VonJoachim Willeschließen
Ein bundesweites Ziel für Naturflächen in Deutschland, die für das Klima und die Vielfalt ganz sich überlassen sind, ist verfehlt – dabei ist das Potenzial groß, wie eine Bilanz zeigt.
Warum ist Wildnis in Deutschland wichtig? Dort kann sich die Natur praktisch unbeeinflusst vom Menschen nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln – ein wichtiger Beitrag etwa zur Erhaltung der biologischen Vielfalt, zur CO2-Speicherung und zum Hochwasserschutz. Eigentlich müsste der Flächenanteil der Wildnisgebiete hierzulande bereits bei zwei Prozent liegen, erreicht ist davon aber noch nicht einmal ein Drittel, wie eine aktuelle Bilanz zeigt. Doch klar wird darin auch: Das Ziel ist durchaus erreichbar.
Die „Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt“ ist von der schwarz-roten Bundesregierung 2007 beschlossen worden. Neben dem Zwei-Prozent-Ziel, das durch großflächige Wildnisgebiete realisiert werden soll, gibt es darin weitere Anforderungen. So war ein länderübergreifender „Biotopverbund“ geplant, um die Flächen zu vernetzen. Außerdem wurde vorgegeben, dass sich auf fünf Prozent der Waldfläche Wälder natürlich entwickeln.
Deutschlands Wildnis: Zwei Prozent Fläche hätten bereits 2020 erreicht sein sollen
Mit der Naturstrategie versuchte die damalige Merkel-Regierung, sich auf dem UN-Naturschutzgipfel, der ein Jahr später in Bonn stattfand, ein gutes Image zu geben. Doch mit der Umsetzung haperte es danach. Die zwei Prozent Wildnis hätten bereits 2020 erreicht sein sollen. Auch vier Jahre danach ist das bei weitem nicht geschafft, wie die neuen Zahlen belegen.
Die jetzt von Naturschutzorganisationen erstellte detaillierte Bilanz zeigt: Der Flächenanteil beträgt bundesweit im Schnitt 0,62 Prozent, und mit den in den nächsten Jahren konkret geplanten Gebieten werden es 0,73 Prozent sein. Die Lage in den Bundesländern ist sehr unterschiedlich.
Deutschlands Wildnis: Studie weist auf große Potenziale hin
Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel steht mit 1,63 Prozent und fest geplanten 0,41 Prozent kurz davor, das Zwei-Prozent-Ziel zu erreichen, Baden-Württemberg hingegen ist Schlusslicht mit nur 0,21 Prozent und keinen zusätzlichen Flächen. Die waldreichen Länder Bayern, Hessen, Thüringen und Rheinland-Pfalz liegen alle bei gut 0,5 Prozent. Die Studie weist aber auch nach, dass es genügend Potenziale gibt, um das Zwei-Prozent-Wildnisziel bald zu erreichen.
1,5-Grad-Schwelle erstmals überschritten
Die Erderwärmung wird in diesem Jahr erstmals 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit überschreiten, meldet das EU-Erdbeobachtungsprogramm Copernicus. Zudem sei „faktisch sicher, dass 2024 das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen wird“.
2023 lag die Temperatur bereits bei 1,48 Grad über dem vorindustriellen Durchschnitt. Der November dieses Jahres stellte zudem einen neuen Hitzerekord auf: Die Durchschnittstemperatur war in dem Monat laut Copernicus um 1,62 Grad höher als das langjährige November-Mittel.
Bei gleichbleibenden Maßnahmen steuert die weltweite Durchschnittstemperatur UN-Berechnungen zufolge im Laufe des Jahrhunderts auf das „katastrophale“ Maß von 3,1 Grad zu. Sollten die Anstrengungen wie vereinbart verstärkt werden, läge die Erwärmung bei 2,6 Grad. afp
Heiko Schumacher von der Heinz Sielmann Stiftung, die an der Untersuchung beteiligt war, sagte bei deren Präsentation am Montag in Berlin: „Trotz der Bemühungen von Bund und Ländern sowie der Beiträge von Naturschutzorganisationen sind wie von der Umsetzung des Zwei-Prozent-Ziels noch weit entfernt.“ Die Analyse zeige aber auch, dass sich weitere 1,67 Prozent der deutschen Landesfläche für großflächige Wildnisgebiete eignen. „Damit könnte das Zwei-Prozent-Ziel sogar übertroffen werden“, meinte Schumacher. Er sei optimistisch, dass die Bundesrepublik der Vorgabe in den nächsten Jahren immer näherkommen werde. Weitere Partner bei der Erstellung der Studie waren die Naturstiftung David und die Zoologische Gesellschaft Frankfurt. Gefördert wurde das Projekt von der Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU).
