn in der Botschaft verlängern zu lassen.
Zur Person
Biroz Hannan, 40, kommt aus der nordsyrischen Stadt Afrin und hat an der Universität Aleppo Betriebswirtschaftslehre und englische Literaturwissenschaft studiert. 2014 floh sie erst in die Türkei und 2015 mit 29 Jahren nach Deutschland. Sie lebt heute im südhessischen Dieburg und hilft beim Deutsch-Syrischen Verein in Darmstadt hauptberuflich Geflüchteten bei der beruflichen Integration. fab
Sie arbeiten für einen Verein, der sich um die berufliche Integration von Geflüchteten kümmert. Was sind da die größten Herausforderungen?
Die Menschen, die es nach Deutschland schaffen, sind erschöpft. So viele von ihnen brauchen eigentlich eine Therapie. Und wie soll man die deutsche Sprache lernen, wenn man sich Sorgen um die eigene Familie macht, die vielleicht noch in einem Krieg sitzt? Und die man vielleicht nicht nachholen kann? Auch ich hatte Angst, als der Krieg mit der türkischen Offensive 2018 in meine Heimatstadt Afrin gekommen ist. Ich weiß, was es für eine Herausforderung für die geflüchteten Menschen hier in Deutschland ist, mit einer solchen Belastung klarzukommen. Und dann ist es ja so, dass viele keine Therapie bekommen – erst recht nicht in ihrer Muttersprache. Und auch nicht alle Übersetzer sind so sensibel, dass sie bei einer Therapie eingesetzt werden können.
Besonders für viele Frauen sind die Hürden hoch, sich hier zu integrieren, zeigen die Statistiken.
Ich habe es geschafft, aber ich war auch alleine und gut gebildet. Während die Männer arbeiten, müssen sich viele geflüchtete Frauen um ihre Kinder kümmern. Manche haben gar keine Betreuung für sie, andere müssen sie in Kindergarten und Schule bringen und holen. Müssen kochen und den Haushalt schmeißen. Manche von ihnen haben in ihrem Heimatland kaum die Schule besucht. Wie sollen sie sich integrieren und irgendwann arbeiten? Sie sagen zu mir: Ich finde es so schwer, eine neue Sprache zu lernen, ich habe genug Probleme. Das ist schwierig.
Es gab zwischenzeitlich mancherorts Integrationskurse mit paralleler Kinderbetreuung, aber das Angebot wurde zusammengestrichen, obwohl alle stets betonen, wie sinnvoll es war.
Oh ja, so etwas ist sinnvoll. Wir bieten bei unserem Verein auch Sprachkurse an. Manche Mütter bringen ihre Kinder mit und versuchen den Mittagsschlaf Ihrer Kleinen genau so zu timen, dass sie dann lernen können. Das klappt natürlich nicht immer. Wir versuchen es dann aber meist irgendwie trotzdem. Einen offiziellen Integrationskurs hingegen kannst Du mit Kind nicht besuchen. Da müsste mehr getan werden. Manche warten auch lange auf ihren Kurs – vor allem, wenn sie einen Alphabetisierungskurs brauchen. Die Männer haben es aber auch nicht leicht. Sie kommen ja oft aus einer eher konservativen Kultur, wo es heißt: Als Mann musst Du arbeiten, das Geld ins Haus holen. Und dann merken diese Männer, dass sie ihren Frauen hier ein bisschen mehr Freiheit geben müssen – das sind große Herausforderungen, die oft auch zu Konflikten führen. Und da ist oft nicht so viel Raum etwa fürs Sprachenlernen, wie man sich das wünschen würde. Für viele ist die Ankunft hier erstmal ein Kulturschock.
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War das für Sie auch so?
Bei mir ist es etwas anders. Wie gesagt: Als ich kam, war ich ledig, gebildet – und eine Kurdin. Ich fühle mich hier frei: Ich kann sagen, was ich will! Das ist großartig.
