- VonMichael Schmuckerschließen
AfD-Politiker:innen machen Stimmung gegen Vielfaltsprojekte. Warum greifen Kampagnen gegen die „Frühsexualisierung“ immer wieder?
Wo kommt sie nur her, diese Angst vor der Vielfalt? Immer wieder geistert das Thema durch die Medien – Ende 2022 sorgte der Plan des ersten queeren Kindergartens in Berlin für internationales Aufsehen, in diesen Tagen nun versucht die AfD in Sachsen Stimmung gegen die Vermittlung von Vielfalt in der Schule zu machen. Eine bewusste Provokation mit dem erklärten Ziel um Stimmenfang – geschenkt! Doch warum sind für die Märchen um Frühsexualisierung und Kindeswohl immer wieder so viele Menschen auch jenseits der politisch rechten Klientel empfänglich?
Das Kultusministerium verwies in diesem Zusammenhang kurz und bündig auf den Lehrplan. Das Projekt „Schule der Vielfalt“ wird dabei angeboten vom Leipziger Verein Rosalinde. Bisher ist es still geblieben in Sachsen, die AfD hat ihren Ankündigungen keine Taten folgen lassen, eine wohl beliebte Vorgehensweise, wie Adam Williams vom Verein BuzzFeed News Deutschland erklärt: „Sind Gerüchte über unsere Arbeit erstmal weit gestreut und Ängste geschürt, ist es schwerer, Menschen zu erklären, wie unsere Arbeit tatsächlich aussieht. Wir kommen so in eine Beweislast, obwohl die Anschuldigungen gegen uns haltlos sind.“
Der Verein und das Projekt haben dabei aber auch viel Solidarität erfahren. Das Pilotprojekt startete am Reclam-Gymnasium in Leipzig. Ziel sei es dabei, Lehrer:innen für homofeindliche und transfeindliche Äußerungen zu sensibilisieren, sodass diese besser dagegen vorgehen können. Außerdem sollen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Unterricht thematisiert werden. Die Reaktion der AfD? Sie forderte, die „natürlichen Schamgrenzen von Kindern und Jugendlichen“ zu bewahren sowie ein Mitspracherecht der Eltern – ähnlich wie das in den USA immer weiter um sich greift und beispielsweise im US-Bundesstaat Florida inzwischen dazu führt, dass jedwede Gespräche über LGBTQIA+ an allen Schulen komplett verboten sind („Don´t Say Gay“).
Eine Lehrerin in Florida zeigt ihren Schüler:innen einen Disney-Film – danach ermittelte die Schulbehörde.
Neue gesellschaftliche Entwicklungen verunsichern Männer und Frauen
Doch ganz gleich ob Berlin, Leipzig oder künftig anderswo in Deutschland, das Gespenst der Frühsexualisierung spukt immer wieder durch die Bundesrepublik. Warum? Ein wesentlicher Aspekt dabei sind die Veränderungen der Geschlechterverhältnisse, speziell in den letzten zehn Jahren, nachdem queere Themen und Diversität immer mehr an Fahrt aufgenommen haben, sagt Psychologe und Autor Björn Süfke BuzzFeed News Deutschland: „Wir leben heute in einer Gesellschaft, die einerseits noch massiv patriarchal und geschlechtertraditionell geprägt ist und in der vor allem die Generationen oberhalb von Gen Z mit sehr traditionellen Geschlechterstereotypen aufgewachsen sind, die ja nicht über Nacht verschwinden aus der eigenen Psyche und Gehirnmasse. Andererseits werden genau diese traditionellen Prägungen und Einstellungen eben auch verstärkt kritisiert und etwa männliche Privilegien aufgedeckt und in Frage gestellt.“
Das sei eine Situation, die für viele Männer, aber auch etliche eher traditionell orientierte Frauen, extrem verunsichernd ist, so Süfke. „Von meinem Umfeld, von vielen gesellschaftlichen Strukturen wird mir weiterhin das Eine suggeriert – und gleichzeitig wird von progressiveren Menschen genau das Gegenteil verlangt.“ Diese Unsicherheit kompensieren viele dann durch eine Rückbesinnung auf bekannte Weltbilder, die vermeintlich Sicherheit bieten. Davon besonders betroffen sind jene Menschen, die laut Süfke nicht so sehr die Möglichkeit haben, die modernen und komplexen Themen zu reflektieren – sei es nun in ihrem gesellschaftlichen Umfeld oder aufgrund ihres Bildungshintergrundes.
Die LGBTQIA+ muss immer noch Angst vor Gewalt haben. Neue Zahlen zu Straftaten gegen queere Menschen lassen aufhorchen.
„Erwachsene unterschätzen Kinder und Jugendliche häufig“
Auch für Williams ist klar, dass die Narrative in puncto Frühsexualisierung nicht wirklich neu sind. Es gebe aber noch einen Aspekt zu bedenken: „Erwachsene unterschätzen Kinder und Jugendliche häufig. Sie denken dann, wenn sie Schwierigkeiten haben, Neues in Bezug auf geschlechtliche und sexuelle Vielfalt zu lernen, dann überfordert das auch Kinder mindestens im gleichen Maße.