Deutschlands Wildnis: Hauptsächlich in den Kernzonen der 16 deutschen Nationalparks
Bisher wurden großflächige Wildnisgebiete praktisch nur auf Flächen der öffentlichen Hand – Bund, Länder, Kommunen – eingerichtet. Das dürfte auch bei der Ausweitung schwerpunktmäßig so sein. Allerdings könne es künftig auch für andere, ob Privatperson, Umweltgruppe oder Kirchenverwaltung, lukrativ sein, Wildnis zu schaffen, sagte der Geschäftsführer der Naturstiftung David, Adrian Johst. Die Bundesregierung hat 2019 ein Förderprogramm „Wildnisfonds“ von 20 Millionen Euro jährlich aufgelegt, das auf größere Gebiete zielt, während in ihrem „Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz“ eine Finanzierung auch für kleinere Areale vorsieht. Das Aktionsprogramm wurde 2023 von der Ampel beschlossen, um durch Renaturierung geschädigter Naturflächen, etwa trockengelegten Mooren, deren CO2-Speicherfähigkeit wieder zu erhöhen und so die Atmosphäre zu entlasten.
Wildnisgebiete gibt es heute hauptsächlich in den Kernzonen der 16 deutschen Nationalparks, vom Wattenmeer bis zum Bayerischen Wald, von der Eifel bis in die Sächsische Schweiz, außerdem in einigen Biosphärenreservaten sowie auf Flächen des „Nationalen Naturerbes“. Das sind ehemals militärisch genutzte Gebiete, Flächen entlang der innerdeutschen Grenze (das „Grüne Band“), Treuhandflächen aus dem DDR-Volksvermögen und stillgelegte DDR-Braunkohletagebaue.
Die Studie zeigt in einer interaktiven Karte, wo neue Wildnisgebiete geplant sind. Ein „Urwald von morgen“ soll zum Beispiel auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Tangersdorf bei Lychen in Brandenburg entstehen, eine „neue Moorwildnis“ im Aschhorner Moor in Niedersachsen und ein „Laubwald-Urwald von morgen“ im Wispertaunus in Hessen.
Deutschlands Wildnis: Als Untergrenze gelten generell 1000 Hektar
Die Karte zeigt, dass Wildnis nicht nur in bisher schon naturnahen Gebieten entstehen kann. Allerdings braucht es nach Ansicht der Fachleute möglichst große und zusammenhängende Gebiete, damit die Rückkehr zum Wildnis-Zustand gut funktioniert und Konflikte mit der umliegenden Kulturlandschaft minimiert werden. Als Untergrenze gelten generell 1000 Hektar, bei Auen, Mooren, Küsten und Seen sind es 500 Hektar.
Allerdings: Obwohl viel Menschen dem Wildnis-Ansatz positiv gegenüberstehen, formiert sich immer wieder Protest gegen Nur-Natur-Flächen. Ein aktueller Fall ist der Streit im unteren Spreewald östlich von Berlin, wo eine Initiative mit dem Namen „Wald statt Wildnis“ Front dagegen macht. Es geht um 233 Hektar Waldfläche, die seit März 2024 aus der Bewirtschaftung genommen sind. Ursprünglich sollten es 1000 Hektar sein, doch nach Protesten dagegen reduzierte das Land Brandenburg die Fläche um rund 75 Prozent.
Naturschutz-Fachleute halten solche Konflikte grundsätzlich für lösbar. Sielmann-Experte Schumacher sagte der FR dazu: „Insgesamt zeigen viele Beispiele wie die Nationalparke, dass Wildnisgebiete gut mit ihrer jeweiligen Region harmonieren und im Regelfall sogar Vorteile für ihre Region schaffen.“ Letztere profitierten zum Beispiel von den damit verbundenen neuen Finanzmitteln und von Angeboten für Naturerleben, Umweltbildung, Forschung und Gesundheitsschutz.
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