Welche Herausforderungen sehen Sie noch?
Das Thema Wohnen ist ein großes Problem. Auch da hatte ich Glück, dass ich mit meinem Bruder und Cousin schnell in eine eigene Wohnung kam. Aber andere, die leben mit ihren Familien oder alleine lange in der Großunterkunft. Dort ist es laut und eng und viele Leute sprechen dort die eigene Sprache, man muss also weniger Deutsch sprechen. In so einer Situation ist es schwierig, voranzukommen.
Die Stimmung hat sich hierzulande ja auch verändert. Redet man von Migration, geht es selten um Integration – sondern meist um Abschottung und mehr Abschiebungen. Die Regierung will auch wieder nach Syrien abschieben. Wie finden Sie das?
Ich finde es gut, wenn den Syrern in Deutschland ein freiwilliger Besuch in Syrien erlaubt wird. Aber auch das Umziehen dorthin muss freiwillig sein, finde ich. Viele Syrer finden übrigens auch, dass Deutschland so viel für sie getan hat, dass sie nun etwas zurückgeben wollen. Und das tun sie ja auch, viele arbeiten und zahlen Steuern. Wenn es Syrien gut geht, kann der Austausch mit Deutschland beiden Seiten etwas bringen. Aber im Moment ist es in Syrien noch schlimm. Vielerorts ist noch so vieles zerstört, gibt es keine Schulen oder Krankenhäuser, die funktionieren. Die zerstörte Altstadt von Aleppo zu sehen, ist so traurig. Und wer weiß, wie sicher das Land dauerhaft ist? Das muss man sich in ein paar Jahren nochmal anschauen.
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Ich kenne Geflüchtete, denen macht diese Stimmung Angst. Und ich habe mich selbst schon dabei erwischt, als es einen Terroranschlag gab, dass ich da gedacht habe: Zum Glück war das kein Syrer. Aber es ist ja so: Nur weil zum Beispiel ein Afghane etwas Schlimmes tut, heißt das ja nicht, dass alle Afghanen so sind. Und zur Stimmung: Hier in Darmstadt habe ich Gott sei Dank bisher gar keinen Rassismus mitbekommen. Ich finde die Leute hier echt nett.
Wie ging es Ihnen im Dezember, als das Assad-Regime gefallen ist?
Das war unglaublich! Ich weiß noch, wie ich in meiner Wohnung saß und diese Videos und Nachrichten aus Syrien sah über Assads Sturz. Ich habe es nicht geglaubt. Doch dann gab es auch Journalisten, die das gesagt haben, dass Assad gefallen ist. Ich habe dann sofort meinen Bruder geweckt und gesagt: “Du musst wach werden, er ist nicht mehr da, Assad ist nicht mehr da! Wir können endlich unsere Familie wiedersehen!” Das waren unglaubliche Gefühle. Und im Juni war ich jetzt in Syrien.
Wie war das?
Mein Bruder und ich sind gemeinsam nach Syrien gereist und haben unsere Mama überrascht. Nach elf Jahren haben wir uns das erste Mal wieder umarmt.
Ja, ich habe das Bild von Ihnen mit ihrer Mutter im WhatsApp-Status gesehen. Das hat mich berührt.
Ich würde am liebsten sofort wieder dorthin fahren. Ich kann es kaum erwarten – aber ich habe in diesem Jahr keine Urlaubstage mehr.
Ist es für Sie eine Option, wieder nach Syrien zu ziehen?
Wissen Sie, ich habe hier in Deutschland vor zehn Jahren wieder ganz von vorne angefangen. Zehn Jahre sind nicht nichts. Im Alter von 29 Jahren kümmern sich andere um private Dinge, bauen eine Familie auf. Ich war mit meiner Flucht und dem neuen Leben hier beschäftigt. Wenn ich jetzt nach Syrien gehe, muss ich wieder ganz von vorne anfangen. Nein, mein Zuhause ist jetzt hier.