VonPeter Riesbeckschließen
Mit Geert Wilders mag in den Niederlanden niemand koalieren. Chancen auf das Amt des Premiers rechnet sich nun der Christdemokrat Henri Bontenbal aus.
Der Mann beruft sich auf Höheres. „Es gibt etwas Gutes auf dieser Welt, Herr Frodo. Und es ist es wert, dafür zu kämpfen“, lautet das Zitat aus „Herr der Ringe“. Es ziert das X-Profil von Henri Bontenbal. Nicht weiter verwunderlich, er ist 42, im besten Hobbit-Alter. Aber Bontenbal ist auch Spitzenkandidat der gottesfürchtigen christdemokratischen CDA für die Wahl im Herbst in den Niederlanden. „Der Spruch gefällt mir“, so Bontenbal im Gespräch mit der Zeitung „Volkskrant“, „er zeigt mir, dass es stets einen Hoffnungsschimmer gibt.“
Bontenbal darf hoffen. Und er traut sich was. Das zeigt schon das Foto, mit dem er sich fürs Interview ablichten lässt. Die Füße hochgelegt auf den Schreibtisch, ruht er lässig im Bürostuhl. Ikonischer als die Kennedy-Pose ist das Wahlplakat im Hintergrund. Es zeigt CDA-Premier Ruud Lubbers, der in den 80ern christdemokratische Politik mit gesellschaftlichem Aufbruch verband. Zur Erinnerung: In Deutschland setzte Helmut Kohl zeitgleich auf die geistig-moralische Wende. In den Niederlanden aber können Christdemokraten und -demokratinnen auch Modernisierung. Bis heute – das ist Bontenbals Überzeugung. Und das zeigte er auch auf dem Parteitag am Wochenende zum Auftakt der heißen Wahlkampfphase.
Die jüngsten Umfragen vor der Wahl im Oktober bestätigen ihn. Laut einer Erhebung des Instituts Ipsos kommen Bontenbal und seine CDA auf 25 Sitze, das ist das beste Umfrageergebnis seit 2006 und fünfmal mehr Mandate als bei der Wahl vor zwei Jahren. Damit liegt die Partei zwar hinter Rechtspopulist Geert Wilders (31 Mandate). Aber mit dem mag nach der Wahl niemand koalieren. Und so gilt für diese Abstimmung eine besondere Arithmetik. Platz 2 führt zum Ziel: dem Amt des Ministerpräsidenten.
Klimapolitik ist sein Thema
So schöpfen Bontenbal und seine CDA Zuversicht. Sie liegen vor dem rot-grünen Bündnis aus Sozialdemokraten und Grünen von Frans Timmermans (23 Sitze) und weit vor der liberalen VVD des früheren Premiers Mark Rutte (15). Läuft für Bontenbal.
Seit zwei Jahren führt er die CDA. Und setzt auf sanfte Erneuerung. Der Mann aus Rotterdam kam von sehr weit außen. Der studierte Naturwissenschaftler machte die Klimapolitik zu seinem Thema. Schon 2006 beschloss Bontenbal, auf Flugreisen zu verzichten. Später brachte er den Christdemokraten Energiewende bei, ein Job beim Netzbetreiber Stedin war da hilfreich. Innerparteiliche Konkurrenz wie Ex-Minister Wopke Hoekstra lobte Bontenbal weg nach Brüssel. Nach der verheerenden Niederlage bei der Wahl 2023 mit nur fünf Sitzen war der Weg frei für den Modernisierer: Christdemokratie kann auch anders. Es muss nicht immer der strenge Tonfall des Tadelbuchs sein wie bei Friedrich Merz.
Das zeigt Bontenbals Wahlprogramm. Gesellschaftspolitisch löst er die Partei von der angestaubten Parole der „Normen und Werte“. Bontenbals Dogma: sozialer Zusammenhalt. So setzt er auf eine allgemeine Dienstpflicht für Jüngere. Auch eine höhere Erbschaftssteuer ist nicht tabu. Mit den Einnahmen will er den Wohnungsbau – das wichtigste Thema im Land – pushen. Das gesellschaftspolitisch umkämpfte Thema Klima entschärft er durch längere Übergangsfristen. So sollen die Bauernhöfe im Land ihren Stickstoffeintrag bis 2035 halbieren, fünf Jahre später als bisher geplant.
Bontenbal grenzt die Partei nach rechts ab und hält sie anschlussfähig auch für progressive Kräfte. Vor allem von der liberalen VVD zieht Bontenbal Stimmen ab, die Dauerregierungspartei büßt für ihr gescheitertes Koalitionsexperiment mit Wilders. Die Wählerschaft sieht „die CDA als solide, verlässliche und stabile Zentrumspartei mit einem verlässlichen Spitzenkandidaten“, lautet die Ipsos-Analyse. Und: „Da ist Potenzial für mehr.“ Taktische Wählerinnen und Wähler sondieren die Lage.
Das lässt Bontenbal träumen. Noch ist es hin bis zur Wahl am 29. Oktober. So setzt er auf Pragmatismus. Als Protestant mit „katholischem Herzen“ hat er sich beschrieben. Im Klartext: Der Mann setzt weniger auf calvinistische Strenge als auf Sinnesfreuden. Die Familienhistorie ist reich an wilden Geschichten. Einer seiner Vorfahren wurde im 17. Jahrhundert hingerichtet, er trachtete Statthalter Moritz von Oranien nach dem Leben. Der Nachfahre blickt darauf gelassen. „Er sei royal eingestellt“, ließ er wissen. Eine Berufung zum Premier durch den Oranier-König Willem Alexander sollte also nicht scheitern.
