VonSebastian Richterschließen
Moskau kidnappt offenbar Kinder in der Ukraine und bildet sie für den Krieg aus. Eine neue Recherche zeigt das Ausmaß der Umerziehungs-Camps.
Kiew – Drohnen-Übungen, Schützengräben bauen, Training mit Schusswaffen und Granaten: Was die meisten Jugendlichen aus Videospielen kennen, ist für junge Menschen in russisch besetzen Gebieten der Ukraine realer Alltag. Der Invasor Russland betreibt nahe der ukrainischen Grenze Camps, in denen Teenager aus den Oblasten Cherson, Saporischschja, Luhansk und Donezk eine militärische Ausbildung durchlaufen. In die Wege geleitet wurde dieses Programm offenbar von Kreml-Chef Wladimir Putin selbst.
Militär-Camps in Russland: Ukrainische Kinder lernen das Kämpfen
„Hochrangige russische Offiziere führen militärische Ausbildungsprogramme für ukrainische Kinder aus den besetzten Gebieten durch und überwachen ein System der Militarisierung der Jugend“, berichtet so der Kyiv Independent. Die ukrainische Zeitung unterhält eine eigene „Abteilung für Kriegsverbrechen“, die die Vorgänge aufdeckte.
Die Lager tragen den zynischen Namen „Zeit der jungen Helden“. Die Jugendlichen sollen dort explizit auf den Dienst in den russischen Streitkräften vorbereitet werden, heißt es beim Kyiv Independent weiter. „In den Lagern werden ukrainische Kinder strenger Disziplin und kampfähnlichen Übungen unterzogen. Sie werden darin ausgebildet, Drohnen zu bedienen, Schützengräben auszuheben, Gebiete zu verminen und zu räumen sowie Granaten und Schusswaffen zu benutzen.“
Moskau verschleppt hunderte Kinder in Lager zur „militärischen Erziehung“
Organisiert werden die Trainingslager vom „Warrior“ Center for Military and Patriotic Education. Laut dem Sanktionen-Tracker der EU handelt es sich dabei um eine „staatliche Jugendorganisation in der Russischen Föderation, die sich der Entwicklung patriotischer und militärischer Erziehung widmet“. Gegründet wurde es auf den Befehl Putins hin im Jahr 2022.
Eines der Lager befindet sich in der russischen Millionenstadt Wolgograd, rund 250 Kilometer hinter der ukrainischen Grenze. Dort durchliefen nach Angaben des Kyiv Independent 1290 ukrainische Kinder alleine im Jahr 2024 das „Militarisierungsprogramm“, wie das Portal die Lager bezeichnet. Daneben gibt es noch weitere Einrichtungen, in denen Kinder aus der Ukraine am Krieg beteiligt werden: Einem Bericht zufolge soll Russland über 200 Fabriken zur Drohnenproduktion mit Minderjährigen aus den besetzen Gebieten beschäftigen.
Deportation von tausenden Kindern: Haftbefehl gegen Putin läuft bereits seit Jahren
Der Vorwurf, dass Russland Kinder und Jugendliche aus der Ukraine verschleppt, ist nicht neu. Gegen Putin selbst läuft seit 2023 ein Haftbefehl vom internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag wegen des Verdachts der Deportation ukrainischer Kinder. Russland erkennt den IStGH nicht an. Nach dem Haftbefehl stellte Moskau allerdings zumindest die öffentliche Übergabe von Minderjährigen an russische Familien ein.
Seit Kriegsbeginn soll dieses Schicksal zehntausende Kinder und Jugendliche aus der Ukraine getroffen haben. Eine gemeinsame Initiative von Demokraten und Republikanern in den USA schreibt von „fast 20.000“ verschleppten Kindern, wie die Deutsche Welle berichtet. Spekulationen zur Dunkelziffer gehen bis in den sechsstelligen Bereich. Bereits vor dem Einmarsch ins Nachbarland soll Russland die massenhafte Entführung von Kindern geplant haben.
Russland dementiert jegliche Vorwürfe zur Deportation von Kindern. „Die Ukraine inszeniert eine Show zum Thema ‚Kindesentführung‘. Es gibt keine entführten Kinder, es sind Kinder, die von unseren Soldaten gerettet wurden“, erklärte der russische Chefunterhändler Wladimir Medinski im Juni. (Verwendete Quellen: kyivindependent.com, dw.com, ukrainianworldcongress.org, data.europa.eu/apps/eusanctionstracker, eigene Recherche) (spr)
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