Das ist allerdings selten der Fall, wie sich häufig in unserer alltäglichen Arbeit zeigt. Jugendliche bringen hier so oft sehr viel mehr Wissen mit und sind mit Methoden und Inhalten unterfordert, die Erwachsene noch nie gehört haben.“ So könne er mit Jugendlichen Detailfragen klären, während vielen Lehrer:innen erst einmal grundsätzliches Basiswissen vermittelt werden müsste.
Eltern sind verunsichert – Was lernen die Kinder?
Doch auch mit einem fundierten Wissen und Kontakten in der queeren Community, blicken manche Eltern immer noch skeptisch auf Vielfalts-Projekte an Schulen, wie auch Martina aus Erding berichtet. Ihr neunjähriger Sohn Dennis erklärte ihr vor kurzem, dass man sich ganz einfach „umoperieren“ lassen könne, wenn man nicht mehr ein Junge sein will.
„Ich habe mehrere schwule und lesbische Menschen in meinem Freundeskreis und bin politisch auch eher links, aber da stockte mir kurz der Atem. Mir ist es wirklich egal, ob mein Sohn heterosexuell ist oder nicht, aber ich finde es schwierig, wenn so komplexe Themen wie eine Transition, bei der selbst Fachmediziner:innen immer noch im Einzelfall Zweifel haben, auf so eine Aussage runtergebrochen werden.“ Ein älterer Bruder hatte Dennis´ bestem Freund davon erzählt, nachdem das Thema im Unterricht behandelt worden war – so machte es in der Schule auch in den unteren Klassen schnell die Runde.
Kinder sollen nicht nur über heterosexuelle Beziehungen lernen
Ein Beispiel von mehreren, die für Verunsicherung sorgen – online lassen sich diverse Negativbeispiele aus den USA finden. In den Videos tanzen beispielsweise fast nackte Drag-Stripper vor Kindern im Alter von drei und vier Jahren. Extreme, die auch inhaltlich nichts mit dem Vielfalts-Konzept an Schulen oder Kindergärten zu tun haben, aber die trotzdem die Debatten anheizen. „Wer 3-4-Jährigen sexualisierte Drag-Stripshows zeigt, der zeigt ihnen offensichtlich sexualisierte Inhalte! Wie kommt man auf diese Idee bei einem dreijährigen Kind? Dieses Problem hat nichts mit dem Thema ‚Diversität zu tun“, so Süfke.
Hierbei gehe es um die Frage, ab wann Sexualkundeunterricht für Jugendliche sinnvoll sei. Dabei sagt der Psychologe: „Aber wo ist das Problem, Kindern zu vermitteln, dass es neben dem großen Bereich heterosexuellen Begehrens, der Fortpflanzung sowie der Identitäten ‚weiblich‘ und ‚männlich‘ auch andere Arten/Richtungen des Begehrens und andere Identitäten gibt, zahlenmäßig seltener, aber eben doch in so relevanter Anzahl, dass es bei dem Thema nicht ausgespart werden kann? Ich denke, das ist eine Komplexität, die Kinder durchaus erfassen können! Da haben meine Kinder zumindest Physik-Aufgaben, die ich deutlich herausfordernder finde.“
Homophobie ist immer noch ein großes Problem. 3 TikToker:innen wehren sich gegen Sprüche wie „Ich mache dich hetero“.
Vielfalts-Workshops sollen Diskriminierung entgegenwirken
Auch Williams stellt in diesem Zusammenhang für die Schule der Vielfalt fest: „Wir leben keine Sexualität vor oder mit Kindern aus. Punkt. Das ist ganz klar! Die Ziele unserer Arbeit sind der Abbau von Diskriminierung und das empowern queerer Personen. Dafür vermitteln wir Wissen über queere Identitäten und Lebenswirklichkeiten und regen zur Reflexion an. Bei Fragen zu Sexualität werden diese sachlich, altersangemessen und zielgruppengerecht beantwortet. Weder ist es Ziel, dass sich Teilnehmende outen, noch müssen Personen überhaupt an den Workshops teilnehmen.“
Doch wie könnte man auf Bekannte reagieren, die beim Thema Vielfalt Bedenken anmelden? „Ich denke, dass wir hier am besten aufzeigen sollten, dass durch solche Diskussionen echten Menschen geschadet wird“, so Williams, der zudem darauf baut, Mitmenschen von der Wichtigkeit solcher Projekte zu überzeugen: „Mir liegt das Projekt am Herzen, da ich queeren Schüler:innen, Eltern und Lehrkräften gern sagen möchte, an welchen Schulen sie willkommen sind, ohne sich verstecken oder überlegen zu müssen, was sie über sich preisgeben. Ich möchte, dass queere Schüler:innen neben dem Leistungsdruck und anderen Herausforderungen nicht auch noch Angst vor Beleidigungen und Gewalt haben müssen.“